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Der Aufstand beginnt!

Der Aufstand beginnt!

Die globale Umweltschutz-Revolte startet in wenigen Tagen.

2020WeRiseUp. Das ist der Plan. Wessen Plan? Momentan ist es der Plan einer internationalen Koalition von Umweltaktivisten, die nicht mehr auf Petitionen und Latschdemos setzen wollen. Die Koalition umfasst bisher Organisationen aus zahlreichen Ländern und sie wächst. In Deutschland wird das Projekt unter anderem unterstützt von „Ende Gelände“.

Die Parole lautet:

By 2020 we rise up!“.

Das Ziel ist, durch „koordinierte und strategische Aktionswelllen“ die Systemwende zu erreichen.

Darum Aufstand

Das „Warum“ des Aufstands wollen wir an dieser Stelle kurz halten. Wer immer noch nicht begriffen hat, welches Stündlein geschlagen hat, informiere sich. Fakt ist, dass das Zeitfenster, das uns bleibt, ein nicht wieder gutzumachendes ökologisches Desaster samt Sozialkollaps und flächendeckenden Hungersnöten abzuwenden, irgendwo zwischen 8 und 12 Jahren liegt.

Flächendeckende Hungersnöte? Ja. Auch in Europa. Drei Ernten wie die von 2018 hintereinander, und Europa erlebt eine Hungersnot, die dann auch nicht mehr durch Importe abgewendet werden kann.

Jede Hoffnung, dass unsere Regierenden es irgendwie hinkriegen werden, können wir selbstverständlich begraben. Ja, es gibt neuerdings immer mehr Lippenbekenntnisse zum ökologischen Wandel. Aber das ist alles nur Theater und Klamauk.

Denn der Umbau der gesamten Wirtschaft und des Alltagslebens, die notwendige Forschungsleistung und gesellschaftliche Mobilisierung ist eine gewaltige Aufgabe, die zudem reihenweise die machtvollsten Interessengruppen und festgehockte Geschäftsmodelle radikal infrage stellt.

Dieser Umbau erfordert einen klaren, kühnen Plan. Einen Plan über zehn Jahre, der einer Anstrengung gleicht, wie sie Gesellschaften normalerweise nur im Falle eines Krieges abverlangt wird. Ein Plan wie in Bernie Sanders aktuell vorgelegt hat.

Aber Sanders selbst glaubt nicht, dass es ohne Massenbewegung geht. Glaubt überhaupt noch irgendwer, dass dieses Kartell der Korruption und Inkompetenz, das uns regiert, in der Lage sein wird, eine solche Kraftanstrengung sinnvoll und kraftvoll zu organisieren?

Darum Aufstand.

Disruption statt Petition

Was bedeutet das, Aufstand? Zunächst einmal bedeutet das eine Abkehr von Rezepten der Veränderung, die ganz offensichtlich nicht funktioniert haben. Das betrifft zunächst einmal den Ansatz der NGOs, durch Petitionen, beharrliche Überzeugungsarbeit und eine Einbettung in die vorherrschenden Machtstrukturen eine schrittweise Veränderung herbeizuführen.

Das ist ganz offensichtlich gescheitert.

Das soll nun nicht besagen, dass alle, die diesen Ansatz versucht haben, schlechte oder dumme Menschen sind. Im Gegenteil. In vielen Fällen waren es exzellente und sehr gescheite Menschen — und für viele war der NGO-Ansatz eben eine Stufe im politischen Leben, die sie durchlaufen haben … um am Ende festzustellen: so funktioniert es nicht.

Nun ist es nicht so, dass gar nichts funktioniert hat. Wenn etwa die Havel auf mehr als 100 Kilometern renaturiert wurde oder die Emscher von einem stinkenden Industrieabwasserkanal in ein intaktes Flusssystem zurückgewandelt wurde, dann ist das nicht wertlose Zeitverschwendung gewesen.

Im Gegenteil: genau solche Projekte des „Rewilding“ sind von entscheidender Bedeutung für die Rettung der Welt, denn irgendwo in der großen Zerstörungsorgie muss es auch Inseln der Erneuerung geben, die wir im Zuge des Aufstands dann zu Kontinenten ausweiten können. Es geht also nicht darum, diese Leistungen zu schmälern.

Aber die Messlatte kann nur sein, ob der Raubbau an der Natur und die Verpestung unserer Böden und der Atmosphäre insgesamt radikal verlangsamt und der Trend zur Vernichtung gestoppt werden konnte. Das ist nicht annähernd der Fall und wir haben keine Zeit mehr. Also müssen wir unsere Methoden an die verschärfte Problemlage anpassen.

Extinction Rebellion

Ein neuer Spieler auf dem Feld der ökologischen Bewegung, der diese Erkenntnis beherzigt hat, nennt sich „Extinction Rebellion“. Diese Bewegung geht von vorneherein davon aus, dass nur massenhafte Disruption und ziviler Ungehorsam in der Lage sein werden, die nötige Wendung zu erzwingen.

Entscheidend ist dabei, dass beides zusammenkommt: die Masse und die Entschlossenheit.

Wir kennen diese Großdemos, die vor allem genau das sind: groß! Aber sie sind nicht entschlossen. Sie aktivieren die Menschen nicht. Sie sind eher geeignet, Dampf abzulassen als den Druck im Kessel steigen zu lassen. Man latscht durch die Straßen, trifft sich bei der Kundgebung danach am Bratwurststand, man hört einige Reden an, Bier in der Hand, und geht wieder nach Hause.

Wir kennen aber auch das andere Extrem: kleine, fürchterlich kämpferische Einheiten, deren Aktionen womöglich sehr militant sind, aber auch bestens geeignet, die Akteure von der Masse zu isolieren. Sie sprechen zumeist eine Sprache, die nur von ihnen selbst verstanden wird. „Die Leute“ sind für sie nicht Verbündete der Zukunft, sondern ewige Gegner, die es nie begreifen werden.

Extinction Rebellion hebt diesen Widerspruch auf. Denn XR ist sowohl absolut gewaltfrei als auch sackmilitant.

XR ist einerseits die Antithese der NGOs. XR setzt auf Disruption. XR blockiert Straßen und Schienen, stört die Gemütlichkeit im öffentlichen Raum durch (mit Naturfarbe) knallgrün oder rot eingefärbte Flüsse oder Brunnen. XR-Aktivisten ketten oder kleben sich an die Türen der Londoner Börse.

Aber XR tut all dies mit einer möglichst großen Zahl von Leuten — darauf berechnet, noch mehr Leute in die Aktion zu ziehen. XR-Aktivsten werden bei ihren Aktionen regelmäßig festgenommen. Aber XR geht es darum, die Bereitschaft, sich festnehmen zu lassen, zu einem Massenphänomen zu machen. Warum? Massenhafte Festnahmen werden schnell ein Problem für die Staatsmacht und das weiß XR. Hundert festgenommene Leute? Kein Problem. Tausend? Problem. Zehntausend? Unbeherrschbares Problem.

Und darauf kommt es an: unbeherrschbar zu werden!

Das perfekte Szenario

Am Freitag, dem 21. Juni begann das Netzwerk „Ende Gelände“, nach einer Woche der Vorbereitung, mit einigen Tausend Aktivisten Aktionen des zivilen Ungehorsams im Rheinischen Braunkohlerevier. Zunächst wurde die Nord-Süd-Kohlebahn zwischen dem Tagebau Garzweiler und dem Kraftwerk Neurath besetzt.

Am gleichen Freitag gab es im nahen Aachen eine europaweite Demonstration von 40.000 Menschen. Diese wurde vor allem getragen von Fridays for Future, unterstützt von den eher bürgerlichen Organisationen der Umweltbewegung und einigen Parteien.

Am Samstag ging Ende Gelände dann mit mehreren Aktionsfingern endgültig in die Offensive. Es gelang, in den Tagebau Garzweiler vorzudringen und die Arbeit dort zum Stillstand zu bringen. Zeitgleich gab es rund um den Tagebau Demonstrationen von „Alle Dörfer bleiben“, unterstützt von den Umweltverbänden — und unter starker Beteiligung vieler Demonstranten von Fridays for Future, die tags zuvor in Aachen demonstriert und in der Gegend genächtigt hatten.

Warum ist dies nun das perfekte Szenario?

Weil man genau so siegen kann. Wenn es uns gelänge, diese Kombination von Akteure in strategisch koordinierten Wellen in Aktion zu bringen, könnte der Aufstand gelingen. Genau das ist das Ziel von #2020WeRiseUp.

Das große Bündnis

Die Umweltbewegung ist hier vorbildlich. Denn das große, entschlossene Bündnis, das wir brauchen, existiert bereits in der Umweltbewegung. Leider existiert es nicht annähernd in der Friedensbewegung oder im Kampf für soziale Gleichheit.

Das große Bündnis reicht vom BUND und dem NABU — die mit jeweils knapp 600.000 Mitgliedern größer sind als alle Bundestagsparteien zusammengenommen! — über Fridays for Future bis hin zu XR, Ende Gelände — und den Besetzern des Hambacher Waldes, einer der militantesten politischen Besetzungen Europas.

Es gibt zwischen diesen Akteuren natürlich auch immer mal wieder Meinungsverschiedenheiten. Aber vor allem gibt es eine Ebene der Koordination und des Gesprächs.

Meinungsverschiedenheiten werden ausgehalten und ausgetragen, ohne das zu gefährden, was man in früheren Zeiten einmal „Aktionseinheit“ genannt hat.

Schon der (vorläufige) Rodungsstopp im Hambi wurde auf diese Weise durchgesetzt. Der BUND klagte und setzte mit einer exzellenten juristischen Strategie RWE auf die Anklagebank. Dass das Gericht zugunsten des BUND entschied, werden aber nur sehr naive Menschen alleine dem Vorhandensein der Bechsteinfledermaus zuschreiben.

Es war der Heldenmut der Hambi-Besetzerinnen und -Besetzer, ihre Kühnheit im Widerstand gegen die Räumung ihrer Baumhäuser, die Millionen Menschen elektrisiert und das Zeitfenster offengehalten hat, um eine starke Mobilisierung von außen zu organisieren.

So kamen 50.000 zur großen Kundgebung des großen Bündnisses in den Hambacher Wald. Und so wurde mit dem Rodungsstopp und der Wiederbesetzung des Waldes ein zwar vorläufiger, aber strategisch unendlich bedeutsamer Sieg errungen.

Lerneffekte

Der Hambi-Sieg des Jahres 2018 war nach meiner Beobachtung der Türöffner für vieles, was folgte. Er war deshalb so wirkungsvoll, weil dies ein unbestreitbarer Sieg an einer Front war, die viele längst für die alles entscheidende hielten, aber daran verzweifelten, dass es dort scheinbar nichts gab als ewigen Stillstand.

Jetzt, ein Jahr nach dem Hambi-Sieg, haben wir eine veränderte Gefechtslage, nicht nur in Deutschland. Die Hambi-Besetzung gedeiht und wächst erneut und ist damit weiterhin ein Zentrum des ökologischen Widerstands von internationaler Bedeutung.

Aber es gibt jetzt auch Fridays for Future und Extinction Rebellion als neue Akteure, die es vor Jahresfrist noch nicht gab.

Fridays for Future

Nun wird FfF oft belächelt. Diese dummen, kleinen Kinder seien so naiv, hört man nicht nur von denen, die ökologisch rein gar nichts begriffen haben, sondern auch von den Veteranen der Bewegung, die sich offenbar nicht mehr an ihre eigenen, ersten Schritte in die Welt des Aktivismus erinnern wollen.

Das verkennt, wie sich politisches Bewusstsein verändert, sobald Menschen beginnen, aktiv einzugreifen. Denn dann gibt es einerseits eine Dialektik des Konflikts. Die Schülerinnen und Schüler streiken und demonstrieren jetzt seit gut einem Jahr. Wer von ihnen Illusionen hatte, die Politiker würden es begreifen und entsprechend handeln, ist dabei, diese Illusionen zu verlieren.

(Greta übrigens hatte diese Illusionen kaum und sagt inzwischen ganz klar: Wir müssen diese Herrschaften an die Wand drücken. Oder: We are striking to disrupt the system!)

Früher oder später werden auch diese Schüler außerdem ihre Erfahrungen mit dem staatlichen Repressionsapparat machen. Ich machte diese Erfahrung erstmalig als junger, naiver Juso bei einer Antifa-Demo in Wunsiedel. Wir waren kaum aus dem Bus ausgestiegen, als das Spezialkommando USK der bayerischen Polizei zum ersten Mal in uns reinknüppelte. Auf der Rückfahrt im Bus drückte mir ein älterer Mitfahrer „Staat und Revolution“ von Lenin in die Hand …

Gibt es auch Leute, die den FfF-Aktivisten solche oder andere Texte in die Hand drücken? Ja, die gibt es. Und das oben beschriebene perfekte Szenario im Juni im Rheinischen Braunkohlerevier war so ein Moment.

Ich habe in der Thüringer WhatsApp-Gruppe von Fridays for Future mitgelesen, wie die Thüringer FfF-Aktivisten, die vor Ort waren, auf die kühnen Kämpfer von „Ende Gelände“ reagiert haben. Für sie waren die Menschen, die in den Kohletagebau marschierten, Helden! Ich bin sicher, einige werden sich bei der nächsten Aktion von Ende Gelände anschließen.

So, und nicht durch oberlehrerhafte Veteranenallüren, findet Wissenstransfer in der Bewegung statt — wobei dieser Transfer keine Einbahnstraße ist. Wer von Greta und den Schülerinnen und Schülern bisher noch nichts gelernt hat, ist wahrlich selber schuld und sollte sich, erneut: besser informieren.

2020WeRiseUp

In der Hauptsache allerdings haben wir kein Wissenproblem, sondern ein Handlungsproblem. Alle Lösungen liegen auf dem Tisch. Sogar der Tagesspiegel bringt einen Artikel über Terra Preta.

Aber auch in diesem Text sagt Haiko Pieplow, der mit seiner Dauerkampagne für Terra Preta im Bundesumweltministerium auf Grund gelaufen ist:

„Der Systemwechsel ist nicht gewollt (…) Man kriegt Stress mit dem Bauernverband und den Lobbyisten der Agrarindustrie. Die wollen mineralischen Dünger und Pestizide verkaufen. Da fangen Sie an, deren Geschäftsmodelle zu stören.“

Auch Führungskräfte in den Ministerien seien da keine Hilfe. „Die stecken in den Beziehungsgeflechten selber drin.“

Also: Aufstand. In koordinierten, strategischen Wellen. Der Aufstand beginnt in wenigen Tagen. Der Klimastreik am 20. September ist der Startschuss. Der Aufstand wird sich im Jahr 2020 weltweit ausbreiten. Und bis 2023 müssen wir gewonnen haben.

Wie sieht dieser Sieg aus?

Wenn wir bis 2023 eine radikale Schubumkehr eingeleitet haben, dann haben wir eine Chance, Sozialkollaps und weltweite Hungersnöte zu verhindern.

Andernfalls nicht. Das ist die Realität. Handelt entsprechend.


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