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Das Paris des Nahen Ostens

Das Paris des Nahen Ostens

Eine Liebeserklärung an die „verrückte“ Stadt Beirut.

Beirut ist verrückt! Es ist der totale Wahnsinn. Und das ist keine Beleidigung — die Bewohner dieser Nahost-Metropole sind stolz auf ihre eigene Verrücktheit. Sie tragen sie als Rüstung, als ihre Identität.

„Magst Du Beirut?“
„Ja, aber es ist verrückt“, antwortest du.
„Ja!!!“ Sie grinsen dich verzückt an. Dies bedeutet, dass du verstehst und nun dazu gehörst.

Paris des Nahen Ostens

Mein Leben ist seit exakt fünf Jahren mit dieser Stadt verbunden. Ich lebe nicht ständig hier, aber doch zumindest einen erheblichen Teil meiner Zeit. Wie jeder, der hier lebt, liebe ich Beirut — und hasse es auch. Leidenschaftlich, wie sonst? Es fasziniert mich, kränkt mich, entrüstet mich, manchmal bin ich verliebt in Beirut, manchmal stößt es mich ab.

Selbstverständlich ist es Beirut egal, was ich fühle, was wir fühlen, was irgendjemand fühlt. Es steht über uns — selbstsüchtig, launisch, unverschämt. Es leidet an einem Überlegenheitskomplex, der einen verrückt macht. Es ist davon überzeugt, das „Paris des Nahen Ostens“ zu sein — vielleicht auch, dass Paris das „Beirut Europas“ ist — und die einzige Stadt in der Region, die zumindest etwas Hirn, Stil und Talent besitzt.

Es wurde überfallen, bis auf die Grundmauern zerbombt und in Kriegen und Konflikten zertrümmert; es wurde von Religionen gespalten und von Einwanderern überwältigt; es brach wirtschaftlich und sozial zusammen, konnte seine Schulden nicht mehr begleichen, deckte sich phasenweise mit Müll wie mit einer Decke zu, verriet seine Leute mit Strom- und Wasserausfällen, lähmte seine Straßen mit Staus — und doch steht es noch immer hier, zuversichtlich, manche würden sagen arrogant, aber aufrecht, in Selbstvertrauen und Schönheit, niemals besiegt und immer stolz. Ja, selbst auf die Knie gezwungen noch immer stolz.

Beirut ist wie keine andere Stadt im Nahen Osten — wie keine andere Stadt auf der ganzen Welt. Dies ist weder Kritik noch Kompliment — es ist einfach eine Tatsache.

Lassen Sie mich also diesen unglaublichen Ort beschreiben. Lassen Sie mich seinem Wahnsinn Tribut zollen.

Konsequent kapitalistisch

Abgesehen von den Golfstaaten und Indonesien kenne ich keinen anderen Ort weltweit, der so gewissenhaft kapitalistisch, selbstsüchtig und besessen von Profiten und der Zurschaustellung von Reichtum ist.

Die Protzigkeit Beiruts ist so extrem, dass sie irgendwie gar nicht ernstgenommen werden kann — sie scheint grotesk und surreal. Hier können elende Slums direkt neben Vierteln wie Achrafieh oder Verdun liegen, die so reich sind, dass sie so manche Zentren europäischer Hauptstädte beschämen.

In Beirut zahlt man für ein Dinner, das in Paris vierzehn Euro kostet, fünfzig Dollar, und für ein Lacoste-Poloshirt legt man locker 220 Dollar hin.

Geld spielt keine Rolle. Jene, die es besitzen, arbeiten kaum dafür. Die Reichen Libanons profitieren vom Bankensektor, von der Plünderung der Rohstoffe Westafrikas, von der Herstellung von Drogen im Beqaa-Tal und von Überweisungen. Die libanesische Diaspora ist enorm: Es leben viel mehr Libanesen im Ausland — in Süd- und Nordamerika, Europa, Australien, am Golf und anderswo — als im Libanon selbst. Allein Brasilien haben fünf bis sieben Millionen Libanesen zu ihrer neuen Heimat gemacht.

Die unsichtbare Minderheit

Jene, die kein Geld haben, spielen überhaupt keine Rolle. Sie existieren schlicht nicht. Niemand spricht über sie, die Medien schreiben nicht über sie, es gibt kaum öffentliche Verkehrsmittel, mit denen sie sich in der Stadt bewegen können. Sie bilden eine unsichtbare Minderheit oder vielleicht auch Mehrheit. Keiner kennt ihre genaue Anzahl, da der Libanon keine Volkszählungen durchführt — um den Frieden zwischen den Christen und Muslimen nicht „zu stören“.

Nur etwa 60 Prozent der Libanesen schicken ihre Kinder auf öffentliche Schulen — und die öffentliche Bildung ist furchtbar, sowohl was die Infrastruktur als auch die Qualität der Lehrer betrifft.

Prunksucht

Wenn ich mit meinem VW Käfer nach Hause fahre, habe ich entsetzliche Angst, Lotusse, Lamborghinis oder Porsches anzufahren, die gemütlich am Straßenrand geparkt sind. Die Einwohner Beiruts würden alles tun, um anzugeben: Es ist allseits bekannt, dass junge Leute oft weiterhin im Elternhaus wohnen und jeden Cent sparen, um sich Luxusgüter zu kaufen — oft auch schlecht instand gehaltene Autos. Um dann auf sich aufmerksam zu machen, entfernen sie oft den Auspufftopf und bringen seltsame Aufkleber an den Stoßstangen an, zum Beispiel: „Lauter als deine Mutter letzte Nacht!“

In der Luxus-Marina an der Zaituna Bay liegen so manche Luxusjachten. Eine von ihnen hat einen vielsagenden, am Heck aufgemalten Namen: „Danke, Papa III“. Also muss es auch irgendwo „Danke, Papa I“ und „Danke, Papa II“ geben.

„Umgekehrter Snobismus“ (also der Stolz darauf, zum einfachen Volk zu gehören; Anmerkung der Übersetzerin) ist hier unbekannt. Selbst die Kellner und Angestellten von Parkdiensten kleiden sich in die neuesten Modelle von Armani und Hugo Boss. Sich in Schale zu werfen ist hier eine weitere Obsession.

Jedes Detail ist in Beirut wichtig: angefangen von da, wo man lebt, bis dahin, woher man kommt. Vom Nagellack bis zu Universitätsabschlüssen, vom Auto, das man fährt, bis zu dem Ort, wo man seine Ferien verbringt.

Haussklaven

„Hausangestellte“ sind auch sehr wichtig. Asiatische und afrikanische Hausmädchen sind Statussymbole. Sie werden in Einkaufszentren, Restaurants und eleganten Cafés wie Schmuck, Autos oder teure Uhren präsentiert. Wenn Reiche nicht mit ihrem äthiopischen, philippinischen oder kenianischen Hausmädchen angeben können, fehlt ihnen etwas. Und je mehr davon, desto besser. Hausmädchen machen alles für die gehobene Mittelklasse und die Eliten: Sie kümmern sich um die Kinder, führen die Hunde spazieren, putzen, kaufen ein, kochen und stehen auch für andere, anstößige Dienste zur Verfügung, über die man besser schweigt.

Körperlicher Missbrauch von ausländischen Arbeitskräften ist hier an der Tagesordnung, während das rückschrittliche Kafala-System, das in den Golfstaaten üblich ist, auch hier noch immer etabliert ist *(Die Kafala ist ein System, in dem der Arbeitgeber eines ausländischen Arbeitnehmers für diesen eine Art „Bürgschaft“ übernimmt; er ist für die Einreise- und Arbeitsformalitäten zuständig. Da der Arbeitgeber den Pass des Arbeitnehmers einbehält, dieser so gut wie keinen gesetzlichen Schutz genießt und somit oft in ein sklavenartiges Abhängigkeitsverhältnis gerät, birgt dieses System ein großes Risiko vor allem für wenig gebildete Arbeitskräfte aus dem Ausland; Anmerkung der Übersetzerin).

Die Behandlung palästinensischer Flüchtlinge ist entsetzlich. Jahrzehntelang leben sie nun schon in riesigen Lagern — in Ghettos, mit eingeschränkten Rechten und einer sehr eingeschränkten Auswahl von Berufen, die sie legal ausüben dürfen.

Klingt das bis jetzt wie die Hölle auf Erden? Ist es aber nicht. Und dies ist tatsächlich ein Rätsel — nicht nur für den, der dies schreibt, sondern auch für viele Libanesen.

Leben auf der Überholspur

Was den Libanon rettet, ist die Leidenschaft seiner Einwohner für das Leben. Individuen aller Gesellschaftsklassen, aller Religionen sowie jene, welche die Religionen verachten, leben hier mit Vollgas und genießen jeden Moment und jede Gelegenheit, die sich ihnen bietet. Das Leben wird oft auf manische Weise gelebt, aber man schöpft dabei aus dem Vollen.

Es ist auch der Humor der Stadt, der dabei hilft, klarzukommen — dunkler, respektloser Humor, politisch inkorrekt, selbstabwertend und doch gleichzeitig ausgesprochen anspruchsvoll.

Kunst und Kultur — mutig und kostenlos

Trotz unzähliger gesellschaftlicher Gebrechen ist dies mit Abstand die schickste und gebildetste Stadt in der gesamten arabischen Welt. Hier werden die besten Filme gedreht und die besten Bücher veröffentlicht. Der links orientierte Fernsehsender Al-Mayadeen, der enge Verbindungen zum venezolanischen Telesur unterhält, sendet von hier aus in die gesamte arabische Welt. Und die mutige, panarabische Zeitung Al-Akhbar kommt auch von hier.

Fairuz, die berühmteste panarabische Sängerin, stammt von hier.

Die beste Universität in der arabischen Region, die American University of Beirut (AUB), an der zum Beispiel eine der besten modernen Architektinnen, die Irakerin Zaha Hadid, studiert hat, befindet sich hier — nahe der Corniche. Trotz ihres Namens hat sie heute nur noch lose Verbindungen zu den USA.

Libanesische Kunst trägt viel dazu bei, dieses Land zusammen und am Leben zu halten.

Lokale Filmemacher und Künstler ruhen sich nicht auf ihren Lorbeeren aus — die kreativen Schwingungen in Beirut sind mit den großen intellektuellen Aufbrüchen in Europa und Japan in den 1950-er und 1960-er Jahren, in Lateinamerika in den 1970-er Jahren und den heutigen in China und dem Iran vergleichbar.

Wenn etwas Schlechtes oder Kontroverses in dieser Stadt geschieht, wird es niemals unter den Teppich gekehrt — im Gegenteil: es wird auf Filmleinwänden und in Büchern exponiert und herausgeschrien.

Fast alle negativen Themen, die ich oben erwähnt habe, werden beschrieben und gefilmt — freimütig und beherzt.

Die beiden vielleicht „ikonischsten“ zeitgenössischen libanesischen Filme — „The Insult“ (Die Beleidigung), 2017 von Ziad Doueiri, und „Capernaum“, 2018 von Nadine Labaki gedreht — behandeln Themen, die fast nirgends sonst auf der Welt direkt angesprochen werden könnten.

Als Film mit fast unvorstellbarer Kraft kommt „The Insult“ auf die furchtbare neuere Geschichte des Libanon zurück — auf Massaker während des Bürgerkriegs, Hass zwischen religiösen Gemeinschaften, die dauerhafte „palästinensische Frage“, Diskriminierung sowie die Zerbrechlichkeit des heutigen „Friedens“. Menschen kämpfen, schreien, beleidigen öffentlich — so, wie es auch in Wirklichkeit geschieht. Die Produktion eines Filmes wie diesem würde in Frankreich oder den USA nie gestattet — sind dies doch Länder, die von „politischer Korrektheit“ und Zensur besessen sind.

In „Capernaum“ geht es um einen Jungen, der aus dem Gefängnis heraus versucht, seine Eltern dafür zu verklagen, ihn auf diese Welt gebracht zu haben. Es geht um Armut, religiöse Heuchelei, eigennützige Fortpflanzung, Kindesmissbrauch, aber auch um das schreckliche Schicksal äthiopischer Hausangestellter in diesem Land. Frau Labaki ist eine herausragende Regisseurin — in ihrem neuesten Film bewies sie aber auch, dass sie ein wunderbares, mitfühlendes und mutiges menschliches Wesen ist.

Ja, in Beirut wimmelt es von korrupten, arroganten Individuen. Es ist aber auch eine Stadt, in der Menschen mit Herz leben. Das muss man verstehen! Widersprüche finden sich überall — es ist eine Stadt, in der man leicht von einem Auto angefahren werden kann, während man die Straße überquert, weil der Fahrer es einfach eilig hatte oder mit seinem Handy spielte. Gleichzeitig ist dies aber auch eine Stadt, in der dir immer Leute zu Hilfe eilen, wenn du hinfällst.

Dasselbe kann man über Beiruts Intellektuelle und Künstler sagen. Manche sind eingebildet, hochnäsig und prätentiös. Viele sind aber auch ungeheuer mitfühlend und leidenschaftlich davon besessen, sich für Gerechtigkeit einzusetzen. Und mutig.

Beirut im Sommer — Familienzeit

Jeden Sommer — und die Sommer sind hier lang — kommen Millionen von Familien aus der libanesischen Diaspora „nach Hause“. Sie kommen aus Brasilien oder Australien angeflogen, aus den USA und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Auf der berühmten Corniche — die kilometerlange Seepromenade im Zentrum Beiruts — sind dann Dutzende von Sprachen zu hören, weil das libanesische Volk überall lebt, auf der ganzen Welt. Die meisten können jedoch nicht ohne den Libanon leben. Wo auch immer sie sind, sie kommen in ihr Geburtsland zurück, um ihre geliebten Zedern zu berühren, Fatoush (eine libanesische Spezialität: Salat mit Minze und gerösteten Brotstückchen; Anmerkung der Übersetzerin) zu essen, Musik zu hören und mit ihren Angehörigen zusammen zu sein.

Die Schlangen bei den Sicherheitskontrollen am Rafik Hariri Flughafen haben manchmal eine Wartezeit von einer Stunde. Familien werden wieder vereint; herzzerreißende Szenen können sowohl bei der Ankunft als auch beim Abflug beobachtet werden.

Während dieser Monate blüht die Stadt auf. Hunderte Millionen Dollar werden hier in kürzester Zeit ausgegeben, Wohlstand wird zur Schau gestellt, Geschenke ausgetauscht. Alles in allem ist der Libanon eine sehr talentierte Nation. Die meisten Libanesen, die im Ausland leben, sind außerordentlich wohlhabend.

In Brasilien gibt es mehrere berühmte politische Familien libanesischen Ursprungs — sowohl im rechten (Expräsident Michel Temer) als auch im linken (seit neuestem der Präsidentschaftskandidat seiner Arbeiterpartei PT, Fernando Hadat) Spektrum. Im Libanon geborene oder per Abstammung libanesische Persönlichkeiten brillieren in verschiedenen Bereichen — Elie Saab im Design, Shakira in der Musik, (…), Salma Hayek in der Filmindustrie, Carlos Slim, CIO (Chief Information Officer, Leiter der IT; Anmerkung der Übersetzerin) von Telmex, in der Geschäftswelt, um nur ein paar zu nennen.

Unglücklicherweise gibt es jedoch auch jene, welche als Drogenbarone und zwielichtige Gestalten in der Geschäftswelt — und hier vor allem als Plünderer der Rohstoffe in Westafrika — eine fragwürdige Berühmtheit erlangt haben.

Doch von wo auch immer sie zurückkehren, welches auch immer ihre soziale Stellung ist — sie alle wollen Spaß haben, extremen Spaß, wahnwitzigen Spaß. Und ihre ansässigen Verwandten tun ihr Möglichstes, um enorme Parties zu veranstalten.

Kunstfestivals

Im Sommer finden deswegen über das ganze Land verteilt einige der besten internationalen Kunst-Festivals der Welt statt — die meisten davon außerhalb der Hauptstadt, vor so atemberaubenden Kulissen wie dem Weltkulturerbe von Baalbek im Beqaa-Tal oder in Byblos, einer der ältesten Städte der Welt. Einige der berühmtesten Sänger, Musiker und andere Künstler fallen dann im Libanon ein und bieten alles dar — von klassischer westlicher und arabischer Musik bis zu lateinamerikanischen Balladen.

In Beirut werden ganze Plätze für den normalen Verkehr gesperrt, auf denen dann riesige kostenlose Musikveranstaltungen für die Öffentlichkeit stattfinden. In der Nähe der alten römischen Badeanlagen sitzen Menschen auf den Treppen und lauschen Live-Jazz-Konzerten. Auf den Treppen des Heiligen Nikolaus werden auf unzähligen Leinwänden kurze Kunstfilme aus der ganzen Welt gezeigt — ebenfalls kostenlos.

Überall in der Stadt wird pausenlos gefeiert, mit Feuerwerken und feierlichem In-die-Luft-Schießen — letzteres ist verboten, aber wen interessiert das schon!

Die Stadt wird zur Partymeile

Im Sommer füllt die schicke Schar unzählige Klubs — Swimmingpools — an den Ufern des Mittelmeers. Die Menschen rauchen, trinken Martinis, flirten im Wasser. Der Rauch von Wasserpfeifen — Shishas — ist überall. Trendige Bars in Hamra und Mar Michael sind so überfüllt, dass Gäste auf die Gehwege ausweichen.

Selbst während des Ramadans hält das Leben hier nicht den Atem an. Nichts ist tabu. Zu „Beginn von Beiruts Hochsaison“ ist bereits Ramadan. Schick gekleidete Männer und Frauen mit kurzen Röcken trinken Cocktails und tanzen zu den verrückten Rhythmen — direkt an der Zaituna-Bucht, in Sichtweite der frommen muslimischen Familien, die hier ihren abendlichen Spaziergang machen. Wen kümmert‘s? Die Menschen koexistieren. Jene, die glauben und jene, die an nichts glauben, müssen lernen, sich gegenseitig zu tolerieren und zu respektieren. Dies gelingt nicht immer, aber meistens.

Es ist durch und durch verrückt, ja. Es ist ein bisschen wie Istanbul, doch auch anders. In Wirklichkeit ist Beirut wie keine andere Stadt auf der Welt. Seine Verrücktheit kann niemals kopiert werden.

Es ist eine Stadt, die Kriege, Besatzungen und entsetzliches Leid überlebt hat. Es ist eine Stadt, die Menschen aus dieser ganzen verheerten, leidgeprüften Region anzieht. Anstatt zu weinen, winkt sie und streckt ihren Finger in die Luft. Sie will leben, das Leben feiern, so lange sie kann — bevor ein nächster ungeheuerlicher Konflikt wieder Tausende von Leben fordert und alle Träume zerstört.

Identitäten und Feindbilder

Die meisten der gebildeten Bewohner Beiruts sind trilingual — sie mischen Arabisch, Englisch und Französisch. In einem einzigen Satz stehen drei Sprachen nebeneinander: „Please help me with my bag, habibi, s’il vous plait“ („Hilf mir bitte mit meiner Tasche, Liebling, bitte“).

Nicht nur die Sprache ist hier verwirrend. Die gesamte Identität der Bewohner Beiruts ist befremdlich. Ich hörte, wie Menschen sehnsüchtig von der französischen Kolonialherrschaft sprachen. Regelmäßig höre ich Hasstiraden gegen Palästinenser. Ein echter Bewohner Beiruts hasst mindestens eine Gruppe von Menschen, eine Religion oder eine Nation, meistens jedoch viel mehr als eine. Es gibt hier viele „Lieblings“-Kandidaten, die man hassen kann, meist jedoch gehören die USA, Israel, Saudi-Arabien, Iran, die Palästinenser und — erschrecken Sie nicht! — der Libanon und Beirut dazu.

Wenn die Bürger Beiruts hassen, dann hassen sie so richtig, und sie haben Schneid! Der Libanon ist noch immer das einzige Land, das öffentlich Wirtschaftssanktionen gegen die USA fordert — wegen deren Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels. Zudem hat der libanesische Außenminister bekanntgegeben, dass der Libanon den von den USA unterstützten „Wirtschaftsgipfel“ im Juni 2019 boykottieren werde, an dem die USA planen, ihren berüchtigten „Friedensplan“ für den Nahen Osten zu enthüllen.

Wohin gehören denn die Bewohner Beiruts? Überall und nirgends — es ist das „Universum Beirut“, ein Planet. Ist ihre Stadt progressiv oder faschistisch? Beides.

Es gibt so viele Vorstellungen und Meinungen wie es Einwohner in Beirut gibt. Die Menschen hier werden sich nie einig — egal, worum es geht. Und ich habe den Eindruck, dass es ihnen genau so gefällt.

Hier herrschen dauernd Chaos und Streit. Oft gibt es keine Regierung. Fast jeder an der Macht ist korrupt. Aus allem wird hier Geld gemacht: aus Banken, syrischen Flüchtlingen, Drogen, der Ausreise syrischer Flüchtlinge, der Speichelleckerei dem Westen gegenüber, dem Widerstand gegen den Westen. Nichts funktioniert hier. Und dennoch überlebt die Stadt irgendwie. Überall wird gebaut. Überall ist Musik zu hören, dauernd feierliches Schießen.

Es gibt kaum kommunale Leistungen in Beirut — keinen öffentlichen Nahverkehr, eine katastrophale Müllabfuhr. Die Türken stellen riesige Schiffe — schwimmende Kraftwerke — bereit, um bei den berüchtigten Stromausfällen auszuhelfen.

Aber riesige Seepromenaden stehen für alle kostenlos zur Verfügung; monumentale Kulturveranstaltungen sind auch meist kostenlos. Sursok, eines der besten Museen des Nahen Ostens, verlangt keinen Eintritt — wie auch die meisten anderen Kunstinstitutionen. Die öffentliche Gesundheitsversorgung ist auf dem Weg der Besserung — dank des neuen Ministers, der Mitglied der Hisbollah ist.

Viele Beiruter Intellektuelle sind entweder Atheisten oder gänzlich laizistisch, und Unzählige können als politisch links eingestuft werden.

Es ist eine Achterbahn — auf und ab, steil hoch, schwindelerregend runter.

Der Gefahr ins Gesicht lachen

Israelische Düsenjäger fliegen auf ihrem Weg zu den Bombardierungen Syriens illegal über den Libanon, aber hier unten geht das Leben weiter. Libanon hat keine nennenswerte Luftwaffe, und seine Luftabwehr ist schlicht lächerlich. Israelische Düsenflieger dröhnen über Beirut hinweg, die Menschen jedoch gehen weiter ins Kino, zum Tanzen, in unzählige Buchläden.

Es ist eine erstaunlich sichere Stadt. Es gibt hier kaum Gewaltverbrechen. Mit politischer Gewalt muss man immer rechnen, aber verglichen mit den Kriminalitätsraten von London oder Paris ist Beirut eine völlig ruhige und sichere Stadt.

Hier wird alles als unwichtig abgewunken. Du beschwerst dich? Chalas! Genug!

Solange die Israelis irgendwo da oben fliegen, geht das Leben weiter. Sollten sie über die Grenzen kommen, wird sich das Land vereinen und den heldenhaften Kampf um sein Überleben wieder aufnehmen.

In Beirut wird das Leben an sich niemals als selbstverständlich angesehen. Zuviel ist bereits verloren gegangen. Jederzeit kann noch mehr weggenommen werden. Syrien nebenan steht in Flammen. Israel ist immer präsent, sein Einmarsch stets drohend.

Millionen syrischer Flüchtlinge erinnern den winzigen Libanon an Krieg und Leiden. Noch immer überfluten Syrer Beirut, auf der Flucht vor einem vom Ausland begonnenen, furchtbaren Krieg.

Beirut hat vielen Syrern geholfen — und damit Geld verdient. Es hat auch etwas verloren. Hier gibt es kein Schwarz-Weiß. Ein großes Abwinken — zur Hölle mit allem! Das Leben geht weiter.

„Zur Hölle mit allem!“ — das könnte leicht das Motto der libanesischen Hauptstadt sein.

Hier wird immer geschrien und durch Tränen hindurch gelacht. Halte niemals an, schau niemals zurück — sonst wirst Du aufheulen, auf Rache sinnen oder dich schlicht vor Schmerz krümmen.

Eine der großen Institutionen der Stadt ist eine alte Villa — Beit Beirut —an der „Green Line“ Beiruts, die gespickt ist mit Einschlagslöchern und eingestürzten Wänden, die nun mit Beton, Glas und Stahl aufgefüllt wurden. Es ist ein architektonisch atemberaubendes und schauriges Denkmal an eine Vergangenheit, in der sich Christen und Muslime bewaffnet gegenüberstanden.

Ja, das Leben geht weiter! Nur — wie lange? Niemand weiß es, niemand will es wissen. Noch feiert eine der aufregendsten und verrücktesten Städte trotzig und stilvoll ihre Farben und Töne. Nur darauf kommt es an.

Es könnte Wahnsinn genannt werden — es könnte auch Leben genannt werden — à la Beirut!


Redaktionelle Anmerkung: Dieser Text erschien zuerst unter dem Titel „Tribute To Beirut Madness“. Er wurde von Gabriele Herb aus dem ehrenamtlichen Rubikon-Übersetzungsteam übersetzt und vom ehrenamtlichen Rubikon-Korrektoratsteam lektoriert.

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