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Das Verbrechen der Unangepasstheit

Das Verbrechen der Unangepasstheit

Derzeit wird eine gleichgeschaltete Gesellschaft errichtet, die keinen Widerspruch, kein Hinterfragen und keine Unfolgsamkeit duldet.

Da waren sie mal wieder geschlossen erschüttert: Politik und Medien. Nachdem sich der Kurienkardinal Gerhard Ludwig Müller kritisch zu einer Politik äußerte, die „die Gelegenheit nutzt, die Menschen jetzt gleichzuschalten, einer totalen Kontrolle zu unterziehen und einen Überwachungsstaat zu etablieren“, gab man sich empört. Das sei Verschwörungstheorie. Rechts. Antisemitisch geradezu. Wie könne man sich so im Ton vergreifen?

Man muss nun wirklich kein konservativer Geistlicher sein, um den Einschätzungen dieses Mannes etwas abzugewinnen. Während der politisch-mediale Komplex sich ereifert, macht er Stimmung gegen allerlei Gruppierungen. Sogar die Anthroposophen werden mittlerweile als gefährliche Ketzer betitelt. Und jeder, der auf Telegram interagiert, kann nur eines sein: Ein Terrorist. Wer zweifelt, wer nicht brav nickt, der wird von Strukturen zermalmt, die genau so wirken, wie es jener Kardinal anmerkt.

Alles, was nicht reinpasst

Besonders schlimm fanden die Empörten, dass der Gottesmann das Wort „Gleichschaltung“ verwendet hatte. Das sei ein ungebührlicher Rückgriff auf einen Begriff, der wie kein anderer mit der deutschen Geschichte, also genauer gesagt mit dem Nationalsozialismus, verbunden sei. Wer das Wort heute gebraucht, der spiele die Sonderstellung beziehungsweise Einzigartigkeit der damaligen Verbrechen herunter.

Nun haben die Nationalsozialisten viele Worte verwendet, Worte, die heute noch im Gebrauch sind. Hin und wieder sollen sie sich sogar mit einem „Guten Morgen“ begrüßt haben. Müssen wir denn die Sprache neu erfinden?

Diese Frage stellt übrigens Oskar Schindler seinem Sekretär Itzhak Stern in Steven Spielbergs Spielfilm von 1993. Stern antwortet darauf, er glaube schon. Aber Sprache lässt sich nicht einfach neu ausrichten, neu berechnen. Es gibt immer Worte, die schon damals im Gebrauch waren. Wer mehr darüber wissen will, dem sei Viktor Klemperers Buch über die Sprache des Dritten Reiches empfohlen.

So ein wiederverwendetes Wort ist in meinen Augen gar nicht so schlecht, denn es zeigt als Vergleich — und eben nicht als Gleichsetzung — auf, dass hier eine unselige Entwicklung stattfindet, die in einer Sache dieselben Ziele verfolgt wie einst: Es geht um die Schaffung eines neuen Bewusstseins und Menschentypus‘.

Die Berichterstatter haben ein schmales Meinungsnadelöhr definiert; was sagbar ist, was man denken soll, welche Werte nun die Werte der Stunde sind und welche man im Augenblick vernachlässigen kann — ja gar muss: Das ist keine Sache freien Denkens mehr.

Dies wird von Medien kommuniziert und vermittelt. Wer da nicht reinpasst, der erntet Kritik — oder wird ausgeschlossen, dem widerfährt ein Berufsverbot. Wahlweise gilt man dann als rechtsoffen, gefährlich und sollte von seinem Umfeld grundsätzlich ausgegrenzt werden.

Diese Haltung des vermeintlich Richtigen wird sogar noch mit adretten Schlagworten ausstaffiert. So sei ein solches Einstehen für die Werte der Stunde ein Akt der Solidarität. Liebe gar. Ein Ausweg aus der Not.

Weicht man von der Spur ab, endet man am Pranger — nehmen wir nur Richard David Precht: Im letzten Jahr schrieb er noch ein gefeiertes Buch über den Bürgergehorsam, dann kritisiert er die Kinderimpfung und wurde zum Aluhutträger stilisiert. Zum Querdenker — dass der Begriff früher mal etwas Gutes meinte, weiß heute offenbar kaum noch einer.

Angepasst, brav, bieder, woke, camp und überhaupt unkritisch

Die Älteren unter uns erinnern sich vielleicht noch: Albert Einstein war einer — oder Galileo Galilei. Ebenso Thomas Alpha Edison oder Gottlieb Daimler. Querdenker nämlich. Sie dachten anders als die anderen, waren unangepasst und eben nicht uniform.

Bis vor zwei Jahren haben die Wirtschaft wie die Politik an Aktionstagen immer wieder mal betont, wie dringend unsere Gesellschaft Querdenker braucht.

Als Entwickler, Vordenker, ja auch als gesellschaftliche Stützen. Plötzlich ist das alles weg, der Begriff wird nur noch negativ konnotiert. Einer, der querdenkt, wird mit Gefahr assoziiert, als jemand, der alles durcheinanderbringt, nicht richtig reinpasst in das Kollektiv.

An der jüngsten Entwicklungsgeschichte dieses Begriffes lässt sich deutlich ablesen, wohin es uns verschlägt. Nämlich in ein Regime, das Anpassung fordert und klipp und klar macht, in welche Richtung gedacht werden soll. Wer da querschießt, der stört nur, kostet Zeit und Nerven, mit dem müsste man sich auf lästige Weise auseinandersetzen. Aber dafür ist keine Zeit in einem System, das zeiteffektiv sein will und für leidige Diskussionskultur nichts mehr erübrigt als moralische Überheblichkeit.

Denn genau diese Übermoral sorgt dafür, dass das Los der Demokratie, die Debattenkultur nämlich, das Austarieren von Sichtweisen und Meinungen, eiskalt wegbügelt wird. Wer moralisch über den Massen thront, wer ethisch auf der richtigen Seite steht, der muss sich nicht in die Niederungen des Miteinandersprechens herablassen. Der braucht es nicht auszuhalten, dass andere Menschen anders fühlen, anders denken und andere Sichtweisen äußern. Der Andere wird im Sog des Moralismus zu jemandem, der die vermeintlich von allen akzeptierte Ordnung in Schieflage bringt.

Da hilft nur noch striktere Orthodoxie — noch sturer betonen, dass man auf der Seite der Gewinner steht.

Angepasst zu sein, brav und bieder, der Wokeness frönen und camp — nach dem von Susan Sontag geprägten Begriff, der auf die Theatralik des Banalen anspielt — aufzutreten, ja überhaupt alles aus diesem Lager des vermeintlich Guten unkritisch zu verinnerlichen: Das gilt heute als rebellisch und aufmüpfig. Uniform ist bunt und staatstragend ist Punk.

Mir fällt im Augenblick einfach kein anderes Wort als „Gleichschaltung“ ein. Tut mir leid. Und ja, es geht auch um Kontrolle und einen perfiden Überwachungsstaat, der nicht nur aus Polizeistaatlichkeit besteht, sondern eben auch aus gesinnungsterroristischen Blockwarten. Man muss nun wirklich kein konservativer Geistlicher sein, um zu so einer Einschätzung zu kommen.

Und wieder mal ein neuer Mensch …

Aber es ist, ich habe das schon mal thematisiert, nun wahrlich auch kein Zufall, dass es ausgerechnet Leute aus dem konservativen Lager sind, die an dieser neuen Normalität etwas auszusetzen haben. Denn ihr Menschenbild ist nicht davon geprägt, beständig — und wider aller Erfahrung — an das absolut Gute im Menschen zu glauben. Einen pädagogischen Auftrag in dem Sinne, der Menschheit eine neue, aufgeklärte und umsichtige Bewusstseinslage anzudichten, kennt der Konservatismus nicht. Seine Vorstellung von Gesellschaft und Mensch geht in etwa so: Man muss die Menschen nehmen, wie sie sind, und das Beste daraus machen.

Die Ansätze von Umerziehung, die wir heute erleben, stehen dabei für eine Haltung, das menschliche Wesen nicht mehr als fehleranfällig, irrational und zuweilen auch emotional beeinflusst zu akzeptieren. Man muss es daher strikt anleiten, verbessern und einen homo novus herbeipädagogisieren.

Der neue Mensch braucht demnach Werte, die ihm nicht etwa optional gereicht werden, als Möglichkeit einer Wahl also, sondern als Imperativ. Er hat sie zu verinnerlichen. Und nicht etwa lax und locker, sondern vollumfänglich und in Gänze. Abweichung ist dabei nicht vorgesehen. Das neue Bewusstsein erlaubt keine Unangepasstheit — man erlangt es nur, wenn man es sich wie eine Religion aneignet, wenn man den Verkündern fundamentalistisch folgt, sie ohne Zweifel und voller Inbrunst repetiert. Und da der neue Menschentypus ein Muss ist, die Pädagogik eines Zeitalters, das sich arrogant als Anthropozän betitelt, ist jede Unangepasstheit im Bezug auf den Kanon dessen, was jetzt als richtig und wichtig zu gelten hat, sofort eine Art Menschheitsverbrechen.

Eines, das uns angeblich als Art gefährdet, den Planeten ruiniert und vor dem die Menschheit angeblich geschützt werden muss. Wenn es sein muss, dann eben auch mit Gleichschaltung, totaler Kontrolle und einem Überwachungsregime.

Der vermeintlich Progressive von heute, ein Selbstgerechter, wie Sahra Wagenknecht diesen Typus nennt, merkt offenbar gar nicht mehr, in welche totalitäre Gesellschaft er abbiegt.

Wenn ihn aber jemand daran erinnert, zumal ein Konservativer, dann wird er wütend. Denn er meint es doch nur gut — und das sollen wir ihm natürlich hoch anrechnen, während wir uns dankbar in den offenen Vollzug verabschieden.

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