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Das dicke Ende

Das dicke Ende

Um die Vorgänge rund um Corona einordnen zu können, müssen wir uns mit den drastischen Langzeit-Folgen beschäftigen, die sie für viele Menschen haben werden.

Dazu einige Beispiele: Im Bildungsbereich wird die bislang nur holprig in Gang gekommene „Durchdigitalisierung“ von Kitas, Schulen und Hochschulen rasant an Fahrt aufnehmen und die zuvor noch häufiger zur Sprache gebrachten Bedenken, insbesondere hinsichtlich eines zu frühen Einsatzes digitaler Medien, einfach hinwegfegen.

Zu den künftigen Hauptargumenten der Digitalisierungsbefürworter dürften die jetzt zu vernehmenden Rückmeldungen gehören, nach denen alle Formen des e-learnings sowohl den Schülern als auch den Lehrern großen Spaß gemacht hätten. Und das trotz des fehlenden Kontaktes, was sich dann leicht dahingehend interpretieren ließe, dass dieser in der Vergangenheit wohl überschätzt worden sei.

Im nächsten Schritt könnte dann die Frage gestellt werden, inwieweit „echte“ Lehrerinnen und Lehrer zur Wissensvermittlung überhaupt noch erforderlich sind. Sollten derartige „Austauschpläne — Maschine gegen Mensch — konkretere Formen annehmen, wären davon vermutlich zuerst die ohnehin nicht sonderlich geschätzten Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger betroffen.

Selbst das in der Quarantänezeit praktizierte homeschooling lässt sich weiterdenken. Anknüpfend an diese Phase des Fernunterrichts sind Überlegungen vorstellbar, nach denen zumindest im Falle der älteren Schülerinnen und Schüler eine zentrale Unterbringung in Schulgebäuden als weitgehend entbehrlich eingestuft werden kann.

Derartige Ideen wären ein gefundenes Fressen für die Immobilienmakler, denen der Umstand, dass sich viele Schulgebäude ausgerechnet auf innerstädtischen Filetgrundstücken befinden, schon immer ein Dorn im Auge gewesen ist.

Mietrückstände

Von den Immobilienmaklern zu den Miethaien: Die von der Bundesregierung angekündigten Maßnahmen zur zeitweiligen Verhinderung von Kündigungen im Falle „coronabedingter“ Mietrückstände eignen sich natürlich auch als Indikatoren, mit deren Hilfe sich alle finanziell ausgebluteten Mieterinnen und Mieter auf einen Schlag ermitteln lassen, sodass diese gerade wegen des vorherigen Kündigungsschutzes ganz schnell auf „Abschusslisten“ landen könnten, wenn sie es mit Wohnungseigentümern und Wohnungseigentümerinnen zu tun haben, die vor allem auf Gewinnmaximierung bedacht sind.

Weitere Existenz bedrohende Effekte werden sich mehr oder weniger zwangsläufig aus den „großzügig“ gewährten Krediten oder Steuerstundungen ergeben, die keine echte Befreiung aus der Not darstellen, in die so viele Menschen völlig unverschuldet durch plötzliche Geschäftsschließungen, Auftrittsverbote, Reisebeschränkungen et cetera getrieben worden sind.

Die voraussehbare Verelendung immer größerer Teile der Bevölkerung wird überpudert mit schönen Reden über Gemeinsinn und Solidarität, die aber niemals von den ohnehin absurd reichen „Kriegsgewinnlern“ eingefordert werden.

Mit ähnlich wohlfeilen Worten werden derzeit auch die Angehörigen der sogenannten systemrelevanten Berufe abgespeist, ohne dass die von der Sache her völlig zu Recht gelobten „Heldinnen und Helden des Alltags“ auf eine dauerhafte Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen, wie bessere Bezahlung und Ausstattung, mehr Personal und Mitbestimmungsrechte, Schutz vor weiteren Privatisierungen und Betriebsschließungen et cetera, zählen könnten.

Andere Beschwichtigungsversuche zielen auf die positiven Folgen für die Umwelt ab oder verweisen auf die plötzlich und für viele Menschen erstmals gegebene Möglichkeit, die segensreichen Wirkungen eines entschleunigten Lebens erfahren zu können. Das mag für etliche der in Quarantäne lebenden Betroffenen sogar stimmen, aber was ist mit den vielen Menschen, die sich schon vorher nicht sonderlich gut verstanden haben und nun gezwungen sind, praktisch Tag und Nacht auf relativ engem oder sogar engstem Raum zusammenleben zu müssen?

Leicht entzündliches Gemisch

Unter diesen Umständen bedarf es keiner lebhaften Phantasie, um sich vorstellen zu können, dass es schon bald immer häufiger und heftiger „knallen“ wird. Existenzängste, persönliche Animositäten, aufgestaute Aggressionen und Ohnmachtsgefühle bilden ein explosives und — in Anbetracht der Wegnahme anderweitiger Ventile wie Fußball, Demos oder Partys — sehr leicht entzündliches Gemisch.

Allen bisherigen Erfahrungen nach wird die Zunahme der häuslichen Gewalt vor allem Frauen und Kinder treffen. Insbesondere für diejenigen Kinder, die schon vorher sexuell missbraucht worden sind, dürfte sich die Verhängung der Quarantäne wie ein tendenziell nahezu ununterbrochenes Martyrium auswirken. Hinzu kommt der weitgehende Ausfall der darauf spezialisierten Anlaufstationen, was eine drastische Verringerung der zuvor schon nicht gerade zahlreichen Fluchtwege zur Folge hat.

Von den globalen Folgen der gegenwärtigen „Corona-Zeit“ soll hier gar nicht erst die Rede sein, zumal schon jetzt feststeht, dass wir — abgesehen von den Reichen und Mächtigen — alle miteinander verlieren werden: an (Lebens-)Sicherheit, an Menschenwürde, an demokratischen Kontroll- und Partizipationsmöglichkeiten, an motivierenden Perspektiven, an informationeller Selbstbestimmung und auch an Gemeineigentum. Man könnte es auch noch drastischer ausdrücken: Das neuartige Coronavirus hat den Weg für bislang unvorstellbare Ermächtigungsgesetze in einer Rigorosität geebnet, wie es nicht einmal dem internationalen Terrorismus gelungen ist.

Persönliche Schlussworte:

Wenn ich — wie angeblich auch die Kanzlerin — vom Ende her denke und annehme, dass sich auch nur einige der schlimmsten Befürchtungen bewahrheiten werden, stelle ich die offizielle Begründung der rigorosen Einschnitte doch sehr in Frage.

Geht es wirklich hauptsächlich darum, ältere Menschen wie mich vor Ansteckung und Tod zu schützen? Und wenn ja: Warum haben sich die von Bundes- und Landesregierungen angeordneten Maßnahmen nicht von Anfang an auf diesen Personenkreis konzentriert?

Mit den aktuell diskutierten Vorschlägen, die älteren Menschen weitaus länger zu isolieren und sie zu diesem Zweck womöglich auch noch in Pflegeheime zu pferchen, bin ich aber auch nicht einverstanden. Spätestens dann, wenn aus Fürsorge totale Entmündigung wird, ist Widerstand geboten — und das gilt nicht nur für die Alten!

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