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Chomskys letzte Worte

Chomskys letzte Worte

Die verbalen Entgleisungen Chomskys beim Thema, wie mit Ungeimpften umzugehen sei, sind weit mehr als nur intellektuelle Regressionen eines großen Denkers.

Einiges Aufsehen haben die Worte Noam Chomskys ausgelöst. Worte, die man ob ihres offensichtlich faschistischen Gehalts wegen eher einem Söder oder Lauterbach zugeordnet hätte. Und sogleich waren etliche mit den „richtigen“ Erklärungen zur Stelle: schon immer aufseiten der Eliten, vermögend, ein Beamter, Eugeniker, ein Agent womöglich.

Stimmt vielleicht alles. Und doch braucht man das alles nicht zu bemühen. Vor dem Hintergrund meiner früheren Beschäftigung mit Chomsky — einerseits in Seminaren des damaligen Assistenten an der Universität Zürich und späteren Linguistik-Professors in Jena, Peter Gallmann, wie auch im Rahmen einer Abschlussarbeit in Philosophie bei Jean-Pierre Schobinger mit dem Fokus auf konzeptuelle Parallelen zwischen Wilhelm von Humboldt und Noam Chomsky hinsichtlich ihres Sprachverständnisses — möchte ich an dieser Stelle nur wenige Aspekte mit dem Ziel skizzieren, die Welt auch aus der Sicht der Dissidenz, die man nicht sucht, nicht zu sehr mit George W.-Bush-Augen zu sehen: da gut, da bös.

Chomsky ist nicht der erste „Dissident“, der angesichts des Virentheaters oder Dritten Weltkriegs (man wähle aus, was besser passt) seiner Dissidenz verlustig gegangen ist, vielleicht auch angesichts des Todes, womit Materialisten in der Regel gar nicht klar kommen.

Naomi Klein hat sich auch schon früh den Viren angeschlossen, wenngleich dieser Anschluss nicht ihre ganze Kritikfähigkeit ausradiert hat. Hier in Deutschland trifft das auf Rainer Mausfeld zu, zum Beispiel, der den Anschluss zur Hauptsache über Schweigen vollzog. Ändert das etwas an ihren Analysen und deren Erkenntniswert? Der „Schockstrategie“? Dem „Schweigen der Lämmer“?

Nein, tut es nicht. Ändert es etwas an der schauspielerischen Leistung von Klaus Kinski, ob er seine Tochter, wie von ihr behauptet, ausgebeutet hat oder nicht? Nein, diese Leistung ist Teil seiner Biografie, bezieht ihre Qualität aber nicht von dieser. Genauso — für viele schwer zu begreifen — ist es mit Texten, mündlicher oder schriftlicher Art. Einmal gesetzte Worte formatieren sich nicht anders. Die Semantik der US-kritischen Polit-Sachbücher Chomskys bleibt dieselbe, ob Chomsky die Vireninszenierung durchschaut oder ihr huldigt. Was interessiert mich überhaupt der Name „Chomsky“, während ich lese? Mich interessieren die Zeichen, der Text. Der ist stimmig oder nicht. In sich. Gilt auch für diesen Text.

Personalisierung und Moralisierung sind bekanntlich Merkmale der Inszenierung selbst — Basis für das Diffamierungskarussell und also für ein Kardinalsinstrument des Faschismus. Und nicht wenige im Widerstand gegen diese Inszenierung haben das nicht begriffen und moralisieren ebenso munter drauflos, einfach in anderer Richtung. Das verstellt den Blick und verunmöglicht die Analyse.

Chomsky hat den US-Imperialismus stets deutlich kritisiert. Dies nun verdrehen zu wollen, ist nicht redlich und spricht nicht für die Geistesschärfe jener, die das tun. Gleichwohl ist es angebracht, diese seine Kritik in einen Zusammenhang zu stellen. So haben einige Analysten schon vor Jahren darauf verwiesen, dass Chomskys Kritik sich vorwiegend auf das Militär, das Pentagon richtet, auf die US-Außenpolitik generell, und dass sie die finanzielle Basis des Machtkomplexes USA nicht oder nicht wirklich fundiert angreift beziehungsweise überhaupt in Perspektive nimmt. Die Rolle und die Wirkung der US-Notenbank Federal Reserve (FED) für imperiale Macht und Gewalt bleibt in Chomskys Kritik außen vor. Eine Deep-State-Analyse, die diesen Namen verdient, sucht man vergeblich.

Das wird Gründe haben — vielleicht eine Nähe zu gewissen Machtzentren, simple Blindheit, Eigeninteressen, Unkenntnis hinsichtlich Finanzkomplex, was auch immer —, macht jedoch seine Kritik am US-Militär, an den Interventionen in Lateinamerika und weltweit, sein Diktum von den USA als Terrorstaat weder unglaubwürdig noch heuchlerisch. Aber es zeigt: Seine Kritik war beschränkt.

Die Wirkung seiner politischen Kritik basierte in erster Linie auf seiner wissenschaftlichen Reputation und nicht so sehr auf dem Gehalt der politischen Analysen selbst, die nicht sonderlich neu oder scharfsinnig, bestimmt aber im Rahmen ihres Fokus stets begründet waren.

Politisch sprach Chomsky das Offensichtliche aus. Die „Leistung“ daran war, dass ein bekannter Professor am Massachusetts-Institut für Technologie (MIT) dies tat. Und nicht nur Professor, er war der Linguist der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts. Mit seiner in vielerlei Hinsicht mechanistischen und bestimmt materialistischen Sicht auf die Sprache hat er nicht nur die Linguistik revolutioniert, sondern auch Zwecken außerhalb der Linguistik in die Hände gespielt. So war seine technizistische Zerlegung der Sprache ganz bestimmt auch für militärische und „codierungstechnische“ (IT-) Zwecke nützlich. Der Cyborg wird’s ihm danken.

Nun geht es nicht darum, dies zu verurteilen, vielmehr möchte ich lediglich darauf verweisen, dass sich Chomsky innerhalb seines Faches keineswegs durch einen humanistischen Blick hervorgetan hat, sondern vielmehr durch einen technizistischen, wenngleich ich auch diese Gegenüberstellung nicht gänzlich absolut sehe. So ist es durchaus möglich in Chomskys Ansatz, aus einem begrenzten Regelset unbegrenzt viele Sätze zu generieren (Generative Grammatik), Parallelen zu einem romantisch-generativen Sprachverständnis eines Wilhelm von Humboldt zu erkennen. Chomsky selbst hat diesen Bezug hervorgehoben. Gleichwohl ist das je gemeinte generierende Prinzip jeweils gänzlich anderer Natur und historisch anders eingebettet. Chomskys Sprachverständnis ist und bleibt ein materialistisches mit durchaus technokratischem Einschlag.

Eine direkte Verbindung seiner linguistischen Forschung mit seinen politischen Äußerungen gibt es nicht. Chomsky hat die US-Politik strukturell nie im gleichen Sinne analysiert wie Sprache. Formulierte er beispielsweise Regeln zum Diskurs der Macht, so blieb das vom Abstraktionsgrad seiner linguistischen Forschung um einiges entfernt und war oft auch übernommen. Er ist, was seine Politikanalyse betrifft, ein aufmerksamer und kritischer Laie geblieben und hat, was die Wirkung dieser Kritik betrifft — um es nochmals herauszustreichen —, von seinem überragenden Ruf als Linguist gezehrt.

Damit ist auch herausgestellt, was womöglich bereits beim berühmten Gespräch zwischen Noam Chomsky und Michel Foucault im Jahre 1971 offensichtlich wurde (2). Chomsky hatte ein begrenztes erkenntnistheoretisches Verständnis und war nicht in der Lage, Foucault im Diskurs zu folgen. Chomsky selbst machte dafür später die seiner Meinung nach bewusst auf Unverständnis angelegte Sprechweise der französischen Philosophie, sprich: der Poststrukturalisten und auch Dekonstruktivisten, verantwortlich. Dabei entging ihm wesentlich, dass genau diese Philosophie mit dieser Terminologie faschistoide Gewaltmuster in institutionalisierten Abläufen freilegte, eine Gewalt, die seit 2020 mustergültig gerade auch von sich als links bezeichnenden politischen Kräften vollzogen wird.

In diesem Sinne deckte sich Chomskys Urteil über die Sprechweise eines Foucault durchaus mit Urteilen anderer linker Theoretiker, die der Postmoderne, ganz besonders aber Foucault vorhielten, sich in Affirmation gegenüber der Macht zu ergehen und so dem Neoliberalismus den Weg geebnet zu haben. Die Verhältnisse in der Tat waren und sind umgekehrt. Foucault — ich spreche stets von seinen Texten, nicht von der Person — hat Macht de konstruiert — im Ergebnis übrigens meines Erachtens nicht weit von dem entfernt, was aus einer Lektüre des „Processes“ oder des „Schlosses“ von Kafka hervorgeht —, die Linken dagegen haben davon nichts begriffen (im besten Fall) und dem Kapital und also der Macht aktiv zugedient.

Es braucht, um Chomsky letzte Worte zu erklären — wie wohltuend dagegen: „mehr Licht“, angeblich Goethes letzte Worte — nicht das Muster des eingeschleusten, schon immer im Dienste der CIA stehenden Spalters und auch nicht das Muster des Eugenikers. Gerade ein gewiefter Spalter hätte sich nie so geäußert.

Chomsky hat strukturelle Gewalt und damit Faschismus nie durchschaut und wer Faschismus nicht durchschaut, ist anfällig dafür.

Dass er nun hochbetagt ist — wie viele Filmregisseure haben in ihren letzten Werken Schrott abgeliefert, nachdem sie zuvor Geniales geschaffen haben — und bestimmte Abläufe gehirntechnisch vielleicht nicht mehr gänzlich gegeben, das kommt hinzu. Eine Entschuldigung ist das nicht. Und es braucht auch keine. Er war ein Linguist mit einer technokratischen Sicht auf Sprache und ein Kritiker des US-Imperialismus. Diese Kritik bleibt, so beschränkt sie war, richtig und wichtig. Seine technokratische Sicht auf Sprache aber ist vielleicht am Ende verheerender als die faschistische „Entgleisung“ seiner letzten Worte, die einen glauben lassen könnten, es rede ein SS-Sturmführer über Juden.

Indes, wie viele in Ihrer Familie, in meiner reden ebenso? Und was aus Sprache wird, wissen wir. Zu dieser Erkenntnis liefert Chomskys „Generative Grammatik“ keinen Beitrag.


Quellen und Anmerkungen:
(1) Vergleiche http://blauerbote.com/2021/10/29/in-der-diktatur-fallen-die-masken-noam-chomsky-fuer-isolierung-ungeimpfter-essenversorgung-das-wird-ihr-problem-sein/, darin enthalten der Link zum Interview mit Chomsky.
(2) Vergleiche https://www.youtube.com/watch?v=3wfNl2L0Gf8

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