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Der alltägliche Ausnahmezustand

Der alltägliche Ausnahmezustand

Der Intensivpfleger Ricardo Lange liefert mit seinem Buch „Intensiv“ einen Frontbericht, der schon in der Zeit vor Covid beginnt.

Der erfahrene Intensivpfleger litt lange vor Corona bereits an der chronisch unterbesetzten Personallage in der Pflege im Allgemeinen und in der Intensivpflege im Besonderen. Doch Lange hatte es 2020 geschafft, seinem Anliegen über verschiedene Kanäle Gehör zu verschaffen. Über Twitter und einen eigenen Podcast schilderte er die Missstände seines Gewerbes im Alltag, er hatte im Tagesspiegel seine eigene Kolumne und schaffte es im April 2021, auf einer Pressekonferenz zusammen mit Jens Spahn und dem Chef des Robert Koch-Instituts Lothar Wieler über die angespannte Situation in der Intensivpflege zu berichten.

Wiederholt hatte Lange Gelegenheit mit politischen Granden fast aller Parteien zu sprechen. Man schenkte ihm ein paar Minuten kostbarer Politikerzeit, sorgte möglichst für dabei anwesende Pressevertreter und machte weiter wie bisher. „Wenn ich zum Beispiel fragte: ‚Warum haben Sie sich in den letzten Jahren nicht ausreichend für die Pflege eingesetzt?‘, bekam ich selten eine klare und ehrliche Antwort, geschweige denn das Eingeständnis, auch mal einen Fehler gemacht oder etwas versäumt zu haben. Stattdessen wurde betont, wie wichtig das Thema Pflege sei und wie sehr man sich in Zukunft dafür einsetzten werde. Ausflüchte und Versprechen, die leider in den seltensten Fällen eingehalten werden.“

Von all dem schreibt Ricardo Lange in seinem Buch „Intensiv. Wenn der Ausnahmezustand Alltag ist“ (2), bei dessen Abfassung ihm der Journalist Jan Mohnhaupt zur Seite stand. Mag sein, dass in dem Buch nichts wirklich Neues steht. Die Probleme, von denen Lange schreibt, sind alt und altbekannt. Doch anders als die vermeintlich professionellen Journalisten belässt es Lange nicht bei einer hysterischen Beschwörung der möglichen Überlastung des Gesundheitssystems, sondern bringt die Probleme auf den Punkt, besser gesagt: auf die Punkte, an denen sich das Gesamtsystem dringend verändern muss.

Zu keinem Zeitpunkt der Pandemie stand das Gesundheitssystem in Deutschland vor dem Kollaps. Es gab wie jedes Jahr zu bestimmten Zeitpunkten lokale Engpässe und überfüllte Intensivstationen.

An solchen Orten versorgte sich der mediale Mainstream mit Bildern des Schreckens und verstärkte die Ängste vor einer angeblich bevorstehenden Triage, bei der Ärzte darüber entscheiden müssen, wer noch behandelt werden kann und wer nicht. Eine Triage in diesem Sinne hat es während der Pandemie nie gegeben. Doch „eine Form von ‚Triage‘“, so schreibt Lange, „findet aber auch im ganz normalen medizinischen Alltag statt, nämlich immer dann, wenn in der Notaufnahme Patienten nach dem Schweregrad ihrer Krankheit oder Verletzung eingestuft werden und entschieden wird, wer am dringendsten und somit zuerst behandelt werden muss.“ Triage findet jedes Mal auf den Stationen statt, wenn ein Pfleger entscheiden muss, welchem Patienten er den Vorrang vor anderen dringenden Aufgaben gibt. Und dabei geht es nur um die dringendste, lebenswichtige Versorgung, von persönlicher Zuwendung, vom Halten der Hände Sterbender, vom Trösten ist hier noch gar nicht die Rede.

Es klingt ganz gut, wenn der Gesetzgeber vorschreibt, dass in der Regel ein Intensivpfleger für 2 oder maximal 2,5 Betten in der Tagschicht und 3,5 in der Nachtschicht zuständig sein soll. Selbst wenn die Obergrenze eingehalten würde, bedeutet eine Schicht immer noch Volllast für das Pflegepersonal. Doch in der Regel bleibt es nicht dabei, zuverlässig sind Stationen unterbesetzt und regelmäßig werden aus 2 Patienten 4 oder mehr, für die eine Pflegekraft verantwortlich ist.

Mit Beginn der Pandemie hat man mit enormen Mitteln neue Intensivbetten geschaffen. Zu besten Zeiten wurden weit über 30.000 akut belegbare Intensivbetten gemeldet. Das waren Überkapazitäten, die nie in Anspruch genommen werden mussten und für die es wahrscheinlich nie genügend Pflegepersonal gegeben hätte. Dafür aber reichlich Geld.

In einem Punkt irrt Ricardo Lange — was angesichts der Berichterstattung allerdings nicht verwunderlich ist: Corona hat die Zahlen der belegten Betten nicht erhöht. Was sich tatsächlich erhöht hat, ist der Pflegeaufwand, denn die Pflege der Corona-Patienten findet unter den Bedingungen der Quarantäne statt. In der Übersicht kamen die Intensivstationen insgesamt nie an ihre Grenzen.

Dramatisch wurde der Abbau der Betten durch Krankenhäuser, die so in den Genuss gewisser Prämien kamen. Darüber haben Tom Lausen und ich das Buch „Die Intensiv-Mafia. Von den Hirten der Pandemie und ihren Profiten“ geschrieben. Sodass wir heute ein paar Tausend Betten weniger haben als vor der Pandemie. Erstaunlicherweise hat der Abbau von Betten ja nicht dazu geführt, dass mehr Personal für die vorhandenen Betten zur Verfügung gestanden hätte. Im Gegenteil, das Pflegepersonal ist zu Tausenden geflohen. Leider weiß man nicht genau wohin. Und man hat konsequent jede Anstrengung unterlassen, die ausgebrannten und überforderten Menschen zurückzugewinnen. Was, wie Ricardo Lange eindrücklich beschreibt, durchaus möglich wäre. Denn die meisten Pfleger liebten ihren Beruf, hielten aber den enormen physischen wie psychischen Belastungen nicht mehr Stand — von angemessener Bezahlung ganz zu schweigen.

Wenn man also jetzt wieder jeden Tag hört, wie schrecklich, wie bedrohlich die Situation auf den Intensivstationen wäre, und zur Abwehr dieser Überlastung ausnahmslos auf Lockdown-Maßnahmen zurückgreift, dann darf man nicht, dann muss man sich nach den politischen Absichten dabei fragen.

Ricardo Lange umgeht in seinem Buch solche Fragen weiträumig. Sorgfältig vermeidet er den Eindruck, er könnte zu den obskuren „Corona-Leugnern“ gehören. Man kann ihn sogar verstehen. Der Mann steht schließlich noch mitten im Berufsleben, und man weiß, was selbst leisen Kritikern widerfährt. Seine Geschichte überschreitet den Rahmen seiner Erfahrungen nur selten. Ihm entgehen nicht die Tücken der Krankenhausfinanzierung: Beiläufig erinnert er an aufwändige Untersuchungen, die medizinisch überflüssig oder sogar kontraindiziert waren, aber Geld bringen. Vorsichtig deutet er an, dass längere Beatmungszeiten zu lukrativeren Abrechnungsziffern führen. Aber sein Thema ist die Überlastung des Personals und sein Buch öffnet die Augen dafür, dass die angebliche Überlastung des Gesundheitssystems keine Naturkatastrophe ist, die unweigerlich zu neuen Lockdown-Maßnahmen führen muss. Es geht um die systematische Überlastung des Personals und die politische Verantwortung dafür.



Quellen und Anmerkungen:

(1) Christoph Kuhbandner, „Der Anstieg der Übersterblichkeit im zeitlichen Zusammenhang mit den COVID-
Impfungen“. https://osf.io/5gu8a/

(2) R. Lange, Jan Mohnhaupt, Intensiv. Wenn der Ausnahmezustand Alltag ist. DTV Verlag, München 2022.

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