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Das Land der Sender

Das Land der Sender

Wir werden mit „Wahrheiten“ zugedröhnt — Zweifel sind unerwünscht.

Denken wir uns, Patrick wäre unter uns, liebe Kinder. Patrick? Ihr kennt ihn nicht? Also ganz einfach gesagt: Das ist der, der nie eine Aussage über andere macht, ohne sich selbst dieser Aussage und ihrer Bedingungen und Prämissen zu unterziehen. Oder lasst es mich einfacher ausdrücken: Wenn Patrick nach Lügen bei anderen sucht, so sucht er nach Lügen bei sich. Wenn er sagt, ihr tötet, ihr mordet, dann fragt er sich: Töte ich? Morde ich? Wenn er andere kritisiert, kritisiert er sich. Nein, Kinder, er kritisiert nicht. Er zerlegt und zerlegt sich mit. Er sagt nicht: das gut, das bös. Er zeigt vielmehr den Boden, worauf alles gründet. Leuchtet das Terrain aus, auf dem er steht. So ist Patrick. So war er.

Also Kinder, ich bin ja nicht in dieses Land hineingeboren. Aber ich bin da angekommen und habe mich zuerst an vielem gefreut, dann gewundert und dann bin ich erschrocken. Am meisten erschreckt haben mich die Laubbläser, weil sie immer und überall und auch da aufgetaucht sind, wo man sie nie vermuten würde.

Was an diesen Laubbläsern besonders ärgerlich ist, abgesehen davon, dass sie den Lebensraum unzähliger Tiere ohne jeden Sinn und Zweck vernichten, ist die Tatsache, dass sie, einmal in Betrieb gesetzt, eine andere Botschaft verunmöglichen. So laut sind sie.

Ganz wenige, ich erinnere mich an einen Russen aus Omsk oder Tomsk, haben das Gerät einmal ausgeschaltet und mit mir gesprochen. Alle anderen aber haben, ganz mechanisch, ohne böse Absicht, den Apparat gegen mich gewandt und mich so nicht nur weggeblasen, sondern auch weggedröhnt. Man kann es, wie bei allem, allerdings auch wenden und das Radikale dieser Geräte hervorheben und loben: Es sind die absoluten Sender. Das ist ihre Größe. Sie haben eine einzige Botschaft und diese Botschaft ist Gebläse und Gedröhne und mit dieser decken sie die Welt ein. Die Einwegkommunikation schlechthin ist es, die beeindruckt. Radikales Sendertum.

So war Patrick. Da staunt ihr, Kinder. Bei allen, die ihr kennt, ist das anders, nicht? Und deshalb ist es auch traurig, dass ihr Patrick verpasst habt. Denn Patrick ist gegangen im Jahre 2008. Mit ihm war Denken ein Erlebnis. Ein Rausch. Ein Abenteuer. Ihr könnt euch das gar nicht denken. Und dann hat er gesehen, wie totalitär die Welt wird. Unser freier Westen: wie totalitär. Beim ersten Rauchverbot schon hat er gesehen, wie es kommt. Und er hat gesagt: Das ist nicht mehr meine Welt, und dann ist er gestorben. Und deshalb muss ich von ihm erzählen, liebe Kinder, damit ihr vom letzten Menschen hört.

Das böse Erwachen, liebe Kinder, aber kam, als ich mehr und mehr merken musste, es sind nicht die Laubbläser allein, die so funktionieren. Vielmehr funktioniert ganz vieles so. Gebläse und Gedröhne. Und ich stellte mit Entsetzen fest: Deutschland ist das Land der Sender. Und erstmalig dachte ich etwas wehmütig an die Zeit im Alpenland zurück, an unseren Kreis, um es einmal so zu sagen, in dem wir Gedanken entwickelt haben. Gedanken, die es, bevor wir sie entwickelt haben, nicht gab. Deshalb trafen wir uns ja, um etwas zu entwickeln. Vielleicht, und das ist wohl das einzige Plus der Alpenländer, allerdings ein nicht zu unterschätzendes, vielleicht sprechen die Alpenländer zu schlecht Deutsch, vielleicht ist ihre Rhetorik zu schwach für Gebläse.

Patrick war nicht für oder gegen Atomkraftwerke. Nicht für oder gegen die Armee. Manchmal allerdings ergab sich für Augenblicke ein Standpunkt, etwas Meinungsmäßiges, und das war vielleicht eher gegen die Armee. Doch über Zuordnungen war Patrick nicht zu fassen. Er konnte mit politischen Parteien wenig anfangen, kannte ihre Parolen nicht. Vereinzelt traf man ihn bei Demonstrationen – und später musste er darüber lachen, da mitgegangen zu sein. Nein, Patrick war kein Meinungsmensch. Meinungen – das war ihm zu langweilig. Mit Patrick sprach man über die Bedingungen des Meinens und Sagens und über die grotesken Verrenkungen, die der Mensch dabei vollzieht. Patrick war kein Relativist. Kein Theoretiker. Kein Kopfmensch. Er betreute Flüchtlinge in seinem Dorf. Und er fand das spannend. Allein, weil die Fremden eine neue Schicht ins Gefüge brachten. Wenn sie zu oft klopften an seine Tür allerdings, schickte er sie weg. Zuweilen wollte er in Ruhe lesen. So war Patrick.

Wie gesagt, es brauchte einige Zeit, bis ich merkte, was hier los ist, liebe Kinder. Ich hörte zuerst einfach Meinungen. Standpunkte. Und dann hörte ich mehr und mehr, wie die Journalisten fragen und wie die Politiker antworten und allmählich kam der Lärm auf. Ich merkte, dass nicht die Verschiedenheit hier gilt, sondern monotones Dröhnen.

Ich hörte sie senden und mit Urteilen über die anderen hereinbrechen. Doch niemals traf ich einen oder eine, die das eigene Urteilen mit hinterfragt hätte. Gefragt, woher es käme, dieses Urteilen, was die Voraussetzungen seien und ob von diesen Voraussetzungen her die Berechtigung, andere zu kritisieren, bestünde. Ob nicht vielmehr die falschen Denk- und Handlungsmuster, die man bei den andern entdeckt haben wollte, am Ende die eigenen seien.

Und das Ganze steigerte sich Jahr für Jahr und es war bald nur noch ein Heer aus Sendern, das über das Land und mich hinwegdröhnte und hinwegblies. So kam es mir vor. Eine Kultur der Sakrosanktheit erstand auf, mit Verkündigungen von Urteilen und Vorurteilen von früh bis spät, und ich erinnerte mich, wie gesagt, wehmütig der Denkrunden im Alpenland, an denen Patrick beteiligt war und Denken ein Weg ins Unbekannte.

Liebe Kinder, ich muss das zugeben: Früher war ich Ideologe. Patrick dagegen konnte mit allen Menschen reden, allen etwas entlocken, mit allen etwas entwickeln. Er konnte das mit Konservativen, mit Nationalisten, mit Militärköpfen, wie wir die Armeefreunde damals nannten, mit Linksautonomen ebenso wie mit Bankern, Künstlern, Möchtegernkünstlern und Chaoten. Und mit den ganz normalen Bürgern auch. Ich aber rümpfte die Nase und bestand auf Einteilungen: Aber das ist doch ein Nationalist, ein Militärkopf, ein Rechtsaußen! Das kümmerte Patrick wenig. Nein, er war nicht nur selber über Meinungen nicht zu fassen, er sortierte auch andere nicht danach ein. Und deshalb konnte man mit ihm wunderbar reden und wunderbar ganz andere Gedanken haben und am Schluss merken: Hinter diesen ganz anderen Gedanken stehen ähnliche Ideen und Glücksvorstellungen. Und das setzte erst recht etwas in Gange.

In einer Einwegkommunikation, liebe Kinder, schälen sich Muster schnell heraus: Die, die senden, sind die Guten. Und die, gegen die sie blasen, sind die Bösen. Gut sind sie, weil sie unhinterfragt das Gute tun. Und gut ist, was sie tun, weil sie nicht hinterfragt werden.

Laubbläser sind so gebaut. Sie können für ihr Gutsein nichts, kennen es anders nicht. Sind nicht auf Gedankenentwicklung angelegt und Hinterfragen. Das Laub wegblasen: Das ist es, was sie müssen. Aber auch wenn sie nichts dafür können, liebe Kinder, langweilig wird es bald. Öd. Und ich habe keine Zeitungen mehr gelesen und das Radio ausgeschaltet, hörte ich, ich gebe das zu, die Stimme eines Moderators auch bloß von weitem, noch ohne jeden Inhalt. Das Gutsein nämlich war längst in die Stimmen eingegangen, die alle gleich klangen: lässig, cool und eben gut.

Patrick dagegen, liebe Kinder, den hättet ihr kennen müssen. Mit ihm war der größte Zynismus möglich, ohne zynisch zu sein. Und abgrundtiefe Verachtung in Würde. Das Lachen mit ihm über andere war nie ein Auslachen, sondern ein Lachen über die eigene Verzweiflung. Mit Patrick konnte man die Welt zerlegen und zersetzen und er blieb den Menschen zugetan. Gerade wenn er ihre Gründe und ihre Abgründe zerlegte, war er liebenswürdig. Er war sinnlich, fleischig und vergeistigt zugleich. Ein letzter Mensch ohne Standpunkt.

Nun Kinder, ihr könnt euch denken, was das für ein Schock war, als ich nach Deutschland kam und mich alsbald mehr und mehr von Sendern umstellt sah. Ein Deutschland, wo die führende Kanzlerin zusammen mit ihrer demokratischen Regierung das Denken und überhaupt die Entwicklung eines jedwelchen Gedankens in geradezu breschnewartiger Manier aus ihrer Partei, dann aus den Parlamenten und zuletzt aus der ganzen Gesellschaft verdrängte.

Nicht dass sie die erste gewesen wäre, die das getan hätte. Aber sie erlangte im Abtöten vom Denken eine zuvor kaum erreichte Perfektion, wobei der Lauf der Dinge ihr dabei in die Hände spielte. Einige mögen zwar ein Kalkül erkennen, ich aber sage: Sie hat Denken vernichtet, weil sie selbst nicht wusste, wie das ging: einen Gedanken zu entwickeln. Und dass dies dann gut zusammenkam mit dem Vorhaben breschnewartig lang an der Macht zu bleiben, ist meines Erachtens Zufall.

Nun, ich war dann erleichtert, als ich doch noch andere Stimmen fand. Lebt Patrick noch? – so dachte ich erfreut. War er doch nicht der letzte Mensch? Immerhin, es waren Stimmen, denen das, was mir aufgefallen war, auch aufgefallen war. Sie schauten die Guten an und zeigten, wie porös der Grund beschaffen war, von dem aus deren Botschaften abgingen. Sie nahmen Bodenproben und taten also endlich, was die Sender unterließen: Sie zerlegten die Urteile logisch und empirisch mit Verweis auf die Proben. Und ich versöhnte mich wieder ein bisschen mit dem Land, fühlte mich weniger einsam, nun wissend, dass ich nicht nur umgeben sei von Lärmapparaten bar jeder Kognition.

Und aus dieser Erleichterung heraus trat ich, den Gesprächskreis mit Patrick im Hinterkopf, in eine Gruppe ein, die sich aus dem Bedürfnis ergab, nicht nur die Internetseite zu lesen, die sich mit Nachdenken anschrieb und auf der es in der Tat viel Erhellendes zu lesen gab, sondern das dort Gelesene weiter zu entwickeln. Eine gute Idee, keine Frage. Und also meldete ich mich im Gespräch – es ging gerade um Flüchtlinge, ein wahrlich nicht ungefährliches Thema in Bezug auf Denken – und erzählte von Menschen, die mir etwas erzählt hatten. Was hatten sie mir erzählt?

Dass sie sechs Monate warten müssten, bis sie sich in eine Röhre legen könnten. Also in irgendeinen Scanner, der ein Gewebe durchleuchtet und guckt, ob da nichts Verdächtiges sei. Weshalb so lange? Es seien gegenwärtig sehr viele Flüchtlinge da, welche die Geräte zusätzlich auslasten würden. So habe man ihnen gesagt. Und das also erzähle ich, sozusagen als Ausgangspunkt für eine Entwicklung – ein Gedanke ist das ja noch nicht–, um dann zu merken, dass ich mir diese Aussage ganz hätte sparen können. Denn eine solche Aussage ist, weil sie in die falsche Richtung geht, falsch. Nun denkt ihr euch vielleicht, da hätte jemand mit guten Argumenten dagegen gehalten, aufgezeigt, weshalb diese Aussage nicht haltbar sei. Nein, es war anders. Mein Beitrag war nutzlos, weil er von Anfang an in die falsche Richtung ging. Argumente, die das aufgezeigt hätten, brauchte es nicht.

Die Aufgabe, diese Selbstverständlichkeit unter Gleichgesinnten mir gegenüber zu kommunizieren, übernahm eine Lehrerin. Sie sagte, sie müsse lachen, wenn sie das höre. Und damit war das vom Tisch. Was, so fragte ich mich insgeheim verzweifelt, hätte Patrick getan in diesem Augenblick? Wie hätte er Denken wiederbelebt? Vielleicht mich nochmals melden und sagen, ich müsse lachen, wenn ich sie das sagen und also lachen höre? Lachen, kein Zweifel, man denke an Kafka, ist Erkenntnis. Aber wenn es ein Lachen ist, das gleich verebbt...?

Ja, richtig, Kinder, Patrick hätte die Taschenlampe genommen und den Grund beleuchtet, auf dem sein Beitrag fußte. Sein Beitrag, Menschen hätten ihm erzählt, sie müssten über ein halbes Jahr warten, bis sie in der Röhre liegen könnten. Und die Lehrerin hätte zu lachen aufgehört über die Aussage, sie müssten sechs Monate warten wegen den Flüchtlingen, und sie hätte, einfach weil Patrick das so lustvoll bei sich selbst getan hätte, den Grund beleuchtet, worauf ihr Lachen über die Aussage, sie müssten sechs Monate warten, bis das Gehirn auf einen möglichen Tumor durchleuchtet werden könne, fußt. Eben weil Patrick sich nicht gescheut hätte, seine eigene Aussage zu durchleuchten und sich selbst den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Dieses Wegziehen ist ja das Erste, was zu tun wäre, wollte man eine Bodenprobe nehmen. Und geht da endlich einer vor und zieht sich selbst den Boden in der Tat weg, so wirkt das ungemein befreiend und entkrampfend und die im Grunde Denkfähigen stiegen aus ihren Verpanzerungen heraus und begännen sich zu bewegen. Vielleicht eben sogar diese Lehrerin, die gesagt hat, sie müsse lachen, dabei übrigens aber keineswegs gelacht hat. Doch ein Wegziehen des Bodens unter den eigenen Füßen – das braucht Raum. Wie ist dieser Raum zu schaffen in einer Zeit der nahtlosen Reihung von Meinungen? Wie in das Gebläse der Laubbläser einfallen?

Unvermeidlich war dann wohl, dass ein Ungleichgesinnter aus dem Kreis austrat. Weder wurde er verjagt noch wollte er gehen. Aber in einer Welt voller Sender scheiden sich Gleich- und Ungleichgesinnte entlang einer Meinungslinie. Es ist wie bei einer Transplantatabstoßung: Zellen, die als fremde erkannt werden, bleiben fremd. Die Trennung ein biochemischer Prozess. Konkret hat dieser eine überaus häufig auf Standpunkte verwiesen, die sich kritisch zur Aufnahme von Flüchtlingen stellten. Er tat das, indem er zwischen den Treffen unheimlich viele Links verschickte. Diese Linkzustellerei an sich ist ein Problem, Kinder, denn es wirkt nicht oder nur selten, wie vielleicht beabsichtigt, als Input, von dem aus Denkbewegungen in Gang gesetzt würden. Diese zugestellten Links – und so war es eben auch im konkreten Fall dieses Ungleichgesinnten– liest man vielmehr als Markierungen. Hunde markieren mit Pisse, wir mit Links. So, liebe Kinder, könnte man sagen, um den Sendercharakter herauszustellen. In diesen Links wurde dann eben gesagt, die ganze Flüchtlingssache sei ein abgekartetes Spiel, an dem bestimmte Kreise ihr Geld verdienten. Das wurde verkündet, ohne dass der eigene Standpunkt, von dem aus diese Aussage erfolgte, mit bedacht worden wäre. Immerhin aber wäre die Gleichgesinnung und damit das an sie gebundene Denk-Behindernde aufgebrochen gewesen, zumal einige der Teilnehmer Flüchtlinge betreuten, und man hätte zu denken beginnen können. Nichts dergleichen geschah. Es war halt kein Patrick da, der den Boden unter den Füßen weggezogen hätte. Stattdessen zog sich der Flüchtlingskritische nach einer kurzen, über Mail ausgetragenen Kritik, worin ihm der Vorschlag gemacht wurde, sich an Gleichgesinnte zu wenden, zurück. In der Folgesitzung wurde über dieses Ausscheiden kein Wort verloren. Man sprach vielmehr über politische Aktionen, die es in Gang zu setzen gälte, denn nur einfach so in der Gruppe etwas denken, das führe zu nichts. Und dann reihten die Gleichgesinnten ihre Standpunkte aneinander. Gebläse. Sanfter als Laubbläser, die ich kannte. Leiser auch. Aber Gebläse.

In Indien ist die Meinungsfreiheit unendlich größer. Dort wäre es normal, dass Kommunisten, Nationalisten, neoliberale Faschisten und Anarchisten am gleichen Tisch säßen. Und die könnten locker miteinander sprechen. Verschiedene Meinungen – das sei das Natürlichste, so natürlich, dass es nicht einmal toleriert werden müsse. Die hier in Deutschland wahnhaft betriebene Einsortiererei sei in Indien jedenfalls nicht zu finden. Das schreibt ein Lehrer für Deutsch als Fremdsprache, auf einen seiner Schüler Bezug nehmend. Indien liegt in irgendeinem Meinungsfreiheitsranking an einer hintersten Stelle, Deutschland weit vorn. Das Ranking von Gleichgesinnten erstellt.

Wir sind die Guten. Ob die, die diese Guten kritisieren, darüber nachgedacht haben, dass dieses Schicksal sie selbst ereilen könnte? So frage ich mich, wenn ich in die Runde blicke, aus welcher der Ungleichgesinnte ausgeschieden ist. Auch in kritischen Büchern über die Guten, so fällt mir ein, bleibt der eigene Standort weitgehend unbeleuchtet. Und je länger ich in solchen Büchern lese, je genauer und tiefer, desto klarer wird: Ich habe kein Buch eines Guten in den Händen, vielmehr eines Gutenguten. Und wenn die Gutenguten ihre Experten befragen – diese Befragerei, liebe Kinder, ist wahrlich ein zentraler Punkt des Gedröhnes und Gebläses, zuweilen habe ich den Eindruck, es seien diese Experten in die Laubbläser direkt mit eingebaut –, wenn die also fragen, so ist es zuweilen genau so absehbar, wie wenn die Guten ihre Experten befragen. Dass irgendein kritischer Ansatz auf sie selbst zurückfiele? Selten.

Und so nahm ich die, die mir ein bisschen Heimat schienen, plötzlich ebenso als Sender wahr. Als mir etwas näherstehende Sender durchaus, aber als Sender. Und meine Versuche, mit diesen mir näherstehenden Sendern in Kontakt zu treten, bestätigten das. Mails an Redaktionen blieben ohne Antwort, Lesermails, die zu sehr abwichen, wurden nicht veröffentlicht. Und ich schämte mich ein bisschen für die Begeisterung, mit der ich einigen Freunden die Links auf die Seiten der Gutenguten zugestellt hatte. (Ob sie diese Links auch als Markierungen empfunden haben?) Nein, Patricks gibt es nicht wie Sand am Meer. Und wenn ein Patrick stirbt, wird man einsam. Und so las ich auf den Portalen der Gutenguten, die wie ARD und ZDF auf ihre kritischen Mails hin entweder nur in Floskeln oder überhaupt nicht geantwortet hätten, und ich dachte dabei an meine Mails, die sich in Luft aufgelöst hatten. Einmal aber kam eine Reaktion zurück und da stand: Ich würde wohl den Dissens nicht aushalten.

Ja, das ist es vielleicht. Aushalten. Das müsste man alles. Diese endlose Reihung von Meinungen, dieses endlose Gedröhne und Gebläse, einfach aushalten.

Doch wie steht es um mich, liebe Kinder? Bin ich der Gute dritter Ordnung? Der Gutegutegute? Fehlt mir Patrick um nicht wieder in Ideologie zu verfallen?

Diese Gute-Nacht-Geschichte aber, Kinder, setzt sie euch überhaupt in Bewegung? Wollt ihr Patrick kennenlernen, wenn ihr sie hört? Euren Patrick suchen? Wollt ihr euch zusammensetzen und einen Gedanken entwickeln, den es zuvor nicht gegeben hat? Wollt ihr aufbrechen, ohne zu wissen, wo alles endet? Wollt ihr euch selbst aussetzen und in Sprache zerlegen bis zur Unkenntlichkeit? Euch den Boden unter den Füßen wegziehen, damit ihr zu hüpfen beginnt, vielleicht zu schweben?

Denken ist Rausch. Das hat mich Patrick gelehrt. Ein Rausch ist sinnlich. Haut an Haut. Flutschig. Feucht. Schwindel kommt hoch, Alles wankt. Patrick aber (oh nein, nicht doch die schlechte Rhetorik der Alpenländer!) wäre der Grund für Alles. Und nicht den Boden weggezogen hatte er am Ende, sondern den Asphalt weggesprengt, den Teer. Und die Erde bewässert. So dass alle auflebten und zu blühen begannen an den Tischen, an denen er saß. Hat nicht einer Gleiches getan? Lange vor ihm?


Redaktionelle Anmerkung: Von Teer Sandmann erschien im März 2018 „Golo spaziert. Das Land der sicheren Freihheit“ — ein politisch-poetisches Buch über Deutschlands letzten Spaziergänger, das Ende der Freiheit, einen strafendenen Gott, beobachtet vom Verfassungschutz, und etwas Twin Peaks.

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