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Ausbleibende Erkenntnis

Ausbleibende Erkenntnis

Herbert Grönemeyer musste „aufgrund von Corona“ seine Tour absagen, obwohl er mehrfach „geimpft“ ist — den naheliegendsten Gedanken kann er leider nicht zulassen.

Im Dezember 2021 äußerte sich Grönemeyer in den Massenmedien, was ein damals noch fiktives, mögliches Scheitern seiner für 2022 geplanten Konzerte betrifft, folgendermaßen:

„Ich glaube, die Ängste sind komplexer in dieser Zeit, was Menschen angeht, was die Bedrohung dieses Virus angeht. Ich glaube, da sind die Konzerte nicht das Elementarste, um das es geht. Insofern habe ich keine Angst darum, sondern es wäre wahnsinnig schade“ (1).

Nun: Aus dem „es wäre wahnsinnig schade“ ist inzwischen Realität geworden.

Grönemeyer sagte damit auch etwas über sich selbst. Er ließ erkennen, dass er Angst vor „dem Virus“ hat. Worauf diese, seine ganz persönlichen Ängste beruhen, ließ er offen. Aber er offenbarte noch etwas anderes. Und das ist nicht so eindeutig, wie die jeweiligen Seiten im Kampf um die Deutungshoheit bei Corona es vielleicht erkennen mögen. Jeder interpretiert da nämlich im Sinne „seiner Wahrheit“, was dann eigentlich auch nur wieder den Glauben spiegelt:

„Ich sehe, dass ein geringer Teil der Gesellschaft versucht, diese Situation zu nutzen. Aber umgekehrt sehe ich auch, dass der große Teil der Gesellschaft absolut zusammenhält und ganz stabil erwachsen mit dieser Situation umgeht“ (1i).

Der Sänger drückte sich vorsichtig aus. Er war nicht vordergründig darauf aus, Menschen die nicht so ticken wie er selbst, frontal anzugreifen. Er stellte klar, dass es sich um seine Sicht auf die Dinge handelt. Es gibt für den Autor keinen Grund, Grönemeyer aufgrund dessen Sichten zu verurteilen. Ich meine sogar, dass er sich — so lässt es die Wahl seiner Worte vermuten — in einem Dilemma befand und befindet. Aufgrund seiner Ängste kann er Meinungen und Handlungen, die dem konträr entgegen stehen, nicht gutheißen. Er muss einfach eine emotionale (!) Haltung einnehmen. So handeln wir übrigens alle, wenn wir von Ängsten eingefangen werden.

Was Grönemeyer nicht begriffen hat, ist, dass er es gerade diesem „geringen Teil der Gesellschaft“ zu verdanken hat, überhaupt wieder in die Situation gekommen zu sein, Konzerte geben zu können. Die Mutigen waren es, die das möglich machten, nicht die Ängstlichen, die brav „die Regeln“ einhielten.

Wenn uns Dinge und Situationen bedrohlich erscheinen, sind wir emotional gezwungen, uns mit den Ursachen auseinander zu setzen. Gezwungen deshalb, weil diese Emotionalität integraler Bestandteil unseres über Jahrmillionen gewachsenen Selbsterhaltungssystems ist. Die durch Emotionalität getriebene Auseindersetzung mit Ängsten ist nicht zu verwechseln mit dem Reflektieren dieser Ängste. Unsere Ratio kommt nach der Emotionalität.

Ereignisse und Objekte, die unsere Ängste füttern, verlangen eine emotionale Reaktion. In erster Linie leitet wiederum diese unser Handeln. Im Handeln versuchen wir, uns dem Angstmachenden zu entziehen oder es auszuschalten. Wir mobilisieren Kräfte und suchen, ganz auf die Bedrohung gerichtet, Verbündete, die uns in unserem Kampf stärken. Wir reden uns stark und die Bedrohung schwach, um uns Mut in diesem Kampf zu machen. Vor allem, um uns auch emotional abzusichern, dass wir das Richtige tun. Im Kampf sind Zweifel nicht gewünscht. Und genau das sehe ich in Grönemeyers Aussage (siehe oben).

Was man aber auch erkennen und anerkennen sollte ist, dass Herbert Grönemeyer kein Eiferer ist. Er will keinen Krieg gegen Andersdenkende. Er glaubt einfach. Er ist da repräsentativ. Auch meine ich, dass er in dieser Repräsentativität offen, zugänglich für andere Sichten ist. Er ist in der Wahl seiner Wort achtsam. So ich nicht meinerseits überhebend und missionarisch vorgehe, meine ich, dass Grönemeyer zu den Millionen von Deutschen gehört, denen man Angebote machen kann. Kurioserweise hatte ich vor Tagen eine Begegnung, die auf erstaunliche Weise zur hier behandelten Grönemeyer-Geschichte passt.

In meinem Wohnumfeld pflege ich flüchtige, aber gute, man kann auch sagen menschelnde Kontakte. Und so kam ich wieder einmal mit einer mir bekannten, älteren Dame „zwischen Tür und Angel“ ins Gespräch. Ich wusste, dass deren Gatte vor Monaten einen Schlaganfall erlitten hatte. So etwas macht sich unübersehbar durch Koordinationsprobleme, teilweise, vor allem halbseitige Lähmungen, Sprachstörungen etc. bemerkbar. Die Wiederherstellung ist mühselig und gelingt oft nicht mehr vollständig. Also fragte ich die Dame, ob die Besserung bei ihrem Mann Fortschritte macht. Ihre Antwort lautete in etwa so:

„Das wird wohl nichts mehr. Dieses verdammte Long-Covid. Und dabei sind wir vollständig geimpft und geboostert.“

Wie gesagt, sind das liebe Menschen, ich mag sie. In Hochzeiten der PLandemie traf ich sie gelegentlich auch mit einer über das Gesicht gezogenen Operationsmaske vor der Haustür. Das zu sehen, tut weh. Aber es sind liebe, herzliche Menschen. Menschen die glauben. Und aus diesem Glauben heraus Dinge tun, die sie für sich selbst und andere als gut und wertvoll betrachten. Es war mir immer überaus wichtig, meine dadurch hervorgerufenen Dissonanzen nicht ausbrechen zu lassen und mich immer daran zu erinnern, dass ich es da mit liebenswerten, freundlichen, mir gegenüber offenen Menschen zu tun habe.

Wenn Glaube auf Wissen trifft, ist für Konfliktpotenzial gesorgt. Aber gläubige Menschen sind nicht zwingend auch Eiferer.

Und das gilt für die Mehrheit der gläubigen Menschen in diesem Land. Auch für jene, die noch immer an ein gefährliches Virus glauben. Gläubige haben sogar in den meisten Fällen ein berührendes Herz und sind bereit, „den Anderen“ zuzuhören.

Wenn man diesen Menschen auch in Konfliktzeiten Vertrauen, Respekt, Wertschätzung und Wärme entgegen bringt, kann das für berührende Überraschungen in der Zukunft sorgen.

Meine kleine, private Geschichte ging daher, eben weil das gerade Geschriebene gegeben war, auch weiter.

Ich schaute dieser Frau in die Augen und sagte leise, ruhig und langsam. „Ihrem Mann geht es schlecht, das ist offensichtlich. Aber glauben Sie mir, Ihr Mann hat kein Covid. Niemand hat Covid jemals nachweisbar feststellen können, weil es dafür bis heute überhaupt keine Methoden gibt. Sie können mir das wirlich glauben, ich weiß es. Man will uns Angst machen“. Und ihre Antwort war sinngemäß: „Ja, die machen uns hier nur noch verrückt, immer was Neues. Man weiß gar nicht mehr, was man glauben kann.“

Das Gespräch ging noch weiter, mit für mich verblüffenden Wendungen, aber ich will es an dieser Stelle bewenden lassen und wieder auf Herbert Grönemeyer zurück kommen. Der Sänger kann sich intellektuell anders ausdrücken als meine „entfernte“ Nachbarin, aber seine seelischen Befindlichkeiten, seine Ratlosigkeit erkannte ich wieder, als er den folgenden Brief an seine Fans veröffentlichte. Um seine Emotionalität unverfälscht vermitteln zu können, sei dieser dem Leser vollständig vorgebracht. Allerdings nicht, ohne all die Sequenzen auffällig zu machen, die seinen tiefen Glauben (nicht Wissen) vom „gefährlichen Virus“ unterstreichen:

Brief von Herbert Grönemeyer an die Fans

„Liebe Alle!

Nach der eher spröden, offiziellen Konzertabsage wollte ich Euch noch persönlich anschreiben. Wir sind komplett konsterniert.

Bis zur letzten Minute haben wir gehofft, dass sich das Virus doch noch auf wundersame Weise und schnell verzieht, haben in Hannover die Produktion aufgebaut, um auf den letzten Metern doch noch alles möglich zu machen.

Leider umsonst, wir hängen drin. Das Virus zeigt sich von seiner zähen Seite, es zehrt und zerrt. Es ist mir peinlich, so untätig rumzuliegen und angeschlagen auf Besserung zu warten. Und es geht mir sehr nahe, und es schmerzt zu sehen, wieviele Menschen sich seit einem Jahr Mühe gegeben haben, einen möglichst schönen Abend vorzubereiten, wieviele Menschen gerne kommen wollten und wie diese Situation jetzt alles zum Platzen gebracht hat und wie traurig das für so viele ist.

Wir waren voller Vorfreude auf Euch, haben uns ein Orchester und einen Bläsersatz eingeladen und nun schleicht sich trotz präziser Sicherheitsmaßnahmen das Virus in die Probe. Ein Supergau!

Was das für viele von Euch an Umständen, Reiseabsagen, Ticketzurückgabe, Frust und Enttäuschung bedeutet, kann ich mir vorstellen und es tut mir wahnsinnig leid.

Für 2023 planen wir neue Konzerte, auch mit neuer Musik, aber wir werden versuchen, im Programm auch dieser Absage Rechnung zu tragen und speziell die MENSCH-Lieder unterzubringen.

Weil, leider lassen sich die Konzerte nicht zu einem späteren Zeitpunkt in diesem Jahr mehr nachholen. Es werden soviele Konzerte, die 2020/21 ausgefallen sind, in diesem Jahr nachgeholt und das führt leider zu einem enormen Mangel an Verfügbarkeiten, von Stadien, Personal, Bühnen und technischem Equipment. Alles ist anders in dieser Ausnahmesituation.

Wir sind als Band zweieinhalb Jahre von dem Virus verschont geblieben, wir haben uns im Vorfeld der Tour isoliert. Sind alle mehrfachst geimpft, wurden dauergetestet und trotzdem hat es ausgerechnet jetzt uns doch getroffen, herbe, und wir können nur zuwarten. Das ist sehr bitter.

Wir wollen endlich wieder raus und mit Euch Musik machen. Darauf haben wir hingefiebert, waren bis in die Zehenspitzen vorbereitet und parat.

Wir waren feierbereit. So ein Mist.

Zerknirschte, aber auch herzliche Grüße und vielen Dank für all den Zuspruch.

Euer Herbert“ (2, 3).

Man könnte nun sagen

„Lieber Herbert, wie bestellt, so geliefert. Nachdem Sie alles dafür getan haben, endlich ‚infiziert‘ zu sein, oder eine Erkältung, die Sie in allen möglichen Ausprägungen zeit Ihres Lebens immer wieder mal hatten, als Covid durchgehen zu lassen, ist es nun endlich eingetreten. Wieso beschweren Sie sich jetzt?“

Man hat wie im Wahn getestet, bis die Tests — man ist geneigt zu sagen endlich, endlich — positiv anschlugen. Und sagt dafür eine Tour komplett ab. Im Glauben, dass man es für „die Gemeinschaft“ tun müsste, hat man es regelrecht darauf angelegt.

Teile der Grönemeyer-Crew haben sich in Selbstisolation begeben. Welchen Sinn das haben soll, wissen sie alle nicht. Aber sie glauben es. Und der Glaube kann Berge versetzen. Ob das immer zum Guten gereicht, ist eine andere Frage.

„Isolation, mehrfache Impfungen, ständige Tests. ‚Und trotzdem hat es ausgerechnet jetzt uns doch getroffen‘, resümiert der Künstler. ‚Das ist sehr bitter‘“ (4).

Keine Frage: Wenn die Stimme weg ist oder eine Erkältung legt mich flach, kann ich nicht auf der Bühne stehen. Aber dafür sage ich doch keine komplette Tournee ab. Liegt die Crew des Sängers jetzt im Bett, aufgrund schwerer Erkrankungssymptome der Atemwege? Der Gläubige ist nicht in der Lage, die Idiotie zu erkennen und das ist kein intellektuelles Problem. Er muss allerdings den Mut zur anderen Perspektive aufbringen. Ansonsten hängt er tief drin, in der Logik, welche in die Idiotie eingewebt wurde.

„Sowohl Grönemeyer als auch einige Crewmitglieder haben sich mit Corona infiziert“ (5).

Haben Sie natürlich nicht. Doch glauben sie an den „Infektionsnachweis“ der Tests, egal ob Antigen-Schnelltests oder PCR-Tests. Sie wissen nicht, dass diese Tests über keinerlei Aussagekraft in Bezug auf eine „Corona-Infektion“ verfügen.

Herbert Grönemeyer hat es mehrfach betont, wie er und sein Team es darauf angelegt haben und wer sich testen lässt, wird irgendwann positiv getestet.

Die Trefferquote bei PCR-Tests lag in den letzten Monaten zwischen 30 und 70 Prozent. Also, warum lässt sich die Crew ständig wie blöde testen? Wer weist das an? Wer nimmt es hin? Was geschieht mit jenen, die es nicht hinnehmen?

Sie lassen sich testen und „impfen“ — und das geradezu exzessiv. Sie isolieren sich und halten „Regeln“ ein. Im Ergebnis „ist das Virus stärker“, trotz braver Einhaltung aller Vorgaben. Egal ob man nun an das Virus glaubt oder nicht, sollte doch eines auch für den Gläubigen offensichtlich werden. Die „Maßnahmen“ taugen schlicht nichts. Nichts, wenn das Ziel „die Ausrottung des Virus“ sein soll. Sie taugen ja nicht einmal vor „Ansteckung“. Sie sind blödsinnig. Und sie führen eben auch dazu, dass eine lange, mit hohem Aufwand und Einsatz vorbereitete Tournee den Bach hinuntergeht.

Ob es Herbert Grönemeyer gelingt, genau das, die Sinnhaftigkeit der Maßnahmen zu hinterfragen? Weil ja schließlich unweigerlich bohrende Fragen folgen werden, warum man das Ganze sonst von den Menschen verlangt hat.

Was dies betrifft, schreibe ich an Herbert Grönemeyer direkt, aber diesmal nicht in einem offenen Brief. Es wäre schön, wenn auch der eine oder andere Fan des Sängers den Mut findet, ähnliches zu tun.

Liebe Leser, bleiben Sie bitte schön aufmerksam.


Quellen und Anmerkungen:

Dieser Beitrag erschien zuerst unter dem Titel „Gute Besserung an Herbert Grönemeyer“ bei Peds Ansichten.


Quellen und Anmerkungen:

(Allgemein) Dieser Artikel von Peds Ansichten ist unter einer Creative Commons-Lizenz (Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International) lizenziert. Unter Einhaltung der Lizenzbedingungen kann er gern weiterverbreitet und vervielfältigt werden. Bei Verlinkungen auf weitere Artikel von Peds Ansichten finden Sie dort auch die externen Quellen, mit denen die Aussagen im aktuellen Text belegt werden.

(1, 1i) 23.12.2021; Merkur; Herbert Grönemeyer sieht Gesellschaft als nicht gespalten an; https://www.merkur.de/welt/herbert-groenemeyer-sieht-gesellschaft-als-nicht-gespalten-an-91197506.html 
(2) 27.05.2022; Faksmilie des Briefes von Herbert Grönemeyer an seine Fans nach der Absage seiner Konzerttournee Ende Mai, Anfang Juni 2022; https://www.instagram.com/p/CeEPKZYshtP/
(3) 30.05.2022; RND; Herbert Grönemeyer wendet sich mit emotionalen Worten an seine Fans; https://www.rnd.de/medien/herbert-groenemeyer-wendet-sich-nach-tour-absage-mit-emotionalen-worten-an-fans-H7UM65NK6NCINO62TTSLWEAL6Y.html
(4) 25.05.2022; RND; Corona-Infektion: Herbert Grönemeyer muss „Mensch“-Jubiläumstour absagen; https://www.rnd.de/kultur/herbert-groenemeyer-muss-mensch-jubilaeumstour-wegen-corona-absagen-MXAAGZGPI5FRFC7SEYSMC46K2Q.html
(5) Grönemeyer auf Instagram, Konzertabsage; https://www.instagram.com/p/Cd-c9asskhL/ (Bild im Download); abgerufen: 30.05.2022

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