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Das Corona-Syndrom

Das Corona-Syndrom

Die gesamte Gesellschaft wird mittels struktureller Gewalt traumatisiert — warum machen so viele mit?

„Du räumst dem Staate denn doch zu viel Gewalt ein. Er darf nicht fordern, was er nicht erzwingen kann. Was aber die Liebe gibt und der Geist, das lässt sich nicht erzwingen. Das lass er unangetastet, oder man nehme sein Gesetz und schlag es an den Pranger! Beim Himmel! der weiß nicht, was er sündigt, der den Staat zur Sittenschule machen will. Immerhin hat das den Staat zur Hölle gemacht, dass ihn der Mensch zu seinem Himmel machen wollte“ — Friedrich Hölderlin (1).

„Glauben Sie nicht den Gerüchten, sondern nur den offiziellen Mitteilungen, die wir immer auch in viele Sprachen übersetzen lassen“ — Angela Merkel (2).

Der bedeutende, 2017 verstorbene Schriftsteller, Menschenrechtler und Friedensnobelpreisträger 2010 Liu Xiaobo schildert im Rückblick auf Maos „Kulturrevolution“ in einem Artikel über die „Grausamkeit der Kinder dieser Zeit“ mit erwachter Betroffenheit von einem Schlüsselerlebnis seiner Biographie: als Jugendlicher hatte er mit einer Gruppe Gleichaltriger einen bereits erniedrigten alten Mann beleidigend traktiert — dieselbe Überheblichkeit nachahmend, die er von den Erwachsenen und den öffentlichen Behörden kannte (3). Dass Xiaobo dieses Eingeständnis in späteren Jahren aufgeschrieben hat, ist ein großes Verdienst, denn üblicherweise wird eine solche Mitläuferschaft nach dem Erwachen verschwiegen. Was hätte z.B. Deutschland gewonnen, wenn mehr Menschen den Mut gehabt hätten, ehrlich zu bekennen, dass sie durchaus etwas „gesehen“ hatten, aber zu schwach waren, sich dagegenzustellen, wie es der Historiker Sebastian Haffner von sich selbst schilderte.

Haffner wachte allerdings bereits in der Nazizeit auf und emigrierte nach England. „Die Massenseele und die kindliche Seele sind sehr ähnlich in ihren Reaktionen“ (4), weil Ideen erst „bis auf die Fassungskraft eines Kindes heruntersimplifiziert werden“ müssen, wenn sie „massenbewegende historische Kräfte“ freisetzen sollen. Die Verengung des gesamten öffentlichen Lebens auf das Schlagwort „Coronavirus“ ist eine solche Simplifizierung.

Die sogenannten Schutzmaßnahmen sind ein schwerwiegender Eingriff in die Sphäre der individuellen Integrität. Die „Verborgenheit der Gesundheit“ (5) ist Ausdruck dieser Integrität, das heißt Gesundheit ist immer eine Frage der besonderen konstitutionellen Ausgeglichenheit, die, wo sie gestört ist, als Krankheit erscheint. Mit ärztlicher Hilfe kann die Krankheit nicht einfach mechanistisch weggeschafft werden, sondern der Arzt hat durch seine Behandlung und auch möglicherweise operativen Eingriffe die Aufgabe, die innere Selbstregulierung des Organismus zu unterstützen. Deshalb sagt der große Philosoph Hans Georg Gadamer:

„Die Wissenschaft, insbesondere die moderne Wissenschaft mit ihren Sonderstrukturen, kann sich nicht darüber täuschen, dass ihr von vornherein Grenzen gesetzt sind. Das Ziel der Arztkunst ist das Heilen, und das Heilen ist nicht die Vollmacht des Arztes, sondern die der Natur“ (6).

Es wäre die Aufgabe der Politik in der gegenwärtigen Corona-Virus-Epidemie gewesen, die konkreten Ärzte zu stärken, damit sie ihre Arbeit angemessen leisten können, nicht aber durch allgemeine Eingriffe diese Arbeit geradezu auszuhebeln (7). Selbstverständlich hätten Ärzte einzelnen Patienten auch empfehlen können, zu Hause zu bleiben, um sich zu schützen, sie hätten ihnen ein Ausgehen aber auch nicht verbieten können.

Durch die gegenwärtigen staatlichen Verordnungen werden die Ärzte zu untergeordneten Handlangern erniedrigt. Hier liegt die eigentliche Autoritäts-Anmaßung. Denn welcher Patient in besonderer Gefährdung schwebt, das weiß nicht das Robert Koch-Institut (RKI) und am wenigsten die Weltgesundheitsorganisation (WHO), sondern das wissen die tatsächlich behandelnden Ärzte der jeweiligen Risikogruppe am besten. Es hätte also die Aufgabe bestanden, die von den tatsächlich tätigen Ärzten benötigte Unterstützung zu organisieren, um Kranke angemessen behandeln zu können und Gesunde nicht in ihrer Selbstregulation zu behindern, indem man sie „einsperrt“.

Hätten die Anstrengungen der Unterstützung der niedergelassenen Ärzte sowie der besonderen Ausstattung der Krankenhäuser gegolten, wäre weniger Kollateralschaden angerichtet worden.

Statt das Beziehungsleben (insbesondere zwischen Patient und Arzt) zu stärken, wurde durch strukturelle Gewalt das soziale Leben schwerwiegend erschüttert. Das hat bereits jetzt weitreichende Folgen: Spaltungsprozesse zwischen denjenigen, die noch Zweifel an den Maßnahmen äußern, und denjenigen, die nur noch die staatlich verordnete „offizielle“ Verlautbarung glauben — glauben, denn allen müsste klar sein: zu einer wirklichen medizinischen Beurteilung ist gewiss kein Laie deshalb schon fähig, weil die Regierung es fordert. Ein wirkliches Gespräch zwischen den verschiedenen Auffassungen ist aber auch nicht mehr möglich, da die Versammlungsfreiheit radikal eingeschränkt wurde. Das nennt man: vormundschaftlicher Staat.

Ausgewiesene Fachleute werden gemaßregelt, wie etwa der langjährige Leiter des Instituts für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz Sucharit Bhakdi, der wegen seiner mutig geäußerten Meinung „von der Universität Mainz mit dem Entzug seiner eMail-Adresse sanktioniert“ (8) ist, und selbst die von mir sonst durchaus für ihre kritische Eigenständigkeit geschätzte Kabarettsendung Die Anstalt führt den Maßnahmen-Kritiker Dr. Wolfgang Wodarg hämisch vor und der Kabarettist lässt sich dazu herab, über Herrn Wodargs Frisur zu lästern, indem er sagt, es gebe durch die Geschäftsschließungen wohl keinen Friseur mehr...

Wie ist es möglich, dass sich so viele Menschen auf die staatlich verordneten Gebote einschwingen, obwohl die Urteilsgrundlage doch gar nicht vorhanden ist, warum wird dieser Akt staatlicher Gewalt also einfach hingenommen?

Diese Frage stellte sich bereits Hannah Arendt, als sie erlebte, wie zu Beginn des Nationalsozialismus „in der Welle von Gleichschaltung, die ja ziemlich freiwillig war, jedenfalls noch nicht unter dem Druck des Terrors vorging [...,] unter den Intellektuellen die Gleichschaltung sozusagen die Regel war. […] Das Schlimme war doch, dass die dann wirklich daran glaubten. Für kurze Zeit, manche für sehr kurze Zeit. Aber das heißt doch: Zu Hitler fiel ihnen was ein. Und zum Teil ungeheuer interessante Dinge! Ganz phantastisch interessante und komplizierte! Und hoch über dem gewöhnlichen Niveau stehende Dinge! Das habe ich als grotesk empfunden. Sie gingen ihren eigenen Einfällen in die Falle, würde ich heute sagen. Das ist das, was passierte“ (9).

Warum also wird der gegenwärtige Akt staatlicher Gewalt einfach hingenommen?

Am 23. August 1973 wurde die Schwedische Kreditbank in Stockholm überfallen und vier Geiseln genommen. Im Laufe der mehrtägigen Geiselnahme zeigte sich bei den Geiseln eine seltsame psychische „Umkehrung“: immer mehr verbanden sie sich sympathisch mit den Geiselnehmern und entwickelten Angst gegenüber der sie befreien wollenden Polizei. Diese heute als „Stockholm-Syndrom“ bekannte Traumatisierung zeigt Anzeichen der gegenwärtigen Lage.

Vielen Menschen fallen auch gegenwärtig „ganz phantastisch interessante und komplizierte“ Argumente ein, womit Sie die offensichtliche Instrumentalisierung des Coronavirus durch die Regierung der „Physikerin der Macht“ (10), wie Kanzlerin Merkel geradezu euphorisch vom NDR-Korrespondenten Georg Schwarte genannt wird, sich schönreden!

Nüchtern betrachtet ist diese verharmlosende Sichtweise durchaus sehr gut verständlich: die Einschüchterung und Verängstigung durch die Medienbilder der Leichen italienischer Coronatoter, durch Androhungen und durchgeführte repressive Maßnahmen wie die Einschränkung der Bewegungsfreiheit, die Schließung fast aller Betriebe, Schulen, Theater, Museen und Fußballstadien, die Aufhebung der Versammlungsfreiheit etc., das sind so mächtige Ansagen, dass jeden eine selbstverständliche Ohnmacht überkommt, sich gar nicht widersetzen zu können.

Diese Ohnmacht ist die eigentliche Ursache des weitverbreiteten Fatalismus.

Es ist der Fatalismus einer zerstörten seelischen Integrität, die nun nach Inhalten sucht, um sich doch zu erhalten und deshalb den suggestiven Verlautbarungen verfällt und die — so widersprüchlich das klingen mag — nur durch Empathie geheilt werden kann.

Zugleich sollte im Weiteren an die erkenntnismäßige Aufarbeitung der eigentlichen — neoliberalen — Ambitionen gegangen werden (11), die hinter den Corona-Maßnahmen stehen, denn die gilt es vor allem zu durchschauen, um die in Erscheinung getretenen Tendenzen wirklich überwinden zu können.


Quellen und Anmerkungen:

(1) Friedrich Hölderlin, Hyperion oder der Eremit in Griechenland, Bibliothek deutscher Klassiker, Berlin Weimar, 1989, Hölderlins Werke Bd. 2, S. 66
(2) https://www.tagesspiegel.de/politik/die-kanzlerin-zum-kampf-gegen-das-virus-wir-werden-auf-die-probe-gestellt-wie-nie-zuvor/25658318.html
(3) Bei Ling, Der Freiheit geopfert, Die Biografie des Friedensnobelpreisträgers Liu Xiaobo, München 2011, S. 20f
(4) Sebastian Haffner, Geschichte eines Deutschen, Die Erinnerungen 1914–1933, S. 22
(5) Hans Georg Gadamer, Über die Verborgenheit der Gesundheit, Frankfurt am Main 1993
(6) Ebd. S. 162
(7) Auch Italien wäre wahrscheinlich mit einem frühzeitigen Schutz der älteren und vorerkrankten Menschen besser geholfen gewesen als mit der nun eingetretenen Mischung aus später Reaktion und anschließendem Lockdown. Stichprobenartige Tests reichen aus, um das Stadium der Verbreitung zu bestimmen, d.h. um die Gefährdeten zu informieren und auch wieder zu „entwarnen“. Dass die Lebenserwartung in Italien höher ist als anderswo, die Luftverschmutzung in den Städten jedoch recht hoch und das Gesundheitssystem durch Profitinteressen heruntergewirtschaftet, es deshalb auch mehr gefährliche Krankenhauskeime als anderswo gibt, sind weitere Parameter, die zu berücksichtigen sind.
(8) https://vitalstoff.blog/tag/sucharit-bhakdi/
(9) Hannah Arendt, Ich will verstehen, Selbstauskünfte zu Leben und Werk, Fernsehgespräch mit Günter Gaus (Oktober 1964), München 1996, S. 56f
(10) https://www.tagesschau.de/kommentar/kommentar-merkel-corona-rede-101.html
(11) Siehe den Text von Thomas Brunner: „Zauberlehrlingspolitik“: https://zauberlehrlingspolitik.wordpress.com/

Anmerkung des Autors: Sie können den Text unter den Bedingungen der Creative Commons Lizenz CC BY (Nennung des Autors) verwenden und gerne weiterverbreiten.

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