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Das nächste Mal

Das nächste Mal

Die Politik versucht, die Corona-Epidemie um jeden Preis niederzukämpfen, unternimmt aber nicht das Geringste, um Ähnliches in Zukunft zu verhindern.

Die Pandemie ist für uns alle eine große Herausforderung. Der Fokus liegt bisher auf den eindämmenden Maßnahmen der Virusübertragung wie sozialer Distanz, Hände waschen, Tragen von Gesichtsmasken, Verbot von Großveranstaltungen bis zum vollen Lockdown.

Zur Evaluation der Immunität in der Bevölkerung gibt es den noch nicht gut validierten Antikörper-Test sowie die im Nachweis sehr aufwändige, aber äußerst wichtige zelluläre Immunität. Hier wird die von der Swiss school of public health initiierte und koordinierte schweizweite Studie Imunitas, die laufend ihre aktuellen Seroprävalenzen online publiziert, in den nächsten Monaten hoffentlich Aufschluss geben können. Im Weiteren wurde und wird intensiv an der Entwicklung von wirksamen Impfstoffen geforscht und bereits haben die ersten Länder — nach einer extrem kurzen Entwicklungszeit, die normalerweise Jahre in Anspruch nimmt — mit Impfungen an der Bevölkerung begonnen.

Fast gar nicht diskutiert werden die eigentlichen Ursachen der wiederholt vom Tier auf den Menschen übertragenen Viren. Wie wäre es, wenn wir die von uns beeinflussbaren Ursachen angehen? Das wäre doch der logische Schritt. Wenn sie einen Dorn im Fuß haben, ziehen Sie dann den Dorn heraus oder lassen Sie ihn drin, behandeln den Schmerz und versuchen Ihr Leben lang, eine Infektion zu verhindern oder eine bestehende Infektion zu kontrollieren? Die größte und älteste Vereinigung von Angehörigen der Gesundheitsberufe der Welt, die American Public Health Association, fordert seit fast zwei Jahrzehnten ein Moratorium für die Massentierhaltung (1, 2). Die Vereinigung veröffentlichte einen Leitartikel, der über die Forderung hinausging, die intensive Haltung der Schweine und Geflügel zu beenden:

„Angesichts der pandemischen Bedrohung ist es daher merkwürdig, dass die Änderung der Art und Weise, wie Menschen Tiere behandeln, nämlich aufzuhören, sie zu essen, oder zumindest die Menge der verzehrten Tiere radikal einzuschränken, als signifikante vorbeugende Maßnahme nirgendwo erwähnt wird. Eine solche Änderung könnte, wenn sie ausreichend angenommen oder auferlegt wird, die Wahrscheinlichkeit der gefürchteten Influenza-Epidemie/Pandemie verringern. Es wäre sogar noch wahrscheinlicher, unbekannte zukünftige Krankheiten zu verhindern. Die Menschheit erwägt diese Option jedoch nicht einmal.“

Die Bedingungen, die eine Übertragung der Coronaviren vom Tier auf den Menschen begünstigen, sind die Vertreibungen der Wildtiere aus ihren ursprünglichen Refugien durch Abholzung der Wälder, der Wildtierhandel und das enge Zusammenleben von Wildtier und Mensch. Solche Voraussetzungen ermöglichen Viren, sich zu verbreiten, ihr Erbmaterial zu rekombinieren und zu mutieren, sodass sie irgendwann auch virale Eigenschaften aufweisen, die sie befähigt, Menschen zu infizieren (3).

SARS wurde sehr wahrscheinlich vom Larvenroller (4) auf den Menschen übertragen, sein ursprüngliches Reservoir sind Fledermäuse, wie auch bei SARS-CoV-2 (5), wobei hier das Pangolin (6), eines der am meisten illegal gehandelten Säugetiere weltweit, als sehr wahrscheinlicher Zwischenwirt angesehen werden muss. Wenige wissen, dass in China der Wildtierhandel erst richtig aufblühte, als Kleinbauern ihre Hühner, Schweine- und Entenfarmen aufgeben mussten, weil die Preise durch die großindustriellen Nutztierproduzenten verfielen.

Eine andere Form einer zunehmend industriellen Nutztierhaltung finden wir bei MERS. Hier stellen ebenfalls Fledermäuse das Reservoir, Zwischenwirte sind aber Kamele (7). 3.000 Jahre lang lebte der Mensch friedlich mit den von ihm domestizierten Kamelen zusammen. Der mit der Entdeckung der reichhaltigen Ölvorkommen einhergehende Wohlstand erhöhte den Viehbestand über wenige Jahrzehnte so erheblich, dass Quatar 2011, ein Jahr vor dem Auftreten von MERS, ein Beweidungsverbot verhängt, da die Verwüstung wegen des großen Tierbestandes derart voranschritt, dass die Tiere fast nur noch in Ställen gehalten wurden (8).

2012 brach MERS aus. Die Mortalität beträgt bei diesem Virus 30 Prozent (9). Eine Früherfassung wird nicht ausreichen, wenn wir schon bei einem vergleichsweise „harmlosen“ Virus wie SARS-CoV-2 in eine Weltwirtschaftskrise geraten. Geschweige denn eine Impfung.

Gefährliche neue Viren

Es gibt zunehmend Berichte über in Schweinefarmen und Geflügelbatterien zirkulierende neue und erneut auftretende Coronaviren, die durch ihre genetische Neukombination ein zündender Funke für eine neue Pandemie sein können (9, 10, 11).

Nicht minder wichtig und aktuell aus dem Fokus geraten ist die Übertragung von Influenzaviren von Schweinen und Geflügel auf den Menschen — und umgekehrt! Jener H1N1-Subtyp, der 1918/19 unter dem Namen spanische Grippe zu einer großen Pandemie führte wie auch die pandemische asiatische Grippe 1957 und die Hongkong-Grippe 1968 werden mittlerweile als ursprünglich porzine (schweine-) oder aviäre (vogel-) Subtypen angesehen, welche ihre Virulenz durch adaptive Mutationen und Neuverteilung des genetischen Materials von zwei Virustypen in der selben infizierten Zelle, sogenannte Reassortierung, mit humanen Influenzaviren erworben haben (12, 13). Aviäre und humane Reassortanten der Influenzaviren im Hausschwein können in industriellen Schweinefarmen zu sehr gefährlichen humanpathogenen Viren mutieren (14, 15). Auch dies ist eine Frage der Zeit. Oder eine Frage unseres Umganges mit den Tieren und der Natur überhaupt, zu der wir ja selber gehören.

Es zeigt sich jedenfalls, dass die industrialisierte Massentierhaltung von Schweinen ein neuer Ausgangspunkt für Pandemieviren war und ist. Reicht ein ausgeklügeltes Überwachungssystem aus, um uns zu schützen, oder sollten wir nicht unser Verhalten ändern? Das Centers for Disease Control and Prevention (CDC) betrachtete H7N9, ein Vogelgrippevirus, als größte Bedrohung, die Millionen Menschen töten könnte (16). Bis heute hat H7N9 etwa 40 Prozent der infizierten Menschen getötet. Zu diesem Zeitpunkt haben weder H5N1 noch H7N9 die Fähigkeit zur einfachen Übertragung von Mensch zu Mensch erworben, wurden jedoch nicht ausgerottet, sondern mutieren immer noch.

Und ganz nebenbei: Wir vergessen vor lauter Viren die multiresistenten Bakterien. Die Humanmedizin trägt hier ihren Teil dazu bei. Billige Antibiotikaproduktion mit ungenügendem Umwelt- und Arbeitsschutz im Ausland verbunden mit einer lockeren Verschreibungspraxis der Mediziner leisten multiresistenten Bakterien Vorschub. 700.000 Menschen sterben jedes Jahr an multiresistenten Bakterien. Tendenz steigend.

Aber auch hier wird wieder der flächendeckende, prophylaktische Antibiotikaeinsatz in der Massentierhaltung nicht nur für die Tiere sondern auch für den Menschen über kurz oder lang zu einer massiven Bedrohung werden. Ganz zu schweigen von der Umweltbelastung von Grundwasser und Luft durch die Überdüngungen mit der kontaminierten Gülle, mit Nitrat, Ammoniak, Endotoxinen, Hydrogensulfit et cetera. Auch eine Frage der Zeit. Wie wollen wir sie nutzen? Können wir das Auftreten von Pandemieviren und multiresistenten Bakterien überhaupt verhindern?

Angesichts der Herausforderung durch die globale Erwärmung, fortschreitende Verwüstung des Bodens, das rapide Artensterben, Plastikeintrag und Ausbeutung der Meere, den progredienten Humusverlust, sinkende Grundwasserspiegel, steigende Meeresspiegel sind menschengemachte Pandemien ein weiterer Faktor im System Mensch gegen Natur, also gegen sich selbst. Was muss noch geschehen, bis wir begreifen, dass wir Teil dieser Erde sind? Es ist unmöglich, die Natur zu kontrollieren, wir können nur mit ihr leben, um zu überleben. Wir arbeiten an unserem Niedergang, solange wir uns in einem Wettkampfmodus befinden, sowohl wirtschaftlich als auch sozial, global und lokal nicht kooperieren, uns unterstützen, gemeinsam Lösungen suchen.

Es ist Zeit aufzuwachen. Das alte, analytische, trennende Denken und Handeln des Einzelkämpfers, der Nationen, der Konzerne, die sich auf dem sogenannten freien Markt bekämpfen, versucht den Dorn im Fuß zu kontrollieren, anstatt ihn herauszuziehen. Wenn reiche Finanzspekulanten auf Staatsbankrotte und Konkurse wetten dürfen und sich am wirtschaftlichen Schaden und menschlichen Leid bereichern, wie soll da Frieden in die Welt kommen. In der Metapher: Infiziert sich der Fuß durch den Dorn — kranke Wirtschaft, Spekulation — und der Mensch stirbt daran, profitiert ein anderer Mensch davon und kann sich nun dessen Besitz einverleiben. Was ist das für ein abstruses, grausames Denken und Handeln? Ist das gesund? Nein. Warum ist es dann erlaubt? Frieden entsteht in uns. Wir sind die Welt und die Welt sind wir. Ändern wir sie jetzt.

Aus alledem wird klar: Natürliches Denken und Handeln ist systemisch vernetzt, friedlich, nach innen und nach außen, nicht schadend, nicht ablehnend, denkt in Kreisläufen, kalkuliert Rückkopplungen ein, trägt Sorge für sich und die Mitwelt, weil die Mitwelt sich um mich sorgt, wenn ich gut für sie sorge. Also müssen wir aus der Massentierhaltung aussteigen.

In einem ersten Schritt würde dies die Schweine- und Geflügelfarmen sowie den Wildtierhandel weltweit sowie Kamelfarmen im mittleren Osten und Afrika betreffen. In einem weiteren Schritt folgt konsequenterweise auch die Massentierhaltung auf Rinderfarmen. Dies wäre die beste Primär-Prävention für Pandemien. Diese Farmen sind Brutstätten weiterer Pandemien, die unweigerlich kommen werden. Ganz verhindern können wir dies nicht, aber die Risiken vermindern auf jeden Fall.

Ein Land kann hier eine Vorreiterrolle einnehmen! Auch wenn es ein Tropfen auf den heißen Stein ist: Jeder Tropfen zählt! Als erwünschter Begleiteffekt dieser Maßnahmen sinken die Klimagase drastisch. Wollen wir Netto Null erreichen, müssen wir den Fleischkonsum um 90 Prozent reduzieren. Wald und Boden wird geschont, die Ressource Wasser ebenso. Das ist gesundes Handeln. Zu Hause bleiben, um Leben zu retten, um der Gesundheit willen, mag aktuell notwendig sein. Doch wenn wir deren Ursachen nicht beheben, ändern wir gar nichts an der Bedrohung durch uns selbst. Lernen wir aus der Krise und nehmen wir sie zum Anlass, grundlegende Weichen zu stellen in eine nachhaltige, enkeltaugliche Zukunft.

Ideen für die Zukunft

Erreichen wir, dass die Viehbestände abnehmen, und pflegen wir einen lebenszentrierten heilsamen Umgang mit der Natur, muss ein weiteres Ziel eine gesunde Landwirtschaft, eine biologisch — dynamische, solidarische, regenerative Landwirtschaft sein. Diese erhöht die Biodiversität, vermehrt Humus, schont das Wasser, ermöglicht langfristig höhere Ernteerträge durch Mischkulturen und wegfallende Weideflächen und würde viele sinnvolle Arbeitsplätze schaffen. Wir essen dann vor allem Saisonales und Lokales. Ist das ein Verzicht, wenn die Natur gedeiht, alles lebt, sich erholt, wieder sprosst und blüht, alles wieder ins Fließen kommt?

Aus all diesen Gründen sollten wir uns klar in Richtung pflanzliche, also vegetarische Ernährung bewegen. All dies wird überdeutlich, gerade jetzt. Deren Klimabilanz ist tausendmal besser. Auch wird in dieser Krise wieder deutlich, dass die profitgetriebene Wirtschaft die brennenden Probleme des Klimawandels und der sozialen Ungleichheit wie auch der Pandemien nicht löst, sondern sie im Gegenteil gerade erzeugt.

Dieses kartesische, rein mechanistisch-analytische und deduktive Denken, das uns in dieses Schlamassel geführt hat, muss abgelöst werden durch systemisches Denken und Erkennen der ökosozialen Zusammenhänge. Die Natur selbst gibt uns die Antwort mit Pandemien, Waldbränden, steigenden Meeresspiegeln, Verlust an Biomasse, Artensterben.

Ohne globale und lokale Kooperation, Gleichheit und Gerechtigkeit, Investition in Pflege-Berufe sowie in die Bildung, Sorgetragen für die Natur, Pflanzen und Tiere, eine gemeinwohlorientierte Wirtschaft werden wir nicht überleben. Grundeinkommen, progressives Besteuern der hohen Vermögen und Einführung einer Mikrosteuer sind weitere wichtige Pfeiler einer gesunden Entwicklung. Wenn wir jetzt nicht endlich umdenken und uns in eine wirklich gesunde Richtung bewegen, werden wir zunehmend sehr gefährliche Pandemien erleben, noch mehr Klimaflüchtlinge, Hunger, Kriege, und es wird enger werden auf dieser Welt. Lokale Konflikte durch zunehmende Ungleichheit und Bürgerkriege sind vorprogammiert.

Totalitäre Strukturen entwickeln sich jetzt schon zusehends. Sie sind dem alten Denken verhaftet und agieren im Flucht-Kampf-Modus und sehen die systemischen, sprich selbsterzeugten Konflikte nicht oder wollen sie nicht sehen.

Technologische Versuche, Pandemien, globale Erwärmung, Artensterben und menschengemachte Umweltnoxen zu beeinflussen, zu kontrollieren und auszugleichen, münden oft in neuen Konfliktherden, die wiederum kontrolliert werden müssen mit „noch besseren“ Technologien, die wieder neue Probleme schaffen. Sie führen in einen Teufelskreis. Wachstum bedeutet, innerlich zu reifen, moralisch und ethisch das zu tun, was nicht schadet, mir nicht und nicht meiner Mitwelt. Besinnen wir uns darauf zurück, anstatt uns mit moralischen Entscheiden infolge einer technologisch aufoktroyierten Ethik auseinandersetzen zu müssen. Auf diesem Grundsatz kann auch eine mitweltfreundliche technologische Entwicklung erfolgen, die nicht dauernd verschlimmbessert werden muss. Es braucht eine neue Aufklärung.

Es ist Notrecht! Die Welt ist in Not! Seien wir Vorbild. Wenn nicht wir, wer dann? Wenn nicht jetzt, wann dann? Sind wir es nicht uns und unseren Kindern schuldig? Sollten wir das Leben nicht so behandeln, wie wir behandelt werden möchten. Wir sind doch das Leben, oder nicht?


Quellen und Anmerkungen:

(1) https://www.apha.org/policies-and-advocacy/public-health-policy-statements/policy-database/2014/07/24/11/17/precautionary-moratorium-on-new-concentrated-animal-feed-operations
(2) https://www.apha.org/policies-and-advocacy/public-health-policy-statements/policy-database/2020/01/13/precautionary-moratorium-on-new-and-expanding-concentrated-animal-feeding-operations
(3) https://www.thelancet.com/pdfs/journals/eclinm/PIIS2589-5370(20)30033-X.pdf
(4) https://royalsocietypublishing.org/doi/10.1098/rstb.2004.1492
(5) https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/32065221
(6) https://linkinghub.elsevier.com/retrieve/pii/S0960982220303602
(7) https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S235277142030015X?via%3Dihub
(8) https://nutritionfacts.org/2020/04/16/takeaways-from-my-webinar-on-covid-19/
(9) http://origin.who.int/emergencies/mers-cov/en/
(10) https://doi.org/10.1038/s41586-018-0010-9
(11) https://www.nature.com/articles/nrmicro314
(12) https://veterinaryrecord.bmj.com/content/186/10/323
(13) https://onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1111/tbed.12823
(14) https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/32182849
(15) https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/32161172
(16) The CDC considers H7N9, a bird flu virus, to be our gravest pandemic flu threat:
https://www.cdc.gov/flu/pandemic-resources/monitoring/irat-virus-summaries.htm

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