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Das verdummte Volk

Das verdummte Volk

Donald Trump ist ein Produkt des kulturellen Verfalls der USA.

Donald Trump ist – wie ein Großteil der amerikanischen Öffentlichkeit – verzückt von elektronischen Bildern. Er interpretiert die Realität durch die Verzerrungen der digitalen Medien. Seine Entscheidungen, Meinungen, politischen Positionen, Vorurteile und sein Selbstverständnis werden ihm auf Bildschirmen widergespiegelt. Er betrachtet sich selbst und die Welt um ihn herum als riesige Fernsehshow, in der er der Star ist. Seine vorrangigen Interessen als Präsident sind seine Zuschauerquoten, seine Beliebtheit und sein Image. Er ist eine Kreatur – oder vielleicht das Paradebeispiel – der modernen, post-belesenen Kultur, einer Kultur, vor der uns Kritiker wie Marshall McLuhan, Daniel J. Boorstin, James W. Carey und Neil Postman gewarnt haben.

Es ist nicht einfach nur so – wie von manchen angedeutet wird –, dass Trump auf dem Niveau eines Siebtklässlers spricht oder dass er auf eine schriftlose, mündliche Kultur zurückgreift. Er verkörpert die Zusammenhangslosigkeit des modernen digitalen Zeitalters, voller plötzlicher Themenwechsel, eine Achterbahnfahrt emotionaler Höhen und Tiefen, immer wieder unterbrochen durch Werbesendungen. Reize werden pausenlos ausgestrahlt. Selten hält etwas unsere Aufmerksamkeit länger als ein paar Sekunden. Nichts steht im Kontext. Bilder überwältigen Worte. Wir sind endlos verwirrt, doch stets unterhalten. Wir erinnern uns kaum, was wir wenige Minuten zuvor gesehen oder gehört haben. Dies geschieht aus der Absicht der Eliten, die uns manipulieren.

„Es ist nicht nur so, dass auf dem Fernsehbildschirm Unterhaltung die Metapher für jeglichen Diskurs ist“, merkt Postman an. „Es ist so, dass dieselbe Metapher außerhalb des Bildschirms vorherrscht.“ Da das Fernsehen die Welt der US-Amerikaner inszeniert, „reden sie nicht mehr miteinander, sie unterhalten einander.“ Trump ist das, was entsteht, wenn eine Gesellschaft sich von Printmedien trennt, wenn sie Kunst, Ethik, klassische Literatur, Philosophie, Geschichte und Geisteswissenschaften in die Randbereiche der Universitäten und der Kultur drängt, wenn ihre Mitglieder Stunden damit zubringen, untätig vor einem Bildschirm zu hocken. Elektronische Bilder verleihen heute den Informationen, Ideen und der Erkenntnistheorie ihre Form, so Postman.

Die Zusammenhangslosigkeit

Es ist ein Fehler, diese Geschehnisse als kulturellen Rückschritt zu betrachten. Es ist schlimmer als das. Mündliche Kulturen würdigten das Auswendiglernen und kultivierten die hohe Kunst der Rhetorik. Führende Politiker, Dramatiker und Dichter mündlicher Kulturen sprachen zu ihrem Publikum nicht in Trumps primitiver Umgangssprache. Noch unheilvoller als das dürftige Vokabular des Präsidenten ist seine Unfähigkeit, Sätze aneinanderzureihen, die Sinn ergeben. Dies ist nicht nur eine Nachbildung des schäbigen Fernsehvokabulars, sondern – wichtiger noch – der Zusammenhangslosigkeit dieses Mediums. Trump ist fähig, mit zig Millionen Amerikanern zu kommunizieren, da diese – ebenfalls vor Bildschirmen aufgezogen – durch digitale Bilder gleichsam sprachlich und intellektuell mutiert wurden. Ihnen geht die Fähigkeit ab, Lügen zu erkennen oder rational zu denken. Sie sind Teil unserer Post-Wahrheits-Kultur.

Nahezu jeder Tweet oder jede gesprochene Bemerkung Trumps verdeutlicht diese Zusammenhangslosigkeit. In einem Interview mit der New York Times vom 31. Januar dieses Jahres gab er die folgende Antwort, als er nach dem grausamen Mord an dem Journalisten Jamal Khashoggi im saudischen Konsulat in Istanbul gefragt wurde:

„Ja. Khashoggi. Ich dachte, das war ein schreckliches Verbrechen. Doch wenn Sie sich andere Länder anschauen, viele andere Länder. Sie schauen sich den Iran an, nicht so weit weg von Saudi-Arabien, und Sie schauen sich an, was sie dort machen. Also, wissen Sie, so fühle ich mich eben. Venezuela befindet sich in einer großen Wandlung. Wir hören davon bereits seit vielleicht 14 Jahren, zwischen den beiden. Und ein paar schreckliche Dinge geschehen in Venezuela. Also, wenn ich etwas tun kann, um Menschen zu helfen. Es hilft der Menschheit wirklich, wenn wir etwas tun können, um Menschen zu helfen, würde ich das gerne tun.“

Das göttliche Bild

Elektronische Bilder sind unsere modernen Götzen. Wir huldigen der Macht und der Prominenz, die sie vermitteln. Wir sehnen uns danach, angehimmelte Promis zu werden. Wir bemessen unser Leben anhand der Fantasien, die diese Bilder verbreiten. Wenn etwas nicht auf einem Bildschirm erscheint oder nicht auf einem Bildschirm verkündet wird, wird seine Authentizität angezweifelt. Wir schaffen eifrig Miniatur-Plattformen in den sozialen Medien, auf denen wir täglich unser „Leben, den Film“ updaten, und verwechseln dabei Selbstdarstellung mit echter Kommunikation und Freundschaft. Diese Sehnsucht, von elektronischen Bildern und deren Publikum bestätigt zu werden, hat uns zu einem isolierten, uninformierten, entfremdeten und sehr unglücklichen Volk gemacht.

„Nun hat uns der Tod Gottes in Verbindung mit der Perfektionierung des Bildes zu einem ganz neuen Zustand der Erwartung gebracht“, schreibt John Ralston Saul. „Wir sind das Bild. Wir sind die Betrachter und die Betrachteten. Es gibt keine andere ablenkende Präsenz. Und das Bild hat all die göttlichen Befugnisse. Es tötet nach Belieben. Tötet mühelos. Tötet auf schöne Weise. Es verteilt Moral. Urteilt endlos.

Das elektronische Bild ist der Mensch als Gott und das zugehörige Ritual führt uns nicht zu einer mysteriösen Dreifaltigkeit, sondern zurück zu uns selbst.

Da ein klares Verständnis dessen fehlt, dass wir nun die einzige Quelle sind, kehren diese Bilder unvermeidlich zu dem Ausdruck von Magie und Angst zurück, der götzendienerischen Gesellschaften angemessen ist. Dies wiederum begünstigt den Gebrauch elektronischer Bilder zum Zweck der Propaganda durch jene, die einen Teil dieser Bilder kontrollieren können.“

Die Fixierung auf elektronische Bilder durch Trump bedeutet, dass er und Millionen anderer amerikanischer Erwachsener – die laut einem Bericht der Nielsen Company aus dem Jahr 2018 durchschnittlich jeden Tag vier Stunden und 46 Minuten fernsehen und „mehr als 11 Stunden am Tag damit verbringen, Medien zu hören, zu schauen, zu lesen oder sonst mit ihnen zu interagieren“ – sich selbst von komplexen Gedanken getrennt haben. Sie sind der Bevormundung unterworfen. Das Fernsehen, einschließlich der Nachrichten, reduziert jegliche Realität auf kindliche, cartoonhafte Simplizität. Die Nachrichten, die auf dem Bildschirm präsentiert werden, „bieten degenerierte Fotos oder eine aus Stereotypen bestehende Pseudo-Realität“, schreibt James W. Carey. „Nachrichten können sich der Wahrheit nur annähern, wenn sich die Realität auf Statistiken reduzieren lässt: Sportergebnisse, Börsenberichte, Geburten, Tode, Ehen, Unfälle, Gerichtsurteile, Wahlen, wirtschaftliche Transaktionen wie Außenhandel oder Zahlungsbilanzen.“

Die Nachrichten auf unseren Bildschirmen sind unfähig, Komplexität und Abstufungen zu vermitteln. Sie sind ohne historischen, sozialen oder kulturellen Kontext. Fernseh-Nachrichten sprechen in leicht verdaulichen Klischees sowie politischen und kulturellen bildlichen Ausdrücken. Sie sind aufsehenerregend und bruchstückhaft. Das hektische Tempo des Fernsehens führt dazu, dass Fernseh-Nachrichten abgesehen von der Präsentation von Statistiken nur mit bestehenden Stereotypen handeln können. Im Grunde sind Fernsehnachrichten von der Realität geschieden; sie fußen gedankenlos in der Ideologie der herrschenden Eliten von Neoliberalismus, Militarismus und weißer Vorherrschaft.

Der dominante Diskurs

In seinem Buch Amusing Ourselves to Death (in deutscher Übersetzung 1985 erschienen unter dem Titel Wir amüsieren uns zu Tode. Urteilsbildung im Zeitalter der Unterhaltungsindustrie; Anmerkung der Übersetzerin) schreibt Postman, dass nach der Entwicklung des Telegrafen „Nachrichten die Form von Slogans annahmen, die mit Begeisterung beachtet und unverzüglich vergessen wurden.“ Er argumentiert, dass die Erfindung aus dem 19. Jahrhundert die Grundlage der Kommunikation des digitalen Zeitalters ist, und führt entsprechend aus: „Seine Sprache war ebenfalls völlig unzusammenhängend. Eine Nachricht hatte keine Verbindung zu der vorangegangenen oder der folgenden. Jede ‚Schlagzeile‘ stand für sich, als ihr eigener Kontext. Der Empfänger der Nachrichten musste ihr eine Bedeutung verschaffen, wenn er konnte. Der Absender war nicht dazu verpflichtet. Aufgrund all dessen begann die Welt, wie sie durch den Telegrafen dargestellt wurde, unbeherrschbar, gar unentzifferbar zu erscheinen. Die zeilenweise, fortlaufende, ununterbrochene Form der gedruckten Seite begann allmählich ihren Widerhall als Metapher dafür zu verlieren, wie Wissen zu erlangen und die Welt zu verstehen war. Die Fakten ‚zu kennen‘ bekam eine neue Bedeutung, denn es setzte nicht voraus, dass man Auswirkungen, Hintergründe und Verbindungen verstand. Telegrafischer Diskurs erlaubte keine Zeit für historische Perspektiven und gab dem Qualitativen keinen Vorrang.“

Jene, die nach einer Kommunikation außerhalb der digitalen Strukturen streben, um das dominante Narrativ in Frage zu stellen oder herauszufordern, um sich mit Mehrdeutigkeiten und Abstufungen zu beschäftigen, um Diskussionen zu führen, die in belegbaren Fakten und einem historischen Kontext wurzeln – jene Menschen werden zunehmend unverständlich für den Großteil der modernen Gesellschaft. Sobald sie eine Sprache verwenden, die nicht auf den herrschenden Klischees und Stereotypen beruht, werden sie nicht verstanden.

Fernsehen, Computer und Smartphones haben eine Generation süchtig gemacht und sie darauf konditioniert, in dem gleichen irrationalen, unzusammenhängenden Gebrabbel zu sprechen und zu denken, mit dem sie Tag für Tag gefüttert wird.

Dieser kulturelle, historische, ökonomische und soziale Analphabetismus erfreut die herrschenden Eliten, die diese ausgeklügelten Systeme der sozialen Kontrolle entwerfen, verwalten und von ihnen profitieren. Bewaffnet mit unseren persönlichen Daten und dem Wissen über unsere Neigungen, Gewohnheiten und Sehnsüchte manipulieren sie uns gekonnt als Konsumenten und Bürger, um die Anhäufung von Reichtum und ihre Festigung von Macht voranzutreiben.

„Die einzigen, die den Unterschied zwischen Realität und Schein erfassen, die die Regeln des Benehmens und der Gesellschaft verstehen, sind die herrschenden Gruppen und jene, die ihren Anordnungen folgen – wissenschaftliche, technisch versierte Eliten, die die Verhaltensregeln und die Funktion der Gesellschaft erklären, sodass Menschen effektiver, wenn auch unbewusst, gesteuert werden können“, schreibt Carey in Communication as Culture: Essays on Media and Society (Kommunikation als Kultur: Essays über die Medien und die Gesellschaft).

Leben in der Illusion

In seinem Buch The Image: A Guide to Pseudo-Reality in America (auf Deutsch erschienen unter dem Titel Das Image: Der Amerikanische Traum; Anmerkung der Übersetzerin) argumentiert Daniel J. Boorstin, dass das Fingierte, das Unglaubwürdige und das Theatralische inzwischen das Natürliche, das Echte und das Spontane ersetzt haben. Die Realität ist zur Bühnenkunst geworden. Wie er schreibt, leben wir in einer Welt, „in der die Fantasie realer ist als die Realität.“ Er warnt:

„Wir laufen Gefahr, die ersten Menschen der Geschichte zu sein, die es geschafft haben, ihre Illusionen so lebhaft, so überzeugend, so ‚realistisch‘ zu machen, dass sie in ihnen leben können. Wir sind die illusioniertesten Menschen des Planeten. Und doch riskieren wir nicht, desillusioniert zu werden, denn unsere Illusionen sind das Haus, in dem wir leben; sie sind unsere Nachrichten, unsere Helden, unser Abenteuer, unsere Kunstformen, unsere Erfahrung an sich.“

Trump ist ein Produkt dieses kulturellen Verfalls, und keine Abweichung von der Norm. Die Art, in der er spricht, agiert und denkt, ist die Art, in der viele Amerikaner sprechen, agieren und denken. Er wird eines Tages verschwinden, doch die kulturelle Entartung, die ihn hervorgebracht hat, wird bleiben. Akademische Einrichtungen, die Orte zur Wahrung von Kultur und Literatur sein sollten, verwandeln sich – oft mit dem Geld von Unternehmen – in Gehilfen des digitalen Zeitalters, indem sie Fachbereiche erweitern, die sich mit Technologie, Ingenieurwissenschaften und Informatik – das größte Hauptfach an Universitäten wie Princeton und Harvard – beschäftigen, während sie Fächer verkleinern, die sich mit Kunst, Philosophie, Ethik, Geschichte und Politik befassen. Diese Fächer, die in Printmedien verwurzelt sind, sind das einzige Gegenmittel gegen den Tod der Kultur.

In seinem Essay „The Duty of Mind in a Civilization of Machines“ („Die Pflicht des Geistes in einer Zivilisation von Maschinen“) ruft uns Perry Miller, Experte für Geistesgeschichte, dazu auf, ein Gegengewicht zur Kommunikationstechnologie zu schaffen, um „den lähmenden Auswirkungen des heraufziehenden Nihilismus auf den Geist zu widerstehen“, der unser Zeitalter definiert.

Kurz gesagt, je häufiger wir unsere Bildschirme ausschalten und zur Welt der Printmedien zurückkehren, je mehr wir die transformative Kraft von Kunst und Kultur ausfindig machen, je mehr echte Beziehungen wir wiederherstellen, von Angesicht zu Angesicht, anstatt durch einen Bildschirm bestimmt, je mehr wir Wissen nutzen, um die Welt um uns herum zu verstehen und in einen Kontext einzuordnen, desto eher werden wir fähig sein, uns vor der digitalen Dystopie zu schützen.


Redaktionelle Anmerkung: Dieser Text erschien zuerst unter dem Titel „Worshipping the Electronic Image“. Er wurde von Melina Cenicero aus dem ehrenamtlichen Rubikon-Übersetzungsteam übersetzt und vom ehrenamtlichen Rubikon-Korrektoratsteam lektoriert.

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