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Das Nuklear-Klima

Das Nuklear-Klima

Die beiden größten Bedrohungen für das Überleben der Menschheit und den Planeten Erde hängen eng miteinander zusammen: die zunehmende globale Erwärmung und ein drohender atomarer Krieg.

Die Staaten der Weltgemeinschaft haben viele Probleme miteinander. Daran haben wir uns gewöhnt. Regierungen versuchen, sie auf unterschiedliche Weise zu bearbeiten mit Methoden, die von Kooperation über diplomatische Initiativen bis hin zu Kriegen reichen. Selbst Kriege sind alltäglich geworden. Wer dagegen opponiert, wird zum Schweigen gebracht: „So ist die Welt eben. Wer will das denn ändern? Du etwa?“

Es gibt aber mindestens zwei Probleme, die so existentiell sind, dass sie das Überleben aller Staaten bedrohen. Und außerdem die menschliche Zivilisation sowie das globale Ökosystem.

Das sind Nuklearkrieg und Klimabruch.

Nuklearkrieg als Schicksal?

Der Nuklearkrieg droht seit 1945, spätestens aber seit 1949, seit es zwei Nuklearmächte gab, USA und UdSSR, die um die Vorherrschaft kämpften. Seit der Entwicklung der Wasserstoffbombe geht es um Overkill — so wird die mehrfach mögliche totale Zerstörung des Gegners genannt, de facto des menschlichen Lebensraumes auf dem Planeten Erde.

Der Zeitraum dieses organisierten Wahnsinns umfasst den gesamten Kalten Krieg sowie die folgenden 30 Zwischenkriegsjahre bis heute, die man seit einiger Zeit als „Neuen Kalten Krieg“ bezeichnet. Im Neuen Kalten Krieg wird verstärkt gezündelt.

Alles, was schiefgehen kann, wird irgendwann schiefgehen. Die Frage ist nicht, ob es schiefgeht, sondern wann. Wir haben uns an das Leben unter dem Damoklesschwert Atomkrieg fatalerweise so gewöhnt, dass wir nicht opponieren.

Das war nicht immer so. In den 80er Jahren demonstrierten eine halbe Million Menschen im Bonner Hofgarten. Aber es ist jetzt so.

Beim Ausbruch eines totalen Nuklearkrieges tritt die planetare Katastrophe innerhalb kürzester Zeit ein.

Erderhitzung als Existenzbedrohung

Der Klimabruch wurde von der Wissenschaft Anfang der 70er Jahre zum ersten Mal thematisiert. Er ist ein Problem, das nicht in die Zeitabläufe und die Methodik politischer Prozesse passt. Es wächst ständig, insbesondere seit den 40er Jahren, aber so langsam, dass es kaum auffällt. Seit 1990, seit den ersten politischen Lösungsversuchen ist nichts Wesentliches passiert, trotz diverser Abkommen. 60 Prozent des ausgestoßenen CO2 sind seit 1990 produziert worden (1). Also seit einem Zeitpunkt, an dem die Sachlage klar war und über Lösungen bereits diskutiert wurde.

Es ist seitdem viel Zeit verplempert worden, die jetzt fehlt. Mittlerweile bräuchte es eine massive, radikale Umwandlung, eine fundamentale Änderung der Energie- und Industrieproduktion, des Verkehrs, der Bauwirtschaft, der Landwirtschaft und Tierhaltung, der Nahrungsgewohnheiten, des Wasserverbrauchs und so weiter. Mit anderen Worten: eine Umstellung, wie sie bisher nur in Kriegszeiten möglich war.

Der Krieg wird von der Bevölkerung als Auslöser für einen Umbruch leichter akzeptiert, weil die Bedrohung unmittelbar und eindeutig ist. Es geht um Leben und Tod, im Hier und Jetzt. Beim Klimabruch weiß man nicht, auf wen man schießen soll, und die Bedrohung wächst unmerklich, sie ist diffus. Klimawandel gab es doch schon immer. Da kann er doch kein Grund zur Panik sein?

Trotzdem. Wir wissen es alle. Die Schrift an der Wand, das Menetekel, erscheint immer öfter und wird immer klarer. Aber wir wollen es nicht wahrhaben. Es wäre sehr viel einfacher, wenn Klima-Greta nicht der Übersetzer des Menetekels wäre, sondern ein Produkt der Globalisten. Das Klimaproblem wäre keines, wenn es genügen würde, Greta und die Klimakirche zu „durchschauen“. Den Betrug der Linken und der Wissenschaft an der Bevölkerung aufzudecken. Dann müsste man gar nichts machen, außer in Facebook im Chor der „Skeptiker“ mitzumeckern und auf Trollparties mitzumachen.

Klimabruch und Psychologie

Es ist vielleicht auch ein psychologisches Problem. Wir wollen ja auch nicht ständig daran erinnert werden, dass der Rollator näher rückt und wir sterblich sind. Das ist schlimm genug. Wer will sich noch zusätzlich damit beschäftigen, dass vielleicht das ganze System sterblich ist?

Und doch, die Bundesbürger kommen nicht daran vorbei: Da stimmt etwas nicht mehr mit dem Wetter. Ein Sommer mit über 40 Grad in Deutschland. In der Türkei über 50. Es gibt genügend Menschen in Deutschland, die über die Hitze in der Türkei berichten können. Manche sogar über den Irak, wo die Schwachen und Armen an der Hitze sterben, weil sie sich keine Klimaanlagen leisten können. Wer eine Klimaanlage besitzt, leidet manchmal trotzdem, weil die Elektrizität nach der Befreiung von Saddam Hussein und der Implementierung des Neoliberalismus immer noch nicht funktioniert, genau wie die Wasserversorgung. Im Irak gibt es eine neue gesellschaftliche Realität: die Klima-Apartheid (2).

Die Bundesbürger haben bereits 2018 bemerkt, dass etwas schief läuft mit dem Sommerwetter. Fünf Monate kein Regen, gelbe Blätter im Sommer. Kaum noch Schmetterlinge. Saubere Windschutzscheiben bei Autofahrten von Hamburg nach München. Trockenheit. Ab dem September 2018 legten die Grünen um mehr als 10 Prozent zu. Die Europawahl war eine Protestwahl. Die Grünen sind eine Art Klima-AfD. Sie werden niemanden retten. Dazu bräuchte es einen fundamentalen Kurswechsel.

Die Gefahr der Atomwaffen

Wir haben uns an die Gefahr der Atomwaffen gewöhnt. Wer einen Tiger in seinem Wohnzimmer beherbergte und seine Kinder mit ihm allein ließe, würde kaum als vernünftig und realistisch eingestuft werden. Dass dieses Verhalten Wahnsinn gleichkäme, einer Einladung zur Katastrophe, ist selbsterklärend.

Atomwaffen hingegen werden nicht als Tiger betrachtet.

Obwohl ein Fehler, ein Unfall, ein schrecklicher Irrtum genügen würden, um die Welt auszulöschen, haben Atomwaffen den Nimbus, seit 1945 für Frieden gesorgt zu haben. Das Argument lautet: Weil sie so schrecklich sind, wurden sie nicht eingesetzt.

Bis in die 90er Jahre hieß es oft, ohne Atomwaffen hätte es schon längst Krieg gegeben. Jetzt ist der Krieg Alltag und der militärisch-industrielle Komplex arbeitet daran, auch Atomwaffen einsetzen zu können. Warum keine Mini-Nukes, wenn doch konventionelle Bomben wie die MOAB eingesetzt werden (Mutter aller Bomben), die ihnen in Sprengkraft kaum nachstehen. Die Rationalisierung dient dazu, die Grenze wegzureden.

Die Geschichte der Atomwaffen beginnt mit einem verdrängten Zivilisationsbruch. Der „Einsatz“ der Atomwaffen über Hiroshima und Nagasaki war die Vernichtung vorher absichtlich verschonter Städte. Sie waren verschont worden, weil sie keine militärischen Ziele waren, und weil so die Wirkung der Bomben auf Menschen und Gebäude erprobt werden konnte. Es gab eine Uranbombe und eine Plutoniumbombe. Zwei Bauarten. Deswegen wurden beide Bomben kurz nacheinander abgeworfen, ohne abzuwarten, ob die Japaner kapitulieren würden. Es war ein Feldexperiment. Der Zweck war nicht, wie seitdem berichtet wird, den Krieg gegen die Japaner zu gewinnen. Die Militärs waren sich einig, dass der Krieg gewonnen war. Es brauchte keinen Atombombenabwurf mehr.

Das Problem war eher, dass der Krieg zu Ende gehen könnte, bevor man die Bomben ausprobieren konnte. Paul Nitze, Vize-Vorsitzender der Kommission zur Auswertung des strategischen Bombenkrieges, stellte nach dem 2. Weltkrieg fest:

„Basierend auf einer detaillierten Untersuchung aller Fakten und unterstützt durch die Zeugenaussagen der japanischen Führung kam die Auswertungskommission zu dem Ergebnis, dass Japan sicher vor dem 31. Dezember 1945 und aller Wahrscheinlichkeit nach vor dem 1. November 1945 kapituliert hätte, auch wenn die Atombomben nicht abgeworfen worden wären, selbst wenn Russland nicht in den Krieg eingetreten wäre, und sogar wenn keine Invasion geplant oder erwogen worden wäre.“

Der Abwurf der Atombomben war der erste Angriff des Kalten Krieges (3).

Es gibt viele Äußerungen, vor allem von Militärs, denen die Grenzüberschreitung eines Einsatzes von Atomwaffen gegen die Zivilbevölkerung klar war. Admiral William D. Leahy, Stabschef unter den beiden US-Kriegspräsidenten Roosevelt und Truman, sagte:

„Mein Empfinden ist, dass wir, indem wir die ersten waren, die so etwas eingesetzt haben, den ethischen Standard der Barbaren des finsteren Zeitalters übernommen hatten. Man hat mich nicht gelehrt, Krieg in dieser Weise zu führen, und Kriege können nicht durch die Vernichtung von Frauen und Kindern gewonnen werden“ (4).

Staatsterrorismus mit Massenvernichtungsmitteln

Atomwaffen sind keine Waffen. Sie sind Massenvernichtungsmittel. Die Regierungen drohen mit der Vernichtung von Männern, Frauen, Kindern, Tieren, der Umwelt, der Vernichtung der Zivilisation, mit der Unbewohnbarkeit des Planeten Erde.

Die Definition von Terrorismus lautet: Androhung oder Durchführung von Gewaltaktionen zur Erreichung eines politischen Zieles. Die Androhung eines Atomkrieges ist Staatsterrorismus.
Wir scheuen davor zurück, das klar zu benennen. Staatsterrorismus, Regierungen als Terroristen — das passt nicht ins Bild.

Tatsache ist, dass es noch nicht einmal eines verbrecherischen Einsatzbefehles zur Vernichtung der Welt bedürfte. Es hat viele Unfälle und Fehler gegeben, die fast zum 3. Weltkrieg geführt hätten. Able Archer, die Kubakrise und die Heldentat von Stanislaw Petrow, als in der UdSSR das Frühwarnsystem einen Angriff der USA meldete und Petrow entschied, die Befehlskette nicht in Gang zu setzen, sind bekannt.

Erst 2013 wurde bekannt, dass die Ostküste der USA 1961 fast von der Explosion einer Wasserstoffbombe verstrahlt worden wäre. Ein B-52-Bomber war in der Luft nach einem misslungenen Betankungsmanöver zerbrochen, seine Wasserstoffbomben sanken an Fallschirmen zu Boden. Bei einer Mk39s-Atombombe versagte ein komplizierter Sicherheitsmechanismus nach dem anderen, der in so einem Fall eine unbeabsichtigte Explosion verhindern sollte. Es war ein billiger, vierter, letzter Schalter, der zwischen dem nuklearen Holocaust und dem glücklichen Ausgang stand. Die Bombe hatte eine Sprengkraft von 4 Megatonnen, das ist die 260fache Stärke der Hiroshima-Bombe (5).

Murphys Law

Alles, was schiefgehen kann, wird irgendwann schiefgehen. Murphys Gesetz gilt auch für Nuklearwaffen. Die Frage ist nicht, ob es zu einem Atomkrieg aus Versehen kommt, sondern wann. Die Unfälle, und wir wissen herzlich wenig über die Unfälle in der UdSSR, reichen für schlaflose Nächte bis ans Lebensende aus. Man muss kein Pazifist sein, um das so einzuschätzen.

Der letzte Chef des mittlerweile abgeschafften strategischen US-Bomberkommandos, Vier-Sterne-General George Lee Butler, sagte nach seiner Pensionierung:

„Wir haben den Kalten Krieg ohne nuklearen Holocaust durch eine Kombination von Können, Glück und göttlichem Eingreifen überlebt, wobei das göttliche Eingreifen wohl am wichtigsten war.“

Er engagierte sich nach seiner Pensionierung für die Abschaffung aller Nuklearwaffen, dann für eine Verringerung, weil er das für erreichbarer hielt.

Die Existenz von Atomwaffen ist nicht zu rechtfertigen. Man muss kein Linksextremist sein, um das so einzuschätzen. Es genügt, wenn man konservativer — das bedeutet wörtlich: bewahrender — Katholik ist, Herz und Gehirn benutzt und Willen zur Wahrheit hat.

Christdemokraten, Liberale, Grüne, Sozialdemokraten und Teile der Linken — die AfD möchte ich in diesem Zusammenhang noch nicht einmal ignorieren — müssen sich in Grund und Boden schämen angesichts eines Papstes Franziskus, der eine Konferenz zum Schutz des brennenden Amazonas und seiner Ureinwohner abhält und eine Position zu den Atomwaffen einnimmt, die glasklar ist. Ich werde mir angesichts seiner Wahrheitsliebe, Menschlichkeit und Integrität jeden tausendmal gehörten Kommentar zur katholischen Kirche verkneifen. Sie steht in den beiden entscheidenden Fragen der Politik auf der richtigen Seite. Was eine kostbare Seltenheit ist.

Die NachDenkSeiten schreiben dazu unter der Überschrift „Atomwaffen: Weder Besitz noch Einsatz ist zu rechtfertigen“:

„Die katholische deutsche Friedenskommission Justitia et Pax hatte im Juni das Grundlagenpapier ,Die Ächtung von Atomwaffen als Beginn nuklearer Abrüstung‘ vorgelegt. Vor dem Hintergrund der katholischen Friedenslehre und der Haltung der katholischen Kirche zu Atomwaffen sei weder deren Besitz noch ihr Einsatz ethisch oder politisch zu rechtfertigen, heißt es darin.

Mit der Erklärung schließt sie sich der Meinung von Papst Franziskus an, wonach das Konzept atomarer Abschreckung zur Friedenssicherung nicht länger verantwortet werden könne. Dieses sei nach der kirchlichen Lehre nur insoweit moralisch vertretbar, als es strikt der Kriegsverhütung diene und wenn Regierungen ,erkennbar darauf hinarbeiten, es zu überwinden‘, heißt es darin. Die mächtigsten Atomwaffenstaaten USA und Russland ließen jedoch derzeit keinen ernsthaften Willen erkennen, von der Abschreckungsstrategie abzurücken. Sie setzten vielmehr darauf, einen Atomkrieg führen, begrenzen und gewinnen zu können“ (6).

Politikversagen

Aufgrund der Bedrohungslage sollte man also davon ausgehen können, dass die beiden Themen Nuklearkrieg und Erderhitzung die Spitzenplätze auf der politischen Agenda aller Staaten einnehmen. Dass sie politisch bearbeitet werden und man auf dem Weg zu einer guten Lösung ist.

Aber weder bei den Atomwaffen noch beim Klimabruch hat sich etwas zum Besseren verändert, und es besteht auch kein Grund zu Optimismus.

Die politischen Systeme der einzelnen Länder und auch die supranationalen Strukturen haben also bei beiden existentiellen globalen Problemen total versagt; sie haben bei den Atomwaffen sogar die einzigartige Chance von 1989 verzockt. Sie versagen weiterhin. Die Lage wird schlechter, nicht besser. Das Abkommen über die nuklearen Mittelstreckenraketen gilt nicht mehr, weitere Abkommen sollen gekündigt werden, es gibt gigantische Modernisierungsprogramme und Neuentwicklungen von Atomwaffen.

Mehr Nachweise, dass die politischen Systeme und Strukturen auf den Müllhaufen der Geschichte gehören, sind nicht nötig.

Zum Vergleich: Von den westlichen Regierungen und den angeschlossenen Funkhäusern und Redaktionsstuben wurde 1989 der realexistierende Sozialismus, die Idee des Kommunismus und sogar der Marxismus auf den Müllhaufen der Geschichte befördert. Man muss sich vor Augen führen, dass die 1956 in Ungarn und 1968 in der CSSR wenig zimperlichen Ostblockstaaten den Anstand besaßen, ohne Blutvergießen zu zerbröseln und ohne Krieg zu scheitern. Was scheiterte, war vor allem das Wirtschaftssystem und die geistige Unfreiheit. Gorbatschow war beides angegangen. Aber ist auch die Analyse des Karl Marx gescheitert? Mit Blick auf die akademische Rezeption und die Bücher zum Thema ist eher die Ankündigung der Entsorgung auf dem Müllhaufen der Geschichte gelandet.

Der Westen hat seit 1989 versagt und versagt weiter, er agiert bei den wichtigsten Themen Atomkrieg und Klimabruch in einem Maße lebensbedrohlich, das keine Nachsicht mehr gestattet.

Der „Sieg“ über Gorbatschow

Die Führung der USA seit Bush Senior mag das anders sehen. Sie ist vielleicht der Meinung, dass sie Gorbatschow clever über den Tisch gezogen hat. Dass sie den Kalten Krieg gewonnen hat und die Sowjets verloren haben. Dass die Guten gesiegt haben und die Schlechten geschlagen wurden.

Als Gorbatschow ihrem Wort vertraute, dass die NATO nicht nach Osten ausgeweitet werden würde, hatte er nicht in Betracht gezogen, dass in der Außenpolitik der USA zwei Regeln gelten:

  1. Was kümmert mich mein blödes Geschwätz von gestern?
  2. Wir schließen nie Verträge mit Regierungen ab, die darauf bestehen, dass wir sie auch einhalten.

Es war ein Verrat und ist eine Schande, die nicht folgenlos bleiben darf. Wer dem Wertewesten nach dieser Erfahrung noch vertraut, glaubt auch an Gewinne beim Hütchenspiel.

Wer wie ich glaubte, dass die einzigartige Chance des Zusammenbruchs des Ostblocks und der sicherheitspolitischen Vorschläge des Generalsekretärs Gorbatschows — die er von Egon Bahr und Olof Palme übernommen hatte — dazu genutzt werden würden, um weltweit für Frieden zu sorgen, war eben zu naiv und der Westpropaganda auf den Leim gegangen. Das wird nicht wieder vorkommen.

Der Prozess zur Abschaffung der Atomwaffen wurde nicht eingeleitet, obwohl diese Möglichkeit 1989 keine Utopie war, sondern im Bereich des politisch Möglichen lag. Sowohl Gorbatschow als auch Reagan hatten dieses Ziel. Das mag angesichts der US-Politik jener Jahre erstaunen, ist aber wahr. Sogar Immanuel Kants „Zum ewigen Frieden“ hätte aus dem Reich der Ideen in die Wirklichkeit überführt werden können, wenn man auf diesem Weg weitergegangen wäre.

Es gab immerhin Ende der 80er Jahre eine Phase, in der durch Verträge die absurd hohe Anzahl der Sprengköpfe verringert wurde, auf circa 7.000 in den USA und der UdSSR. Mittelstreckenraketen wurden sogar ganz abgeschafft. Das Verdienst, diese Entwicklung angestoßen zu haben, gebührt vor allem Michail Gorbatschow. Aber auch ehemals Kalte Krieger des Westens waren tatkräftig beteiligt. Selbst CIA-Chef William Colby, sicher keine Taube, zeigte sich 1990 bei einer Reise in die UdSSR ehrlich begeistert: „Der Kalte Krieg ist vorbei.“ Das Aufatmen war umfassend und bei vielen Akteuren echt. Man hatte überlebt. Ohne Krieg. Ohne Vernichtung.

Alles war möglich, die betonierten Verhältnisse waren flüssig geworden. Es ging darum, sie zu gestalten. Alfred Herrhausen sagte: „Wir brauchen Glasnost für den Kapitalismus — auch und gerade für den Kapitalismus.“ Das war einfach ein Zeichen guten Willens. Herrhausen unterstützte Gorbatschow. Er wollte an einer vernünftigen Neuordnung Europas mitwirken. Er sprach davon, dass das Ende des Kalten Krieges mit seinen immensen Rüstungsausgaben die Möglichkeit brächte, Geld für vernünftige Dinge zu verwenden. Es gab eine Aufbruchsstimmung.

Die Wolfowitz-Doktrin und das Ende der Geschichte

Aber parallel dazu begann eine andere Fraktion innerhalb des amerikanischen militärisch-industriellen Komplexes mit der Planung für die Zeit nach dem Sieg im Kalten Krieg. Sie betrachteten die Öffnung der UdSSR nicht als Beginn einer neuen Epoche der Zusammenarbeit, nicht als den Beginn des „Gemeinsamen Hauses Europa“, sondern als Beginn der Zeit, in der sich die USA die Ressourcen der Sowjetunion aneignen würden und der Finanzmarkt den Endsieg der USA verewigen würde. Sie betrachteten die Vorgänge als „Ende der Geschichte“: Wir gewinnen, sie verlieren.

Diese Fraktion hatte nicht vor, den russischen Bären im neuen europäischen Naturreservat aufzupäppeln. Sie wollte ihn schlachten und ausweiden.

Sie hat heute nicht vor, den Klimabruch zu verhindern. Sie will weiter Öl und Gas fördern, verbrennen und dann mit Geoengineering, dem nächsten gigantischen, weil alternativlosen Geschäft, Fantastillionen verdienen.

Sie hat nicht vor, Atomwaffen zu ächten, so wie Chemie- und Biowaffen geächtet sind, ihre Anzahl zu verringern und sie letztlich abzuschaffen.

Sie hat vor, die unipolare Weltordnung zu zementieren und an der Wolfowitz-Doktrin festzuhalten (7). Sie fordert, dass es nur eine Supermacht geben darf und nur ein Wirtschaftssystem. Sie hat vor, das Atomwaffenarsenal auszubauen und einzusetzen. Frechheit siegt. Cleverness siegt. Und koste es den Planeten.

Die Aufgabe ist klar: Es muss innerhalb eines Jahrzehnts gelingen, in diesen beiden existentiell wichtigen Fragen einen Konsens herzustellen, das Ruder herumzureißen und dezidiert vernünftige Gesellschaftsordnungen zu errichten — am besten viele verschiedene, damit man erproben kann, welche am besten funktioniert. Gesellschaftsordnungen, die zu internationalen Lösungen in der Lage sind und willens und fähig, diese umzusetzen.

Entweder — Oder

Es gibt ein Beispiel, dass es möglich ist, etwas abzuschaffen, das es schon immer gegeben hatte, ein finsteres Kapitel der menschlichen Existenz seit Anbeginn der Zeiten. Etwas, von dem behauptet wurde, dass es, weil es schon immer existierte, in alle Ewigkeit weiter existieren würde: die Sklaverei. Sie wurde abgeschafft. Was vorstellbar ist, ist auch möglich. Es ist sogar möglich, Krieg abzuschaffen.

Es gibt kein Ende der Geschichte, außer nach einem Atomkrieg oder auf einem Planeten, der durch den Klimabruch für Säugetiere und Menschen großflächig nicht mehr bewohnbar ist.

Es ist möglich, die beiden großen Probleme zu lösen; es ist möglich, Atomwaffen abzuschaffen und die Klimakatastrophe zu verhindern. Wir sollten anfangen, sehr ernsthaft darüber nachzudenken, wie das gelingen kann, Pläne dafür zu entwickeln und sie gegen immense Widerstände durchzusetzen. Diese Art von Utopie ist lebensnotwendig. Überlebensnotwendig.

Entweder wir schaffen es, die bisherigen Eliten, die komplett versagt haben, zu entmachten. Entweder wir schaffen es, ein planetarisches Bewusstsein zu entwickeln und die Menschheit als eine Spezies in vielen Ausprägungen zu verstehen. Entweder wir schaffen es, die Lebensgrundlagen zu schützen, die Herrschaft des geringsten Preises durch die Herrschaft der besten Lösungen zu ersetzen. Entweder wir schaffen es, nur noch Entscheidungen umzusetzen, die enkelkompatibel sind. Entweder wir schaffen es, eine echte Demokratie als Herrscher über die Wirtschaft einzusetzen. Entweder wir schaffen es, ein Rechtssystem aufzubauen, dass diesen Zwecken dient. Entweder wir schaffen das in den nächsten 10 bis 20 Jahren. Oder ...



Quellen und Anmerkungen:

(1) https://blogs.worldbank.org/opendata/chart-global-co2-emissions-rose-60-between-1990-and-2013
(2) https://www.independent.co.uk/news/world/middle-east/climate-change-apartheid-poor-iraq-effects-heatwave-a9049206.html
(3) https://kenfm.de/tagesdosis-28-8-2018-der-fluch-von-hiroshima/
(4) http://www.doug-long.com/quotes.htm
(5) https://www.theguardian.com/books/2013/sep/29/command-control-eric-schlosser-review
(6) https://www.nachdenkseiten.de/?p=55558
(7) https://en.wikipedia.org/wiki/Wolfowitz_Doctrine

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