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Den Spaltpilz ausrupfen

Den Spaltpilz ausrupfen

Der Ukrainekrieg droht die Coronaopposition zu spalten, doch es gibt es mehr Gemeinsamkeiten als es auf den ersten Blick scheint.

„Bei Corona setzt ihr euch für die Freiheit ein, aber jemanden wie Putin verteidigt ihr?“ So in etwa lauteten die Vorwürfe, mit denen sich viele Alternativmedien in den vergangenen Wochen konfrontiert sahen. Der NATO-Russland-Konflikt ist eines der Kernthemen der Alternativmedien aus der „alten Normalität“, welches nun wieder in den Vordergrund rückt und dabei zuweilen jene „verstört“, die erst durch Corona politisiert wurden. Grob vereinfacht sind nun bei den Maßnahmen- und Putinkritikern einerseits sowie den Maßnahmen- und NATO-Kritikern andererseits zwei Spaltungsdynamiken zu beobachten:

  • Es gibt jene Coronaoppositionellen, die erst durch Corona politisiert wurden, die nun mit der — alten — Thematik des NATO-Russland-Konfliktes konfrontiert und noch das Leitmediennarrativ aus der alten Normalität mit sich tragen. Mit entsprechendem Befremden reagieren sie nun darauf, dass diese Alternativmedien das tun, was sie im Grunde schon immer taten: natokritisch zu berichten. Dies war in den vergangenen Jahren schlicht in den Hintergrund gerückt und tritt nun wieder an die Oberfläche. Das Misstrauen gegenüber dem Coronanarrativ wurde in manchen Fällen nicht abgeleitet, nicht auf die geopolitische Ebene übertragen. Die Coronaberichterstattung wird teilweise sogar als „Inselpropaganda“ betrachtet, als punktuell propagandistisch besetztes Themenfeld inmitten weiterer Themenfelder, die propagandistisch mehr oder weniger „unbefleckt“ sind. Konkret: „Wir misstrauen den Leitmedien bei Corona, aber glauben ihnen, wenn es um den Ukrainekrieg geht.“
  • Dann gibt es noch jene Coronaoppositionelle, die schon vor Corona kritisch waren und nun enttäuscht sind, ob der „Rückfälligkeit“ frisch politisierter Mitstreiter, die nun dem Anschein nach einer anderen Propaganda anheimfallen, während sie das Coronanarrativ durchschauten.

Für beide Dynamiken wäre hier nun jeweils ein Beispiel zu nennen, konkret zwei Medienschaffende/Medienhäuser, an deren Berichterstattung sich nun die Geister spalten und die sinnbildlich für dies Dynamiken stehen.

  • Boris Reitschuster (Reitschuster.de): Einen hohen Bekanntheitsgrad erlangte der Journalist Reitschuster im Zuge der „neuen Normalität“, wurde zu einem nicht wegzudenkenden Bestandteil und seine Website zu einem der am meisten geklickten Portale der Alternativmedien. Seit wenigen Wochen reiben sich nun etliche seiner Leser verwundert die Augen, da Reitschuster nun sehr putinkritisch berichtet, um nicht zu sagen, seine Antipathie gegenüber dem russischen Präsidenten nicht hinter dem Berg hält. Vielen dürfte wohl nicht klar gewesen sein, dass Reitschuster — 16 Jahre lang Focus-Büroleiter in Moskau — in der alten Normalität immer schon eine äußerst putinkritische Position vertrat. Corona hat daran nichts geändert. Warum auch?
  • Bild: Die Bild überraschte im Zuge von Corona mit einer erstaunlich maßnahmenkritischen Berichterstattung. Manch einer wähnte das Springerblatt bereits als Verbündeten innerhalb der Alternativmedien. Doch kritische Beobachter durchblickten schon frühzeitig, dass die Bild in diesem Informationskrieg lediglich die Funktion erfüllte, dass sie als Ablassventil, gesteuerte Opposition sowie der Positionsdelegitimierung („Typisch ungebildete Bild-Leser!“) fungierte. Wer ernsthaft annahm, die Bild hätte sich vom aggressiven Alphatier des Rudeljournalismus zu einem handzahmen Streicheltier gewandelt, bewies damit eine gewisse Blauäugigkeit. Mit dem Ukrainekrieg wurde jenen vor Augen geführt, dass die Bild ganz die alte geblieben ist.

Putinversteher 2022: Nibelungentreue oder Neupositionierung?

Seit 2014 und im Besonderen während des substanz- und haltlosen Russiagate-Gagas witzelten viele NATO-Kritiker: „Der Russe war‘s“, oder „Putin war‘s (diesmal wirklich)“. Der Witz ist nun mit dem 24. Februar verschüttgegangen. Denn jetzt war es unumstritten Putin, der die Ukraine völkerrechtswidrig angriff.

Selbstverständlich muss bei der Gesamtbetrachtung ins Feld geführt werden — und das tun etliche Autoren der Alternativmedien sehr beflissentlich —, dass diesem Angriff eine jahrzehntelange Kaskade von militärischen, diplomatischen und medialen Provokationen vorausging sowie mehrfache Brüche von — mündlichen — Zusicherungen. Genannt sei hier das Kernversprechen an die damalige Sowjetunion, die NATO würde sich nicht nach Osten ausweiten.

Die Gesamtbetrachtung und die Berücksichtigung beider Seiten sind enorm wichtig und werden von den opportunistischen, jedem Empörungstrend folgenden Social Justice Warriors mit Ukraineflaggen sträflich vernachlässigt. Doch auch jene, die während der Ukrainekrise 2014 und darauffolgend — in überspitzter Weise — als „Putinversteher“ bezeichnet wurden, kommen angesichts der jüngsten Ereignisse nicht drumherum, die Kriegshandlungen wahrzunehmen und ihre Position nachzujustieren, mindestens aber, diese selbstkritisch zu überdenken.

Die Putinversteher und NATO-Kritiker befinden sich nun in folgender Zwickmühle: Putin tat nun genau das, wessen er jahrelang von NATO-Verstehern verdächtigt wurde, dass er es tun würde, und wogegen ihn die Putinversteher stets verteidigten, weil sie überzeugt waren, dass er diese Schritte nicht gehen würde. Jetzt ist er diesen Schritt gegangen.

Das hat eine Gemengelage sehr unterschiedlicher Emotionen hervorgerufen: Vielleicht ist man beschämt und wütend zugleich, weil man sich jetzt von den „NATO-Verstehern“ anhören lassen muss, dass sie genau das vorhergesehen hätten. Man beharrt vielleicht auf der alten Sichtweise, möchte aber zugleich weder den Angriffskrieg Russlands gutheißen noch der unreflektierten Menschenmasse zustimmen, die nun „gegen Putin“ auf die Straße geht. Und dann kommt die sich abzeichnende Spaltung mit den Mitstreitern aus der Coronaopposition hinzu, die man in den vergangenen zwei Jahren lieb gewonnen hat. Was also tun?

(Un)sichtbare Brücken und Gräben

Über die Gräben, die vor wenigen Wochen noch unsichtbar waren, führen Brücken, die derzeit noch die wenigsten sehen. Auf diese Brücken sollten sich die Maßnahmenkritiker nun fokussieren, statt sich durch den Ukrainekrieg spalten zu lassen.

Zum einen ist es doch als Erfolg zu verbuchen, dass es mehr als zwei Jahre lang Differenzen gab, von denen man schlicht nichts wusste. Das heißt konkret, dass man über einen langen Zeitraum hinweg an ein und dem selben Ziel — die Wiederherstellung der bürgerlichen Freiheitsrechte — arbeitete, obwohl man zum Thema Russland grundlegend verschiedener Meinung war. Hier befindet sich nun schon eine gemeinsame Basis, auf die man sich besinnen kann.

Zum anderen sind maßnahmenkritische Putinversteher gut damit beraten, ihre Sichtweise auf Putin im Lichte von Corona und dem weltweiten „Impf“-Regime neu auszurichten. Zwar kritisierte Putin Deutschland für das heftige Vorgehen gegen jene, die sich der Spritze verweigern, selbst steht er allerdings voll und ganz hinter der Durchspritzung der Bevölkerung, wenn auch mit dem landeseigenen Sputnik-V-Vektorimpfstoff. Die unpopulären Maßnahmen werden schlicht auf die kommunale Ebene verlagert, sodass das Image des Präsidenten nicht allzu sehr darunter leidet.

Doch auch gelten in Russland in bestimmten Bereichen „Impfpflichten“. Schon lange bevor in Deutschland die erste Gratisbratwurst überreicht wurde, hat man in Moskau damit begonnen, in Einkaufszentren zu „impfen“. Und wer die Quarantäneüberwachung der hiesigen Gesundheitsämter für rigide hielt, der sollte sich mal anschauen, wie Russland die Einhaltung der Quarantäne überwachte — die Behörden forderten die Quarantänisierten dazu auf, ihr Verweilen in den eigenen vier Wänden in unregelmäßigen Abständen per Selfie zu dokumentieren.

Kurzum: Wer die Coronamaßnahmen kritisiert, kommt nicht umhin, auch Putin oder zumindest den russischen Staat zu kritisieren.

Und damit hätte man erneut einen gemeinsamen Nenner. Man mag verschiedener Meinung sein, was die Außenpolitik der NATO-Staaten und Russland anbelangt. Innenpolitisch findet man hingegen wieder zusammen. Denn egal, ob in Washington, Brüssel, Berlin oder Moskau: Das Coronaregime wütet dort in unterschiedlichen Härtegraden und geht gegen all jene vor, die sich dem Coronakult verweigern.

Diesbezüglich sind „wir“, die Westler, die Ukrainer, die Russen und viele andere mehr den gleichen Problemen und Nöten ausgesetzt. Und das kann verbinden. Mehr oder minder haben wir unter der Isolation gelitten, unter den Masken geschwitzt; man hat uns genötigt, uns spritzen zu lassen und sägt an unserer Existenz.

Der Psychologe und Soziologe Wilfried Nelles zeichnete in seinem Buch „Also sprach Corona: Die Psychologie einer geistigen Pandemie“ das Bild von Coronaviren als Spiegel, in denen wir uns selbst erkennen. So hält Corona auch uns den Spiegel vor, wenn es um unsere Sicht auf Russland geht, genauer gesagt den russischen Staat. Es sind die gleichen oder zumindest ähnliche Machtstrukturen, die wir auch im Westen sehen. Die Verpackung und vielleicht noch die Ideologie mögen anders sein. Zur Vertiefung dieses Punktes sei dieser Artikel empfohlen.

Worum es nun im Kern geht, ist — und damit kommen wir zur Konklusion —, dass eine formierende „kritische Masse“ sich darauf besinnen sollte, die Machtstrukturen an sich zu hinterfragen und nicht zwischen verschiedenen Machtblöcken hin- und herzuschunkeln, um sich die Machthaber herauszusuchen, die einem genehmer sind. Nein, es geht darum, das zu verwirklichen, was auf den Spaziergängen skandiert wird: „Frieden, Freiheit, Selbstbestimmung“ — mit Betonung auf Letzterem.

Die Erosion des Vertrauten und der Zerfall der alten Ordnung haben zugleich Möglichkeiten für Chancen offengelegt, die es zuvor so nicht gab. Weltweit haben sich viele Menschen für neue Lebens- und Gesellschaftskonzepte geöffnet oder arbeiten bereits an diesen. In der immer kleiner werdenden Komfortzone bestand für viele, die nun wieder Tatendrang in sich verspüren, schlicht nicht die Notwendigkeit, an derlei Alternativen zu arbeiten, geschweige denn, dass man an einer Realisierung selbiger überhaupt einen Gedanken verlor.

Doch dieses Zeitfenster steht nun offen, ein neuer Zeitgeist weht durch die Herzen und Hirne vieler. Deshalb stellt sich die Frage, ob man weiterhin zwischen den Hirten wählen will oder endlich anfängt, sich zu emanzipieren, mündig zu werden und sein Leben selbst organisiert. Will man weiterhin auf irgendwelche Messiasse — Trump, Putin — warten, die niemals kommen werden, um uns zu retten? Oder wäre es nicht endlich an der Zeit damit anzufangen, in den Kategorien „zentral“/„dezentral“, „fremdbestimmt“/„selbstorganisiert“ oder „vollkaskoversichert“/„eigenverantwortlich“ zu denken?

Das mag alles etwas unrealistisch klingen. Aber angesichts der polit-ökonomischen Kettenreaktionen, die mit diesem Konflikt nun in Gang gesetzt wurden, sind realistische Prognosen nahezu unmöglich. Der Horizont des Erwartbaren hat sich ungemein weit nach hinten verschoben, ein Sturm zieht auf, der alle Karten neu mischt. So wie der Ukrainekrieg durch seine destruktive Wirkung den Great-Reset-Plänen in die Hände spielt, so kann die kritische Masse, die sich weltweit unlängst formiert hat, das Chaos auch dazu nutzen, eine freiere, dezentralere Welt — eine Art „Libertopia“ — zu errichten.

Rupfen wir also den Spaltpilz aus der Erde und säen in das Loch die Samen des Neuen!

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