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Das Eingeständnis

Das Eingeständnis

Der Pharmamanager John Virapen bekennt rückblickend, dass er mit seinem Tun in dieser Branche „ein Schwein“ war.

Sie kommen in den frühen Morgenstunden. Wenn der Morgen graut, sein Morgen graut. Sie schleichen in sein Zimmer, versammeln sich um sein Bett. Sie schlagen die Köpfe gegen die Wände. Sie zücken Rasierklingen. Sie ritzen sich den Hals. Sie ritzen sich die Arme.

Er bekommt Angst, große Angst. Er schwitzt. Er erwacht. Sie sind weg. Aber sie werden wiederkommen, schon nächste Nacht. Sie kommen immer wieder.

Sie sind tot. Aber die Schatten dieser Toten verfolgen ihn. Sie gewähren ihm keine Ruhe. Denn er trägt Mitschuld daran, dass diese Menschen gestorben sind.

Eine ungeheure Last liegt auf ihm. Die Vergangenheit ist noch nicht vergangen. Er beschließt, sich ihr zu stellen. Er fasst den Entschluss, ein Buch zu schreiben, hofft, indem er seine Vergangenheit beschreibt, Einfluss zu nehmen auf Gegenwart und Zukunft und womöglich damit seine große Schuld ein wenig zu verringern. Er schreibt ehrlich und aufrichtig, er schreibt von den Schatten der Toten und allem anderen, den Beeinflussungen, Bestechungen, Betrügereien, und er schreibt gnadenlos über sich selbst: „Ich war ein Schwein.“ Und fügt hinzu: „Nach der Lektüre werden Sie mich vermutlich nicht besonders mögen. Verurteilen Sie mich. Sie können nicht härter zu mir sein, als ich es selbst bin.“

Er widmet sein Buch „den ungezählten Opfern der Pharmaindustrie“, jenen also, deren Schatten ihn nachts martern. Sein Name ist John Virapen. Sein Buch heißt Nebenwirkung Tod.

Bezüge

Wer Jörg Blechs 2003 erschienenen Bestseller Die Krankheitserfinder. Wie wir zu Patienten gemacht werden (1) gelesen hat, ist mit der Problematik bereits gut vertraut. Allerdings sollten sich auch diese Leser warm anziehen, denn während es sich bei Blechs Buch um eine — wie der Tagesspiegel seinerzeit urteilte — „pointiert geschriebene, genau recherchierte“ Dokumentation eines zwar bestens mit dem Thema vertrauten Autors, aber eben doch Außenstehenden handelt, schreibt in der Person Virapen ein Insider. Blech ist der Militärhistoriker, Virapen der Soldat mit umfassender Fronterfahrung, der es vom Gefreiten zum Oberst gebracht hat.

Was er berichtet, bietet einen ziemlich hässlichen Anblick, und auch seine Ausdrucksweise ist hemdsärmeliger und sarkastischer als jene des Absolventen der Hamburger Journalistenschule und Stern-, Zeit- und Spiegel-Autors Jörg Blech.

Die Verhandlungsgrundlage mit einem korrupten Psychiater zum Beispiel, bei dem Virapen ein wohlwollendes Gutachten für die Zulassungsbehörde ordert, definiert er wie folgt: „Er war ein Arschloch und ich war eines — es passte also.“

Die Macht der Pharmaindustrie und ihrer Lobby hatte ja 2006 im ZDF-Magazin Frontal21 sogar der ehemalige Gesundheitsminister Horst Seehofer in bemerkenswerter Offenheit festgestellt. Im selben Beitrag wurde übrigens auch über Gesundheitsstaatssekretär Baldur Wagner berichtet, der dem Vorsitzenden des Bundesverbandes der Pharmazeutischen Industrie, Professor Hans Rüdiger Vogel, zu dessen 60. Geburtstag die zu Konfetti geschredderte Arzneimittel-Positivliste überreicht hatte (2, 3).

Aufstieg

Geboren und aufgewachsen an der Nordostküste Südamerikas im damaligen Britisch-Guyana mit fünf Geschwistern und einem Pflegekind — Sohn eines Fischers, indische Abstammung, dunkelhäutig, arm — lernte John Virapen das Leben von unten kennen, als Mensch zweiter Klasse in einem Kolonialstaat. In der katholischen Sonntagsschule wird der fünfjährige John von einem irischen Priester missbraucht. Als er sich zunächst wehrt, erpresst der Geistliche das Kind mit der Drohung, dessen Familie den Auftrag für die Fischbelieferungen der katholischen Schule und des Priesterseminars zu entziehen.

Virapen über seine Empfindungen:

„Da war ich, der kleine starre Junge mit der verwischten Kleidung, der sich mit einer Hand an die Mauer stützte, um nicht umgeworfen zu werden. Mit jeder Sekunde, die sich der hagere Priester an mir zu schaffen machte, verdampfte etwas in mir, verschwand etwas von meinem Menschsein, wurde ich mehr Untertan, Spielzeug.“

„Es gibt ein Strickmuster, nach dem schon meine Kindheit verlief. Das Strickmuster der Macht und des Machtmissbrauchs“, schreibt Virapen. Und weiter:

„Biografie ist keine Entschuldigung. Sie kann aber erklären helfen, warum ich in die Fallen tappte, die für mich aufgestellt waren und warum es so schwerfiel, mich daraus wieder zu befreien.“

Und so beschreibt Virapen seinen Aufstieg vom armen Unterprivilegierten, der zeitweise als eine Art Tramp durch Europa zog und Fake-Abonnements amerikanischer Magazine verkaufte bis auf den Posten des Hauptgeschäftsführers für Schweden des amerikanischen Pharmagiganten Eli Lilly & Company — ein Weg vom kleinen zum großen Betrug. Der eine kostete Betrogene Geld, der andere viele Patienten das Leben.

Dies bezieht sich insbesondere auf das Antidepressivum Prozac — welches nach seiner Einführung 1988 eine Karriere zur Lifestyledroge und „Glückspille“ hinlegte — mit dem Wirkstoff Fluoxetin (in Deutschland unter dem Handelsnamen Fluctin vertrieben), das nicht nur viele Neben- und Wechselwirkungen aufwies, sondern auch die Fremd- und vor allem Selbstgefährdung massiv erhöhte. „Der eigentliche Skandal aber“, schreibt Virapen, „liegt darin, dass die Firma Eli Lilly von all diesen Nebenwirkungen schon wusste, bevor sie die Zulassung beantragt hat.“

Und fügt später hinzu: „David Healy, der Einblick in veröffentlichte Daten sowie in Lilys interne Dokumente hatte, sagt, es sei eine realistische Schätzung, wenn man davon ausgehe, dass sich weltweit eine Viertelmillion Menschen aufgrund der Einnahme von Prozac umzubringen versucht hat. 25.000 hätten es auch geschafft. Diese Einschätzung stammt aus dem Jahr 1999. Und es tut meinem Schlaf nicht gut.“

Fluoxetin gegen Covid-19

Eli Lilly vermarktete übrigens Fluoxetin nach Ablauf des Patents für Prozac unter dem Namen Sarafem als Medikament gegen die „Prämenstruelle dysphorische Störung“ (PMDS) als schwerste Form des „Prämenstruellen Syndroms“ (PMS), auch eine dieser Blech‘schen „erfundenen Krankheiten“; laut Gesundheitsinformation.de „ein Bündel aus körperlichen und psychischen Beschwerden, die einige Tage bis zwei Wochen vor Einsetzen der Periode auftreten können“ (4, 5).

Es wurde auch diskutiert, dass Fluoxetin die funktionellen Fähigkeiten nach einem Schlaganfall verbessern könnte. Hier scheiterte es jedoch in zwei großen randomisierten, placebokontrollierten Studien auf ganzer Linie, indem es nicht nur keine Verbesserung erbrachte, sondern sogar mehr schadete als nutzte (6, 7).

Zum anderen wurde der Wirkstoff als mögliches Medikament gegen Covid-19 eingestuft, da Forscher der Universitäten Würzburg und Münster Studienergebnisse publizierten, in denen es hieß, Fluoxetin hemme sowohl die Aufnahme von SARS-CoV-2 Viren in die Zellkultur als auch ihre Weiterverbreitung, ohne dabei Zellen oder Gewebe zu beschädigen; zudem sei der Wirkstoff „gut erforscht“ (8, 9).

Daraufhin erstattete die Kommission für Verstöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte (KVPM) Anzeige gegen den Leiter der Würzburger Studie.

Wörtlich hieß es unter der Überschrift „Corona-Trittbrettfahrer mit gemeingefährlichen Ratschlägen — Eine fragwürdige ‚Studie‘ an der Uni Würzburg versucht, Psychopharmaka als Mittel gegen Covid-19 anzupreisen“:

„Wegen des Verdachts der Missachtung grundlegender wissenschaftlicher Verhaltensmaßstäbe hat die Kommission für Verstöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte (KVPM) Anzeige gegen Professor Jochen Bodem an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU) gestellt. Der Virologe empfahl nach einer von ihm durchgeführten ‚Studie‘ das wegen seiner schädlichen Nebenwirkungen berüchtigte Antidepressivum Fluoxetin als Mittel für die Behandlung von Covid-19, weil es angeblich ‚die Vermehrung der Viren vom Typ SARS-CoV-2‘ hemme.

In einer Mitteilung der JMU wird Fluoxetin als „gängiges Medikament gegen Depression" angepriesen, es fehlt jedoch der Hinweis auf die potenziell tödlichen Nebenwirkungen des Wirkstoffs. Mit der Verabreichung der Psychopille stehen unzählige Selbstmorde und Fälle unmotivierter Gewalt wie beispielsweise Schulschießereien in Verbindung. Es zu unterlassen, die in der Wissenschaft allgemein bekannten gravierenden Nebenwirkungen zu erwähnen, ist nach Auffassung der KVPM als ‚grob fahrlässig‘ zu bewerten.

Die KVPM verlangt in ihrer Anzeige eine Untersuchung der undurchsichtigen Hintergründe der Finanzierung der Corona-Fluoxetin-Studie. Profitieren würde von den ‚Ergebnissen‘ und den daraus abgeleiteten Empfehlungen vor allem der Pharmagigant Novartis, der über seinen Ableger ‚1A Pharma‘ Fluoxetin vermarktet und sich offensichtlich zusätzliche Absatzmöglichkeiten erhofft. Novartis hat im Jahre 2019 an das Klinikum der JMU einen Betrag von 144.900 Euro überwiesen. Zu klären gilt es, inwieweit damit die ‚Studie‘ beeinflusst oder sogar deren Resultat manipuliert wurde.

Das fragliche Präparat wurde vor vier Jahrzehnten von dem Pharmariesen Eli Lilly in den USA unter dem Namen ‚Prozac‘ auf den Markt gebracht. Schon bei der Zulassung durch die amerikanische Überwachungsbehörde ging es nicht mit rechten Dingen zu, wie der Journalist Robert Whitaker in seinem Buch ‚Mad in America‘ (‚Verrückt in Amerika‘) enthüllte. Er beschreibt dort, wie die Pharmaindustrie gezielt die Tatsache vertuscht, dass Wirkstoffe wie Prozac oder Paxil (in Deutschland Seroxat) die Gehirnchemie schädigen, während sie mit der Behauptung beworben werden, dass sie ‚chemische Ungleichgewichte im Gehirn ausbalancieren‘.

Gutgläubige Patienten erleiden vielfach eine Verschlimmerung jener Zustände, die das Antidepressivum lindern oder beheben sollte. Die langfristigen Schäden für die Gesundheit können verheerend sein. Psychosen, epileptische Anfälle, Gewalttätigkeit, Diabetes, Bauchspeicheldrüsenversagen und viele weitere Veränderungen im Stoffwechsel sind Whitakers Nachforschungen zufolge keine Seltenheit. Die Nebenwirkungen sind der Pharmaindustrie durchaus bekannt, werden aber vertuscht oder mit hohen Investitionen in Medienkampagnen heruntergespielt.

Bezüglich Prozac (Fluoxetin) fand der Enthüllungsjournalist Whitaker heraus, dass von Anfang an bekannt war, dass der Wirkstoff Menschen, die noch nie an Selbstmord gedacht haben, in einen dermaßen aufgewühlten Zustand versetzen kann, dass eine Suizidneigung entsteht. Hinzukommt die erhöhte Bereitschaft, gewalttätige Handlungen auszuführen. Bei mindestens 35 Amokläufen an US-Schulen standen die Täter nachweislich unter dem Einfluss von Psychopharmaka.

Wie die Zulassung des Präparats mit den oft tödlichen Nebenwirkungen trotzdem gelingen konnte, erklärte John Virapen, Ex-Manager von Eli Lilly und Kenner der Pharmabranche. Er setzte sich im Jahr 2006 mit der KVPM-Deutschland in Verbindung und packte über die Manipulationen bei der Prozac-Einführung in Europa aus. Seinen Ausführungen nach ließ er in Schweden einem damals angesehenen Psychiater 10.000 Dollar zukommen, der daraufhin als ‚Gutachter‘ die Zulassung von Prozac/Fluoxetin befürwortete. Mit der erlaubten Markteinführung in Schweden war die Zulassung für ganz Europa verbunden.

Bislang ist der KVPM bekannt geworden, dass auch an der Uni Münster eine Studie über die Verabreichung von Psychopharmaka an Covid-19-Patienten läuft. Vor diesem Hintergrund appelliert Bernd Trepping, Vorsitzender der KVPM-Deutschland, an Verantwortliche in der wissenschaftlichen Forschung, es nicht zuzulassen, dass angesichts der Coronakrise fragwürdige Studien zur Absatzförderung von gefährlichen Psychopillen durchgeführt werden. ‚Während Pharmaunternehmen und Psychiater auf wachsende Profite schielen, sind am Ende stets die Patienten die Leidtragenden. Ihre Angst  auszunutzen, um ihnen fragwürdige Psychodrogen zu verabreichen, deren Nebenwirkungen die Gefahren von Corona weit übersteigen, kann man nur als verwerflich und menschenverachtend bezeichnen‘, sagte Trepping“ (10).

Abgründe

Virapen nimmt uns mit auf eine Tour durch die schauerlichen und verhängnisvollen Abgründe von Big Pharma. Wir lesen von Kurzzeitstudien, die keine Einschätzungen über eine längere oder gar dauerhafte Einnahme eines Medikaments zulassen — die Langzeitstudien finden erst nach Einführung des Präparats statt — und von abgebrochenen Studien, falls die Resultate nicht so ausfallen wie gewünscht, damit die Ergebnisse nicht an die Zulassungsbehörde weitergegeben werden müssen:

„Eine weitere nützliche Folge des Abbruchs besteht darin, dass man das Protokoll für den nächsten Versuch nun so aufsetzen kann, dass die Ergebnisse günstiger für das Anliegen des Konzerns aussehen.“

Wir lesen von einer 19-jährigen, völlig gesunden Studentin, die zur Finanzierung ihres Studiums an einer klinischen Studie für ein Antidepressivum teilnahm. Die junge Frau erhängte sich während der Studie in einem Labor von Eli Lilly mit einem Schal.

Virapen: „Selbstmord sogar unter klinischen Bedingungen. Wahnsinn. Dieser war aber nur einer aus einer ganzen Reihe von Suiziden. Und einer der wenigen, über welche die Öffentlichkeit etwas erfuhr.“

Wir lesen von Seeding Trials, „Anfütterungsversuchen“, bei denen Ärzte, die einen entsprechenden Medikamententyp oft benötigen, aber das Produkt einer Konkurrenzfirma verschreiben, als „Forscher“ gewonnen werden, damit sie Studien eines neuen Präparats an ihren Patienten durchführen. So schafft man Vertrauen, Interesse, Nachfrage, erste Umsätze und neue Verschreibungsgewohnheiten. War das Medikament allerdings noch nicht offiziell zugelassen, ergab sich mithilfe der im Zuge der Seeding Trials durchgeführten Ärztestudien die Möglichkeit, „eine nicht zugelassene Substanz unters Volk zu bringen“ und „statt des Medikaments einfach die Krankheit zu bewerben“.

Zusätzlichen Charme gewann die Maßnahme dadurch, dass das offiziell noch nicht zugelassene Medikament somit auch noch keinen offiziellen Preis hatte — man „kann von den an den Seeding Trials teilnehmenden Ärzten also Phantasiepreise verlangen, die wiederum an die Krankenkassen des Patienten weitergereicht werden. So verdient der Pharmakonzern schon, bevor das Medikament über die behördlichen Schranken passiert hat. Im Falle Fluoxetin war das besonders lukrativ, wie ein Marketingkollege aus dem Hauptquartier in Indianapolis, der uns in Schweden besuchte, einmal treffend formulierte: ‚Das Zeug ist, als ob man aus Scheiße Gold macht. Man könnte es verschenken und würde immer noch Gewinn dabei einfahren, so billig ist es in der Herstellung.‘“

Menschen kaufen

Virapen erzählt, wie er Ärzte und Wissenschaftler bestochen hat mit Reisen — im Rahmen sogenannter „Fortbildungen“ — zu attraktiven Destinationen wie der Karibik: Fünf-Sterne-Hotel, Strand, Meer, Alkohol, Spielcasino, Prostituierte. Oder mit Einladungen zu exklusiven Partys und Events. Dazu Verhandlungen über Bestechungsgeld in Luxusrestaurants. Das ganze so banal wirkende wie erfolgreiche Programm an Maßnahmen, um insbesondere die „Meinungsführer“ für die Eli-Lilly-Seite zu gewinnen.

„Die Rolle der Meinungsführer kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Meinungsführer sind echte Autoritäten. Was sie sagen, gilt. Egal, wie die Fakten aussehen und wo die Wissenschaft steht. Der Medizinbetrieb in Deutschland ist ein Paradebeispiel für Autoritätshörigkeit. Man wähnt sich in Wilhelminischer Zeit.“

Wie schrieb Kary Mullis in seinem glänzenden, erstaunlichen Buch Dancing Naked in the Mind Field: „Wir akzeptieren die Verlautbarungen von Wissenschaftlern in ihren Laborkitteln mit demselben Glauben, der einst den Priestern vorbehalten war“ (11).

Käufliche Ärzte, käufliche Wissenschaftler, käufliche Politiker, käufliche Journalisten, käufliche Mädchen. „Es ist alles eine Frage des Preises — dies ist die wichtigste Botschaft meines Buches“, schreibt Virapen.

„Sie erreichen, was Sie wollen, Sie verbiegen jedes Rückgrat und unterlaufen jede legale Grenze, wenn Sie nur den richtigen Preis kennen — und ihn zu zahlen bereit sind.“

Off-Label

Eine Off-Label-Verwendung bezeichnet den Einsatz eines Arzneimittels abweichend von den Indikationen, der altersbezogenen Anwendung oder auch der vorgeschriebenen Menge — in Deutschland definiert als „zulassungsüberschreitende Anwendung“.

„Manche Medikamente werden zu 90 Prozent Off-Label verkauft!“, so John Virapen. Und er erklärt weiter:

„Jeder Wirkstoff hat ein bestimmtes Wirkungsprofil, er erzeugt im Menschen Körper voraussichtlich diese und jene Wirkungen. Ein Wirkstoff macht vielleicht ruhiger und gelassener, fördert aber zugleich auch Verstopfung. Nun verfestigt sich bei dem, der bloß ruhiger werden wollte, zugleich auch der Stuhl, der mit dem dünnen Stuhl wird zugleich auch schläfrig. Effekt und Nebenwirkung sind also eigentlich nur Platzhalter wie x und y in einer mathematischen Formel.

Pharmakonzerne nennen nun je nach Marktlage den einen Effekt die gewünschte therapeutische Wirkung, den anderen Nebenwirkung. Oder sie nennen beide die gewünschte therapeutische Wirkung und verkaufen das gleiche Zeug an zwei unterschiedliche Zielgruppen. Was der einen der Nebeneffekt ist, ist der anderen die Therapie und umgekehrt.

Wäre Prozac nicht schon als Psychodroge allein ein so immenser Erfolg geworden, wäre Off-Labeling der nächste Schritt gewesen. Man strebte ja die Zulassung nur deshalb für die angebliche antidepressive Wirkung an, weil das einfacher war. Doch verkaufen wollte man das Mittel später gegen Fettleibigkeit und zur Gewichtsreduktion. Dass die Patienten dann gleichzeitig bessere Laune bekamen (oder sich umbrachten), wäre dann nur noch die Nebenwirkung gewesen.“

Virapen berichtet von gigantischen Umsätzen: Diese beliefen sich zum Beispiel bei Zyprexa zum Zeitpunkt der Niederschrift des Buches auf 30 Milliarden US-Dollar. „4,2 Milliarden allein letztes Jahr. Nur in den USA. Ein einziges Medikament! Für Schizophrene! Gibt es wirklich so viele Schizophrene? Zwingt man sie dazu, Zyprexa wie Brot zu essen? Oder woher kommen diese Summen? Natürlich nicht aus dem regulären Verkauf. Sondern aus dem Off-Label-Verkauf.“

Doch nicht nur Dritte wurden geschädigt, auch Virapen selbst gehörte zu den Opfern. Aus einem liebenden Ehemann und Vater wurde ein unempathischer Karrierist.

So heißt die 1999 gegründete Beschäftigungswebseite passenderweise Monster Worldwide. Deformiert von grenzenlosem Ehrgeiz und fixiert aufs Materielle verschlug es Virapen in Bars und nach Restauranteinladungen in die Betten von Arzthelferinnen und Krankenschwestern. „Anfangs hielt ich mich zurück, blieb eisern. Ich dachte an meine Frau, an meine Kinder, an unser Haus. Die Stimme meines schlechten Gewissens jedenfalls wurde immer leiser, immer schwerer verständlich, der Duft der Verlockungen vor meiner Nase dagegen immer unwiderstehlicher. (…) Und so kam eins zum anderen.“ Alkohol, Stress, flüchtige Affären — Virapen erkrankte an Diabetes und seine Ehe zerbrach.

Nicht nur Prozac — weitere Fälle

Natürlich stellte Prozac nicht das einzige Eli-Lilly-Produkt dar, das großen Schaden verursachte.

Weitere Beispiele: Zyprexa mit dem Wirkstoff Olanzapin, zugelassen zur Behandlung von Schizophrenie und bipolaren Störungen, wurde von Eli Lilly zwischen September 1999 und November 2003 in großem Umfang beworben, um allgemeinere Störungen wie Demenz, Unruhe, Aggression, Depression und Schlafprobleme zu behandeln. Die Firma hatte verschwiegen, dass bereits während der Zulassungsstudien 20 Todesfälle — darunter 12 Suizide — auftraten. Zu diesem Zeitpunkt war ebenfalls bekannt, dass das Medikament häufig eine sehr starke Gewichtszunahme und Diabetes Typ-2 auslöste. Im Zuge einer außergerichtlichen Einigung erklärte sich Eli Lilly bereit, 1,4 Milliarden US-Dollar Strafe an die US-Regierung plus 290 Millionen US-Dollar an die Regierungen einzelner US-Bundesstaaten zu zahlen (12, 13).

Virapen nennt Zyprexa „die logisch konsequente Zuspitzung aller von mir beschriebenen manipulativen und betrügerischen Vorgänge in der Pharmaindustrie“.

Oder das Rheumamittel Coxigon aus dem Wirkstoff Benoxaprofen: Es verursachte zahlreiche Todesfälle — zudem bei anderen Patienten gefährliche Blutbildveränderungen, Störungen der Leber- und Nierenfunktion mit der Folge Gelbsucht und krankhafte Veränderungen an den Sehnerven. Behandelnde Ärzte meldeten zudem Magen- und Zwölffingerdarmgeschwüre mit schweren inneren Blutungen, außerdem Herzrhythmusstörungen, Schädigungen des Knochenmarks sowie der Schleimhäute und ausgedehnte, gelegentlich tumorartige Ausschläge.

Des Weiteren wurde von Hautablösungen und dem Verlust von Finger- und Zehennägeln berichtet sowie einer Überempfindlichkeit gegen Sonnenstrahlen mit Bildung juckender Quallen; zugleich begannen auf den betroffenen Hautpartien Haare zu wachsen. Einer seiner Patienten, so illustrierte ein Mediziner die Hautreaktionen, habe ausgesehen, als sei er „mit einer Lötlampe behandelt“ worden.

„Dass das Rheumamittel ‚Coxigon‘ erst jetzt vom Markt genommen wurde, ist ein Skandal“, urteilte der Spiegel im August 1982 und stellte fest: „Die Herstellerfirma wusste von Anfang an um schwere Nebenwirkungen, die Arzneimittel-Aufsicht hat versagt“ (14, 15).

Weshalb wohl?

Forschung

Auch über Forschung seitens Eli Lilly und anderer schreibt Virapen:

„Ach so, man forscht! Das geht bei Lilly etwa so: Hier ein Molekül verrücken, dort eins herausschneiden — fertig ist der neue Wirkstoff, das neue Patent. Denn das ist wichtig. Patente bringen Geld. Nicht etwa Wirkstoffe. Man kann aus einem alten Wirkstoff durch diese Molekülverschiebungen recht einfach einen sogenannten neuen basteln. Das ist schneller und billiger, als aufwändig neu zu forschen. Und dann kann man ihn sich patentieren lassen. Die Forschung dient hier der Schaffung und dem Erhalt von Patent-Revieren — und nicht der raschen und sicheren Hilfe des Patienten, welcher Hilfe auch?

Neue Molekülverschiebungen haben auch neue Nebenwirkungen. Und wenn der Molekülschrott dann doch irgendwann mal vom Markt genommen werden muss, weil die Klagen vor Gericht sich häufen — dann ist der Gewinn bereits eingefahren. Und in ein paar Jahren versucht man es einfach mit dem gleichen Zeug noch mal an anderer Stelle: in einem anderen Land, für eine andere Zielgruppe. Ganz einfach.“

Ende und Anfang

Ja, und so wären noch viele Thematiken zu erwähnen, denen sich Virapen in seinem großartigen Buch widmet — Insulin, Kinder als Zielgruppe der Pharmaindustrie, die „Chronologie der vertuschten Toten“ und viele weitere. John Virapen wurde 1989 übrigens von Eli Lilly entlassen, veranlasst durch den damaligen Vizepräsidenten des europäischen Sektors und späteren Präsidenten des Pharmagiganten Sidney Taurel. Virapen meint: „Doch Prozac war Taurels liebstes Kind und ich nehme an, er hat kalte Füße bekommen.

Die Welle des Erfolges, den Prozac hatte, spülte auch Taurel nach ganz oben. Mich dagegen nach unten. Man warf mich in den Abfluss. Die Firma wollte den Dreck, der an ihr klebte, loswerden.“ Und er erwähnt einen Direktor, der nach der Entlassung zu ihm sagte: „Schauen Sie sich Ihre Karriere hier bei Lilly an — Sie steigen die Karriereleiter viel zu schnell hoch. Ich meine, Sie als Schwarzer.“

Virapen ist inzwischen wieder verheiratet und arbeitet heute als „aktiver Berater für verschiedene Pharmakonzerne im Bereich Lateinamerika, Mittelamerika und Karibik“ mit Schwerpunkten wie Überwachung von Markterweiterungen, Unterstützung von Zulassungsverfahren und Erstellung von Geschäftsplänen und Marketingstrategien. Er ist Doctor of Philosophy (Ph. D.) in Psychologie, hat vier Jahre Medizin studiert und sich über mehr als 20 Jahre in allen Bereichen der Pharmaindustrie, speziell der klinischen Pharmazeutik, weitergebildet.

John Virapen ist für seine Aufrichtigkeit und seinen Freimut zu danken, und dies ist ein matter Ausdruck für all das, was er mit seinem Buch geleistet hat.

Und wünschen wir ihm, dass es ihm nicht so ergeht wie Alfredo Pequito, der einst für Bayer in Portugal gearbeitet und über Praktiken der Pharma-Industrie als Whistleblower berichtet hatte — denn John Virapen wurde, wie der Herausgeber von Nebenwirkung Tod, Leo Koehof, berichtet, „schon sehr oft bedroht“.

Risiko

Pequito betreffend meldete der Guardian am 17. September 2000:

„Alfredo Pequito, ein ehemaliger Mitarbeiter des deutschen Pharmariesen Bayer, musste mit 70 Stichen genäht werden, nachdem er letzte Woche von einem Mann niedergestochen wurde, der die Rückwand des Hauses in Lissabon erklommen hatte, in dem er unter bewaffnetem Polizeischutz steht. Der Angriff erfolgte nur wenige Tage, nachdem Pequito einer überregionalen Zeitung in Portugal, wo er für die deutsche Firma arbeitet, erzählt hatte, er habe die Namen von fast 2.500 portugiesischen Ärzten, die mit Geschenken wie Bargeld und Reisegutscheinen dazu gebracht wurden, Bayer-Medikamente zu verschreiben.

Der Angriff auf Pequito ist die jüngste Wendung in einer von den portugiesischen Medien als ‚Bayergate‘ bezeichneten Saga, in der auch führende internationale Pharmafirmen beschuldigt wurden, Ärzten, die ihre Medikamente verschrieben, Goldmünzen und teure Tafelservices anzubieten. Die portugiesischen Behörden untersuchen 300 Fälle von mutmaßlicher Korruption, in denen Ärzte ungewöhnlich große Mengen bestimmter Medikamente verschrieben haben sollen, die von einigen der größten Pharmakonzerne der Welt hergestellt wurden. Berichten zufolge glauben die Ermittler, dass bis zu 17 große Pharmakonzerne involviert sein könnten. In einem Fall sollen 20 Ärzte, Vertriebsmitarbeiter und Vertreter der Pharmafirmen vor Gericht gestellt werden, nachdem die Ärzte beschuldigt wurden, Geld, Tankgutscheine und Computerausrüstung von den Pharmaherstellern erhalten zu haben.

Pequito steht unter offiziellem Polizeischutz, seit er vor drei Jahren erstmals Vorwürfe erhob. Vor drei Monaten wurde er jedoch erneut Opfer eines Messerangriffs, Stunden bevor er gegen seine ehemaligen Arbeitgeber aussagen sollte. Bei einem anderen Vorfall soll sich ihm ein Mann genähert haben, der einen ungeladenen Revolver zog und ihn gegen seinen Kopf drückte, bevor er viermal abdrückte. ‚Das nächste Mal ist es ernst‘, wurde ihm gesagt. Auch seine Familie, die von der Polizei bewacht wird, scheint ein Ziel gewesen zu sein.

Ein Auto soll versucht haben, Pequitos Frau von der Straße zu drängen. Pequitos Anwälte haben das offensichtliche Versagen der Polizei kritisiert, ihn und seine Familie zu schützen, da angeblich ein Preis von 1,5 Millionen Pfund auf seinen Kopf ausgesetzt war. Aber Luis Patrao, vom Innenministerium, sagte: ‚Nur der Premierminister und der Präsident haben strengere Sicherheitsvorkehrungen als Alfredo Pequito.‘

Bayer hat vor Gericht Vorwürfe zurückgewiesen, dass Ärzten 50.000 Escudos (etwa 150 Pfund) angeboten wurden, damit sie Nimotop verschreiben, das bei der Therapie von gerissenen Aneurysmen hilft, gibt aber zu, einem Krankenhaus 2.000 Stethoskope als Gegenleistung für ihre ‚Kooperation‘ bei einer neuen Medikamentenstudie angeboten zu haben. Kritiker sagen, dass die Korruption von Ärzten durch die pharmazeutische Industrie zunehmend verbreitet ist, aber die Firmen achten mehr darauf, ihre Spuren zu verwischen. ‚Schriftliche Dokumentationen des Missstandes sind nun schwer zu beschaffen. Es geschieht jetzt mündlich, und es gibt keine schriftlichen Beweise‘, sagte Alvaro Rana, ein führender Gewerkschafter und selbst ein ehemaliger Pharmavertreter, der Zeitung O Publico. ‚Ich habe für sieben multinationale Unternehmen gearbeitet. Bayer ist erwischt worden. Die anderen machen genau dasselbe‘“ (16).

Ja, es ist ein riskantes Spiel mit mächtigen und skrupellosen Gegnern, das sehr viel Mut und Unverzagtheit erfordert. „Durch sein Buch“, schreibt Herausgeber Koehof über Virapen, „zeigt er sehr viel Mut, doch, wie er mir sagte, es ist die große Hoffnung in eine bessere Zukunft, die ihm den Mut gibt.“

John Virapen zitiert als ein Kapitelmotto den berühmten Satz von George Santayana: „Wer sich an das Vergangene nicht erinnert, ist verdammt, es zu wiederholen.“ Auch T. S. Eliot ist eine Möglichkeit: „Wer vor seiner Vergangenheit flieht, verliert das Rennen.“

Nach diesem Buch wird Virapen aber nicht verdammt sein, und er hat sich auch auf kein Rennen eingelassen, das er nur verlieren kann. In seiner Danksagung zum Buch schreibt er:

„Ich widme dieses Buch den ungezählten Opfern der Pharmaindustrie sowie allen Kindern, denen ein Schicksal als ‚pillenschluckende Mastschweine‘ der Pharmariesen erspart bleiben möge.“

Wünschen wir John Virapen also, dass die Dämonen, die ihn so quälen, etwas Milde und Barmherzigkeit walten lassen. Glaubwürdiger hat wohl selten jemand seine Taten bereut.



Quellen und Anmerkungen:

(1) Jörg Blech: „Die Krankheitserfinder“, 2003, Fischer-Verlag.
Gebunden vergriffen, Taschenbuch lieferbar ‒ ISBN-13: 978-3596158768.
(2) https://www.aerztezeitung.de/Panorama/Die-Positivliste-ein-Zombie-346019.html
(3) https://www.tagesspiegel.de/politik/fragen-sie-ihren-kanzler-oder-ministerpraesidenten/577692.html
(4) Jörg Blech, siehe unter (1).
(5) https://www.gesundheitsinformation.de/praemenstruelles-syndrom-pms.html
(6) https://www.gesundheitsstadt-berlin.de/antidepressivum-fluoxetin-floppt-in-der-schlaganfall-therapie-14459/
(7) https://dgn.org/presse/pressemitteilungen/gluecklose-glueckspille-fluoxetin-fuehrte-nicht-zur-verbesserung-funktioneller-faehigkeiten-nach-schlaganfall/
(8) https://www.uni-wuerzburg.de/aktuelles/pressemitteilungen/single/news/antidepressivum-hemmt-coronavirus/
(9) https://www.medizin.uni-muenster.de/fakultaet/news/hemmschuh-zwischen-wirt-und-erreger-wwu-forscher-untersuchen-fluoxetin-als-moegliches-mittel-gegen-covid-19.html
(10) https://www.lifepr.de/pressemitteilung/kommission-fuer-verstoesse-der-psychiatrie-gegen-menschenrechte-deutschland-ev/Corona-Trittbrettfahrer-mit-gemeingefaehrlichen-Ratschlaegen/boxid/827814
(11) Kary Mullis: „Dancing Naked in the Mind Field“, Vintage; Reprint Edition 2000. ISBN-13: 978-0679774006.
(12) https://www.bmj.com/content/338/bmj.b217
(13) https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/28388667/
(14) https://www.spiegel.de/kultur/geschaeft-im-dunkeln-a-18ad720d-0002-0001-0000-000014347215
(15) https://www.zeit.de/1982/33/an-coxigon-gestorben?utm_referrer=https%3A%2F%2Fwww.google.com%2F
(16) https://www.theguardian.com/world/2000/sep/17/theobserver2
Weitere Informationen zu den Vorgängen um Dr. Alfredo Pequito hier:
http://www.cbgnetwork.org/2907.html
http://www.cbgnetwork.org/2580.html
http://www.cbgnetwork.org/2898.html
https://www.heise.de/forum/Telepolis/Kommentare/USA-Krankenversicherungsbeitraege-steigen-um-bis-zu-25-Prozent/Re-Deutschland-finanziert-indirekt-und-direkt-das-US-Krankensystem/posting-29415059/show/

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