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Bösewicht mit sieben Leben

Bösewicht mit sieben Leben

Der angebliche IS-Gründer Al-Baghdadi ist die Lieblingstrophäe des Westens und wurde schon mehrfach medienwirksam erlegt.

Al-Baghdadi nahm nach dem Angriffskrieg der USA und der Invasion 2003 am Aufstand gegen die US-Besatzung teil. Er behauptete, er wäre ein entfernter Verwandter des Propheten Mohammed. Er wurde im Februar 2004 von den US-Besatzungstruppen inhaftiert. Die erste Zeit verbrachte er im berüchtigten Foltergefängnis Abu Graib, wurde dann in das „Camp Bucca“ verlegt. Im Dezember 2004 wurde er dann angeblich offiziell aus dem „Camp Bucca“ entlassen, da er kein wichtiges Mitglied des Widerstandes wäre. Soweit auch in Wikipedia zu lesen. Wikipedia berichtet dann noch von einer nicht auffindbaren Dissertation.

Der ehemalige Kommandeur des Gefangenenlagers, Oberst Kenneth King, behauptet jedoch, dass al-Baghdadi bis 2009 dort gewesen wäre. Und angeblich hatte der Gefangene seinen Häschern gesagt, er würde sie dann „in New York wiedersehen“ (1). Nachdem diese Aussage von offizieller Seite geleugnet wurde, relativierte King seine Äußerung als mögliche Verwechslung.

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Bild 1: Die Obama-Regierung hatte bewusst entschieden, al-Quaida und die Muslimburderschaft in Syrien zu unterstützen, und damit direkt die Entstehung des IS ermöglicht, Bildquelle: Screenshot aus Al-Jazeera, (ins Deutsche übersetzt)

Im Mai 2010 übernimmt al-Baghdadi den IS von einer „in den Ruhestand“ getretenen, manche sagen „fiktiven“ Person Abu Omar al-Baghdadi. Im Dezember 2012 wurde dann berichtet, er wäre von irakischen Anti-Terror-Einheiten verhaftet worden (2). Auch eine Information, die man nicht in Wikipedia findet. Wikipedia meldet dann einige Aktivitäten, die man al-Baghdadi zuschreibt.

Am 11. November ... berichtete das irakische Innenministerium, dass al-Baghdadi während eines Luftangriffes verletzt oder sogar getötet worden wäre. Im März 2015 soll er wieder einmal schwer verletzt oder getötet worden sein. Und dann noch einmal im Juni 2016 während eines Luftangriffs der „Koalition“ auf Rakka (3). Und schließlich, vielleicht um sicher zu gehen, dass er tot war, wurde im Oktober 2016 gemeldet, dass er durch einen „Assassin“ im Irak vergiftet worden wäre und mit dem Tod ringen würde (4). Beide Meldungen, wie andere folgende, werden in Wikipedia nicht erwähnt.

Und dann, am 28. Mai 2017 erklären russische Medien (nicht die Regierung), dass al-Baghdadi bei einem Luftangriff zusammen mit 30 Kommandeuren und 300 IS-Terroristen getötet worden wäre. Bestätigt wurde dies durch iranische Medien auf Basis der Aussage von Ajatollah Ali Chamenei.

Im Juli 2017 aber berichtet die „Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte“ (5), jene, den „moderaten Rebellen“ nahe stehende Ein-Mann-Propaganda-Organisation, die gerne von westlichen Medien als Quelle genannt wird, dass al-Baghdadi diesmal aber ganz sicher tot wäre (6). Allerdings trat al-Baghdadi einen Monat später auf und widerlegte die Behauptung.

Eigentlich spielte al-Baghdadi jedoch schon länger keine Rolle mehr für die strategische und taktische Führung der Terrorgruppe, wie die Newsweek (7) feststellte.

Nun, jetzt folgte endlich das wirklich große Ding! Trump berichtet in allen Einzelheiten, wie US-Spezialkräfte und ein Hund den angeblichen Anführer der Terrorgruppe gejagt hätten, und wie er sich dann angeblich zusammen mit einem Kind selbst in die Luft gejagt hätte. Seine Überreste wären dann schnell im Meer entsorgt worden. Und Trump dankte dann noch allen möglichen Ländern für ihre Hilfe, darunter Russland und Syrien.

„Russland hat uns toll behandelt. Sie öffneten für uns — wir mussten über gewisse von Russland kontrollierte Gebiete fliegen. Russland war großartig“ (9).

Dummerweise behaupten beide Länder, keinerlei Hilfe geleistet zu haben und ihnen lägen auch keinerlei Radarinformationen über Flugbewegungen oder sonstige Erkenntnisse über die Aktion der USA vor. Und, deutschen Medien zufolge aus Eifersucht auf den Erfolg, erklärte der Sprecher der russischen Armee, Generalmajor Igor Konashenkov:

„Seit dem Augenblick der Niederlage von Daesh durch den Sieg der syrischen Armee, unterstützt durch die russische Luftwaffe Anfang 2018, hat noch ein weiterer 'Tod' von Abu Bakr al-Baghdadi keinerlei strategische Bedeutung für die Situation in Syrien oder die Aktionen der verbliebenen Terroristen in Idlib“ (8).

Wo hatte man den Gesuchten nun aufgespürt? Nun, das war in einem von Terroristen kontrollierten Gebiet im Norden Syriens, nur wenige Kilometer von der türkischen Grenze entfernt. Also jenes Gebiet, das die USA und andere NATO-Länder Anfang des Jahres unter Androhung einer Bombardierung vor der Befreiung durch die syrische Armee und Russland beschützt hatten. Mit anderen Worten: Bis zum Oktober hatte al- Baghdadi den Personen-Schutz der NATO genossen. Und Medien konnten die Nähe der Grenze nutzen, um wieder auf die Unterstützung des IS durch die Türkei hinzuweisen.

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Bild 2, Quelle: Seite 239 aus Tim Anderson, The Dirty War on Syria, Global Research, Kanada, 2015 (ins Deutsche übersetzt).

Aktuell sprachen deutsche Medien vom „Gründer und Anführer“ des IS, weil Donald Trump diese Worte gewählt hatte, was natürlich nicht richtig ist. Der IS wurde, dem offiziellen Narrativ der USA zufolge, lange vor al-Baghdadi gegründet. Angeblich hat die mystische Figur al-Sarkawi den IS gegründet. Schauen wir uns die Geschichte al-Sarkawis im Schnelldurchgang an:

2003: Getötet durch Bombardierung,
2004: In Falludscha festgenommen,
2005: in Baakuba festgenommen,
2005: Aus dem Irak evakuiert,
2005: Getötet im Gefecht,
2006: Noch einmal getötet.

Wegen dieses Theaters war sogar der Washington Post die Hutschnur geplatzt und Thomas E. Hicks schrieb am 10. April 2006 über al-Sarkawi:

„Das US-Militär führt eine Propaganda-Kampagne durch, um die Rolle des Anführers von Al-Qaida im Irak aufzubauschen, wie interne Dokumente des Militärs und Offiziere, die mit dem Fall vertraut sind, aussagen“ (10).

Die Wähler brauchen halt Theaterdonner und Gründe, warum Milliarden und Abermilliarden Dollar für einen ewigen Krieg ausgegeben werden.

Nach al-Sarkawi und vor al-Baghdadi gab es aber noch einen anderen „Teufel“. Sozusagen al-Baghdadi der Erste. Abu Omar al-Baghdadi. Nun ja, ein Sprecher des US-Militärs hatte im Juli 2007 erklärt, dass dieser Mann gar nicht existieren würde (11). Aber dafür wurde er umso öfter getötet. Wieder im Schnelldurchgang:

2007: Gefangen genommen,
2007: Getötet,
2009: Verhaftet,
2009: IS veröffentlicht Aufnahmen, die die Verhaftung bestreiten,
2010: Getötet.

Das Politiktheater

Nun jedenfalls hatte Trump, um nicht hinter die Obama-Propaganda bei außergesetzlichen Tötungen zurück zu fallen, seinen Stab zusammengerufen und ein Foto machen lassen, welches angeblich das Team während der Aktion zeigte. Allerdings waren die schauspielerischen Fähigkeiten der „Darsteller“ gegenüber denen der Obama-Regierung unterlegen (12). Und schließlich hat der IS den Tod von al-Baghdadi bestätigt und einen neuen Anführer ernannt.

Aber welchen Zweck haben solche Politiktheaterstücke, wie sie von Obama und Trump vorgespielt werden? Und warum berichten die Medien darüber genüsslich und in epischer Breite? Weil Terrorismus und der Krieg gegen den Terror einen Mehrfachnutzen für das „westliche“ Establishment und seine diversen Unterstützer haben:

Erster Nutzen: Einschränkung der Bürgerrechte

Der Angst vor Terror ist sehr nützlich, um die Überwachung, Kontrolle und notfalls Maßreglung der Bevölkerung zu rechtfertigen. Weil alles ja nur zum Schutz der Herde ist, die sich willig um den Hüter drängt und dankbar physische und psychische Fesseln anlegen lässt. Ist es doch patriotisch, wie der Name des Patriot-Acts suggeriert.

Zweiter Nutzen: Begründung für Rüstungsausgaben

Gibt es einen Feind, der zu bekämpfen ist, zahlen die Steuerzahler auch willig ihren Obolus, um ihn zu bekämpfen. Ohne Feind gäbe es ständiges Nörgeln und Hinterfragen solcher Ausgaben.

Dritter Nutzen: Nebenbei können durch Anti-Terror-Operationen missliebige Staaten destabilisiert werden

Egal ob in Afghanistan, Syrien oder im Irak, demnächst vermutlich in Libyen, wenn nicht sogar in der Türkei und im Iran, Terrorismusbekämpfung ist immer ein beliebter Vorwand, um Angriffskriege zu führen. Wie jeder derzeit besonders deutlich in Syrien verfolgen kann.

Vierter Nutzen: Weitere Einschränkung von Bürgerrechten

… Und so beginnt der Kreislauf von Neuem.

Dieser Nutzen ist in seiner Vielfalt so groß, dass man unmöglich darauf verzichten kann. Und so verwundert es nicht, dass dieser Terror, der angeblich bekämpft wird, immer wieder insgeheim geschürt und unterstützt wird. Was längst quasi gerichtsfest nachgewiesen wurde (13), aber natürlich in den Sprachrohren des Establishments, den Medien, unerwähnt bleibt.

Milliarden von Dollar hatten nicht nur Saudi-Arabien, Katar und Israel in die Ausbildung und Ausrüstung von Terroristen gesteckt, wie führende US-Politiker zugeben, sondern auch die USA waren spendabel, wenn es darum ging „moderate Rebellen“ zu unterstützen. Moderat waren diese in der Regel so lange, bis sie auf den Feind, in diesem Fall die legitime Regierung Syriens, losgelassen wurden. Meist vergingen nur Stunden oder Tage, bis diese „Moderaten“ zu Al-Qaida oder seinen Ablegern beziehungsweise den IS übergelaufen waren. Ausführlich zum Beispiel dokumentiert in Tim Andersons „Dirty War on Syria“.

Nein, das ist keine Verschwörungstheorie, sondern das sind bewiesene Tatsachen. Und da es derzeit in den politischen Konsens passt, wird solche Unterstützung des Terrorismus durch die türkische Führung bis zum Jahr 2016 nun auch ausführlich berichtet. Zwar stammten die Fakten aus 2012 und damals waren sie noch von den gleichen Medien als Verschwörungstheorie oder russische Propaganda verworfen worden, die darüber heute aufbauschend berichten (14).

Dass nicht wenige dieser Terroristen — unter Druck gesetzt durch die syrische Armee und russische Luftwaffe —, die Flucht nach Europa angetreten hatten, wurde gerne verschleiert, und als Propaganda gegen das angeblich so mörderische Regime verwendet (15). Und das hatte auch wieder einen Mehrfachnutzen: Zunächst wurde der Feind dämonisiert, dann die Bevölkerung durch Terroranschläge, die zu erwarten gewesen waren, verängstigt und an eingeschränkte Bürgerrechte gewöhnt, und schließlich konnte man noch höhere Rüstungsausgaben und illegale Militäreinsätze rechtfertigen.

Der erfahrene Leser mag es wissen: Die Geburt der Nutzung des Terrorismus geht zurück auf den Afghanistankrieg. Um der Sowjetunion eine Niederlage zu verpassen wie den USA in Vietnam, hatten die USA auf Anregung von Zbigniew Brzeziński die Vorläufer der Taliban in Afghanistan mit modernen Waffen ausgerüstet.

Seit diesem so erfolgreichen Projekt benutzen die USA solche Kräfte in verschiedenen Regionen der Welt, um diese zu destabilisieren und in einigen Fällen einen eigenen Militäreinsatz zu rechtfertigen. Auch das ist keine Verschwörungstheorie, sondern nachgewiesen durch geleakte Dokumente, Bilder von US-Politikern mit entsprechenden Terroristen und die Aussagen führender Politiker der USA (16).

Natürlich ist es einfach für das Establishment, solche Unterstützung des Terrorismus als „Verschwörungstheorie“ zu verleumden. Verständlicherweise schießen nicht wenige Menschen, die das System durchschaut haben, über das Ziel hinaus und erklären jeden Terroranschlag als Anschlag des Establishments „unter falscher Flagge“ und konstruieren unnötigerweise zu viele unzutreffende Verbindungen.

Fazit

Kritiker des „War on Terror“ zeigen auf, dass das Schauspiel des Terrorkampfes gegen die Anführer der Organisationen immer nach dem gleichen Muster abläuft. Zunächst wird ein „Anführer“ als Teufel in Person dargestellt, der den Menschen Angst machen soll. Dann erfolgt die Jagd. Und dann, wir sind die Tollsten, wird er endlich eliminiert. Letzteres erfolgt immer in einer politisch besonders geeigneten Situation, zum Beispiel wenn damit von anderen Ereignissen abgelenkt werden kann. Im aktuellen Fall wäre dies der Diebstahl des syrischen Öls durch die amerikanischen Besatzungstruppen.

Solange die Bevölkerung das Spiel nicht durchschaut, wird es weitergehen. Mit unterschiedlichen schauspielerischen Fähigkeiten der Darsteller werden alle Zeugen, wie Geschichte „geschrieben“ wird. Wenn Historikern solche Vorgänge dann nach vielen Jahren als Lüge entlarven, stehen sie längst in den Schulbüchern, sind die „Helden“ längst geehrt und verstorben.

Wie sagte ein wichtiger Berater des ersten Präsidenten der Bush-Dynastie?

„Wir sind jetzt ein Imperium, und wenn wir agieren, dann erschaffen wir unsere eigene Realität. Und während Sie diese Realität noch studieren, so vernünftig, wie Sie das tun, erschaffen wir schon wieder andere Realitäten, die Sie dann auch untersuchen können, und so werden sich die Dinge klären. Wir sind die Akteure der Geschichte … Und Sie, alle von Ihnen, dürfen dann studieren, was wir getan haben“ (17).


Quellen und Anmerkungen:

(1) https://www.thedailybeast.com/isis-leader-see-you-in-new-york
(2) https://www.aljazeera.com/news/middleeast/2012/12/201212214201962755.html
(3) https://www.indiatoday.in/world/story/isis-leader-al-baghdadi-killed-in-us-led-coalition-air-strike-14022-2016-06-14
(4) https://www.thesun.co.uk/news/1900874/isis-leader-abu-bakr-al-baghdadi-and-three-other-jihadi-commanders-poisoned-by-mystery-would-be-assassin/
(5) https://jomenschenfreund.blogspot.com/2012/07/die-quellen-der-deutschen-medien-am.html
(6) https://time.com/4852869/abu-bakr-baghdadi-dead-apparently/
(7) https://www.newsweek.com/isis-new-leader-baghdadi-running-things-1468025
(8) https://www.globalresearch.ca/isis-leader-killed-trump-dubious-announcement/5693244
(9) https://www.thedailybeast.com/russia-trumps-baghdadi-victory-lap-is-nothing-but-propaganda
(10) http://www.washingtonpost.com/wp-dyn/content/article/2006/04/09/AR2006040900890.html
(11) https://www.nytimes.com/2007/07/18/world/africa/18iht-iraq.4.6718200.html
(12) https://hyperallergic.com/525121/parsing-trumps-latest-photo-op-aka-the-killing-of-al-baghdadi/
(13) Zum Beispiel https://www.rubikon.news/artikel/die-terror-unterstutzer und https://www.rubikon.news/artikel/woher-kommen-die-waffen
(14) https://www.rubikon.news/artikel/die-nutzlichen-opfer
(15) https://jomenschenfreund.blogspot.com/2016/09/in-der-propaganda-zum-syrienkonflikt.html
(16) https://www.globalresearch.ca/hillary-clinton-we-created-al-qaeda/5337222 https://www.cato.org/blog/did-john-mccain-provide-material-support-syrian-terrorists https://twitter.com/magi5er/status/1188571540930973696/photo/1 (Ob ALLE genannten Personen jene sind, die beschrieben wurden, ist unsicher) https://pbs.twimg.com/media/ECgJh0RXYAIaXI5.jpg
(17) https://en.wikipedia.org/wiki/Reality-based_community

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