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Das Gute im Schlechten

Das Gute im Schlechten

Eine Leserin fand im Laufe der Krankheits-Odyssee, die ihre Familie durchmachen musste, neuen Lebensmut.

von Freya Wille

Hallo, ich bin Freya, Mutter von zwei Töchtern. Die ältere ist seit Jahren krank. Sie hat eine Essstörung, seitdem sie 12 Jahre alt ist. Das sind nun fünf Jahre, inzwischen ist sie 17. Mittlerweile haben wir alles durch. Schulmedizinisches und Alternatives, Ambulantes und Stationäres. Es geht ihr gerade wieder nicht gut. Wie immer im Winter, wenn es grau und dunkel ist. Ach ja, und weil Corona ist. Stimmt, es gab ja auch mal eine Zeit davor ...

Unsere Tage sind sehr anstrengend. Eigentlich bin ich Lehrerin, aber ich habe nur noch wenige Stunden gearbeitet, um mehr für meine kranke Tochter da zu sein. Zum Schluss habe ich nur noch gearbeitet, weil ich ihr auf diese Weise eine private Krankenversicherung ermöglichen konnte. Aber ich kann nicht mehr und habe mich nun beurlauben lassen.

Dann kam auch noch die Erkrankung meiner Mutter hinzu. Einige ihrer Wirbel sind eingebrochen. Daher hat sie Schmerzen. Wahnsinnige Schmerzen, die sie in die Verzweiflung und Depression treiben. Seit nunmehr sechs Wochen versuchen wir, sie in einer Schmerzklinik unterzubringen. Vorgestern hatte man ihr großzügig erlaubt, eine Schmerztherapie in einem naheliegenden Krankenhaus zu beginnen. Bis dahin werden weitere vier Wochen ins Land gegangen sein. Und eine Booster-Impfung. Die ist nämlich Voraussetzung dafür, dass sie die Schmerztherapie überhaupt antreten darf.

Sie will nicht hören, wenn ich ihr sage, dass ich den Verdacht habe, ihre Schmerzen könnten von den ersten Spritzen stammen. Wegen lokaler Durchblutungsstörungen und einer Unterversorgung bereits angegriffener Areale wie Muskulatur, Nerven und Knochen. Mein „alternativer“ Arzt hat das bestätigt. Der Stand jetzt ist: Booster oder Schmerzen, und ihr Ausspruch: „Ich lebe ohnehin nicht mehr lange.“

In der Schule habe ich „remonstriert“. Zweimal. Aber ich musste es trotzdem tun, die Schüler unter Masken zwingen und sie testen. Ich habe es getan, zweideutig geredet, mich weggedreht, selbst keine Schutzkleidung angehabt. Nur wenige haben verstanden, was ich damit sagen wollte. Sie hören von ihren Eltern, wie weit das Stäbchen in die Nase gehört. Und sie gehorchen ihren Eltern. Ein Mädchen habe ich seit Monaten nicht mehr lachen sehen.

Unsere Familie ist nicht geimpft. Alle vier nicht. Ich bin so froh, dass mein Mann die Sache ebenso sieht wie ich. Wenn die Erkrankung unserer Tochter einen Sinn hat, dann den, dass wir dadurch gelernt haben zu hinterfragen, insbesondere das Gesundheitssystem.

Vor zwei Jahren hat unsere Tochter einen Suizid-Versuch unternommen. Dabei bekam sie wegen ihrer Essstörung bereits ein Neuroleptikum, das ihre emotionalen Tiefs regulieren sollte, damit eben dies nicht passiert. Die auf den Suizidversuch folgenden lebensrettenden Operationen und die Gabe von Schmerzmitteln auf der Intensivstation führten zu einer Phase eines furchteinflößenden Delir-Zustands meiner Tochter. Er begann kurz nach der turnusmäßigen Injektion des Neuroleptikums. Ich verstehe nicht, warum uns die Ärzte erzählt haben, das Delir habe nichts mit dem Neuroleptikum zu tun.

Sie bekommt es nicht mehr. Wir haben uns von der Schulmedizin abgewendet. Der Zustand meiner Tochter ist trotzdem nicht besser geworden. Immerhin haben wir nach langer Zeit das Gefühl, dass sie sich geistig wieder altersgemäß entwickelt. Und ihre Aussage, sie lebe nicht mehr unter einer Glocke, macht uns Mut.

Sie möchte nicht geimpft werden, hat ihre Erfahrungen mit Spritzen gemacht. Dennoch leidet sie unter der Tatsache, dass es ihr nicht gelingt, sich von den Gedanken ihrer psychischen Krankheit abzulenken. Schon gar nicht als Ungeimpfte.

Und so ergeht es Millionen anderer Jugendlicher. Jeden Morgen hoffe ich, sie lebend vorzufinden. Meine ganz private Coronahölle.

Vor wenigen Wochen nahmen uns liebe Bekannte zu einem Treffen in einer kleineren Nachbarstadt mit. Ich muss weinen, wenn ich daran denke. Wir waren in einer Gastronomie, in der man uns ohne Maske bedient hat. Ohne Fragen. Und alle Menschen dort dachten so wie wir. Wir tauschten uns aus über Kontaktabbrüche in den Familien und unter Freunden. Und wir fanden neue Freunde. Auch einen Psychotherapeuten habe ich kennengelernt. Er stärkt mich derzeit in dieser anstrengenden Zeit.

Wir machen wieder Pläne für die Zukunft — soweit dies möglich ist. Zunächst waren diese neuen Bekannten ein Strohhalm für mich, aber es entwickelt sich immer mehr daraus. Es tut so gut, wenn Menschen um einen herum die gleichen Empfindungen hegen und ihre Gedanken mit den gleichen Worten beschreiben wie man selbst. Es ist wie ein Heimkommen aus der Fremde. Man fragt sich ja unweigerlich nach vielen Rückschlägen, ob man nicht vielleicht doch selbst der Verrückte ist.

Aber nun habe ich erlebt, dass wir nicht alleine sind. Spontane Hilfe haben wir gerne angenommen. Wir haben gelernt, dass es Wege gibt, mit den bestehenden Strukturen zurechtzukommen und etwas Neues aufzubauen. Es ist nicht einfach, aber es gibt Möglichkeiten. Und das ist so viel mehr, gerade in unserer Situation, als das, was wir vorher hatten. Wir sind dankbar für diese Kontakte. Der Zuspruch und die Selbststärkung, die wir dort erhalten, helfen uns, uns in dieser Welt zurechtzufinden, unseren „Mann“ zu stehen, uns treu zu bleiben.

Die Odyssee unserer Familie, bedingt durch die Krankheiten meiner Mutter und unserer Tochter, wird wohl zunächst Teil unseres Lebens bleiben. Es schmerzt, und dennoch bin ich dankbar, denn ohne die dadurch gemachten Erfahrungen stünden wir vielleicht nun auch auf der anderen Seite ...

Ich hege die Hoffnung, dass nicht nur bildlich gesehen die Sonne wieder aufgeht, eine Art Erleuchtung im multidimensionalen Sinn. Zusammenhänge werden klar, Herzen erwärmt, Verständnis und Liebe gegeben. Und dass dieses Ereignis den Lebenswillen wieder entfacht, die Lebensperspektive und die ungebändigte Lebensfreude einer ganzen Familie, einer ganzen Menschheitsfamilie, die endlich aus dem Kokon zu ihrer wahren Schönheit gelangen möchte.

Sie können uns alles nehmen, aber nicht die Erfahrungen der Menschlichkeit, die wir machen durften und die uns zu dem gemacht haben, was wir nun sind.

Wenn uns auch vieles im Außen genommen wurde, ist im Inneren doch umso mehr Raum für unseren Kern, keine Ablenkung mehr von unserem wahren Ich, von so viel Mitgefühl, Liebe und Potenzial. Ein Potenzial, mit dem man wirklich eine neue Welt erschaffen kann.

Und das unterscheidet uns von ihnen.


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