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Aus dem Alltag eines aufgeklärten Übersetzers

Aus dem Alltag eines aufgeklärten Übersetzers

Übersetzen hat – wenn es denn überhaupt einen hat – den Ruf, eine einfache und dankbare Arbeit zu sein.

Da ist sie, die erste Übersetzungsanfrage von diesem Neukunden. Ein Auftrag, den ich noch übernehmen kann, obwohl ich eigentlich schon ausgelastet bin. Es geht um eine Werbebroschüre, deren Wahrheitsgehalt per Textgattung nur unwesentlich über dem Kostenvoranschlag eines Baukonzerns für ein öffentliches Großprojekt liegt. Ich mache mich an die Arbeit; die Übersetzung geht leicht von der Hand.

Die vermutlich erfundenen, mindestens aber geschönten Kommentare samt Fotos mit grinsenden, ganz sicher nachbearbeiteten Gesichtern nerven zwar, aber was soll ich machen. Nur mit wahren Inhalten können auch Übersetzer nicht immer Geld verdienen, und ich kann mich damit trösten, dass ich nicht der Urheber dieses Werbeunsinns bin und dass mein Name nicht drunter stehen wird.

Die Arbeit neigt sich dem Ende zu, die Übersetzung ist fertig. Sofern es die Zeit erlaubt, mache ich immer eine Pause, bevor ich meine eigene Übersetzung überprüfe und Tipp- und Zahlenfehler korrigiere, so auch diesmal.

Ich lehne mich also in meinem Sessel zurück, öffne im Browser ein neues Fenster und schaue durch eben dieses in die Welt. Ich mache mir keine Illusionen darüber, dass der Wahrheitsgehalt dessen, was da ich lese, über dem der besagten anderen Textgattungen liegt. Um dem ein wenig entgegenzuwirken, greife ich auf sehr unterschiedliche Nachrichtenagenturen und Portale aus mehreren Ländern zurück.

Übersetzer haben ja den Vorteil, dass sie mehrere Sprachen beherrschen. Oder zumindest beherrschen sollten, denn das ist erwiesenermaßen und traurigerweise nicht immer der Fall. Als mündiger deutscher Bürger ohne deutschen Pass schaue ich auch bei den Öffentlich-Rechtlichen rein, denn kritisch wie ich bin, möchte ich sehen, ob meine Rundfunkbeiträge sinnvoll eingesetzt werden.

Nachdem die Tagesschau-Meldungen wie üblich zeigen, dass ich den fünfziger Schein genauso zum Anzünden einer der noch übrig gebliebenen hochwertigen Zigarren aus Costa Rica hätte benutzen können, bin ich dabei, die Seite der ARD zu verlassen, als ich doch noch über eine Nachricht stolpere, die meine Aufmerksamkeit auf sich zieht. „Ein Leuchtturm der Vernunft“ lautet der Titel dieser Meldung, bei der es darum geht, dass die New York Times den diesjährigen Dönhoff-Preis für ihre qualitative, hochwertige Arbeit verliehen bekommen hat.

Ich wusste gar nicht, dass die ARD so viel Sinn für Humor hat, denke ich. Die positive Überraschung währt nur wenige Zeilen. Hat sie nämlich nicht – die Meldung ist ernst gemeint, und das Weiterlesen ist ob der werbeähnlichen Lobhudelei, die mich wieder an die Broschüre erinnert, die ich ja noch fertigmachen muss, einfach nicht möglich.

Und es fällt mir umso schwerer, da ich an diesem Morgen bei projectveritas das ungewohnt offene, weil versteckt aufgenommene Eingeständnis von Adam Entous von der Washington Post gelesen habe, dass die ganze Russland-Story ein „beschissener Schuss in den Ofen“ sei. Ein paar Stunden später die Meldung zu lesen, dass die Times, die ja zusammen mit der Post zum Fackelträger dieser hysterischen Kampagne wurde, den Dönhoff-Preis bekommen hat, ist schon grotesk.

Mit der Erkenntnis, dass ich noch viel lernen muss, um irgendwann nicht nur eventuell nutzlose Texte anonym zu übersetzen, sondern ganz bestimmt unnütze Texte zu verfassen und dafür Preise zu erhalten – Lohnschreiberrede aus der Retorte des Bundespräsidenten inklusive, mache ich das Fenster in die Welt zu und widme mich wieder meiner Arbeit.

Am Nachmittag fische ich einen Brief aus dem Briefkasten. „Ihre Rundfunkbeiträge sind fällig…“ Da sehe ich schon meine mit Unsinn ehrlich verdienten fünfzig Euro in die Bezahlung weiteren Unsinns davon fließen. Immerhin zweckgebunden.

Die Lust nach einer Zigarre will den ganzen Nachmittag nicht mehr vergehen.

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