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Das Einmaleins der Macht

Das Einmaleins der Macht

Die Techniken der Herrschaftsausübung sind über viele Epochen hinweg gleich geblieben und wurden perfektioniert.

Herrschaft im Mittelalter

In der Vergangenheit wurde Macht vor allem auf zwei Arten ausgeübt: zum einen durch rohe, physische Überlegenheit und die damit einhergehende Fähigkeit, Zwang auszuüben; dem gegenüber steht die Machtausübung durch eher subtile, intellektuelle Überlegenheit, mit deren Hilfe man andere, vorwiegend durch Täuschung, manipulieren und kontrollieren kann.

Während des Mittelalters waren in Deutschland und Europa beide Formen präsent. Die grobe, weltliche Macht lag formal in den Händen der Fürsten und Könige, die über Armeen verfügten und ihren Willen gewaltsam durchsetzen konnten. Der Klerus, also die Vertreter der sogenannten Geistlichkeit, bestimmte maßgeblich, woran die Menschen damals glaubten. Die Geistlichen waren die Herren der Meinungen und Ansichten und genossen hohes Ansehen und Vertrauen. Das brachte sie in eine Position, in der sie ihre Zuhörer, von ihrer Kanzel herab, beinahe nach Belieben mit Gedanken und Ideen füttern konnten. Viele der gepredigten Inhalte zielten vor allem darauf ab, Vorteile für die klerikale Klasse zu schaffen.

Tatsächlich hatte der Klerus nicht nur Kontrolle über die Gedanken der gemeinen Bevölkerung, sondern besaß auch die letztendliche Macht über die weltlichen Fürsten. Das wird zum Beispiel am berühmten Gang nach Canossa deutlich, als der weltliche König Heinrich IV. im 11. Jahrhundert nach Canossa reiste, um sich vor Papst Gregor VII. zu verneigen und so seine Niederlage in einem Kampf um das Recht darüber, Bischöfe und Äbte in ihre Kirchenämter einzusetzen, einzugestehen und um Vergebung zu bitten. Generell waren die Könige und Kaiser des damaligen Deutschen Reiches von der Gunst des Papstes abhängig, der seine Dominanz ihnen gegenüber bei deren Krönung demonstrierte. Schließich war es der Papst, der dem Kaiser die Krone aufs Haupt setzte und nicht umgekehrt. Der Kaiser empfing seine Macht so symbolisch vom Papst.

Die eigentliche Macht lag also beim Klerus und damit bei den Herrschern über Gedanken und Ideen. Wie konnten sie die weltlichen Fürsten trotz deren Armeen kontrollieren?

Dogma

Indem sie mithilfe von unantastbaren Glaubenssätzen geistige Gefängnisse konstruierten, aus denen einzelne Individuen nur schwer entfliehen konnten. Verbreitet eine Vertrauens- und Autoritätsperson, wie beispielsweise ein örtlicher Pfarrer, Überzeugungen wie die von der Existenz eines Fegefeuers und ähnliche, angsteinflößende Mythen, lähmt die daraus entstehende Angst die jeweiligen Gläubigen oft so sehr, dass sie es nicht einmal wagen, den Mythos selbst zu hinterfragen.

Darüber hinaus können die wenigen, die die Informationen des Priesters hinterfragen, kaum über ihre Ansichten sprechen, weil sie Gefahr laufen, von der Mehrheit der Strenggläubigen ausgestoßen zu werden.

Als Menschen ist unser nacktes Überleben abhängig von der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft. Fast nichts weckt unsere ureigensten Ängste so sehr wie die Angst vor absoluter sozialer Isolation. Sie ist lebensbedrohlich.

Und so stehen die wenigen kritischen Seelen nun also da und können ihre Gedanken nur unter großem Risiko verbreiten. Das zementiert nicht nur das bestehende dogmatische Glaubensgefängnis, sondern erschwert auch noch das Auffinden von Gleichgesinnten, was die Grundvoraussetzung für die Formierung einer möglichen Widerstandsbewegung ist. Zu den sozialen Repressionen, die sich aus den fanatischen Überzeugungen der Klerusanhänger ergeben, gesellen sich häufig noch direkte Bedrohungen von Leib und Leben Andersdenkender in Form staatlicher Repressionen durch die weltlichen Herrschaftsstrukturen. Ketzer wurden auch von weltlichen Fürsten verfolgt, wie beispielsweise im Falle des Wormser Edikts von 1521 über Martin Luther. Es verbot im gesamten Reich die Unterstützung und Unterbringung Luthers sowie das Lesen und Verbreiten seiner Schriften. Das Edikt wurde vom Reichstag verhängt und vom Kaiser gezeichnet.

Daran wird deutlich, dass die weltlichen Herrscher dieser Zeit die Interessen der geistlichen Fürsten durchsetzten. Zudem zeigt es, wie sehr sich die Religionsführer jener Zeit über das Fundament ihrer Macht im Klaren waren. Ihre Kontrolle über die Gedanken und Ansichten der Bevölkerung wollten sie unter keinen Umständen preisgeben.

Ein weiterer wichtiger Baustein zum Machterhalt des Papstes und seiner Organisation bestand darin, ausschließlich auf Latein zu predigen und die entsprechenden grundlegenden Lehren und Schriften nur in Latein verfügbar zu machen. Das machte es für die einfachen Leute von damals praktisch unmöglich, das Gesagte zu hinterfragen oder sich aus eigener Kraft das notwendige Wissen anzueignen, um in den Augen ihrer Zeitgenossen als geistliche Autorität anerkannt zu werden.

Sich auf Latein zu beschränken war ein Trick des Klerus, um den Zugang zu ihren Reihen sorgfältig kontrollieren zu können und die Risse in ihren Ideologiegebäuden zu maskieren. Nur wer die entsprechende Autorität besaß, um über geistliche Themen zu sprechen, wurde angehört, und um die Autorität zu erlangen, war man auf Unterstützung der bestehenden Autorität angewiesen. Ohne diese Unterstützung war es nur sehr schwer — wenn überhaupt — möglich, sich entsprechendes Wissen und Fähigkeiten anzueignen. So sicherte der Klerus seine dominante gesellschaftliche Position.

Die weltlichen Herrscher mögen das teilweise durchschaut haben, waren dagegen aber machtlos. Ihre Armeen speisten sich ja selbst aus ebendieser Bevölkerung, deren Verstand in den geistigen Gefängnissen der intellektuellen Klasse verharrte.

Wir sehen also, an der Spitze der Gesellschaft standen damals die Intellektuellen in Form des Klerus, angeführt vom Papst. Sie manipulierten die Gedanken und Gefühle ihrer Untertanen und sicherten auf dieser Weise ihre Macht. Sie waren mächtiger als die höchsten weltlichen Herrscher, die selbst mit ihren Armeen nicht gegen die dogmatischen Bannsprüche ihrer Herren ankamen.

Nun zu unserer heutigen Situation: Welche Parallelen gibt es, wo sind die Unterschiede und was können wir daraus lernen?

Herrschaft heute

Die wohl drastischsten Veränderungen des vergangenen Jahres betreffen Freiheitsbeschränkungen im Namen der Gesundheit. Kleine, winzig kleine und sehr komplizierte Teilchen sollen unsere Gesundheit bedrohen. Um den Qualen einer Zwangsbeatmung und dem drohenden einsamen Tode zu entgehen, müssen wir bestimmte Regeln befolgen und Zwangsmaßnahmen akzeptieren.

Diese Regeln können wir nicht wirklich hinterfragen, denn aufgrund der Komplexität der zugrundeliegenden Materie bedarf es einer Legitimation, um über diese Themen zu sprechen. Diese Legitimation umfasst zumindest zwei, besser aber vier Buchstaben vor dem Namen sowie einen weißen, medienwirksamen Kittel. Diese Insignien intellektueller Autorität muss man sich in langwierigen akademischen Ausdauerläufen erarbeiten, und sie sind daher nur für eine kleine Gruppe realistisch erreichbar.

An dieser Stelle beginnen wir Parallelen zwischen damals und heute zu erkennen: Heute ist es wieder eine relativ kleine Gruppe von Intellektuellen, aufgrund deren Ansichten harte Zwangsmaßnahmen legitimiert werden. Ohne die Meinungen scheinbarer Experten zur Gefährlichkeit bestimmter Mikroben könnten Regierung, Polizei und Justiz nicht so agieren, wie sie es derzeit tun. Zumindest nicht ohne massiven Widerstand.

Die Kontrolle über Gedanken und Ideen ist bei der Ausübung von Macht gegenwärtig also wieder — oder immer noch — von großer Bedeutung. In dieser Hinsicht übernehmen heute einige sogenannte Wissenschaftler die Rolle der damaligen Kleriker.

Sie erschaffen abstrakte Bedrohungszenarien, die für die meisten Leute nicht nachprüfbar sind. Die Argumentationen der Pseudowissenschaftler wirklich bis ins letzte Detail nachvollziehen zu können erfordert eine jahrelange Spezialausbildung, über die nur relativ wenige verfügen.

Auch beherrscht ein Großteil der Bevölkerung die Fachterminologie der in eindrucksvollen weißen Gewändern auftretenden Männer und Frauen nicht und kann daher nicht einmal die Sprache derjenigen verstehen, deren Ansichten herangezogen werden, um weitreichende Freiheitsbeschränkungen zu rechtfertigen. Das Latein der damaligen Kleriker wurde in gewisser Weise ersetzt durch das Fachchinesisch heutiger Pseudowissenschaftler.

Mit Pseudowissenschaftler meine ich diejenigen Wissenschaftler, die sich aus wirtschaftlichen oder sonstigen Gründen Auftragsforschungen mit zumindest gewünschten Resultaten widmen. Selbstverständlich gibt es viele aufrichtig und gewissenhaft arbeitende Wissenschaftler. All diese sind hier ausdrücklich nicht gemeint.

Wie wir sehen, gibt es einige Parallelen zwischen den gegenwärtigen und vergangenen Mechanismen der Machtausübung. Damals wie heute war und ist ein gewisses Maß an Kontrolle über die Gedanken und Meinungen der Bevölkerung notwendig, und damals wie heute kommt den Meinungen und Gedanken einer relativ kleinen, schwer zugänglichen und kaum hinterfragbaren Gruppe von Intellektuellen eine überprortionale Bedeutung zu. Doch sind die Intellektuellen, die Akademiker, die sogenannten Wissenschaftler auch diejenigen, bei denen die Fäden zusammenlaufen? Sitzen sie an der Spitze der Pyramide? Vereinen sie die meiste Macht auf sich? Betrachten wir dazu einige Unterschiede zwischen damals und heute.

Machtverschiebung

Die Geistlichkeit war damals nahezu überall vertreten. Noch heute findet sich in unseren Breiten kaum ein Dorf, mag es auch noch so klein sein, das nicht über eine kleine Kirche oder zumindest eine Kapelle verfügt.

Die intellektuelle Herrscherkaste von damals verfügte somit über ein eigenes, weit gespanntes Netz zur Verbreitung ihrer Ideologien. Sie konnte ihre Glaubensgrundsätze unabhängig von der Gunst anderer selbst verbreiten und gleichzeitig deren Einhaltung sicherstellen.

Darüber hinaus verfügten die Kleriker über großen Grundbesitz. So konnten sie ihren eigenen Unterhalt bequem als Lehnherren bestreiten. Steuern, Zwangsabgaben und Fronarbeit auf den eigenen Ländereien sicherten das Wohlergehen der geistlichen Fürsten. Abtrünnige Untertanen wurden notfalls mit Hilfe der weltlichen Kaiser und Könige auf den „rechten” Weg zurückgeführt. Die Spitze der damaligen Herrschaftspyramide konnte ihre Macht also weitestgehend alleine aufrechterhalten und war dazu kaum auf die Unterstützung anderer Interessengruppen angewiesen.

Die Pseudowissenschaftler genießen diese Privilegien heute nicht mehr. Sie sind nicht bis in jedes Dorf mit eigenen Außenstellen vertreten und verfügen auch über keinen unmittelbaren Zugang zur breiten Öffentlichkeit. Vielmehr sind sie für die Verbreitung ihrer Gedanken und Ansichten auf Unterstützung zum Beispiel durch Politiker oder Massenmedien angewiesen.

Diese befinden sich zu weiten Teilen im Besitz — und damit unter der Kontrolle — von wenigen Großkonzernen, welche ihrerseits maßgeblich von wenigen ultrareichen Privatpersonen kontrolliert werden. Die Intellektuellen sind heute hochgradig abhängig vom Wohlwollen einer vergleichsweise jungen Klasse: der Klasse ultrareicher Wirtschaftseliten.

Verfügten die Intellektuellen früher noch selbst über große Reichtümer, müssen heute viele von ihnen in regelmäßigen Intervallen — typischerweise etwa alle 3 Jahre — Bittanträge zur Finanzierung ihrer Arbeit stellen. Diese Bittanträge werden auch Forschungsanträge genannt und sind eine wesentliche Finanzierungsquelle wissenschaftlicher Vorhaben.

Welche Forschungsthemen förderungswürdig sind, bestimmen die Geldgeber selbst. Ein großer Teil der Wissenschaftsförderung entstammt zwar noch immer öffentlichen Geldern und kann daher theoretisch von der Allgemeinheit mitgestaltet werden, praktisch üben Lobbygruppen mächtiger Wirtschaftsinteressen hier jedoch großen Einfluss aus. Hinter diesen Wirtschaftsinteressen steht erneut die gleiche Klasse ultrareicher Wirtschaftseliten, die neben ihrer indirekten Kontrolle über die Verwendung öffentlicher Fördermittel auch selbst ganz direkt Fördermittel im großen Stil bereitstellen und damit die Aktivitäten der Wissenschaftler auch ganz direkt kontrollieren.

Die intellektuelle Klasse in Form von Teilen der akademischen Wissenschaft ist heute auf mindestens zweierlei Weise hochgradig von der Unterstützung mächtiger Wirtschaftsinteressen abhängig: um einerseits ihren Selbsterhalt und ihre wissenschaftlichen Vorhaben zu finanzieren und um andererseits mit ihren Ansichten und Gedanken eine gewisse gesellschaftliche Wirkmacht entfalten zu können. Sie genießen nicht mehr das gleiche Maß an Unabhängigkeit wie ihre intellektuellen Kollegen der Vergangenheit. Die Abhängigkeitsverhältnisse haben sich zugunsten der Klasse mächtiger Wirtschaftseliten verschoben und mit ihnen die Machtverhältnisse. Dort, bei den Wirtschaftseliten, laufen die Fäden der Macht heute zusammen.

Die Herrschaftsinstrumente der Wirtschaftseliten

Auch die Kleriker hatten materielle Bedürfnisse in Bezug auf Nahrung, Unterkunft, Kleidung und Ähnliches. Die entsprechenden Güter stellten sie allerdings kaum durch ihrer eigenen Hände Arbeit her. Der Gütertransfer von der arbeitenden Bevölkerung hin zur Geistlichkeit wurde immer bedeutsamer und brachte die Händler und Kaufleute in eine für sie äußerst günstige Position. In einer immer komplexer werdenden Gesellschaft wurden sie zunehmend zu Mittelsmännern, die die Verbindung der Mächtigen mit den begehrten Handelswaren herstellten. Sie kontrollierten Handels- und Warenflüsse und schafften es binnen weniger Jahrhunderte, ihre Macht so weit auszubauen, dass sie es mit den alten Herrschaftsstrukturen aufnehmen konnten.

Vor diesem Hintergrund stehen die gesellschaftlichen Umwälzungen im Europa des 18. und 19. Jahrhunderts in einem neuen Lichte. Sie waren auch Ausdruck sich wandelnder Machtverhältnisse und markierten den Aufstieg der Klasse mächtiger Wirtschaftseliten an die Spitze der Machtpyramide. Freie Märkte erfreuen gewiss diejenigen am meisten, die über große wirtschaftliche Macht verfügen. Sicherlich hatten die frühen Vertreter klassischer Marktideologien wie Adam Smith, David Ricardo und John Stuart Mill keine großen Schwierigkeiten dabei, wohlhabende Unterstützer zu finden, die ihre Arbeit und deren Verbreitung förderten.

Und hier schließt sich in gewisser Weise der Kreis zur Situation der heutigen pseudowissenschaftlichen Klasse. Die ultrareichen Marktbarone verstanden es früh, Ideen zu fördern, die für sie nützlich waren. Karl Marx hingegen, der die Enteignung der Wirtschaftseliten propagierte, war bettelarm und auf die Gunst eines einzigen Kapitalistensprösslings angewiesen. Schon seit Beginn der Machtübernahme durch die Marktbarone verstanden diese es, die Intellektuellen durch deren geschickte Förderung in ihren Dienst zu stellen und für ihre Interessen arbeiten zu lassen. Das trifft auch heute noch zu.

Die wahre Macht liegt bei der Kaste ultrareicher Wirtschaftseliten, den modernen Marktbaronen, die man jetzt wohl eher als Finanzbarone bezeichnen muss. Ihre Macht fußt auf einer Kombination von Kontrolle über die Güterströme und der Aufrechterhaltung von ausgewählten, unantastbaren Glaubenssätzen.

Die Unantastbarkeit unserer marktwirtschaftlichen Grundordnung zeigt sich unter anderem in Angela Merkels Ziel einer „marktkonformen Demokratie“.

Die Kaste der Wirtschaftselite hat die Gesellschaft recht umfassend unter ihrer Kontrolle. Wie groß ihre Macht ist, konnten wir besonders im letzten Jahr sehen. Zudem bewiesen sie, dass sie vor nichts zurückschrecken, um ihre Macht zu erhalten und weiter auszubauen. Sie nehmen bereitwillig in Kauf, die Gesellschaft zu lähmen, Fortschritt zu behindern und enormes Leid zu verursachen. Die Herrschaft der ultrareichen Kaste ist eine große Bedrohung für die Menschheit. Doch wie können wir sie überwinden?

Der Weg nach vorn

Um das System zu ändern, müssen wir die zur Machterhaltung notwendigen ideologischen Kernelemente erkennen und das Fehlerhafte und Schädliche an ihnen aufzeigen. Aufklärung ist ein essenzieller Schritt auf dem Weg zu einem neuen System. Das alleine reicht aber nicht aus. Wir müssen auch gute und praktische Alternativen anbieten.

Derzeit leben wir im Kapitalismus, der seinen Namen trägt, weil Kontrolle über und Vermehrung von Kapital seinen Wesenskern bilden. Er ist von der Überzeugung getragen, dass unterm Strich für alle das Beste herauskommt, wenn jeder möglichst auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist und für die Vermehrung seines eigenen Kapitals arbeitet. Das kommt besonders denen gelegen, die über viel Kapital verfügen. Um Kapital vermehren zu können, muss man erst einmal welches besitzen.

Nun stimmt es zwar, dass Selbsterhalt und die Anhäufung materieller Güter recht starke Antriebe des menschlichen Geistes sind. Als Fundament einer Wirtschaftsordnung können sie durchaus dazu beitragen, dass sich mehr Menschen stärker bemühen, was zu besseren Resultaten in Form einer gesteigerten Wirtschaftsleistung führt. Jedoch birgt dieser Ansatz auch gravierende Nachteile. Ein Verstand, der primär auf seinen eigenen Vorteil ausgerichtet ist, ist anfällig dafür, die Konsequenzen des eigenen Handelns für andere und die Gesellschaft als Ganzes nicht wahrzunehmen.

Entscheidungen, die Einzelnen dienen, der Allgemeinheit aber schaden, werden systematisch begünstigt. Die Folgen davon können wir unter anderem in Form grassierender Umweltzerstörung, extremer Armut in einer Welt überbordenden materiellen Reichtums oder Kriegen für die Interessen kleiner Gruppen sehen.

Zudem ist die Verengung des menschlichen Geistes auf seinen eigenen Vorteil nicht natürlich. Wir Menschen besitzen beides, eine Tendenz zum Eigennutz und eine Tendenz zu Güte und Mitmenschlichkeit. Beides wollen wir ausdrücken, beides braucht einen Platz. Ein Gesellschaftssystem sollte beide Aspekte systematisch fördern. Es sollte berücksichtigen, dass das Wohl jedes Einzelnen vom Wohl der Gemeinschaft abhängt und dass das Wohl der Gemeinschaft die Summe des Wohlergehens ihrer Mitglieder ist.

Ein wichtiger Schritt hin zu solch einem System wäre meines Erachtens die Einführung einer Obergrenze für Reichtum. Genauer: Niemandem sollte es gestattet sein, ohne die Zustimmung der Gesellschaft unbegrenzt materiellen Reichtum anzuhäufen.

Durch die geschickte Wahl einer geeigneten Obergrenze für Reichtum sowie der Möglichkeit für gemeinschaftlich beschlossene Ausnahmen können die wenigen Vorteile des Kapitalismus erhalten bleiben und seine wesentlichen Schwächen effektiv beseitigt werden.

Damit das gelingt, muss diese Obergrenze einerseits groß genug gewählt werden, dass nur sehr wenige Menschen sie erreichen. Dann bleibt der Anreiz zur Bemühung für die meisten Menschen erhalten. Andererseits muss sie gering genug festgesetzt werden, dass niemand unkontrolliert durch die Anhäufung von Reichtum in eine gesellschaftsbeherrschende Machtposition gelangen kann. Des Weiteren sollte die Obergrenze prinzipiell dynamisch angelegt sein und sich der Entwicklung des gesellschaftlichen Wohlstands anpassen.

Zum Thema einer Obergrenze für überbordenden Reichtum habe ich bereits ein ausführliches Video aufgenommen, dessen zentrale Inhalte auch in kondensierter, schriftlicher Form zur Verfügung stehen. Darin zeige ich die Notwendigkeit einer solchen Obergrenze auf, wäge sie gegen mögliche Nachteile ab und unterbreite konkrete Vorschläge für deren Umsetzung.

Die Grundvoraussetzung für die Einführung einer Obergrenze für Reichtum ist, dass die Idee zunehmende Verbreitung findet. Daher betrachte ich das Verfassen eines Artikels wie diesen als Arbeit daran, die Herrschaftsstrukturen der ultrareichen Kaste zu überwinden. Das gilt auch für die Verbreitung dieses Textes und weiterer Inhalte, die sich mit der Schaffung einer neuen Wirtschaftsordnung beschäftigen.

Ein neues System ist möglich, und das schneller, als viele es für möglich halten. Fangen wir jetzt damit an, die Fundamente dafür zu legen.


Dharmendra Laur, „Warum die Begrenzung von Reichtum gut für ALLE ist“


Quellen und Anmerkungen:

Weiterführender Link: „Eine Vermögensbegrenzung — Gut für den
Einzelnen und die Gesellschaft
“ (PDF)

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