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Das Trauma des Krieges

Das Trauma des Krieges

„Nur Traumatisierte beginnen Kriege“, meinen Franz Ruppert und Daniele Ganser.

„Jeder fängt mal klein an.“ Es sind solche auf den ersten Blick simplen Sätze, die Franz Ruppert auf der Bühne sagt. Sätze, in denen jedoch so viel Erkenntnis steckt, dass man sie erstmal gründlich sacken lassen muss.

Dazu zählen auch Einsichten wie: „Es ist doch völlig absurd, sich in ein Flugzeug zu setzen und jemandem eine Bombe auf den Kopf zu werfen.“ Auch diesen selbstverständlichen Satz formulierte Ruppert. Doch wir haben uns an den militaristischen Wahnsinn in Unterhaltungs- und Nachrichtenmedien schon dermaßen gewöhnt, dass wir solche Grundeinsichten viel zu selten so hervorheben.

Franz Ruppert, Daniele Ganser und die Traumatherapeutin Birgit Assel hatten an einem heißen Tag Ende Mai in Hannover auf einem Podium zusammengefunden. In einer von Ken Jebsen moderierten Runde bekräftigten sie nicht nur Grundeinsichten wie die oben genannten, sondern erläuterten auch den Zusammenhang zwischen Krieg und Trauma.

Die Psyche – ein wunderbares, aber gefährdetes Werkzeug

Trauma ist der medizinische Begriff für Verletzung. Ein Psychotrauma ist also nichts weiter als eine Verletzung des mentalen und emotionalen Innenlebens, erläuterte Ruppert. „Die Psyche ist ein wunderbares Werkzeug, das sich im Verlauf des Lebens immer weiter entwickelt“, sagte er gleich zu Beginn.

Doch die Psyche brauche gute Pflege. Wenn sie Schaden nimmt, also traumatisiert wird, spalte sie sich auf, erklärte der Münchener Psychologe weiter. Beim Ich unterschied er eine Dreiteilung in ein gesundes Ich, ein abgespaltenes (traumatisiertes) Ich und ein Überlebens-Ich. Letzteres habe die Aufgabe, die Existenz des traumatisierten Teils zu leugnen und aus dem Bewusstsein zu verdrängen.

Doch der verletzte Teil der Psyche bleibe weiterhin erhalten und kann bei Unterdrückung mit körperlichen Symptomen auf sich aufmerksam machen. Letztlich entstehe ein innerer Kampf zwischen traumatisiertem und Überlebens-Ich. „Wer diesen inneren Kampf mit sich herumträgt, ist schon weit entfernt von einem guten Leben“, erklärte Ruppert, der auch im Rubikon-Beirat aktiv ist.

Krieg ist Trauma, Trauma ist Krieg

Trauma ist beim Thema Krieg allgegenwärtig. Die Traumatisierung des Gegners sei einer der Zwecke von Kriegen. Opfer werden traumatisiert, Täter werden traumatisiert und überhaupt arbeiteten nur traumatisierte Akteure auf Kriege hin, sagte Ruppert. Sie betrachteten Kriege als vermeintliche Lösung ihrer Traumata. Nicht Traumatisierte hätten hingegen kein Interesse daran, Kriege zu führen.

Und da wären wir bei den Kindern: „Jeder fängt mal klein an.“ Menschen entwickelten regelrechte Traumabiographien, denn die Psyche entwickele sich auf frühen traumatischen Erlebnissen etwa durch die Eltern, so Ruppert. An der Universität untersucht er mit seinen Studenten deshalb auch Politikerbiographien auf mögliche Traumata.

Wichtig ist, dass psychische Traumata weder mit Gewalt noch mit Medikamenten zu heilen seien, sondern nur durch Mitgefühl mit sich selbst, sagte der Psychotherapeut. Psychopharmaka machten Betroffene zwar ruhiger, aber nur weil sie die Gefühle abstumpfen. Die Gräben zwischen den Ichs würden dadurch sogar noch größer.

Gehorsam – sonst Strafe

Birgit Assel ergänzte in der Podiumsrunde, Politiker müssten selbst zur Einsicht gelangen, sich mit ihren Traumabiographien zu befassen. Auch sie habe als Kind traumatische Erfahrungen gemacht, berichtete die Gastgeberin. „Ich wurde streng erzogen. Als Kind habe ich funktioniert. Ich war brav, weil ich Angst vor Konsequenzen hatte.“ Als junge Mutter habe sie später ebenso Fehler gemacht wie ihre eigene Mutter. Erst im Nachhinein habe sie vieles mit ihrem Wissen von heute reflektiert.

Assel, die seit 20 Jahren als freiberufliche Traumatherapeutin arbeitet, gründet derzeit eine freie Schule. Es sei wichtig, jungen Eltern Alternativen anzubieten, erklärte sie. Ihre freie Schule soll Lernräume ohne Konkurrenz und ohne zeitlichen Druck ermöglichen. Auch Noten wird es dort nicht geben. „Eigentlich ist es irre, dass wir in unseren regulären Schulen immer noch Noten vergeben.“

Das Innenleben eines Dauer-Attackierten

Der Friedensforscher und Historiker Daniele Ganser berichtete in der Debatte ebenfalls aus seinem Innenleben: Seit seinen kritischen Äußerungen über die offizielle Version der US-Regierung zum 11. September wurde er oft von Kollegen, aber vor allem von Journalisten angegriffen. Er habe sich früher durch die Vorwürfe verunsichern lassen, erklärte Ganser. „Teilweise identifiziert man sich plötzlich mit diesen Vorwürfen.“ Vielleicht sei dies auch eine Art Trauma für ihn gewesen.

Mit der Zeit entwickelte er jedoch einen gesunden Umgang damit, erklärte Ganser. „Wenn mich jemand attackiert, gehe ich nicht in die ebenso aggressive Reaktion.“ Stattdessen nehme er Abstand, gestehe dem anderen dessen Meinung zu, ohne sie selbst zu übernehmen, warte auf die vorgebrachten Fakten und überprüfe diese. „Wenn da aber keine Fakten kommen, sondern nur Lärm, höre ich gar nicht zu.“

Ganser beobachtet sich zudem selbst und versucht, seine inneren Kampfzustände zu reflektieren. Früher sei er bei Angriffen durch Journalisten oder auch nur mit dem Auto im Stau stehend aggressiv geworden. Heute bringt er seinen inneren und äußeren Frieden in Einklang. „Wenn man erkennt, dass etwas wahr oder falsch ist, tut es gut, das genauso auszusprechen“, so Ganser. „Man wird selbst entspannter und lernt spannende Leute kennen.“

Heutige Kritiker waren früher selbst Propagandaopfer

Ganser übertrug aber auch einige psychologische Mechanismen auf die Gesellschaft. In Deutschland etwa verdränge man den Kriegszustand, in dem sich das Land beispielsweise seit 2001 in Afghanistan befindet. Am Kosovo-Krieg 1999 könne man wiederum deutlich erkennen, wie Kriegsbefürworter das „unverarbeitete Trauma Auschwitz“ gezielt bei den Deutschen aktivierten: Sie setzten Serben mit Nazis gleich und behaupteten, Serben wollten die Kosovaren in KZs treiben.

Birgit Assel bestätigte die Wirksamkeit der damaligen Kriegspropaganda. Sie selbst habe damals den Krieg gegen Serbien aus humanitären Gründen als gerecht empfunden. Mit ihrem heutigen Wissen wäre ihr das nicht passiert, ergänzte sie.

Daniele Ganser berichtete Ähnliches aus seiner Jugend. „Ich war vom Film ‚Top Gun‘ total begeistert. Es hat mich nicht interessiert, dass von dem Schiff in dem Film Flugzeuge starten, die Menschen zerfetzen.“ Erst später habe er genau hingeschaut und etwa von der Zusammenarbeit zwischen Hollywood und dem Pentagon bei kriegverherrlichenden Filmen erfahren.

Thema: Vietnamkrieg

Im Anschluss an die Diskussion hielt Ganser zudem einen mehrstündigen Vortrag über den Vietnamkrieg. Dabei erinnerte er daran, dass auch das Pentagon selbst zu hollywoodreifen Leistungen fähig ist. US-Präsident Lyndon B. Johnson log 1964 einen Angriff im Golf von Tonkin auf das Kriegsschiff USS Maddox durch nordvietnamesische Boote herbei. Die Medien gaben dies ungeprüft weiter. Präsident wie Medien stellten den folgenden US-Angriff auf Vietnam als Verteidigung dar.

Das Gegenteil stimmte: Am 2. August 1964 hatte die Maddox ihrerseits ein nordvietnamesisches Boot versenkt. Laut US-Historiker James Bamford war die Maddox Provokateur für nordvietnamesische Boote. Das Schiff patrouillierte vor der Küste und gab südvietnamesischen Booten bei deren Angriffen Geleitschutz, um Nordvietnams Reaktion herauszufordern. Als diese ausblieb, erfand man in den USA am 4. August einen Angriff.

Diese Kriegsanfangslüge reiht sich ein in zahlreiche ähnliche Fälle illegaler Kriege, die Ganser in seinem gleichnamigen Buch thematisiert. In einer Reihe von Vorträgen arbeitet Ganser diese Fälle ab. In Hannover stellte er dazu das südostasiatische Land und dessen Geschichte ab dem Zweiten Weltkrieg vor. Denn vor den USA hatte bereits Frankreich versucht, Vietnam militärisch zu besiegen. Auch dieser Indochinakrieg war ein illegaler westlicher Überfall.

Angriffskriege sind verboten

Ganser betonte immer wieder die Existenz des UNO-Gewaltverbotes, die es Staaten untersagt, militärische Aggressionen gegen andere Staaten zu begehen. Doch im UN-Weltsicherheitsrat gibt es eine „Oberschicht“ aus fünf Vetomächten, die für ihr Tun faktisch nicht bestraft werden können. Auch politische Morde und Putsche sind der UNO-Charta zufolge verboten. Trotzdem setzten und setzen die USA diese Mittel bis heute immer wieder ein. So auch in Vietnam, als die CIA den Mord am zuvor noch hofierten südvietnamesischen Diktator Diem unterstützten.

Ganser wies darauf hin, dass im November 1963 – keine drei Wochen nach Diem – auch US-Präsident John F. Kennedy erschossen wurde. Mit Kenndy hätte es wohl keinen Vietnamkrieg gegeben, ist Ganser überzeugt. Stattdessen begannen die USA einen elf Jahre währenden Krieg mit drei Millionen vietnamesischen Toten. Auch die Nachbarländer Laos und Kambodscha wurden jahrelang von der US-Luftwaffe bombardiert.

Bilder von Kriegsopfern drehten die Kriegsstimmung

Dass der Krieg endete, habe jedoch unter anderem auch an Journalisten gelegen, betonte Ganser. Denn diese durften sich im Lande frei bewegen und sendeten Bilder nach Hause, die die Brutalität des Krieges und massenhaft zivile Opfer zeigten. Ganser zeigte dazu einige eindrückliche Kriegsbilder von Horst Faas. Dies änderte die Kriegsstimmung in der US-Gesellschaft.

„Diesen Fehler macht das Pentagon heute nicht mehr“, sagte der Schweizer Historiker. Von aktuellen westlichen Kriegen sähen wir alle nur gefiltertes Material, das den wahren Krieg gar nicht zeigt. „Stattdessen bekommen sie heute Germany’s Next Topmodel oder die Champions League.“ Während im Fußball jede vermeintliche Abseitsposition durch präzise Bilder aufgelöst wird, fehlen Fotos vom Krieg in Afghanistan oder im Irak komplett.

Parallelen der Propaganda: Duma ist Tonkin

Ganser wies in seinem Vortrag immer wieder auf Parallelen der Kriegspropaganda zwischen Vietnam und heutigen Kriegen hin. Genauso unkritisch wie damals veröffentlichen Medien westliche Kriegslügen, anstatt sie kritisch zu überprüfen. Die Bilder vom vermeintlichen Giftgasangriff im syrischen Duma bezeichnete Ganser als „modernes Tonkin“. Zudem diffamieren die etablierten Medien die Friedensbewegung. Über Massaker westlicher Soldaten wird hingegen nicht berichtet. Völkerrechtsbrüche der Nato werden ebenfalls nicht thematisiert. Und mithilfe sprachlicher Manipulationen werde alles verdreht.

Zum Abschluss empfahl Ganser allen Interessierten eine „Mediendiät“ oder sogar komplette digitale Auszeiten. Menschen würden heutzutage durch zusammenhanglose Mikroinformationen „überfüttert“ und anschließend durch mörderische Krimis mit Gewalt und Brutalität vergiftet, kritisierte er. Gansers klare Empfehlung: Abschalten, bevor es traumatisch wird.


Franz Ruppert: Das Trauma des Krieges

Rubikon-Interview: „Krieg ist heilbar!“

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