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Das Schul-Trauma

Das Schul-Trauma

Junge Menschen, die vor Krieg und Terror flüchten mussten, werden durch unser rigides Schulsystem nochmals traumatisiert.

Vor Kurzem ging eine Sendung des neuen KenFM-Formates „Zur Sache“ mit dem Thema „Migration und Markt – wer bezahlt und wer profitiert“ online. Als Gäste waren eingeladen: Aktham Suliman, ein syrischer Journalist und Autor, Ingrid Freimuth, Lehrerin und Sachbuchautorin, sowie Bernd Leyon aus der KenFM-Redaktion.

Ich liebe das Medienportal KenFM. Dieses Portal hat mir geholfen, meine „Mainstream-Filterblase“ zum Platzen zu bringen. Als inzwischen kritische Leserin und Zuhörerin kann ich nicht allem zustimmen, was auf diesem Portal zu lesen, zu hören und zu sehen ist – doch das ist auch nicht weiter tragisch. So richtig verärgert hat mich bisher noch kein Beitrag, bis auf diese letzte Sendung. Ich dachte, mir platzt die Hutschnur beim zuhören.

Zu Anfang berichtet Bernd Leyon, der diese Sendung vorbereitet hatte, dass er eigentlich gar nicht selbst vor die Kamera wollte, doch niemanden gefunden hat, der sich zu diesem Thema äußern möchte. Das wundert mich, denn Betroffene – ob ein Mensch, der flüchten musste, oder jemand aus der freiwilligen Flüchtlingshilfe – wären bestimmt bereit gewesen, einmal ihre Sichtweise zu diesem Thema darzulegen. Es fällt mir immer wieder auf, dass ganz oft über Menschen gesprochen wird, doch nicht mit ihnen.

Ingrid Freimuth hat das Buch „Lehrer über dem Limit“ geschrieben, was zum Thema dieser Sendung wurde. Sie erzählt, dass sie Lehrerin sei und auch Schüler in der „Lernhilfe“ begleite. Und dass sie bis zu der großen „Flüchtlingswelle“ gerne Lehrerin gewesen sei, doch seitdem habe sich an den Schulen alles verändert.

Für sie hat sich bestätigt, was sie schon ahnte, als sie die „Massen“ von Flüchtlingen im Fernseher über die grünen Wiesen laufen sah, auf die offenen Grenzen Deutschlands zu. Wörtlich:

„Ich habe die angeguckt – und ich habe Erfahrung als Lehrerin – ich kann sehen, ob jemand in ein Gymnasium gehen kann oder nicht. Das ist so ein bestimmter Ausdruck, den die Leute haben, die gerne lernen oder nicht lernen können, das weiß ich aus Erfahrung. Und ich habe diese vielen Männer gesehen und zu meinen Freunden gesagt: Was sollen die in Deutschland machen? Ich glaube nicht, dass ‚die‘ Deutsch lernen.“

In dem Moment dachte ich, ich höre nicht richtig. Schade, dass Ken Jebsen nicht nachgefragt hat, woran genau sie diesen Gymnasiasten-Ausdruck erkennen könnte, und ob jemand lernbereit ist oder nicht? Das hätte mich wirklich wahnsinnig interessiert.

Doch Ken Jebsen steigt darauf ein statt aus, und seine Sprache hat etwas Kriegerisches, Gewaltvolles: Er bezeichnet ein Klassenzimmer als ein Kriegsgebiet und vergleicht die Arbeit von Freimuth mit der eines Kriegsberichterstatters, der täglich an der Front ist.

Er scheint bei der Arbeitsplatzbeschreibung von Ingrid Freimuth völlig zu vergessen, dass die jungen Menschen, die zwangszusammengerottet in einem Klassenzimmer sitzen, genau aus solchen Gebieten kommen.

Das Leben von jungen Flüchtlingen und ihren Familien war vom Tode bedroht, deshalb sitzen sie nun hier. Sie haben die Flucht überlebt, während das wunderschöne Mittelmeer inzwischen einem Massengrab gleicht.

Und mir ist es egal, ob die Menschen vor Krieg, Armut oder Verfolgung im eigenen Land geflüchtet sind. Der Artikel 1 „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ gilt für alle Menschen auf der Welt.

Hinzu kommt noch, dass die jungen Menschen aus verschiedenen Kulturen und mit unterschiedlichen Biografien als „Masse“ wahrgenommen werden und nicht als Individuen. Das alleine ist schon eine Diskriminierung par excellence.

Ingrid Freimuth weiß, warum die Integration nicht klappt:

„Wir wollen ihnen helfen, machen aber keine Ansagen, was wir von ihnen wollen, sondern geben ihnen, was wir denken, das sie brauchen, dann können sie nicht auf die Idee kommen, dass hier Anpassung gefragt ist, dass hier Umlernen von vielen Deutschen gerne gesehen würde.“

Interessanterweise kommt Freimuth nicht auf die Idee, die jungen Menschen zu fragen, was sie brauchen. Vielleicht ist das ja etwas ganz anderes als wir denken? Allerdings ist das oftmals ein typisches Lehrer-(Erwachsenen-)verhalten (besser: Verhalten an Schulen) – viele Lehrer und Erwachsene wissen immer, was junge Menschen brauchen, die muss man nicht fragen, die haben zu tun, was ihnen gesagt wird. Freimuth scheint eine Lehrerin der „alten Schule“ zu sein und wundert sich nun, dass dieser, ihr gewohnter Umgang bei jungen Männern mit Migrationshintergrund nicht klappt beziehungsweise dass sie dort den Alpha-Wolf „spielen“ muss.

Sie beschwert sich darüber, dass die Schüler sich wie Machos aufführen, sie mit Blicken traktiert wird, die ihr fast körperliche Schmerzen bereiten. Ist sie einmal auf die Idee gekommen, so einen „Macho“ zu fragen, ob er überhaupt in Deutschland (und in einer deutschen Schule) sein will? Warum er und seine Eltern nach Deutschland geflüchtet sind? Ein offenes Gespräch geführt, auf Augenhöhe – fernab von Themen wie Deutschlernen und angemessenem Unterrichtsverhalten? Das ginge notfalls auch mit einem Dolmetscher.

Hat sie ihm gesagt, dass Deutschland mit zu den Täterländern gehört – also mit dafür verantwortlich ist, dass der Krieg in ihrem Heimatland überhaupt ausgebrochen ist? Das hat sie sehr wahrscheinlich nicht getan. Die Wut dieser jungen Männer über die eigene, nicht selbstverschuldete Lage ist nachvollziehbar, sowie das Unverständnis, und natürlich die ganz furchtbaren Gefühle von Ausgrenzung und nicht dazu zu gehören. Das ist eine enorme Kränkung, gelten doch gerade diese jungen Männer in ihren Herkunftsländern als die Säulen der Familie und der Gesellschaft und sie müssen sich dann erst recht aufplustern, um diese Kränkung auszuhalten beziehungsweise zu überspielen.

Warum sollen sie sich einer Kultur anpassen, in die sie freiwillig gar nicht geflüchtet wären; die mitgeholfen hat, ihre Heimat kaputt zu bomben oder auszubeuten und sich jetzt als bereitwilliger Helfer anbietet, allerdings nur unter der Bedingung, sich gefälligst unterzuordnen – das ist absurd.

Die Lösung für Aktham Suliman ist, diesen Machos zu zeigen, wo der „Hammer“ hängt. Am besten würde das gehen, wenn man den Vater in die Schule holt, der seinen Sohn vor versammelter Mannschaft – also vor seinen Mitschülern und vor seinem Lehrer – so richtig zusammenfaltet. Der Vater gelte in arabischen Ländern als eine Autoritätsperson und wenn der seinem Sohn die Leviten lese, dann sei Ruhe.

Auch Suliman sieht also das Hauptproblem bei den Kindern und Jugendlichen, die mal so richtig auf den Topf gesetzt werden müssten. Dass diese archaischen Methoden nichts zu tun haben mit einem gesunden Umgang mit Konflikten, Gewalt immer nur neue Gewalt schürt, und die Gleichwürdigkeit eines jeden Menschen hier mit Füßen getreten wird, das alles wird hier nicht thematisiert.

Das Problem sieht Suliman nur darin, dass der Vater in einem fremden Land seine Autorität verliert. Während junge Menschen ziemlich schnell eine fremde Sprache erlernen, fällt es den älteren Menschen oftmals wesentlich schwerer. Die jungen Menschen müssen dann für die Eltern übersetzen, das heißt die Eltern werden abhängig von ihren Töchtern und Söhnen.

Nur am Rande thematisiert werden die vielen unbegleiteten jungen Menschen, die in dieses Land kommen – wo die Eltern, die Geschwister, die Familie meist aus finanziellen Gründen nicht mitkommen konnten, und nun liegen alle Hoffnungen auf diesem einen Sohn – was für eine Bürde.

Der Wunsch von Frau Freimuth ist, dass die Lehrer wieder mehr Sanktionsmöglichkeiten bekommen, die auch nachhaltig wirken: Da schwebt ihr zum Beispiel eine Art Security vor, die auffällige Schüler in Gewahrsam nimmt beziehungsweise aus dem Raum führt und in einem extra Sanktionsraum unterbringt.

Ja, der Ruf nach Sanktionen ist immer der letzte Ausweg, wenn Menschen sich weigern, sich den Bedingungen anderer Menschen unterzuordnen – wie im Großen, so im Kleinen.

Wie war das doch gleich mit den Sanktionskeulen in Syrien, in Russland, im Iran, Venezuela und so weiter? Ach ja, die haben sich alle friedlich den Bedingungen des Westens untergeordnet – wie konnte ich das nur vergessen.

Bernd Lyon beklagt, dass den Kindern heute keine Werte mehr vermittelt werden. Seine Werte scheinen allerdings nicht über irgendwelche Höflichkeitsfloskeln wie „Bitte“, „Danke“, „Auf Wiedersehen“ oder die „richtige“ Ernährung hinaus zu gehen.

Während ich mir diese Sendung anhöre, denke ich nur: In welchem Jahrhundert leben wir eigentlich? Wenn Suliman der Meinung ist, alle jungen Menschen haben aufzustehen, wenn der Lehrer die Klasse betritt, und dürften sich erst wieder setzen, wenn sie dazu aufgefordert werden, dann fällt mir dazu ein, dass das bei uns vor noch gar nicht langer Zeit so war. Ich selbst musste noch aufstehen und durfte mich erst nach Anweisung wieder hinsetzen. Auch das gemeinsame „Guten Morgen, Herr Lehrer“ klingt mir noch in den Ohren. Ist es das, was wir wieder wollen? Gehorsam und Unterordnung ?

Mit Gehorsamkeit kennen wir uns gut aus, das ist uns vertraut, so wollen wir leben: immer pünktlich, immer höflich, immer angepasst und sich vermeintlichen Autoritäten unterordnen – egal, welcher Mensch sich hinter einer ernannten „Autorität“ versteckt, Hauptsache die Pose stimmt. Armes Deutschland kann ich da nur sagen – wir ersticken noch an unserer Untertanenmentalität!

Doch damit es nicht zu Missverständnissen kommt: Ich sehe die große Herausforderung, vor der viele LehrerInnen stehen. In ihren Vorbereitungs-Klassen sitzen junge Menschen, die völlig anders als hierzulande aufgewachsen sind, die verschiedene Sprachen sprechen und die sich daher noch nicht einmal untereinander (oder mit der Lehrkraft) verständigen können. Doch diese LehrerInnen sollen sie nach einem festen Lehrplan in großen Gruppen und 45-Minuten-Einheiten unterrichten.

Es kann nicht die Lösung sein, von den Jugendlichen zu verlangen, sie sollen alle schnell deutsch sprechen und sich unserem System entsprechend verhalten, das heißt fleißig lernen und bis zu sechs Stunden am Stück stillsitzen.

Solange wir in diesen alten Strukturen eines völlig überholten „Schulsystems“ feststecken, wird sich nichts ändern. Was wir stattdessen brauchen, sind Lernorte, die freiwillig besucht werden können und zwar von allen, auch von den Eltern und den jüngeren Geschwistern – denn wir können nicht ein Kind oder einen Teenager kennen lernen und integrieren – das eine ist übrigens die Voraussetzung für das andere! – und dabei sein Umfeld völlig außen vor lassen. Wenn ein Miteinander gelingen soll, dann muss die Bundesregierung endlich das entsprechende Geld zur Verfügung stellen und nicht darauf bauen, dass die ehrenamtlichen Helferteams oder die Lehrer der Vorbereitungsklassen schon irgendwie den Karren aus dem „Dreck“ ziehen.

Hier vor Ort musste ich in der Flüchtlingshilfe miterleben, wie die ehrenamtlichen Helferteams „ausbrannten“. Sie meinten es alle gut und konnten nicht verstehen, warum die jungen Menschen ihre Hilfsangebote nicht annahmen, sogar verweigerten.

Mir ist es ein Rätsel, warum die Lehrkräfte und die Helferteams das mit sich machen lassen, ihre eigene körperliche und psychische Grenze aufs Spiel setzen und nicht gemeinsam mit den Menschen aus anderen Ländern lautstark protestieren.

Denn überfordert, missverstanden und getriggert fühlen sich hier alle. Sich dies gegenseitig einzugestehen, das heißt, die „Masken“ und Rollenverständnisse — Ich bin dein „Lehrer“, dein „Flüchtlingshelfer“— abzulegen, würde etwas bewirken: Begegnungen von Mensch zu Mensch, so wie es hier durch einen Lehrer, der eigentlich gar keiner ist, toll gezeigt wird.


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