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Beziehung statt Erziehung!

Beziehung statt Erziehung!

Befreien wir uns selbst und unsere Kinder von den Weisheiten der sogenannten Erziehungsexperten! Exklusivabdruck aus „Kindheit 6.7“.

Wie viele andere Eltern auch, spazierte ich gerne und ausgiebig mit meinen Kindern durch Zoos. In einem, den ich mit meinem Jüngsten besuchte, war bei jedem Gehege eine Tafel angebracht, auf der noch ausführlicher als in anderen Zoos die Tierart, ihre ursprüngliche Lebenswelt und alle ihre natürlichen „Feinde“ beschrieben waren — wer wird von wem gefressen, gejagt, bedroht …

Mein Sohn wollte es an diesem Tag wieder einmal genau wissen. So las ich die Erklärungen jedes Schildes vollständig vor. Ein wenig auch zu meinem Erstaunen stellte ich fest, wie viele Tierarten es gibt, die einen einzigen „Feind“ haben: den Menschen!

Damit komme ich zu ein paar Mythen, die seit Darwin, Freud und Co. in unser Bewusstsein und in die „Allgemeinbildung“ gebracht wurden. Die Natur sei nun einmal grausam, unbarmherzig, ein ewiger Kampf ums Überleben und „Fressen und gefressen werden“. Alles beruhe nur auf Konkurrenz und nur der Stärkste setzt sich durch! Diese Lehrsätze können wir alleine mit Blick auf die Evolution schon längst entsorgen.

Sieht man genau auf das Tierreich und dessen Umgang mit seinen Jungen, fällt auf: Die große Mehrheit der Tierarten geht ausgesprochen sorgsam mit ihnen um. Sie würden Ihre Jungen niemals bis zur Selbstständigkeit in „fremde Betreuung“ geben!

Die „Hardliner“ in den Erziehungsdebatten nehmen dann gerne jene wenigen Tiere als Beispiele zur Begründung ihrer intellektuellen Rohheiten, die ihre Jungen verlassen, gar auffressen und ähnliches. Das sind jedoch Ausnahmen und das muss auch so sein, sonst würde es schon lange keine Tiere mehr geben.

Das größte Artensterben in Tier und Pflanzenwelt, das jemals außerhalb von Klimaveränderungen — wie der Eiszeit — oder Ereignissen wie Vulkanausbrüchen oder Meteoriteneinschlägen sowie den Raubzügen des Homo sapiens stattfand, ist gegenwärtig ausschließlich vom modernen Menschen verursacht. Der Mensch wurde der größte Feind der Natur, und damit nicht genug, der Mensch wurde dem Menschen selbst auch noch zum größten Feind. Zehntausende Jahre lebte der Homo sapiens — als Jäger und Sammler — weitgehend in Respekt sich und seiner Umwelt gegenüber.

Der nächste „Mythos“, der zu entsorgen ist: Krieg, Zwietracht und Streit habe es immer gegeben. Diesbezüglich geriet der Homo sapiens erst langsam in die Sackgasse, als er vor etwa 10.000 bis 4.000 Jahren seine Daseinsform des Jägers und Sammlers beendete und zunehmend sesshaft wurde. Was wir gemeinhin in der Wissenschaft als neolithische — oder landwirtschaftliche — Revolution bezeichnen, ist einer der größten Umbrüche der Menschheitsgeschichte. Macht über die Natur auszuüben, wurde zu einer grundlegenden Überlebensstrategie (fast) aller menschlichen Gesellschaften.

„Die Beherrschung der Natur — die auch die Idee des Eigentums impliziert — wurde zu einer Hauptursache von Konflikten. Krieg wurde zu einem bestimmten Aspekt der Beziehungen zwischen menschlichen Kollektiven, die danach zu streben begannen, Macht und Kontrolle über die jeweils anderen auszuüben oder sie sogar zu vernichten. (…) Im Laufe der Jahrtausende hat eine Auslese menschlicher Kollektive stattgefunden, bei der das jeweilige Aggressionspotenzial den Ausschlag gab.

Wir alle sind Ergebnis dieser Auslese. Mit ihr lässt sich unsere Unfähigkeit erklären, Äußerungsformen einer eingeschränkten Liebesfähigkeit zu erkennen und Schritte gegen sie zu unternehmen. Deshalb ist es nicht leicht für uns, aus der Sackgasse herauszufinden. (…) Der wahre Homo sapiens muss in einer Zeit, in der die Strategie der Naturbeherrschung an ihre Grenzen stößt, neue Überlebensstrategien und Achtung vor Mutter Erde entwickeln. (…) Er muss, mit anderen Worten, die Energien der Liebe nutzen lernen“ (1).

So richtig ernsthaft kam der Homo sapiens aber erst mit Beginn der sogenannten Neuzeit in Bedrängnis: mit der „Entdeckung der Kindheit“ und der Erziehung.

Wie schon festgestellt: Auf europäischem Boden gab es in den letzten 400 Jahren so viele Kriege, kriegerische Auseinandersetzungen und Revolutionen wie niemals zuvor auf diesem — oder einem anderen — Erdteil. Anstatt unseren Kindern im schulischen Geschichtsunterricht immer noch mit den Punischen Kriegen und den hunderten „Feldherren“ der letzten Jahrtausende abzuquälen, die diese Kriege führten, wäre es am Beginn dieses neuen Jahrtausends vielleicht hilfreich, von einer ganz anderen und auch wahren und „großen Erzählung“ zu berichten.

„Nach vorne gebracht“ hat die Spezies Mensch zu 99 Prozent seines Bestehens: Sorgfalt, Achtsamkeit, Wertschätzung, Freude, Vertrauen in sich selbst und die Gemeinschaft, und vor allem auch die Liebe. „Make love not war“, war nicht nur ein Slogan der 1968er Bewegung. Dieser Grundhaltung (eher) entsprechend lebte der Homo sapiens offenbar über Jahrtausende, und einige wenige „archaische“ oder indigene Kulturen heute noch. Von dieser großen Erzählung, der Evolution durch Liebe, einmal in den Schulen zu berichten, statt über die unzähligen Kriege der letzten Jahrtausende, hätte vielleicht auch positive Auswirkungen auf die Geburtenzahlen!

Wenn in einigen — nicht nur — deutschen Kindergärten (!) im Namen der neuen Ideologie Gender-Mainstreaming „zeitgemäßer“ Sexualunterricht praktiziert wird, in dem fünf- bis sechsjährige Kinder unter anderem an Karotten das Überstülpen von Kondomen üben müssen und sie über verschiedene Sexualpraktiken unterrichtet beziehungsweise „aufgeklärt“ werden, dann sei einmal folgende Frage erlaubt: Wenn wir kleine Kinder schon damit irritieren, Sex sei erlaubt, und zwar ausnahmslos jeder mit jedem, aber bitte ohne Kinder in die Welt zu setzen, wie sollen sich daraus große Menschen entwickeln, die entspannt und mit Freude Kinder bekommen?

So kann man auch nachhaltig die Geburtenzahlen senken. Die ehemalige, kinderlose, österreichische Frauenministerin, von 2008 bis 2013 und anschließend Bildungsministerin von 2013 bis 2016, äußerte 2014 öffentlich: „Sexualerziehung kann nicht früh genug beginnen“. Freilich schloss sie auch den Kindergarten mit ein.

Schon die „alten Griechen“ glaubten mittels den „Ur-Pädagogen“, den Philosophen, den Eltern die „Erziehung“ des Kindes und weitere familiale Kompetenzen streitig machen zu müssen. Sie sind samt und trotz ihrer hohen Kultur im wahrsten Sinn des Wortes Geschichte.

„Im Grunde ist es kaum begreiflich, dass Kinder in den Schulen auf läppische Dinge vorbereitet werden, nur nicht auf die Rolle der Elternschaft“, gab von Braunmühl schon 1975 zu bedenken (2).

Haben wir zu Beginn des 21. Jahrhunderts keine anderen und wichtigeren Themen, mit denen wir Fünf- oder Sechsjährige konfrontieren, als Sexualpraktiken und Verhütungsmethoden? Spielt in der Früherziehung und Bildungspolitik der gesunde Menschenverstand noch irgendeine Rolle? Welche Relevanz hat für einen Fünfjährigen staatlicher Sexualunterricht? Wer bestimmt das und wer sagt, dass das richtig ist?

Wann werden wir Eltern und unsere Kinder von diesen staatlichen und politisch-ideologischen „Erziehungsexperten“ befreit, die uns inzwischen nahezu jeden Unsinn aufzwingen? Sackgasse — staatliche Erziehung und Bildung, mehr ist dazu nicht zu sagen. Beides, so wie wir es seit ein paar Jahrhunderten verstehen und praktizieren, das sollten wir uns in Erinnerung rufen, war dem Homo sapiens in 99,9 Prozent seiner Menschheitsgeschichte ohnehin völlig fremd!

Ein weiteres und ebenso langes Kontinuum — über 100.000 Jahre — war es selbstverständlich, das Menschenkind bis zum 6./7. Lebensjahr nicht zu erziehen. Mit diesem Alter endete nicht nur die Kindheit, sondern bis dahin waren nur Liebe, Unterstützung, wenn nötig, und Vertrauen die drei einzigen Handlungs- und wohl auch Erfolgskriterien.

Die kirchlichen Moralisten „erfanden“ die Erziehung und damit wurde nicht nur der Mensch dem Menschen selbst der größte Feind, sondern damit wurde erstmals in der Menschheitsgeschichte dem Kind der Erwachsene der größte Feind. Nicht mehr alleine die Beziehung — Liebe, Vertrauen, gegenseitiger Respekt und Rücksichtnahme —, sondern Distanz, Macht, Belehrung, Hierarchie, Gehorsam, Bestrafung und Manipulation wurden zu zentralen Kriterien in der „Aufzucht“ unserer Kinder.

Im Laufe der letzten Jahrhunderte wurde die „Erziehung“ sukzessive nach „unten“ geschoben, und vor nicht allzu langer Zeit — etwa ab dem 18./19. Jahrhundert — die letzte Grenze und das längste Kontinuum des Homo sapiens durchbrochen: Die Kindheit bis zum 6./7. Lebensjahr wurde zu einer „Erziehungsfrage“. Je nach gerade herrschender Ideologie wurde schon die „Erziehung“ des Babys (!) und des kleinen Menschenkindes, wie auch das Verhalten seiner Eltern, zu einer Spekulationsfrage.

Als Jean Liedloff in den 1970er Jahren von ihrem jahrelangen Aufenthalt bei den Yequana-Indianern in ihre Heimat zurückkehrte, sagte sie in einem Interview gegenüber der NEW YORK TIMES:

„Ich würde mich schämen, den Indianern gegenüber zuzugeben, dass dort, wo ich herkomme, die Frauen sich nicht imstande fühlen, ihre Kinder großzuziehen, bevor sie nicht ein Buch mit den von einem fremden Mann geschriebenen Anleitungen davor gelesen haben.“

Harte Worte, die damals — wie vermutlich auch heute noch — für viel Aufregung sorgten.

Das Problem sind aber nicht die „Erziehungsdilettanten“, als welche man die Eltern nicht nur hierzulande zunehmend abstempelt, oder ihre scheinbar angeborene Unfähigkeit Kinder „normal“ auf die Welt zu bringen und sie „richtig“ zu erziehen, sondern einzig alleine unser ein paar Jahrhunderte alter Zugang zu „Erziehung“ und „Bildung“ beziehungsweise Beschulung.

Wie unser Verständnis von „schulischer Bildung“ aus einem Zweck heraus entstand, beispielsweise Priesternachwuchs zu bilden, so tat das auch die Auffassung von Erziehung: Wie lässt sich das Menschenkind nach der gerade vorherrschenden Ideologie, den gewünschten Lebensweisen der Erwachsenen und den gerade bestehenden ökonomischen Anforderungen formen. Damit wurde das zehntausende Jahre alte Kontinuum der Beziehung — Liebe, Vertrauen und Intuition — durch Erziehung unterbrochen und das Aufwachsen des Menschenkindes zu einer reinen Frage des Intellekts. Das hat für die Mehrheit der Kinder jahrhundertelang nicht funktioniert und wird es auch weiterhin nicht.

„In der Praxis ähnelt das ‚Aufziehen’ eines Kindes eher dem Abbau seiner Persönlichkeit. Dasselbe gilt für seine Weiterentwicklung: der Mensch wird aus sich heraus und von sich fortgeführt“ (3).

Weniger milde als David Cooper brachte es einmal Hartmut von Hentig auf den Punkt: „Pädagogik ist ein Midas, der alle Erfahrung verdirbt, die er anrührt“ (4).

Das Menschenkind ist ein Individuum und auch ein wunderbar irrationales Wesen. Die „Erziehung“ hat in den letzten Jahrhunderten eher mehr Schaden angerichtet als effektiven Nutzen gebracht. Das wissen wir auch. Von den wissenschaftlichen Ergebnissen und historischen Fakten abgesehen: Wie viele Menschen können sagen, wenn sie auf ihre eigene Kindheit zurückblicken, meine Eltern haben alles „richtig“ gemacht. Das kann auch gar kein Elternteil, weder gestern und schon gar nicht heute. Das ist auch nicht deren Aufgabe.

Seit etwa drei bis vier Jahrhunderten lastet auf vielen Eltern — heute wieder mehr denn je — ein Bildungsdruck, und spätestens seit dem Industriezeitalter zusätzlich ein Erziehungsdruck. Wir wissen hier wie auch in der „Bildungsfrage“, dass wir in eine Sackgasse geraten sind. Wie Sir Ken Robinson bemerkte: „The ideology of education was written large, and that’s the problem”. Wir gehen diesen Weg der Erziehung und Bildung schon so lange, und viele „spüren“ und spürten, dass er nicht „richtig“ ist. Damit ist der intellektuellen Spekulation über beides die Tür seit langem weit geöffnet.

Die „Erziehungsspekulanten“, wie sie der deutsche Autor, Kinderarzt und Wissenschaftler Herbert Renz-Polster in “„Menschenkinder“ nennt, haben nicht erst seit dem Nationalsozialismus Hochkonjunktur, sondern von den Standesvertretern der Kirche(n) an, über zahlreiche Pädagogen und bis zu einigen ehrwürdigen Vertretern der Psychologie. Erstere wurden schon ausführlich zitiert. Kommen wir einmal zu Erziehung und Psychologie und gleich zu einem Ur-Vater der Psychoanalyse, Herrn Sigmund Freud.

„Er vertrat allen Ernstes die Meinung, Säuglinge würden zu Neurotikern, wenn sie nicht auf Befehl ins Töpfchen machten. Wohl gemerkt: Säuglinge!“ (5).

Er warnte auch davor, zu viel mütterliche Zärtlichkeit beschleunige die sexuelle Reifung des Kindes. Wie wir heute wissen, ist das Unsinn. Seine „Warnung“ ist auch ein wenig verständlich, wenn man bedenkt, dass er ein großes „Mutterproblem“ hatte. Der schon erwachsene Freud bekam immer noch Magenkrämpfe, wenn er sonntags bei seiner Mutter zum Essen eingeladen war. Der bereits 67-Jährige blieb dem Begräbnis seiner Mutter bewusst fern.

Bekanntermaßen hat Freud einiges Beachtliches aus der Tiefe der menschlichen Seele hervorgegraben und in „Theorien“ gebündelt. Zeitlebens hat er es jedoch vehement abgelehnt, seine Theorien einer empirischen Überprüfung zu unterziehen. Sigmund Freud irrte in vielem gründlich, wie auch der wissenschaftlich umstrittene Psychoanalytiker Wilhelm Reich. Bemerkenswert richtig hat er aber vor über einem halben Jahrhundert erkannt:

„Die Kinder der Zukunft ‚werden das Durcheinander aufräumen müssen, das dieses 20. Jahrhundert angerichtet hat.’ Nach seiner Ansicht wird die Zivilisation erst beginnen, wenn das Wohlbefinden von Babys an erster Stelle steht und alle anderen Gesichtspunkte dahinter zurücktreten“ (6).

Nach einigen Jahrzehnten wird die Annahme Reichs von unabhängigen Forschern weltweit bestätigt, nicht nur von Psychologen. Wenn wir „oben“ wieder einen humaneren „Output“ haben wollen, müssen wir dringlich von „unten“ an neue und wieder humanere Wege beschreiten: bei Schwangerschaft, Geburt und Babyjahren.

Bleiben wir noch kurz bei der Psychologie und Psychoanalyse und einem der gegenwärtig, medial, prominentesten Vertreter Deutschlands, Michael Winterhoff. Er geht von der Annahme aus, dass die Grundzüge kindlicher Entwicklung ein Machtgefälle von den Eltern zum Kind sind, mit Hilfe dessen die kindliche Psyche „geformt“ wird. Das ist innerhalb einiger psychologischer „Denkschulen“ nichts Neues und kommt uns das nicht sogar irgendwie bekannt vor?

Lange vor Erfindung der Psychoanalyse sind die kirchlichen Moralisten in ihrer „Einstellung zur Kindheit“ exakt von der gleichen Grundhaltung ausgegangen — und in Folge die Mehrheit der Pädagogen. In einem „Standardwerk“ für werdende Pädagogen erklärt der Autor freimütig:

„Erziehung impliziert immer ein Gewaltverhältnis von Menschen über Menschen, in der Regel ein Gewaltverhältnis der Erwachsenen bzw. bestimmter Erwachsener (Eltern, Lehrer) über Kinder und Jugendliche“ (7).

Noch problematischer ist, wenn Winterhoff behauptet, 70 Prozent der deutschen Kinder seien „gestört“ und in einem anderen Buch, Pädagogik habe nichts in der Erziehung zu suchen, sondern eben nur Psychologie (8). Als dreifacher Vater entgegne ich mit einem anderen Vater — wegen inhaltlicher Übereinstimmung —, der die Aussage Winterhoffs, 70 Prozent gestörte Kinder, so kommentierte:

„Das stellt mich vor ein persönliches Rätsel. Da ist das Abendland am untergehen, und ich habe es nicht mitbekommen! Ich habe vier Kinder, mit denen haben wir als Familie gut und gerne 50 Kindergeburtstage gefeiert, mit Hunderten von anderen Kindern. Wir haben viele Vereine und Musikgruppen von innen gesehen, jede Menge Schulveranstaltungen besucht und auf vielen Reisen so manche Familie kennen gelernt. Ganz zu schweigen von den vielen tausend kleinen oder größeren Patienten, denen ich als Kinderarzt begegnet bin. Die Kinder kamen mir vor wie eine ganz normale Mischung: manche ganz wunderbar, manche ganz okay, und manche: na ja. Eben wie bei den Erwachsenen“ (9).

Noch einmal zu Sigmund Freud und dem, was er als „Geschwisterrivalität“ definierte.

„Er meinte, wir hätten Eifersucht und Hass auf unsere Brüder und Schwestern zu bewältigen, die unseren exklusiven Zugang zu unseren Müttern bedrohten. Aber Freud hatte keine ungeschädigten Menschen in seinem Bekanntenkreis. Hätte er Gelegenheit gehabt die Yequana kennen zu lernen, so hätte er festgestellt, dass der Gedanke des Konkurrierens und Gewinnens als Selbstzweck ihnen gänzlich unbekannt ist. Er kann daher nicht als integraler Bestandteil der menschlichen Persönlichkeit angesehen werden.

Wenn einem Baby alles an Erfahrung auf den Armen seiner Mutter zuteilgeworden ist, was es braucht, und es sich von ihr aus eigenem freien Willen löst, so wird es dadurch befähigt, ohne Schwierigkeiten die Ankunft eines neuen Babys an dem Ort, den es freiwillig verlassen hat, zu ertragen. Es besteht kein Grund zur Rivalität, wenn nichts beansprucht wurde, was es noch braucht“ (10).

Auch Michael Winterhoff hat in seiner Praxis weder Yequana-Kinder noch Kontinuums-Kinder — die es in den westlichen Ländern auch heute vereinzelt gibt — noch psychisch gesunde Kinder sitzen. Sonst würde er nicht so eine tief pessimistische Feststellung treffen, dass 70 Prozent der Kinder in Deutschland gestört sind. Für ebenso problematisch halte ich seine Aussage, dass Pädagogik in der Erziehung und in therapeutischen Maßnahmen nichts zu suchen hat.

Betrachtet man die öffentliche „Erziehungsdebatte“ — seit etwa der Jahrtausendwende — als Betrachter und Elternteil mit einem humanen Weltbild, fällt einem dazu vor allem eines ein: Erziehung als „erweiterte Kampfzone“. Gestritten und polemisiert wird nicht nur um die „richtige“ Erziehung von selbsternannten „Erziehungsexperten“, die freilich für alle Kinder zu gelten habe, sondern auch darum, welche wissenschaftliche Disziplin — Psychologie oder Pädagogik — oder Unterdisziplin (Denkschule) für die „richtige“ Erziehung überhaupt zulässig ist.

Das hatten wir vom Ende der 1960er Jahre bis Anfang der 1980er Jahre schon einmal — teils auf wesentlich höherem, oft wissenschaftlichem, Niveau — und es hat uns kaum weitergebracht. Warum hören wir dennoch bis heute nicht mit dem wenig hilfreichen und das menschliche Klima so sehr vergiftenden Streit um die „richtige“ Erziehung auf? Darauf hätte, beispielsweise, Ekkehard von Braunmühl 1975 schon eine Antwort gegeben:

„Mit dem Erziehen aufzuhören, aus diesem Alptraum aufzuwachen, dieses Spiel ohne Ende von außen zu betrachten und zu beenden, ist deswegen eine so schwierige Aufgabe, weil es in unserem Kulturkreis kaum Menschen gibt, die sich mit den Regeln dieses Spiels nicht anfreunden mussten, die diesen Traum nicht mit dem Leben verwechseln, die nicht felsenfest davon überzeugt sind, es wäre nicht gut, einfach nett zu sein“ (11).

Dem Sprachgebrauch unserer Zeit gemäß kann „nett“ auch durch freundlich ersetzt werden.

Warum dieses ein paar Jahrhunderte alte Erziehungsdrama scheinbar nicht enden will, möchte ich in leichter Abwandlung eines Zitates von Ivan Illich so formulieren: Der Einfluss der Erziehung — auch der schulischen — dringt so tief in unser Innerstes, dass niemand von uns erwarten kann, durch etwas anderes von ihr befreit zu werden.

Die Gefahr an diesen „Erziehungsratgebern“ alla Winterhoff und Co. liegt im impliziten Anspruch der Autoren, nur ihre Sicht der Dinge sei die einzig richtige und habe für alle Kinder zu gelten. Noch fragwürdiger ist — wieder einmal! — die Rhetorik und Begrifflichkeit in dieser erweiterten „Kampfzone Erziehung“.

In gleich drei Büchern von Winterhoff werden Kinder, wie viele auch immer es sein mögen, als „Tyrannen“ definiert (12). Tyrannen sind per Definition und historisch betrachtet „Gewaltherrscher“. Offenbar ist das Abendland erstmals von „unten“, von unseren Kindern — und Babys — bedroht, deshalb auf in den Kampf gegen unsere Kinder — und damit unsere Zukunft! „Zähmen“ wir sie gleich als Babys, damit sie erst gar nicht zu Tyrannen werden.

Ein anderer Shooting-Star am deutschen Erziehungshimmel, bezeichnenderweise ein ehemaliger Lehrer und Schulleiter, Bernhard Bueb, ruft in seinem Bestseller Lob der Disziplin dazu auf, Babys schreien zu lassen! Das wird so formuliert:

„(Babys) mangelt es an Kultur, Einsichtsfähigkeit und Disziplin. Zu ihrer Kultivierung bedarf es einer klaren Autorität und der Bereitschaft, Unterordnung zu fordern. Als einziges Mittel, sich der Macht und der Autorität der Eltern zu erwehren, setzen Babys das Schreien ein. Wenn das Baby durch Schreien zur Unzeit Ansprüche anmeldet, sollten seine Eltern ihre rechtmäßige Macht nutzen und gelassen reagieren. (…) Die Rechnung zahlen sie sonst ‚später’“ (13).

Feststellungen dieser Art finden sich zahlreich in der pädagogischen Literatur und Erziehungsratgebern des 18. und 19. Jahrhunderts, vor allem im Bereich der sogenannten „schwarzen Pädagogik“, und ihre Praxis hat uns eine blutrote erste Hälfte des 20. Jahrhunderts beschert. Was Bueb da fordert, Babys schreien zu lassen und ihre instinktiven und naturgegebenen Bedürfnisse nicht zu befriedigen, ist Aufruf zu psychischer Gewalt am Kleinkind. Der Psychologe Erwin Ringel stellte fest:

„Vorenthaltene (elterliche) Zuneigung ist die ärgste Kindesmisshandlung“ (14).

Was der ehemalige Schulleiter Bueb am Beginn des 21. Jahrhunderts Eltern empfiehlt, wurde 1929 in einem amerikanischen Artikel für Eltern so formuliert:

„Halten Sie ihr Kind nicht und wiegen Sie es nicht, damit es zu schreien aufhört, und stillen Sie es erst dann, wenn genau die Zeit dafür gekommen ist. Es wird dem Baby, selbst dem ganz kleinen Säugling, nicht schaden, wenn es schreit“ (15).

Edvard Munch brachte in seinen Gemälden „Der Schrei“ seine Zeit kongenial „auf den Punkt“. Auch die gängige behördliche Praxis der letzten Jahrzehnte, zum „Wohle des Kindes“ das Menschenkind im Zuge der elterlichen Trennung weitgehend von seinem zweiten Elternteil, zumeist dem Vater, zu trennen, ist mit Verlaub, Kindesmisshandlung.

Ich finde es erschütternd, dass so eine Aussage von Bueb nicht zu einem medialen Aufschrei in Deutschland führte. Im Gegenteil, sein Buch wurde ein Bestseller (16). Winterhoff behauptet unter anderem, Kinder bis zum „achten oder neunten“ Lebensjahr haben gar keine Persönlichkeit (17). Wenn das kleine Menschenkind „kultur-“ und persönlichkeitslos ist, wird es ihm wohl nicht schaden, es schreien zu lassen.

Der nächste Schritt ist, es auch körperlich zu züchtigen. Genau das passiert seit zehn Jahren wieder zunehmend: Nicht nur psychische, sondern auch schon physische Gewalt. Wohlgemerkt — an Babys!

Seit Jahren gibt es in Österreich und Deutschland, und nicht nur dort, eine Zunahme schwerer Misshandlungen von Kleinkindern und Babys. Auch der sexuelle Missbrauch an Menschenkindern unter drei Jahren ist längst kein Tabu mehr. Babys werden manchmal so lange geschlagen, bis sie „still“ und mitunter an ihren inneren Verletzungen gestorben sind. Fälle wie der „Fall Luca“ vor ein paar Jahren in Österreich und der „Fall Kevin“ in Deutschland sind keine tragischen Einzelfälle, sondern nur die Spitze des Eisberges.

In Deutschland werden jährlich etwa 200.000 Kinder misshandelt. In Österreich werden jährlich circa 3.000 Fälle von unter anderem schwerer Kindesmisshandlung zur Anzeige gebracht. Sie ist in Österreich noch häufiger als im Nachbarland. Fast jeden Tag wird in Deutschland ein Kind durch körperliche Gewalt getötet. Das ist in manch anderem „zivilisierten“ Land vermutlich nicht viel anders (18).

Auffallend bei den zunehmenden Baby- und Kleinkindmisshandlungen der letzten zehn Jahre ist: Die Täter sind nicht vorrangig die Väter. Häufig sind sie aus dem Bekanntenkreis, oder der neue Lebensgefährte der getrennten, nun alleinerziehenden Mutter. Die in den letzten zwanzig Jahren durch den „Allmachts-Feminismus“ entrechteten leiblichen Väter müssen oft erfolglos bei den Jugendämtern intervenieren und ohnmächtig zusehen, wie ihren eigenen Kindern schweres Leid zugefügt wird (19). Alice Miller hat es schon in den 1980er Jahren auf den Punkt gebracht:

„Das Schlagen von Erwachsenen nennt man Folter, das von Kindern Erziehung.“

All dies entspringt ein und demselben Geist: der Distanz zum Kinde. Nirgendwo scheinen die Worte des unbeschulten Johann Wolfgang von Goethe so sehr ihre Berechtigung zu haben, wie in unserem westlichen Verhältnis zum Kinde und zur Kindheit:

„Die Geister, die ich rief, die werde ich nicht mehr los.“

Erziehung als „erweiterte Kampfzone“, in der es wieder einmal um Macht, Disziplin und Gehorsam als alleinige Handlungskriterien geht. So auch im nächsten „Bestseller“ von Amy Chuan, „Die Mutter des Erfolges: Wie ich meinen Kindern das Siegen beibrachte“. Darin beschreibt Chuan den Erziehungsstil an ihrem eigenen Kind als „atomare Kriegsführung“.

Um unsere täglich geborenen, gesunden, hoch begabten und sozial veranlagten kleinen Sapiens brauchen wir uns keine Sorgen zu machen. Besorgniserregend ist lediglich der Populismus in den gerade genannten Büchern, daher auch die Verkaufszahlen, und dass aus der historischen „Erziehungsmottenkiste“ wieder das „Lob der Disziplin“ herausgeholt wird, zwischenzeitlich auch von „emanzipierten“ Frauen in Industrienationen.

Damit ein letztes Mal zum Ur-Vater der Psychoanalyse, Sigmund Freud. Er glaubte tatsächlich, nur eine „Erziehungsdiktatur“ könne die „Menschenbestien“ niederhalten und domestizieren (20). Freud war ein Kind seiner Zeit und übersah — und konnte es vielleicht auch nicht sehen — dass spätestens im 19. Jahrhundert die Mehrheit der Kinder — seit Generationen — in einer alltäglichen, schulischen wie auch häuslichen „Erziehungsdiktatur“ aufgewachsen sind. Zu welchen politischen Diktaturen die totale Pädagogisierung und Erziehung schließlich im 20. Jahrhundert führte, ist bekannt.

Rudolf Höß, von 1940 bis 1943 Kommandant des Konzentrationslagers Auschwitz, gab nach seiner Verhaftung unter anderem zu Protokoll:

„Von meinen Eltern war ich so erzogen, dass ich allen Erwachsenen und besonders Älteren mit Achtung und Ehrerbietung zu begegnen hätte, ganz gleich aus welchen Kreisen sie kämen. Überall, wo es notwendig ist, behilflich zu sein, wurde mir zur obersten Pflicht gemacht. Ganz besonders wurde ich immer darauf hingewiesen, dass ich Wünsche oder Anordnungen der Eltern, der Lehrer, Pfarrer, usw., ja aller Erwachsenen bis zum Dienstpersonal unverzüglich durchzuführen bzw. zu befolgen hätte und mich durch nichts davon abhalten lassen durfte. Was diese sagten, sei immer recht. Diese Erziehungsgrundsätze sind mir in Fleisch und Blut übergegangen“ (21).

Der Reichsführer der nationalsozialistischen Schutzstaffel (SS), Heinrich Himmler, brachte 1943 in seiner Posener Rede die christlich-bürgerlichen Erziehungsgrundsätze des 18./19. Jahrhunderts gleich in einem Satz auf den Punkt: „Deswegen tun wir, fanatischer denn je, gläubiger denn je, tapferer, gehorsamer und anständiger denn je unsere Pflicht.“ Der österreichische Bundeskanzler und Zeitgenosse Willy Brandts, Bruno Kreisky, pflegte gerne öffentlich zu sagen: Lernt Geschichte!

Die Bewohner des antiken griechischen Stadtstaates Sparta setzten bekanntlich mit ihrer auf Gehorsam und Disziplin ausgerichteten Erziehung auf militärische Erfolge. Begonnen wurde schon bei den Babys, die mitunter roh behandelt wurden. Herangewachsen sind tatsächlich gute Krieger, und ein paar Schlachten wurden auch gewonnen.

Kaum eine Kultur existierte in der gesamten Antike so kurz, wie die Spartaner. Zu ihrem Aussterben führte aber nicht nur ihre einseitige Kriegskunst, sondern auch ein starker Geburtenrückgang. Die Mädchen wurden ebenso zu Härte, Disziplin und Körperbeherrschung erzogen und ihre Pflicht war es, möglichst viele Kinder zu gebären. Die Konsequenz: Die „Natur“ streikte und sie gebaren kaum Kinder!

Die Kultur der Spartaner, vor über 2.000 Jahren, würde nebenbei auch noch eines lehren: Dass „Gender-Mainstreaming“, der Versuch das „soziale“ Geschlecht aufzuheben, eine äußerst effektive Ideologie ist, die Geburtenzahlen nachhaltig und drastisch zu senken. „Make love not war“ dürfte für die notwendigen Geburtenzahlen, die eine Gesellschaft braucht, offenbar hilfreicher sein, als der Ruf nach Disziplin, Druck, Zwang und Gehorsam. Das zeigt uns die Geschichte mehrfach und wiederholt, von den Spartanern bis zu den totalitären Regimen der Neuzeit.

Wieder einmal werden zwei Dinge geradezu zum Volkssport: Über die „richtige“ Bildung — eine Schulreform — und über die „richtige“ Erziehung zu diskutieren, zu polemisieren und zu streiten.

„Überall Schablonen, Klischees und billiger Populismus. Die Kinder: eine Generation von Problemfällen. Deren Eltern: Was die alles verbocken — pardon: Was sie alles ‚fast richtig‘ machen. (…) Sicher ist nur eines: Erziehung ist eine wunderbare Spielwiese für Spekulanten. Ihre Annahmen leuchten auf den ersten Blick ein, und sie lassen sich gewiss von so mancher Theorie bestätigen. Wenn da nur nicht ein Problem wäre: Die Annahmen widersprechen sich. Und damit stehen Eltern vor einer ernüchternden Tatsache: Ein guter Teil dessen, was über Kinder behauptet wird, ist falsch. Gut gemeint in aller Regel, aber trotzdem: Geschwätz“ (22).

Das „Erziehungsgeschwätz“ und die Entwertung und „Entmachtung“ der Familie hat also nicht erst seit dem Nationalsozialismus Hochkonjunktur. Die Psychologin und zeitweilige „NS-Erziehungsbeauftragte“ Hildegard Hetzger sagte damals:

„Wir lehnen es auf das Entschiedenste ab, dass jeder Mensch glaubt, erziehen zu können, ohne es je gelernt zu haben“ (23).

Welche Folgen die nicht nur deutschsprachige „Erziehungsdebatte“ und die zuweilen subtile und jedenfalls wiederkehrende Schwächung der elterlichen Erziehungskompetenzen durch Politik, Medien und manchen „Experten“ nicht nur aus Psychologie und Pädagogik mit sich bringt, zeigt folgendes:

„In einem Internetforum schreibt die Mutter eines 2-jährigen Kindes, dass sie sich die ‚Bildung ihres Kindes zu Hause nicht zutraue’. Bildung und Erziehung der kleinen Kinder sind zur Facharbeit geworden“ (24).

Gegenwärtig steuern wir auf eine vollkommene Ghettoisierung und Expertisierung von Kindheit und Familie zu, die es historisch in dieser Totalität — von Schwangerschaft bis zum Ende der Pflichtschulzeit — noch nicht gab.

Eines lehrt uns die Geschichte jedenfalls mehr als dutzendfach. Wohin sich eine Gesellschaft durch selbsternannte Erziehungsexperten — denen vielfach selbst die Erfahrung fehlte ein Kind großzuziehen — entwickeln kann, wenn dabei auch noch ein „Lob auf die Disziplin“ gesungen wird. Das hat unter anderem schon Philippe Ariès in seiner „Geschichte der Kindheit“ und Alice Miller in „Am Anfang war Erziehung“ genau dargelegt.

Was gegenwärtig kaum beobachtet oder zumindest nicht thematisiert wird, und in Hinsicht der jüngeren Geschichte mahnend sein sollte, ist folgendes: Im öffentlich-medialen Erziehungsdiskurs haben vorrangig in den deutschsprachigen Ländern in den letzten etwa zehn Jahren Psychologen, genauer: Psychoanalytiker, wieder eine Hoheit erlangt.

Die „Tyrannen-Psychoanalytiker“ wie Michael Winterhoff oder sein österreichisches Pendant, Martina Leibovici-Mühlberger, haben eine mediale Präsenz in Printmedien und TV, wie kein anderer Pädagoge oder Psychologe. Sie sitzen nicht nur in Talkshows, sondern ihre Bücher werden von nahezu allen nennenswerten Zeitungen rezensiert oder es wird darüber berichtet und sie sind, wenig verwunderlich, kurze Zeit später Bestseller.

Geht es vereinfacht um das Aufwachsen von Kindern heute und speziell um „Erziehungsfragen“, greifen Journalisten reflexartig und leider auch zunehmend Eltern nicht vorrangig auf Psychologen, sondern auf Psychoanalytiker — die sich selbst oft in der Tradition Sigmund Freuds sehen — zurück, was vermutlich den meisten Eltern gar nicht bewusst ist. Aber was hat eigentlich „Erziehung“ und noch mehr das Aufwachsen eines Kindes mit Psychoanalyse zu tun? Zumal das in 99,99 Prozent der bisherigen Menschheitsgeschichte auch ohne Psychologen bestens geklappt hat.

Die Psychoanalytikerin und Kindheitsforscherin Alice Miller schrieb 1979 in ihrem weltbekannt gewordenen Essay Das Drama des begabten Kindes und die narzisstische Störung des Psychoanalytikers:

„Man hört oft die Behauptung, dass Psychoanalytiker an einer narzisstischen Störung leiden. Die bisherigen Ausführungen wollten deutlich machen, inwiefern man diese Behauptung nicht nur induktiv auf erfahrene Tatsachen stützen, sondern sie auch deduktiv aus der Art der Begabung zum Analytiker ableiten könnte. Seine Sensibilität, seine Fähigkeit zur Einfühlung, zu intensiven und differenzierten Gefühlen, seine übermäßige Ausstattung mit ‚Antennen’ prädestinieren ihn ja geradezu, als Kind von narzisstisch Bedürftigen gebraucht — wenn nicht missbraucht — zu werden.

(…) Haben wir unsere Verzweiflung und die daraus entspringende narzisstische Wut nie gelebt und infolgedessen nie verarbeitet, so können wir in die Gefahr kommen, die unbewusst gebliebene Situation der eigenen Kindheit auf den Patient zu übertragen. (…) Die narzisstischen Wünsche des Analytikers nach Bestätigung, Echo, Verstanden- und Ernstgenommenwerden befriedigt der Patient, wenn er solches Material bringt, das zum gelernten Rüstzeug des Analytikers, zu seinen Konzepten, folglich zu seinen Erwartungen passt. Der Analytiker übt damit die gleiche Art unbewusster Manipulation aus, der er als Kind selbst ausgesetzt war“ (25).

Es waren letztlich nicht Familienrichter, die in den letzten 30 Jahren in stoischem Gleichmut und völliger Empathielosigkeit Scheidungskinder rigoros und letztlich menschenverachtend von ihrem zweiten Elternteil, in neun von zehn Fällen vom Vater, getrennt haben, sondern Gerichts-Psychologen und gegenwärtig zumeist Psychologinnen.

In sogenannten „Familienpsychologischen Gutachten“ empfahlen sie fast ausschließlich nach elterlicher Trennung, und an sehr vielen Gerichten ist das durchwegs noch immer so, der Kindesmutter die alleinige Obsorge zu übertragen. Das stand am Ende der Gutachten fettgedruckt für den Richter oder die Richterin. Was auf den 40 bis 100 Seiten davor auf dem Papier stand, war zumeist spekulativ und manchmal schlicht kriminell und wurde in der Regel von den Richtern und Richterinnen ohnehin nicht gelesen (26).

Die Machthabenden von autoritären beziehungsweise totalitären Regimen bedienten sich gerne Psychologen, um nicht nur den Eltern die „richtige“ Erziehung des Menschen zu erklären. Geschweige denn, was sich im 20. Jahrhundert in psychiatrischen Anstalten an Menschenmissbrauch alles ereignete.

Vereinfacht: Seit der Erfindung der Psychoanalyse war ein Teil der eigenen Standesvertreter immer gerne bereit dem politischen Establishment — manchmal sicherlich auch unbewusst — jenes Menschen- und Erziehungsbild zu liefern, in dem sich die gerade vorherrschenden Ideologien bestens integrieren ließen. Was jedenfalls die Psychoanalytiker à la Winterhoff, Leibovici-Mühlberger und Co. gemeinhaben: Sie „kritisieren“ nahezu jeden — Eltern, Pädagogen, Politiker — und erklären, wie man „richtig“ jedes Kind erzieht. Gleichzeitig stellen sie niemals ernsthaft das herrschende, distanzierte, Menschenbild nicht nur des politischen Establishments — zum Beispiel Totalbeschulung und Pädagogisierung, immer früherer Weggabe-Modus — in Frage.

Auch jede mediale Botschaft ist zudem von der „bürgerlichen“ Grundhaltung des 18. und 19. Jahrhunderts beseelt, die da immer wieder heißt: Um die gegenwärtigen menschlichen Übel der Gesellschaft für die Zukunft zu bereinigen, müssen wir Eltern unseren Kindern früh „Grenzen setzen“. Sie sind allesamt zumindest empfänglich für die Manipulation des Kindes.

Pädagogik und Psychoanalyse haben in besten Absichten ebenso zur Entwertung und Entmachtung des Familienwesens beigetragen. Der Historiker Yuval Noah Harari formuliert das so:

„Vor dem Freudschen Tribunal haben Mama und Papa genauso gute Aussichten auf einen Freispruch, wie die Angeklagten in einem stalinistischen Schauprozess“.

100 Jahre nach Erfindung der Psychoanalyse sind die USA und Europa so neurotisch und narzisstisch wie nie zuvor.

Anstatt wieder darüber zu spekulieren und zu diskutieren, welche „Grenzen“ Kinder brauchen, wäre vielleicht hilfreich die Frage zu stellen: Welche „Grenzen“ überschreiten wir Erwachsenen, als Vorbilder für unsere Kinder, seit mehreren Jahrhunderten und tagtäglich auch heute? Was leben wir unseren Kindern vor?

Wir sind der einzige „Feind“ jedes gesunden, hoch begabten und sozial veranlagten Menschenkindes geworden. Jahrhundertelange, auch blutige, Erfahrungen zeigen uns, dass wir „Erziehung“ streichen und endlich wieder durch Beziehung ersetzen können. Dazu bedarf es zuerst einmal der Familie und eines ganzen — wohlgesinnten — Dorfes. In 99,9 Prozent der Menschheitsgeschichte stand die Familie in der „Mitte“ der Gesellschaft. Und heute?

„Wir haben zu lange über Kinder nur spekuliert, vorschnell geurteilt, geschwätzt. Und wir haben uns zu lange vor einem Rundgang durch das ‚Dorf’ gedrückt, in dem unsere Kinder heute aufwachsen. Was liegt da im Argen? Stehen Kinder, Jugendliche, Mütter, Familien wirklich dort, wo sie hingehören — in unserer Mitte?

Warum bedeuten dann Kinder, die ja angeblich ein Reichtum sind, immer öfter ein Armutsrisiko? Warum brauchen wir immer mehr ‚Schreiambulanzen’, ‚Schlaf-Sprechstunden’, Logopäden, Bewegungstherapeuten und andere Entwicklungshelfer für unsere Kinder? Wie kann es sein, dass Schulen zwar eine ganze Menge gebildeter Kinder, aber auch mindestens genauso viele ‚Versager’ produzieren? Sind wir Erwachsenen vielleicht dabei eine Welt zu errichten, die Kinder immer mehr als Hindernisse sieht — und ihnen auch immer mehr Hindernisse in den Weg stellt?“ (27).


Quellen und Anmerkungen:

(1) Michel Odent, Im Einklang mit der Natur. Neue Ansätze der sanften Geburt, 2004. Die „Neolithische Revolution“ wird heute von Historikern wie Y. N. Harari auch als „Landwirtschaftliche Revolution“ bezeichnet.
(2) Ekkehard von Braunmühl, Antipädagogik. Studien zur Abschaffung der Erziehung, Beltz, 1991
(3) David Cooper, Der Tod der Familie, Reinbeck (Rowohlt), 1972
(4) Hartmut von Hentig, Schule als Erfahrungsraum, Stuttgart: Klett, 1973
(5) Herbert Renz-Polster, Menschenkinder. Plädoyer für eine artgerechte Erziehung, 2011
(6) Zitiert in: Michel Odent, Im Einklang mit der Natur. Neue Ansätze der sanften Geburt, 2004
(7) Hermann Giesecke, Einführung in die Pädagogik, München: Juventa, 1969. In 7. Auflage (2004) wird das Buch an pädagogischen Hochschulen (mitunter) immer noch verwendet.
(8) Erstere Aussage findet sich in einem Interview mit dem STERN vom 21. Mai 2008. Dort sagt Winterhoff wörtlich: „Mir fällt auf, dass mit dieser Gesellschaft etwas nicht stimmt. 70 Prozent der Kinder sind gestört.“ „Interessant“ ist auch die Antwort Winterhoffs auf die Frage des STERN-Journalisten, wie er auf die Zahl von 70 Prozent kommt. Nachzulesen online in: STERN, Erziehung: „Mütter müssen Schallplatten werden…“, 21. Mai 2008. Zweite Aussage zu Psychologie und Pädagogik findet sich in SOS Kinderseele: „Der Blick muss weg von der Pädagogik hin zur Entwicklungspsychologie.“ Winterhoff stellt in SOS Kinderseele mehrfach die Pädagogik oder überhaupt verschiedene pädagogische Konzepte als „Hilfestellung“ für die, seiner Ansicht nach, zahlreichen, nicht altersgemäß entwickelten Kinder, in Frage. Es scheint eine tiefe Überzeugung von Winterhoff zu sein, dass alleine nur noch die (Entwicklungs-) Psychologie unsere Kinder und das Abendland retten kann. Auch in einem Interview mit dem SPIEGEL sagt Winterhoff: „Ich glaube, dass die Probleme, die viele Kinder heute haben, auf fehlende psychische Reife zurückzuführen sind. Wir können diesen Kindern helfen, aber nicht über pädagogische Konzepte.“ In: SPIEGEL (online), Erziehung: „Sie laufen uns aus dem Ruder“, 30. Mai 2009. Dieses Interview ist ein interessantes Gespräch zwischen dem Pädagogen Wolfgang Bergmann und dem Psychologen Michael Winterhoff.
(9) Herbert Renz-Polster, Menschenkinder. Plädoyer für eine artgerechte Erziehung, 2011
(10) Jean Liedloff, Auf der Suche nach dem verlorenen Glück, 1980
(11) Ekkehard von Braunmühl, Antipädagogik. Studien zur Abschaffung der Erziehung, 1991
(12) In: Michael Winterhoff: Warum unsere Kinder Tyrannen werden. oder: Die Abschaffung der Kindheit (2008); Tyrannen müssen nicht sein: Warum Erziehung nicht reicht – Auswege (2009); Persönlichkeit statt Tyrannen. oder: Wie junge Menschen in Leben und Beruf ankommen (2010). Ein Buch pro Jahr zu „Tyrannen“ klingt auch ein wenig nach „Gewinnmaximierung“.
Die in Österreich (durch Medien) ähnlich bekannte Psychotherapeutin wie Michael Winterhoff in Deutschland, Martina Leibovici-Mühlberger, hat 2016 ein Buch vorgelegt, dass schon im Titel (wie Winterhoff) klarmacht, wie sie die Mehrheit unserer Kinder heute sieht: Sie seien Tyrannen. Titel des Buches: Wenn die Tyrannenkinder erwachsen werden. Warum wir nicht auf die nächste Generation zählen können, Edition a, 2016.
Auch die Psychotherapeutin Leibovici-Mühlberger schließt von den extrem verhaltensauffälligen Kindern in ihrer Praxis auf die Mehrheit der Kinder unserer Gesellschaft. In einem Interview zu ihrem Buch mit dem Magazin WOMAN sagt sie: „Ich versuche Anwältin dieser verlorenen Kindergeneration zu sein, die ich an jeder Ecke in vielgestaltigen Formen begegne.“ Es geht also wieder einmal um die Bedrohung des Abendlandes „von unten“, vorrangig ausgelöst durch die wenigen Eltern, die es noch gibt, und die allesamt ihre Kinder nicht „richtig“ erziehen. Ähnlich wie Winterhoff „rechnet“ die Autorin im Buch und in diesem Interview mit den Eltern, Pädagogen, der „Konsumgesellschaft“ und der Wirtschaft ab. Letztere „hat Kinder als Konsumenten und gleichzeitig als Alternative der Vermarktung entdeckt. So viel wie heute ist am Kind noch nie verdient worden.“ Das ist richtig und viele andere haben das auch schon festgestellt. Der dramatische Befund, den die Autorin über die „verlorene Generation“ erstellt, wird im Interview so untermauert: „Noch nie hatten wir zum Beispiel so viele Kinder mit Vorstufenbefunden für spätere schwere chronische Systemerkrankungen, wie Diabetes Mellitus, koronare Herzerkrankungen oder apoplektischen Insult. Das sind keine Kinderkrankheiten, sondern Erkrankungen, die die Gesundheitserwartung drastisch negativ beeinträchtigen. Und es ist eigentlich eine Schande, dass es unseren Kindern so geht.“ Kein Wort fällt im Artikel darüber, bei welchen Kindern und in welcher Altersgruppe diese in der Tat desaströsen Vorbefunde erstellt werden: Nämlich bereits in der Altersgruppe Null- bis Sechsjährige und vorrangig bei Kindern, die Krippe und/oder Kindergarten „non-stop“ besuchen. Und nicht bei unbeschulten Kindern beziehungsweise Kindern, die ohne Krippe und Kindergarten aufwachsen, bei Kindern, die lange und überwiegend familiär sozialisiert wurden. Dieser erschreckende Befund wird also, fast, „nur“ bei früh „institutionalisierten“ Kindern – ohne „intaktes“ Familienleben – festgestellt und seit mindestens 15 Jahren ist das mehrfach (!) wissenschaftlich belegt. In den Medien wird das jedoch weitgehend totgeschwiegen. Die Aussagen der Autorin und Psychotherapeutin wurden zitiert aus: Nadja Kupsa im Gespräch mit Martina Leibovici-Mühlberger, in: WOMAN, Wenn Tyrannenkinder erwachsen werden, 31. März 2016
(13) Zitiert in: Herbert Renz-Polster, Menschenkinder. Plädoyer für eine artgerechte Erziehung, 2011
(14) Erwin Ringel, Die ersten Jahre entscheiden. Bewegen statt erziehen, Jungbrunnen-Verlag, 2010 (9. Auflage). Im „Dritten Reich“ war es vor allem das Tandem Haarer/Hetzer, die eine Autorin Lungenfachärztin, die andere Entwicklungspsychologin, die in populären „Ratgebern“ Eltern auf eine Kampfbeziehung zu den Babys einschworen. Das Schreienlassen eines Babys, sogar wenn es den ganzen Tag war, war nicht der einzige „Ratschlag“. Man beschäftige sich „nie länger als fünf bis zehn Minuten auf einmal mit einem Kind des ersten Lebenshalbjahres und nicht mehr als 10 bis 15 Minuten im zweiten Lebenshalbjahr“, war ein weiterer Rat der „Fachfrauen“. (siehe dazu auch Renz-Polster, Die Kindheit ist unantastbar)
(15) In: US Department of Labor (1929), Infant Care, Washington: United States Government Printing Office
(16) Es gab freilich einen „Aufschrei“ einiger Wissenschaftler und Fachleute zu Buebs Erziehungs-Weltbild. Ein paar wenige Medien berichteten darüber, wie beispielsweise in: BERLINER ZEITUNG, Wissenschaftler antworten auf Bernhard Buebs Bestseller: Hoch gefährlich dieses Lob der Disziplin, 24. Februar 2007. Darin wird ein Gespräch mit dem Psychologen Claus Koch geführt, einer der Mitautoren des Buches: Micher Brumlik (Hrsg.) Vom Missbrauch der Disziplin, Beltz, 2007. In den darauffolgenden Jahren bis etwa 2012 erschienen weitere Bücher, die die Renaissance der „Disziplin“ in der Erziehung („Macht“/„Gehorsam“/„Bestrafung“) kritisch hinterfragen. Mediale Aufmerksamkeit bekamen sie weitgehend keine. Ein weiterer Artikel, der sich mit dem „Erziehungsweltbild“ von Winterhoff und Bueb kritisch auseinandersetzt, ist ein Gespräch mit dem Familientherapeuten Wolfgang Bergmann in: SZ, Zur Hölle mit der Disziplin, 17. Mai 2010. Jedoch konnte ich keinen Zeitungsartikel finden, der explizit auf Buebs „Erziehungsvorschläge“ zu Babys eingeht.
(17) Zitiert in: Herbert Renz-Polster, Menschen-Kinder. Plädoyer für eine artgerechte Erziehung, 2011. Für Buebs „Erziehungsweltbild“ trifft genau zu, was Jesper Juul in Schulinfarkt so formulierte: „(…) ich sehe, dass unserem ganzen Schulsystem sozusagen ein humanes Fundament fehlt. Das heißt, es fehlt an einem wirklichen Verständnis für Kinder und Menschen im Allgemeinen. Man hat nur ‚Schüler’ im Blick.“
Bueb hat eben auch nur (gehorsame) „Schüler“ im Blick und die, so dürfte er überzeugt sein, kann man nicht früh genug heranziehen. Deshalb „kultivieren“, „disziplinieren“, „bestrafen“ wir eben schon Babys.
(18) Siehe dazu: Michael Tsokos/Saskia Guddat: Deutschland misshandelt seine Kinder, München: Droemer, 2014.
Ergänzend: Der zweieinhalbjährige Kevin wurde durch seinen Vater so schwer misshandelt, dass er seinen Verletzungen erlag. Der 17 Monate alte Luca wurde vom Lebensgefährten der Mutter so schwer misshandelt, dass er an seinen Verletzungen im Krankenhaus starb. Die Mutter war wissend und zuschauend, ebenso war die Jugendwohlfahrt schon länger über die Misshandlungen informiert. Der leibliche Vater intervenierte „mangels“ Obsorge vergeblich bei der Jugendwohlfahrt. Im Falle einer gerichtlichen Obsorgeentscheidung verbleiben 90 Prozent der Trennungskinder in Österreich (und Deutschland) bei der Kindesmutter in „alleiniger Obsorge“.
Die TIROLER TAGESZEITUNG listet in einem Artikel schwere Baby- und Kleinkindmisshandlungen der letzten Jahre (2007-2015) in Österreich auf, über die in den Medien berichtet wurde. Es sind neun Fälle, das jüngste Opfer ist drei Wochen, das älteste drei Jahre alt. Vom beinahe durchgängigen „Schütteltrauma“ reichen die schweren Misshandlungen von „monatelanger Peinigung“, „Misshandlungen durch Prügel“. „stoßen gegen den Türstock“, „Misshandlung durch eine 50 Zentimeter lange Stahlrute“ bei einem zwei Monate alten Baby, weiters „prognostisch ungünstige diffuse Hirnschäden“, mehrfache „Knochenbrüche“ sind ebenso häufig wie schwerer sexueller Missbrauch. Vier der geschilderten Fälle enden im Krankenhaus tödlich. „Bekannt“ werden diese Fälle in der Regel durch eine Anzeige der Krankenhäuser. In den geschilderten neun Fällen sind die Täter einmal eine Mutter, zweimal der Vater, und sechsmal der Freund/Lebensgefährte/Stiefvater des Opfers. Quelle: TIROLER TAGESZEITUNG, Baby in Klagenfurt gestorben. Immer wieder schwere Misshandlungen, 16. März 2015. Das sind neun Fälle, über die medial berichtet wurde. Demgegenüber stehen ca. 3.000 Anzeigen wegen (schwerer) Kindesmisshandlung pro Jahr. Eine breite Diskussion über das neue „Phänomen“ von Kleinkindmisshandlungen gibt es bis dato in Österreich und Deutschland nicht. Im Gegenteil. Von politischer und behördlicher Seite her (Jugendwohlfahrt) wird das „Phänomen“ eher tabuisiert oder eben immer wieder von „bedauerlichen Einzelfällen“ gesprochen. Die Zahl der schweren Kleinkindmisshandlungen ist in den letzten zehn Jahren tendenziell steigend.
An dieser Stelle noch ein paar Bemerkungen zur Pädophilie und generell zum sexuellen Missbrauch von (Klein-) Kindern. Dieser ist in autochthonen Völkern und vermutlich für die ganze Zeit unserer Daseinsform des „Jäger und Sammlers“, also über 99 Prozent unserer bisherigen Lebensweise im familialen Kontinuum, gänzlich unbekannt.
Der Begriff Pädophilie stammt bekanntlich aus der griechischen Antike und war dort im Wesentlichen auf die männliche Begierde von Erwachsenen zu pubertierenden Knaben beschränkt. Mit dem Christentum, genauer mit der Zunahme familiärer Diskontinuitäten und Brüche, der „Erziehung“ und des Weggabe-Modus, und speziell auch seit (medizinischer) Interventionen in den Geburtsverlauf und in das nachgeburtliche Imprinting (Mutter-Kind-Bindung), werden „psychische Störungen“ zahlreicher und mannigfacher. Der sexuelle Missbrauch an Kindern hat sich seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sukzessive nach „unten“ verschoben, ist häufiger geworden und hat längst das Babyalter erreicht.
Was einen Pädophilen (auch) antreibt, seinen Töchtern, Söhnen oder fremden Kindern sexuelle Gewalt anzutun, beschreibt Willi Maurer so: „Der Pädophile, der nach außen oft sanft und freundlich wirkt, sucht die emotionale wie die körperliche Nähe des Kindes. Im Grund aber sucht auch er die Mutterliebe, die er in frühester Kindheit vermisst hat. Erwachsene meidet er. Sie lösen in ihm Angst aus, indem sie ihn an seine unverarbeitete Kindheitsgeschichte und leidvolle Nähe zur Mutter erinnern. So gerät er auf seiner Suche nach Liebe und Nähe an Kinder, die ihrerseits auf der Suche nach vermisster Mutterliebe sind. Der Pädophile glaubt irrtümlich, indem er seine Zwanghaftigkeit rationalisiert, diesen Kindern entgegenzukommen oder, da die Begegnung mit ihnen nicht mit Angst belastet ist, die wahre Liebe gefunden zu haben. Sein aggressiver Hass kann so tief verdrängt sein, dass dieser z. B. im Erbetteln von eher harmlosen Liebesbeweisen versteckt liegt und hinter der Maske der Bravheit kaum zu vermuten ist.
Im offen gewalttätigen Pädophilen wirken die gleichen Kräfte wie beim Vergewaltiger, nur mit dem Unterschied, dass sie sich auf ein Kind entladen, das weniger Angst in ihm auslöst. Am wehrlosen Kind setzt der Kindervergewaltiger sein unbewusstes Vorhaben in die Tat um, die verhasste verweigernde, körper- und sinnesfeindliche Fassade der Kindheitsmutter mit aller Brutalität zu zerstören. Es stachelt seine Lust an, wenn er dabei spürt, dass er dem Kind genauso wehtut und er es genauso machtlos macht, wie er es selbst als Säugling auf körperlicher und/oder seelischer Ebene erdulden musste.
Dies ist der wirkliche, selten benannte Hintergrund, den es zu erkennen gibt, wenn die Frage nach den Ursachen für die heute immer mehr Verbreitung findende Kinderpornografie und –Vergewaltigung gestellt wird.
Der Weltmarkt für Kinderpornografie wird von Experten auf 7.000.000.000.000 Dollar geschätzt, eine beinahe unvorstellbare Summe, die das Ausmaß des hinter der braven Fassade unserer Zivilisation versteckten männlichen Hasses erahnen lässt. Ein Zeuge aus der Schweiz sagte in einem Fernsehinterview aus, dass für zwölftausend Franken ein Kind nach Wahl zwischen ein und zwölf Jahren für den Zweck, es zu schänden und zu Tode zu quälen, gekauft werden könne.“ In: Willi Mauerer, Der erste Augenblick des Lebens, 2009
(19) Dieser Aspekt wird ausführlich in meinem Buch Krieg gegen Väter. Das Drama eines Scheidungskindes behandelt.
(20) Siehe dazu: Helmut Dahmer, Libido und Gesellschaft, Frankfurt: Suhrkamp, 1973
(21) Zitiert in: Alice Miller, Am Anfang war Erziehung, 1983
Wann immer wir in die Kindheit von den großen menschenverachtenden Persönlichkeiten (Führer totaler Regime, Ideologen, Schwer- und Gewaltverbrecher, Betrüger, Amokläufer und ähnlichen) blicken, finden wir – soweit bekannt – zumeist schon frühkindliche Verletzungen der persönlichen (physischen und/oder psychischen) Integrität des Kindes. Hitler wurde regelmäßig von seinem Vater verprügelt, in der Schule gemobbt und einmal um eine Schulstufe zurückgesetzt. Stalin verlor seine Geschwister wenige Monate nach der Geburt, wuchs als Einzelkind auf und wurde von seinem Vater (zunehmender Alkoholiker) regelmäßig und schwer verprügelt. Aber auch der vollständig fehlende Vater kann zu schweren Persönlichkeitsstörungen führen, siehe Breivik (Kapitel 9), oder auch beispielsweise der Diktator Saddam Hussein, der gänzlich vaterlos in einem kleinen Dorf aufwuchs.
Was in unserem Kulturkreis weitgehend tabuisiert wird, sind Schwangerschafts- und Geburtstraumen. Saddam Husseins Mutter unternahm während der Schwangerschaft einen Selbstmord- und Abtreibungsversuch. Napoleon der Zweite kam mittels Zangen-Geburt zur Welt, wurde zuerst einmal als Totgeburt gehalten und am Teppich zur Seite gelegt ... bis er irgendwann ein Lebenszeichen von sich gab. Auch die Liste von Menschen mit Geburtstraumen ist lang.
(22) Herbert Renz-Polster, Menschenkinder. Plädoyer für eine artgerechte Erziehung, 2011
(23) Zitiert in: Herbert Renz-Polster, Menschenkinder, 2011
(24) Herbert Renz-Polster, Die Kindheit ist unantastbar. Warum Eltern ihr Recht auf Erziehung zurückfordern müssen, 2014
(25) In: Alice Miller, Das Drama des begabten Kindes und die Suche nach dem wahren selbst, Suhrkamp Verlag, 1983
(26) Speziell auch zum Missbrauch von psychologischen Gutachten an Familiengerichten siehe: Michael Hüter, Krieg gegen Väter. Das Drama eines Scheidungskindes, 2014; oder auch die TV- Dokumentationen: ZDF Zoom, Kampf ums Kind – Wenn Gutachten Familien zerstören, 26. Oktober 2011 und WDR, Mut gegen Macht. Wenn Gerichtsgutachten Familien zerstören, 13. Oktober 2014
In einer Kurz-Dokumentation von 3SAT mit dem Titel Kinder brauchen Kontakt wird berichtet: Über 130.000 Kinder in Deutschland müssen Jahr für Jahr die Trennung ihrer Eltern verarbeiten. Kontaktabbruch zu lebenden Eltern macht Kinder lange, oft bis ins Erwachsenenalter hinein, krank. Der Kontaktabbruch zu lebenden Eltern schädigt Trennungskinder etwa doppelt so lange und dreimal so intensiv, als der Kontaktabbruch auf Grund von Tod eines Elternteils. Die Medizinerin Prof. Ursula Gresser hat aktuelle Studien zu Trennungskindern, beispielsweise aus den USA, Schweden und Norwegen, ausgewertet. Der Kontaktabbruch führt am häufigsten zur Depression, am zweithäufigsten zu Suchterkrankung und weiters zu einer Vielzahl an Erkrankungen, Verhaltensstörungen, Schulversagen, Schulverweigerung bis hin zum nicht erreichen der Erwerbsfähigkeit. Viele dieser Krankheiten bestehen möglicherweise über die Kindheit hinaus. Eine dieser sechs Studien hat sich damit befasst, dass der Kontaktabbruch zu einem Elternteil eine Stresssituation darstellt, die auch auf den Cortisolspiegel Auswirkungen hat. Diese Kinder haben einen unglaublichen Stress, den sie aber nicht ausleben und abbauen können, weil sie dazu kein Ventil haben. Siehe: 3SAT (Mediathek), Kinder brauchen Kontakt, 14. Juli 2016
(27) Herbert Renz-Polster, Die Kindheit ist unantastbar. Warum Eltern ihr Recht auf Erziehung zurückfordern müssen, 2014

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