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Auf Distanz

Auf Distanz

Entfernung erleichtert es Menschen, achtlos und brutal miteinander umzugehen — schon deshalb sollten wir uns das Recht auf Nähe zurückerobern.

Es ist spät abends, ich gehe eine Runde spazieren … und ein Mann kommt auf mich zu. Er sagt: „Entschuldigung, sprechen Sie Deutsch?“ Ich sage ja, und er nähert sich noch ein paar Schritte. Er ist sauber angezogen, spricht flüssiges Deutsch mit einem leichten Akzent.

„Ich wurde ausgeraubt, man hat mir meinen Rucksack gestohlen, ich war schon im Konsulat, ich habe kein Geld mehr für eine Fahrkarte.“

Lange Rede, kurzer Sinn … Er wurde ausgeraubt, ich habe keine Ahnung, warum ihn das Konsulat weggeschickt hat, aber ich glaube dem Mann die Geschichte, ich gebe ihm, was ich dabeihabe. 50 Euro.

„Oh Wahnsinn, davon kann ich mir auch was zum Essen holen, ich habe den ganzen Tag nichts gegessen. Bitte geben Sie mir ihr Paypal, ich erstatte es Ihnen.“

„Nicht nötig“, sage ich.

Der Mann ist in einer Notlage, da will ich nicht, dass er sich verschulden muss. Ich wünsche ihm alles Gute, und wir gehen unseres Weges. Dabei frage ich mich, ob ich ihm nicht ein Hotelzimmer zahlen soll, aber er scheint sehr unter Adrenalin zu stehen, da ist es besser, wenn er einfach zu seinem Ziel weiterreisen kann.

Nun aber das Merkwürdige: Plötzlich kommt mir der Gedanke, dass das Ganze ein geschickter und hinterlistiger Schwindel sein könnte, eine Art modernes Betteln. Nein. So viele Hinweise, dass er kein Schwindler ist, aber trotzdem … Der Gedanke geht mir nicht aus dem Kopf. Ich würde ihm gern noch mehr helfen, aber was, wenn alles nur Fake ist …

Diese Art von Denken lehrt uns die Welt von heute.

Warum wohl nehmen sich viele Diebe und Schwindler alte Menschen als Zielscheibe? Sie behaupten, alte Leute seien naiv und dumm. Aber das ist nicht der Fall. Alte Menschen sind nicht dumm. Sie wuchsen nur unter anderen Umständen auf — in ehrlicheren Zeiten, in denen sich die Menschen mehr aufeinander verlassen konnten, in denen diese zahllosen Lügen nicht existierten.

Warum habe ich diesem Mann gesagt, dass er mir die 50 Euro nicht zurückzuzahlen braucht? Ich hatte das Gefühl, dass er mir einen Gefallen tut. Ich fühlte mich gut, die Gelegenheit zu haben, etwas Gutes zu tun. Ich würde gern 50 Euro geben, einfach nur, um noch einmal solch eine Gelegenheit zu bekommen.

Wir Menschen tun gern Gutes. Ich vermute, der Druck der modernen Gesellschaft, der Druck zu leisten, die immer härtere Konkurrenz und die Anforderungen an die Leute entfernen die Menschen voneinander. Und je distanzierter man ist, desto leichter ist es, das Mitgefühl zu verlieren. Dem Piloten einer Drohne fällt es relativ leicht, auf einen Knopf zu drücken und eine Bombe abzuwerfen. Viel schwerer ist es, eine alte Frau und ein Kind von Angesicht zu Angesicht zu töten, und doch ist das Ergebnis dasselbe … Ebenso ist es leicht, Menschen am Telefon zu betrügen.

Diese Distanzierung verursacht Probleme in der Gesellschaft. Und es wird mehr. Jetzt gibt es Masken, Isolierung, Quarantäne. Das Ergebnis kann nur noch schlimmer werden.

Leider ist die Welt aus dem Gleichgewicht geraten.

Mitgefühl ist das höchste Gut auf der Welt. Zahlreiche Pillen, die heutzutage regelmäßig verschrieben werden, stumpfen das Mitgefühl ab. Millionen von Menschen schlucken sie täglich. Die Propaganda der Massenmedien zielt auf immer mehr Distanz. Viele bekommen mehr Input von Medien als von ihren Familienmitgliedern. Und so vertrauen sie den Medien, weil ihnen der zwischenmenschliche Austausch fehlt.

Holt euch die Kontakte zurück. Überwindet die Barrieren, die euch voneinander trennen sollen. Entledigt euch der Masken. Beseitigt die Zweifel.

Kurz: Grabt das Mitgefühl aus eurem Innersten hervor.


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