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Der Aufstand

Der Aufstand

Die sogenannten Gelbwesten handeln aus Notwehr gegen die französische Staatsgewalt.

Das französische Volk erhebt sich gegen die Gewalt der Regierung
von Jean Lévy

Scheinheilig fordern sie die Gelbwesten auf, von jeglicher Form öffentlichen Protests Abstand zu nehmen, brav mit den Behörden zu verhandeln, und appellieren an die Protestierenden, ihre Protestaktionen im Interesse der öffentlichen Ordnung einzustellen.

Die Strategie von Emmanuel Macron ist klar: Isolierung der Gelbwesten gegenüber der Bevölkerung, die deren Kampf massiv – zu 84 Prozent - unterstützt.

Die Franzosen stellen sich dennoch Fragen.

Zunächst einmal möchten sie wissen, wer Gewalt ausübt und wer darunter leidet.
Die Hunderttausenden von Demonstranten, die Straßensperren auf Autobahnen errichten, Raffinerien blockieren, sich auf den Parkplätzen der großen Einkaufzentren versammeln, sich in ihren Städten die Hacken ablaufen, tun dies nicht zum Vergnügen.

Es ist ihr letztes Mittel, sich Gehör zu verschaffen, ihr Elend herauszuschreien und einer Macht, die davon nichts wissen will, eine andere Politik aufzuzwingen. Sie haben genug, diese Millionen ausgepressten Franzosen, die mit ansehen mussten, wie ihr soziales Gefüge aufgelöst wurde, ihre Bahnstation und ihr Postamt verschwunden sind, für die das schwierige Monatsende schon in der Mitte des Monats beginnt. Sie sind es leid, geschoren, geopfert zu werden für die Milliardäre, die Macron in den Élyséepalast gehievt haben.

Immer mehr Gelbwesten müssen erfahren, dass Anteilseigner großer Unternehmen Jahr für Jahr Milliarden zusätzlicher Dividenden scheffeln und die Vermögensteuer auf Großvermögen abgeschafft wurde.

Daraus erwächst ein immenser, manchmal verzweifelter Zorn, der in Frankreichs Städten und Dörfern angesichts der durch die Finanzmächte im Élyséepalast programmierten Ungerechtigkeit aufsteigt.

Und die wirkliche, „ausufernde“ Gewalt – sind ihr nicht Millionen Menschen ausgesetzt, die in verfallenden Häusern leben müssen? Nicht die Körper, die in eisigen Nächten auf dem Gehsteig liegen? Ist nicht das Weihnachtsfest ohne Apfelsinen und Spielzeug für die Kinder armer Familien „ausufernde“ Gewalt? Nicht die 800-Euro-Rentner? Nicht die jungen Leute, die arbeitslos sind, ohne jemals gearbeitet zu haben?

Es komme zu „Ausuferungen“, schreiben die Medien.

Zweifellos kamen am letzten Samstag (am 1. Dezember; Anmerkung der Übersetzerin) Protestierende, um „alles kurz und klein zu schlagen“. Für einige von ihnen bleibt Gewalt der letzte Weg, um sich Gehör zu verschaffen. Andere betrachten sie als die einzige Waffe einer notwendigen Revolution. Und schließlich mischen sich unter die Demonstranten auch noch Gruppen, die Vandalismus ausüben, nur weil sie sich davon für sich selbst einen Gewinn versprechen. Beim Versuch, die Gelbwesten-Bewegung zu diskreditieren, versteckt sich die Macht hinter den angerichteten Schäden.

Aber geht die Gewalt im Alltag nicht vielmehr von den großen Pharmabossen aus, die Betrug mit der Gesundheit von Babys betreiben, von den Autobossen, die Betrug mit der Sicherheit betreiben, von all den Milliardären, die ihr Geld unter Palmen parken?

Diese Gewalt ist es, die friedliche Bürger auf die Palme bringt.

Auf den Champs-Élysées empören sich die „feinen Leute“: Ihr Mercedes wurde verbrannt, ihre Wände besprüht, ihre Glasfront eingeschlagen, ihre Gehsteige und Straßen verschmutzt. „Die Armee muss her!“, kreischen die satten, aufgescheuchten Bourgeois.

In ihrem angeblichen Streben nach Verhandlungen geht es denen ganz oben um die „Rückkehr zur Ordnung“, um die Verhängung des Ausnahmezustands ...
Allein, das sind Illusionen der Macht: Das war erst der Anfang…

Nach dem 2. Dezember geht es weiter!


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Jean Lévy, heute Rentner und immer noch Kämpfer, war über 40 Jahre in verantwortlicher Position aktiv in der französischen Gewerkschaft CGT. Er ist Autor mehrerer Bücher und betreibt einen politischen Blog mit täglich neuen Informationen und Links zu interessanten Artikeln und Kommentaren.


Redaktionelle Anmerkung: Dieser Text erschien zuerst unter dem Titel „Au lendemain du 1er décembre...“. Er wurde vom ehrenamtlichen Rubikon-Übersetzungsteam übersetzt und vom ehrenamtlichen Rubikon-Korrektoratsteam lektoriert.

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