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Das Corona-Tagebuch

Das Corona-Tagebuch

Die Mutmach-Redaktion lädt die Rubikon-Leser zum kollektiven Schreiben ein. Teil 12.

Am 29. März haben wir unsere Leser aufgefordert, ihre Erfahrungen mit den Corona-Maßnahmen zu schildern. Uns erreichen erschütternde aber auch aufrüttelnde und Mut machende Schilderungen. Wir beginnen nun damit, diese Beiträge zu veröffentlichen. Sie können uns auch weiterhin Ihre Erfahrungen in diesen Wochen mitteilen. Zuschriften bitte an: mut@rubikon.news

Jenseits von richtig und falsch

von Doris Röschmann

„Jenseits von richtig und falsch liegt ein Ort.
Dort treffen wir uns“

— D. Rumi.

Heute morgen vor meiner Meditationsstunde las ich dieses Zitat von Rumi und fragte mich: Was ist das für ein Ort, an den uns der persische Mystiker Dschelaleddin Rumi aus dem 13. Jahrhundert einlädt? Ab und zu war ich schon dort. Keine Worte können diesen Ort beschreiben. Denn er liegt nicht nur jenseits von richtig oder falsch. Er liegt auch jenseits von Worten. Ist es der Ort der Wahrheit? Eine Wahrheit ist weder richtig noch falsch, eine Wahrheit ist. Nur an diesem Ort treffen wir uns.

Mit unseren Argumenten, Wissen, Meinungen und Sichtweisen können wir einander nicht begegnen. Mit unserer Angst und unserer Sorge, mit unserem Ärger und unserer Wut finden wir nicht den Zugang zu diesem Ort. Denn dort ist es friedvoll, freudvoll, kraftvoll und still.

Ich meditiere jeden Morgen. Besonders in diesen ungewöhnlichen Zeiten. Ich sitze einfach da und atme. Das, was kommt, schiebe ich nicht weg. Ich folge dem, was kommt. Heute morgen kam eine Erinnerung an ein paar Zeilen, die ein mir wichtiger und lieber Mensch kürzlich vom Tod seiner krebskranken Mutter erzählte. Er war dankbar, dass er bei ihrem Sterben an ihrer Seite sein durfte, was in diesen Tagen nicht selbstverständlich ist.

Er erzählte, sie hörte auf zu atmen und sei jetzt dort, von wo sie einst herkam. Ich kannte die Mutter nicht, doch bei seiner Schilderung liefen mir die Tränen. Mein Herz wurde weich, wie immer, wenn es um etwas Wesentliches im Leben geht. Ich stellte mir vor, wie diese ältere Frau im Beisein geliebter Menschen aus ihrem Leben schied.

Wir kommen um manch einen Abschied nicht herum. Wir werden um unseren eigenen Abschied nicht herumkommen. Wenn wir diesen Abschied so erleben und erfahren dürfen und können, dass wir uns getragen und geborgen fühlen, dass wir einander mitteilen können, wie sehr wir den anderen lieben und unsere Dankbarkeit ausdrücken für den gemeinsamen Weg, dann ist das nicht nur tröstlich, dann ist das das Beste, was Menschen einander geben können: Denn es nährt unser Herz und macht uns reich, auch und gerade in der Trauer um den Verlust eines geliebten Menschen. Es schenkt uns Frieden.

In meiner Meditation entsann ich mich einer Wahrheit. Sie schenkte mir Frieden. Diese möchte ich nicht für mich behalten, sondern teilen. Es ist keine neue Wahrheit, doch es ist eine Wahrheit, die immer wieder vergessen wird. Ich möchte andere mit ihr sozusagen „anstecken“, wobei mir bewusst ist, welche andere Bedeutung dieses Wort gerade im Frühjahr 2020 hat.

Woher weiß ich, was eine Wahrheit ist? Weil wir alle intuitiv wissen, was eine Wahrheit ist: Sie liegt jenseits von Richtig und Falsch. Richtig und Falsch braucht immer einen Kontext. Ohne Kontext, lässt sich gar nicht oder aber unendlich debattieren. Die wortwörtliche Übersetzung von Kontext lautet: „Zusammen mit dem Text“. Ein Text oder eine Sache ohne Zusammenhang ist bedeutungslos, oder im Gegenteil, birgt viele Bedeutungen.

Nehmen wir ein Beispiel: Die Zahl 42. Einige LeserInnen sehe ich vor meinem inneren Auge schmunzeln, weil die Zahl 42 für sie schon lange eine Bedeutung hat. Andere mögen verwirrt sein und für Manche ist die Zahl bedeutungslos, also unwichtig. Den Kontext kann man finden, wenn man auf Wikipedia die Zahl 42 eingibt. Dort wird auf den Roman „per Anhalter durch die Galaxis“ von Douglas Adams verwiesen:

Im Roman wird ein Computer namens Deep Thought von einer außerirdischen Kultur speziell dafür gebaut, die Antwort auf die Frage aller Fragen, nämlich die „nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest“ zu errechnen. Er ist so leistungsfähig, dass er zum Zeitvertreib über die Vektoren sämtlicher Teilchen des Urknalls meditiert. Dennoch benötigt er 7,5 Millionen Jahre Rechenzeit, um diese Antwort zu ermitteln, und verkündet dann, sie laute „Zweiundvierzig“ und sei mit absoluter Sicherheit korrekt.

Nun hat die Zahl 42 einen Zusammenhang erhalten. Und so bekommt die Zahl eine Bedeutung. Die Bedeutung dieser Zahl liegt nicht in sich selbst, die Bedeutung bekommt die Zahl erst durch den Rahmen, in diesem Beispiel durch den Roman von Douglas Adams.

Das führt zu folgender Schlussfolgerung: Jede Sache, die eine Einbettung braucht, um eine Bedeutung zu bekommen, kann keine Wahrheit transportieren. Sie kann nur Bedeutungen anbieten. Jede/r kann dann selbst entscheiden, ob die Bedeutung für einen „stimmt“ oder „passt“ oder „richtig“ ist oder auch nicht. In ihrer Zustimmung oder Ablehnung sind wir alle frei.

Einer Wahrheit hingegen müssen wir uns alle fügen. Sie ist gültig für alle. Damit ist sie egalitär. Sie existiert und wirkt, auch ohne, dass sie jemand verkündet. Frei sind wir hingegen in der Art und Weise, wie wir mit einer Wahrheit umgehen. Es obliegt jedem selbst, eine eigene Haltung zu ihr zu entwickeln. Eine universelle Wahrheit definiert sich demnach so, dass sie keine Einbettung braucht. Universelle Wahrheiten bestehen jenseits von „richtig“ oder „falsch“, „heute“ oder „gestern“.

Natürlich können wir diese Wahrheit anerkennen oder uns von ihr abwenden. Wir können auch den Wahrheitsverkünder diskreditieren oder sogar töten. Es zieht aber juristische Folgen nach sich, und, was noch viel Wichtiger ist: es ändert nichts daran, dass die Wahrheit bestehen bleibt. Die Wahrheit, die mir heute morgen wieder bewusst wurde, und die uns alle betrifft, lautet:

Jeder Mensch hört irgendwann auf zu atmen.

In dem Moment, als diese Wahrheit in mir auftauchte, tat ich einen tiefen Atemzug und genoss den inneren Frieden. Eine kurze Weile war mir, als träfe ich an diesem Ort des Friedens Rumi, der mich anlächelte. Unmittelbar traf mich eine weitere Wahrheit: Auch wenn wir das Atmen aufgehört haben werden, wird es einen Ort geben, an dem wir uns treffen.


Das Corona-Tagebuch im Überblick:

Teil 1: Katrin McClean, Corona-Tagebuch
Teil 2: Roland Rottenfußer, Der letzte freie Tag
Teil 3: Isabelle Krötsch, Corona-Tagebuch
Teil 4: Kerstin Chavent, An das Mögliche glauben
Teil 5: Anonym, Meine Mutter und die Isolation
Teil 6: Gabriele Herb, Aufruf zur Wachsamkeit!
Teil 7: Paul Löber, Spanienbericht
Teil 8: Liselotte Korfmacher-Finke, DemokratInnen unerwünscht
Teil 9: Michael Bock, Sind wir bereit, uns zu verändern?
Teil 10: Oliver Märtens, Corona-Tagebuch
Teil 11: Dirk Hüther, Gehen, Sehen, Handeln!


Hier können Sie das Buch bestellen: als Taschenbuch oder E-Book.


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Doris Röschmann, Jahrgang 1966, arbeitet seit 1992 selbstständig als Diplom-Psychologin und seit 2000 in eigener Praxis als systemische Coach und Therapeutin. Sie ist Autorin mehrerer Fachbücher und seit 2006 Ausbilderin an verschiedenen Instituten für BeraterInnen und Coaches. Außerdem ist sie Dozentin für Persönlichkeitsentwicklung und war von 2014 bis 2019 ehrenamtlich im Vorstand einer NGO mit dem Schwerpunkt Reconciliation.

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