Zum Inhalt:
Aus Alt macht Neu

Aus Alt macht Neu

Die gegenwärtigen global-gesellschaftlichen Strukturen sind nicht recycelbar — die Menschheit steht an einem Point of no Return. Teil 2/2.

„Es gibt eine Welt, die wir erschaffen. Und es gibt eine Welt, die uns erschaffen hat. Die beiden müssen zusammenkommen. Das ist das Ziel der Reise“ (1).

„Es geht nicht mehr um Anklage, es geht um den Austritt aus dem Wahnsinn einer Gesellschaft, für deren Aufrechterhaltung täglich immer mehr Mitgeschöpfe getötet, mehr Grundwasser vergiftet, mehr Populationen zerstört und mehr ursprüngliche Lebenssysteme vernichtet werden müssen“ schreibt Dieter Duhm, Soziologe und Mitbegründer der Gemeinschaft „Tamera“ in Portugal (2).

Doch wie aus einem System austreten, das scheinbar alles umfasst? Ist es möglich, den Phönix zu erschaffen, während er noch nicht zu Asche geworden ist? Wie kann Utopie konkret werden?

„Wenn wir die ökologischen und sozialen Krisen, die wir herbeigeführt haben, überleben wollten, wären wir wohl gezwungen, uns auf völlig neue, dramatische Gesellschaftsunternehmen einzulassen“, schreibt die Biologin Lynn Margulis (3).

Ja, der heikle Punkt in dieser Aussage ist vielleicht gar nicht der Offensichtlichste: Wir selbst haben diese Krisen herbeigeführt. Sehenden Auges betreiben wir eine globale Wirtschaft, die ihre Grundlagen und auf lange Sicht sich selbst zerstört. Wir erlauben uns, uns nicht als Menschheitsfamilie wahrzunehmen, und erschaffen damit Grenzen, Angst, Konkurrenz und Ausbeutung.

Der Neodarwinismus ist die stille Rechtfertigung der selbstverständlichen Alternativlosigkeit einer solchen (Un-)Moral. Aber leider haben wir das nur verstanden. Etwas verstanden zu haben, taugt leider nicht viel für die Praxis. Und so ventilieren wir unsere Angst, unsere Hilflosigkeit und unsere vorbewussten Schuldgefühle in Fridays-for-Future-Aktionen, Save-the-Planet-Aktivismus, CO2-Zertifikaten und Elektromobilität.

Was nützt das Wissen um die Unmenschlichkeit jedes Krieges, wenn Frieden nicht wirtschaftlich ist? Was nützt das Wissen um das unsägliche Leid der Massentierhaltung, wenn im Einkaufswagen wieder die abgepackte Salami liegt?

Was nützt das Wissen um das Leid der Kinderarbeiter, der von Monsanto und Nestlé geknechteten Bauern oder das Wissen um die vertriebenen Regenwaldbewohner, die zugunsten unseres „Bio“-Sprits von Palmölproduzenten verdrängt werden? Was nützt das Wissen um die unfassbar schädliche Kadmium- und Lithium-Gewinnung für die revolutionäre Mobilitätsreform?

Schlägt es sich in unserem Gewissen nieder, wenn wir paradoxerweise gerade um dessen Willen bemüht sind, „ökologisch“ zu konsumieren? Wir entkommen der Katastrophe nicht. Wir wechseln das Stockwerk, verlassen aber nie das Gebäude. Wir ahnen, dass wir die Probleme nicht mit denjenigen Mitteln lösen können, welche sie verursacht haben.

Ursachenforschung

„Alle Lebenssysteme — Konsum, Energie, Wasser, Nahrung, Kunst, Liebe, Sport etc. — wurden dem Kapitalgesetz unterworfen. (...) wer mithalten will, muss den Spielregeln der Barbarei folgen“ (4).

Die „Barbarei“ ist in unserer Gesellschaft „ver-zivilisiert“ und damit fast unsichtbar geworden. Wir haben die Barbarei integriert, denn sie steckt hinter unseren Werten und Zielen wie „Fleiß“, „Disziplin“, „Marktgerechtigkeit“, „Gewinn“.

Wir haben in den vergangenen Jahrhunderten eine Geschichte der Gewalt gegen uns und unsere Mitwelt erschaffen, deren Folgen wir nun mit immer mehr Kontrolle entgegenzutreten versuchen. Ertragen können wir sie nicht; wir müssen uns bis zu einem gewissen Grad gefühllos machen, betäuben, wegschauen. Aber damit ermöglichen wir den Wahnsinn täglich aufs Neue, schlimmer noch: Wir delegieren seine Steuerung an wenige Machtinhaber.

Auch Krieg ist nur möglich, weil der überwiegende Teil der Menschen eine innere Bereitschaft dazu hat. Es gäbe schlicht keine Kriege, wenn die Mehrheit konsequent nicht dazu bereit wäre. Jeder von uns befindet sich im unsichtbaren Gefängnis seiner psychischen Disposition. Von dort aus sind wir gesteuert durch Strafangst, Verlustangst, Zwang und unaufgelöstem Schmerz.

In diesem Gefängnis fühlen wir uns zudem bedroht: Da ist eine Angst, nicht genug zu sein und nicht genug zu bekommen oder zu erleben. Wir bemerken nicht, dass diese Angst eine Projektion ist, die in unserem fehlenden Vertrauen, in unserem mangelnden Mitgefühl, in unseren Erfahrungen des Ungenügens, des Mangels oder der Lieblosigkeit wurzelt, die seit Generationen weitergegeben werden. Solche Erfahrungen führen unweigerlich zu einem überhöhten und falschen Sicherheitsdenken: Partnerschaft und Beziehung werden zu Besitz, Versorgung wird zu Sicherheit, und Kontrolle ersetzt Vertrauen.

Ein Abgleich mit den universellen Gesetzen, die wir in der Natur beobachten können, würde unseren Irrweg schnell deutlich werden lassen: Das Leben sorgt für seine Inhaber, nicht umgekehrt, Besitz ist eine Vorstellung, und Kontrolle gibt es dort überhaupt nicht.

Vielleicht leben wir gar nicht in einer feindlichen Welt? Möglicherweise ist die Welt in Wirklichkeit so, wie wir es in der Biologie beobachten: ein aufeinander bezogenes, synergetisches System. Was, wenn wir unsere fehlerhaften Vorstellungen von Sicherheit auflösen könnten?

„Ist es möglich“, möchte man mit Rainer Maria Rilke sagen, dass der Mensch vergessen hat, was es heißt, Mensch zu sein?

Die Menschheit hat einen zutiefst traumatisierten Kern. Wir zählen Lüge, Angst und Betrug zu den normalen und unabänderlichen Eigenschaften unserer Spezies und erschaffen damit ein System, welches genau diese Eigenschaften hervorbringen muss — religiös, politisch und auf der Ebene intimer Beziehungen. Unsere Begriffe von Treue, Solidarität, Liebe oder Vertrauen sind verzerrt und haben ihre Ursprünglichkeit verloren. Ist uns das klar? Ahne ich es tief in mir?

Wir haben die Welt verstanden und dabei unsere zweite Hälfte verraten und verloren: unsere Fähigkeit, tief zu fühlen. Es genügt aber nicht, die Dinge nur verstanden zu haben. Verstehen ist für sich noch keine Erfahrung; doch nur Erfahrung führt zu Erkenntnis — und nur Erkenntnis führt zu nachhaltigen Handlungsmodifikationen.

Wir leiden unter „kollektivem Herzverschluss“ (5). Vielleicht erschaffen wir daher unbewusst kollektiv die Katastrophen der Gegenwart — sie bringen uns wieder dorthin, wir fühlen wieder tief, was wir verdrängt haben: unsere Wut, unsere Hilflosigkeit, unsere Verzweiflung.

Jeder Empörung muss aber eine Vernunft der Nüchternheit zur Seite stehen. Empörung alleine hat keine Kraft. Die Vision braucht ein Ziel, ansonsten erneuert sie nur das Alte.

Konkrete Utopie

Diesen Begriff, den Dieter Duhm in seinem Buch „Terra Nova“ für eine attraktive Zukunftsvision verwendet, veranschaulicht er praktisch: „Der Schmetterling ist die konkrete Utopie der Raupe“ (S. 96). Der Schmetterling ist in der Raupe als Entelechie angelegt. Es gehört zur normalen Entwicklung der Raupe, sich in einen Schmetterling zu verwandeln. Welches sind die Kräfte, die das steuern und diese Veränderung implementieren und formen?

Es sind dieselben Kräfte, die alles Leben ermöglichen, und immer auf Wachstum, Entwicklung und Gedeihen ausgerichtet sind. Je mehr Raum der Mensch diesen Kräften gibt und je weniger er ihnen durch seine megalomanischen Projekte im Wege steht, umso mehr können sie sich entfalten. Das bedeutet, dass sich Leben in seiner gesunden Ausrichtung durch den Menschen verwirklichen will. Wir sind eben keine „Passagiere“, sondern Ausdruck dieser Welt selbst.

Diese Vorstellung ermöglicht sowohl eine völlig neue Haltung der Welt gegenüber als auch ein neues und umfassenderes Gefühl von Verantwortung. All unser Tun und Handeln ist dann immer auf das Ganze bezogen.

Die Realität ist ebenso wenig einfach „so wie sie ist“, wie der Mensch nur „Bewohner“ dieses Planeten ist. Im Menschen kulminiert die gesamte Evolution. Er ist Teil einer unendlich komplexen Biosphäre einerseits, andererseits einer „Noosphäre“, einer geistigen Wirklichkeit, die die duale Ergänzung der physischen Weltdarstellt. Beiden Wirklichkeiten entstammen wir, und auf beide wirken wir wechselseitig ein. Darüber hinaus hat der Mensch als Inhaber eines reflexiven Bewusstseins nun Einfluss auf seine eigene Entwicklung. Wir sind imstande, die Welt zu gestalten, und sind nicht mehr von ihr vollständig determiniert.

Unsere Vorstellung über uns selbst bestimmt dabei die Richtung. Leben wir im Wissen der Abhängigkeit und Verbundenheit aller Systeme auf diesem Planeten und im Wissen um unsere Verantwortung gegenüber allem, werden wir eine kompromisslose Parteinahme für das Gute und Förderliche entwickeln.

Dazu haben wir übrigens nur bedingt die freie Wahl, denn das Prinzip „Leben“, welches uns ermöglicht und hierhergebracht hat, wirkt weiter. Jedes statische oder auf sich selbst bezogene und vom Ganzen abgekoppelte System befindet sich bereits im „Herbst“ seiner Existenz und wird bald als erfüllte Erfahrung aufhören zu existieren.

Das Prinzip der Selbstheilung

Alle organischen Systeme besitzen die Fähigkeit zur Selbstheilung. Wenn ich krank bin, liege ich im Bett, ganz passiv, und kann die geschehende Heilung bestenfalls unterstützen. Ich kann sie nicht planen. Wenn ein Landstrich geschädigt ist, heilt er sich selbst mit der Zeit. Der Mensch muss die Heilung nicht künstlich herbeiführen, er kann sie zwar unterstützen, braucht sie im Prinzip aber nur geschehen lassen.

In allen Menschen brennt die Sehnsucht nach Leben, nach Frieden und Glück. Alle Paradies- und Heilsversprechen sind darauf aufgebaut, doch sind sie durchweg korrumpiert.

Inzwischen halten wir eine heile Welt unverhohlen für naiv, wenn nicht gar für eine Phantasmagorie. Ist das möglicherweise der Grund, warum wir gar nicht versuchen, diese heile Welt zu verwirklichen und den Wahnsinn zu beenden, dass unsere moralische Hemmschwelle so niedrig liegt?

Wir brauchen die Rettung und Lösung unserer Probleme vielleicht gar nicht planen, sondern nur ermöglichen. Wir können aus der Geschichte lernen, dass Intelligenz auch gefährlich ist. Keine andere Spezies ist bisher in der Lage gewesen, den Fortbestand ihrer Heimatwelt zu gefährden und dies dann „Fortschritt“ zu nennen.

Die „Matrix“, welche die Selbstheilungskräfte steuert, ist immer anwesend. Sie kann dann wirken, wenn jeder für sich beginnt, heil zu werden. Dazu braucht er weniger Vorgaben, Richtlinien und Gesetze, denn damit hätte der Veränderungsimpuls seine Quelle nicht im Einzelnen. Wahrheit beginnt aber genau dort, weil Wahrheit die Übereinstimmung meiner inneren und äußerlichen Wirklichkeit ist.

Erst, wenn jedes Feindbild in mir selbst aufgelöst ist — was übrigens kein unrealistisches Ziel ist — kann Frieden und damit eine bessere Welt möglich werden.

Ich muss erkennen, dass ausnahmslos alle Feindbilder rationalisierte Projektionen und Urteile über Dinge sind, die ich an mir selbst verurteile und ablehne. Natürlich „kommen wir alle aus einer unendlichen Reihe von Täterschaft und Opferschaft“ (6), doch es ist höchste Zeit, diese Dynamik zu erkennen und zu durchbrechen. Als Einzelne haben wir die Freiheit dazu!

„Dauerhafter Frieden kann nur entstehen in einer Gemeinschaft von Menschen, die im Innern das alte Konzept von Angriff und Verteidigung restlos überwunden haben“ schreibt Dieter Duhm, und er muss es wissen: Er ist ein Pionier in erfolgreicher experimenteller Gemeinschaftsarbeit und Friedensaktivist, der aus der politischen Linken der 68er-Studentenbewegung kommt.

Neuausrichtung des Menschen

Es ist offensichtlich geworden, dass wir das Neue nicht mit den Mitteln des Alten herstellen können. Dazu ist es erforderlich, die alten Muster zu erkennen und aufzulösen, und zwar jeder Mensch für sich — doch nicht alleine.

„Verstellung, Lüge und Betrug haben keinen Sinn mehr in einer Gemeinschaft, die auf das Wohl aller gerichtet ist (...). Durch die Auflösung zwischenmenschlicher Minenfelder verschwinden im seelischen Urgrund die Ursachen für Angst und Gewalt“ (7).

Es braucht keinen „Kampf für das Gute“, weil das Gute und Förderliche eine emergente Folge einer gesunden Kollektivseele ist. Wenn wir erkennen, dass wir alles „füttern“, indem wir es mit Aufmerksamkeit „versorgen“, dass ich als Individuum — in kleinen Schritten zunächst, aber dann immer weiter — zu einer neuen Ehrlichkeit mir selbst gegenüber und in meinen Beziehungen komme, dann graben wir den alten Strukturen das Wasser ab und wirken gleichzeitig am Neuen. Wir werden diese alten Strukturen allerdings nicht ändern können. Auch diese Illusion muss gehen. Sie werden bald zu Episoden und Erfahrungen im Strom der Geschichte werden, weil sie an ihren eigenen Funktionslogiken zerbrechen werden.

Wir können aber aktiv am Neuen mitgestalten, der „Matrix des Lebens“, dem Quellcode Raum geben, in und um uns herum. Gerade in meinem sozialen Nahraum, dem eigentlich wirklichen Kontext meiner Existenz, kann ich selbst Keimzelle des Neuen sein. Ob es große Projekte sind wie die Etablierung einer Gemeinschaft, der Aufbau von Tauschringen, „Transition Town“-Projekten oder einer inkludierenden Mehr-Generationen-Kultur, oder aber die Arbeit an meinen eigenen unaufgelösten Ängsten, an meinen Projektionen, meinen Selbsttäuschungen und Süchten: Wir können das Alte jederzeit schon partiell verlassen. All das führt zu einer größeren Wachheit der Wahrheit gegenüber.

Weichheit ist keine Sentimentalität, Visionen müssen keine Träume sein, und die Geschichte muss sich nicht zwangsläufig wiederholen. Eigenschaften wie Gier, Egoismus und Eifersucht und die daraus resultierenden Kriege auf allen Ebenen sind nicht unabänderliche Grundwahrheiten des Menschseins, sondern es sind Produkte unseres gewohnten, aber unvollständigen und falschen Selbstverständnisses.

Wenn wir uns vom Leben wieder berühren lassen, mit der Zartheit in Kontakt kommen, die wir gefühlt haben, als wir zum ersten Mal unser Kind im Arm gehalten haben, mit dem Glück in Kontakt kommen, als wir uns verliebt haben, mit dem Überwältigt-Sein, das uns unvermittelt traf — dann können wir den Willen wieder in den Dienst der Hingabe an das Leben selbst stellen und aus dem despotischen Herrn einen guten Diener machen — zum Wohle des Ganzen.


In seinem Buch „Die Biblische Geschichte — eine kurze Reise durch eine lange Story“ führt Marcus Zeller den Leser philosophisch, aber humorvoll hochkomprimiert durch das Grundlagenwerk unseres christlich-abendländischen Selbstverständnisses. Hier können Sie das Buch bestellen: shop.tredition.com


Quellen und Anmerkungen:

Teil 1 finden Sie hier.

(1) Inschrift auf einer Tafel in der Gemeinschaft TAMERA, Portugal
(2) Dieter Duhm: Terra Nova, Verlag Meiga
(3) Margulis, Lynn: Die andere Evolution, Spektrum Akademischer Verlag
(4) Dieter Duhm, ebd. , S.66
(5) Ebd., S. 137
(6) Ebd., S. 165
(7) Ebd., S. 181

Spenden per SMS
Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann senden Sie einfach eine SMS mit dem Stichwort Rubikon10 an die 81190 und mit Ihrer nächsten Handyrechnung werden Ihnen 10 Euro in Rechnung gestellt, die abzüglich einer Gebühr von 17 Cent unmittelbar unserer Arbeit zugutekommen.
Creative Commons Lizenzvertrag
Dieses Werk ist unter einer Creative Commons-Lizenz (Namensnennung - Nicht kommerziell - Keine Bearbeitungen 4.0 International) lizenziert. Unter Einhaltung der Lizenzbedingungen dürfen Sie es verbreiten und vervielfältigen.

Weiterlesen

An der Wurzel
Thematisch verwandter Artikel

An der Wurzel

Wenn wir unseren Glauben an bestehende Machtverhältnisse aufgeben, können wir die gesellschaftlichen Realitäten verändern.

Frieden ist möglich
Aus dem Archiv

Frieden ist möglich

Christian Felber, Daniele Ganser und ihre Ideen für ein gedeihliches Zusammenleben der Menschen und Völker.