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Das Wort „frei“

Das Wort „frei“

Beobachtungen zum Wort „frei“, seiner unterschiedlichen Verwendung sowie seiner Bedeutung für Mensch und Natur.

Schon in der politischen Philosophie wird frei ganz unterschiedlich verwendet. Je mehr man sich dem Konservatismus nahe sieht, desto eher meint man mit frei „frei von neuen, die Ordnung bedrohenden Dingen (und Menschen)“. Je mehr man sich dem Liberalismus nahe sieht, desto eher meint man mit frei „frei von Regeln“, mit anderen Worten: das Recht des Stärkeren, also Unfreiheit für den Schwächeren. Je mehr man sich dem Sozialismus nahe sieht, desto eher meint man mit frei „frei zur Selbstbestimmung“, mit anderen Worten: viele Regeln, die jedem gleiche Freiheiten zur Entfaltung sichern, aber eben nicht alle Freiheiten. Diese Unschärfe in Fach- und Alltagssprache trifft auf andere europäische Sprachen ähnlich zu.

In der Ökonomie ist frei etwa in Freihandelsabkommen manipulativ. Dieses bedeutet ungeregelten Handel zum Wohl weniger starker Unternehmen — was einige Beiträge im Rubikon schon thematisiert haben.

Geradezu irreführend sind die in Deutschland gesetzlich geregelten Begriffe alkoholfrei, glutenfrei, laktosefrei — denn die so bezeichneten Lebensmittel sind eben nicht frei von Alkohol, Gluten oder Laktose, sondern „sehr arm an Alkohol, Gluten, Laktose“. Es sind also Restbestände der jeweiligen Substanzen vorhanden, und man hätte sie besser alkoholarm, glutenarm, laktosearm geschützt bezeichnen sollen.

Wenn ich eingangs betont habe, dass Freiheit in der westlichen Welt ein Wort mit sehr positivem Klang ist, so gilt dies für Länder in Afrika und im Nahen Osten nur eingeschränkt. Hören deren Bewohner von Menschen aus dem Westen das Wort „Freiheit“, so empfinden es nicht wenige von ihnen — dies zeigt sich nicht zuletzt in meiner Arbeit mit Zuwanderern — als Hohn, denn das US-amerikanische Imperium hat zusammen mit seinen Verbündeten in diesen Gebieten seit dem Zweiten Weltkrieg mehr als 20 Millionen Menschen getötet — viele davon Zivilisten, deren Ermordung sogar bewusst in Kauf genommen wird.

Beiträge im Rubikon sowie die Bücher von Emran Feroz, Daniele Ganser, Michael Lüders, Jürgen Todenhöfer — um nur einige zu nennen — haben dies erschreckend aufgezeigt. Was vom Westen als „Krieg für die Freiheit“ oder „Freiheitskampf“ bezeichnet wird, wird dort von vielen als „Terrorismus“ gesehen. Ähnliches gilt für das, was der Westen als „Demokratie“ oder „humanitär“ bezeichnet — Ausdrücke, die in diesen Regionen der Welt negative Gedanken auslösen. Auf das westliche Konto kommen dazu die dortige Vernichtung von kulturellen Gütern und Umwelt. Was soll „Freiheit“ in einem so zerstörten Land bedeuten?

Auch in der gegenwärtigen Diskussion zum Umweltschutz wird als Gegenargument gelegentlich die Freiheit beziehungsweise die Bedrohung des freiheitlichen Lebens angeführt. Man soll alles tun und lassen können, was man will. Hier wird einmal mehr „Freiheit“ offenkundig mit „Rücksichtslosigkeit“ gleichgesetzt. Man fragt sich etwa, was es mit „Freiheit“ zu tun haben soll, wenn man durch umweltzerstörendes Verhalten letztlich die eigene Lebensgrundlage zerstört. Freilich dient hier „Freiheit“ ebenfalls einfach dem propagandistischen Zweck.

Ein Marketing-Trick ist es ebenso, wenn in manchen EU-Ländern Tankstelleninhaber ihr Benzin als „bleifrei“ bewerben. Im Gegensatz zu den vorher erwähnten Ausdrücken alkoholfrei, glutenfrei, laktosefrei bedeutet „bleifreies Benzin“ zwar tatsächlich, dass das Benzin frei von Blei ist. Allerdings ist es auch nichts Besonderes, da seit 2000 in der EU ohnehin nur noch unverbleites Motorenbenzin erlaubt ist. Aber der eine oder andere Tourist wird sich schon der Illusion eines besonderen Angebotes hingeben und lieber dort tanken, als bei einer Tankstelle, wo Benzin nicht so bezeichnet ist und daher so wirkt, als ob es nicht bleifrei wäre.

Besonders manipulativ ist es, wenn weder die Wortbedeutung noch die damit bezeichnete Sache ausreichend gesetzlich geregelt sind. So ist es beim Wort emissionsfrei im Zusammenhang mit Fahrzeugen. Da dieses in der EU nicht gesetzlich geschützt ist, lassen sich damit Elektro-Autos genauso bezeichnen wie etwa Autos, die zwar kein für die unmittelbare Umgebung giftiges Kohlenmonoxid ausstoßen, aber durchaus Kohlendioxid (CO2). Letzteres ist die Definition von zero-emissions vehicle („Null-Emissionen-Fahrzeug“) im US-amerikanischen Recht. Man muss sich das Fahrzeug also schon genauer anschauen. Einstweilen ist emissionsfrei in der EU Werbesprech. Ferner schiene es ehrlicher, bei allfälliger Gesetzgebung sogar abstufende Wörter wie emissionsarm und sehr emissionsarm zu schützen.

Freilich wird selbst dann die Gefahr bleiben, dass clevere Marketingstrategen mit ähnlich klingenden nichtgeschützten Begriffe werben, so wie dies etwa der Fall ist bei Eiern von freilaufenden Hühnern. Hühner können gefahrlos selbst bei Käfighaltung als freilaufend bezeichnet werden, beispielsweise mit der Argumentation, sie seien ja nicht angekettet. Gesetzlich geschützt ist nämlich nur der Ausdruck Freilandhaltung, neben Eier aus Bodenhaltung, Eier aus Käfighaltung und Bio-Eier/Öko-Eier. Diese Eier-Einteilung gilt seit dem Jahr 2002 EU-weit, wobei die meisten Länder ebenfalls das Wort für „frei“ in ihrem Ausdruck für Freilandhaltung haben.

Fazit aus diesen wenigen Beispielen: Man muss sich genauer informieren, was es bedeutet, wenn jemand das Wort „frei“ in den Mund nimmt. Andererseits: Mit dem Wort „frei“ kann man Menschen auch für friedens- und umweltfördernde Maßnahmen gewinnen.

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