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Auf der Isolierstation

Auf der Isolierstation

Die Menschen haben sich in eine Schläfrigkeit begeben, in der sie alles hinnehmen und die Schönheit des Lebendigen vergessen.

Wie werden wir mit der Macht, die über uns und in uns ist, fertig? In dem Sinn, dass wir mit ihr leben können? Neuerdings darf sie sich nicht mehr bemerkbar machen, sie muss zwischen den Menschen ein schleichendes Dasein führen. Sie darf keinen Namen haben, so wie es in der Diktatur, der Nation, der Monarchie, auch der Demokratie, üblich ist. Der Machterhalt ist da reine Gewalt. Ein Menschenleben zählt nicht. Das wird heutzutage verbrämt.

Es müssen Geschichten in Umlauf gebracht werden, in denen Personen, die die Macht repräsentieren, farblos, blass und glatt erscheinen. Sie dürfen alles darstellen nur nicht Lebendigkeit, gar Außergewöhnlichkeit oder Originalität. Deshalb gibt man ihrer Rede kein großes Gewicht, es ist eher so, als hörte man einer Kuh zu, wie sie wiederkäut. Das mag ein unverschämter Gedanke sein, doch steckt darin eben diese unergründliche Freiheit der Macht gegenüber der Ohnmacht. Also uns. Sie tritt nicht mehr, wie früher, martialisch auf, sondern beherrscht die nichtige Rede, die Unübersichtlichkeit, die Instinkte der vielen. Dagegen anzugehen, wenn man es einmal erkannt hat, ist fast unmöglich.

Es wird nur gelingen, wenn wir etwas dagegen setzen, eine andere Welt, aber sie darf das Wesen der Macht nicht außer Acht lassen, so wie es die Arbeiter Anfang des letzten Jahrhunderts taten, indem sie ihre Macht irgendwelchen Schwätzern überlassen haben, die nur ihre eigenen Interessen im Kopf hatten und dabei ihre Auftraggeber vergaßen. Diese damals entstandenen Strukturen knebeln noch heute unsere Freiheit. Kaum atmen können wir darin. Sie haben uns in eine Kammer gesteckt, zugeschlossen und den Schlüssel weggeworfen. Es bedarf neuer Kräfte, um diese Ketten zu sprengen.

Die Menschen haben sich in eine Art Schläfrigkeit begeben, in der sie alles hinnehmen, was mit und um sie herum geschieht. Gleichgültigkeit ist da das falsche Wort. Sie halten an etwas fest, was gar nicht funktioniert, sondern vor sich hin wabert und Sinn spendet so wie jemand Blut, um ein anderes Leben zu retten.

Doch diese Schläfrigkeit rettet niemanden, im Gegenteil, sie verformt, zerstört, oder, was das Schlimmste ist, sie lässt die Menschen aushalten, was sie ändern müssten.

Wenn ich von mir selber kein Bild habe, keines, an das ich mich klammere, entstehen Bilder um mich herum, in der Formulierung, in der Musik, in der Malerei.

Nun sah ich es. Er wusste, er ging in den Tod. Keinen dramatischen oder besonderen. Nein, den ganz normalen, alltäglichen, seinem Alter gemäßen, den hatte er für sich erkannt und in seinen letzten Lebensabschnitt gebettet. Da lag er nun und betrachtete ihn, und zwar immerfort. Er konnte ihn nicht mehr aus seinem Kopf bringen.

Der Tod ist wohl der einzige Begriff, dem man kaum Bilder zuordnen will, außer die spielerischen, kindlichen, religiösen, die nur noch eine größere Distanz aufbauen. Die Angst lässt es nicht zu. Dadurch fährt er zwischen die Glieder, zwischen die Körper, zwischen die Menschen. Doch dieses Gefühl zersetzt jede Zukunftshoffnung, jede Freude, sei es auch auf das eigene Ende. All die Gedanken werden in Abschnitte aufgeteilt, an deren Ende immer der mögliche Tod wartet. So empfand er und er wusste, dass ein solches Leben keines mehr ist. Aber was tun? Was schon, er litt, bis es so weit war.

Das Überbordende der Einsamkeit. Nun haben wir erreicht, was sich in den letzten Jahrhunderten schon abgezeichnet hat. Wir sind in uns verloren. Nicht so, dass wir uns in unüberschaubaren Tiefen befänden, eher rutschen wir auf Flächen herum, deren Glätte uns nicht einmal mehr erlaubt aufzustehen. Diese Verlorenheit hat ein Bild, nämlich jenes des Gegenübers. Wir ertragen es nicht mehr. Nicht mehr unser eigenes und schon gar nicht das der anderen. Zu sehr haben wir uns daran gewöhnt, zu urteilen statt zuzuhören. Zu sehr sind wir Bild geworden, Vorurteil und Hierarchie. Wir können nicht mehr hinaus in die Weite, geschweige denn, dass wir in wechselndem Gelände so etwas wie Ruheräume fänden. Somit sind wir verurteilt, unsere Meinungen wie Dinge zu nutzen, sie einzupassen, aufzustellen, in Garagen zu fahren oder mit dem Staubtuch darüber zu wischen.

Sich in den Schlaf singen. Mit den eigenen Schwächen in den Schlaf singen. Vielleicht wacht man dann ein wenig gerädert auf. Das ist normal und darf einen nicht weiter beschäftigen. Auf jeden Fall sollte man irgendwann die Melodie wieder aufnehmen. Am besten im Alltag. Dann sie vor sich hin pfeifen, als wäre es die Lieblingsmelodie und manchmal ein Tänzchen danach wagen. Selbst wenn alle Welt darüber lacht, denn die Welt ist schüchtern, selbst dann ein Tänzchen wagen und nicht mit Hüftschwüngen sparen.

Die Strukturen verderben die Menschen. Sie verfangen sich darin wie Fliegen im Spinnennetz. Sie diskutieren exzessiv, bis nur noch die Methode der Hoffnungslosigkeit übrig bleibt.

Sie nennen es Negation. Sie befreit und engt zugleich ein. Sie schaffen es nicht, ihren Körper in eine Zuversicht zu stellen, sodass er wachsen kann. Verkümmert stehen sie am Straßenrand ihres Lebens und hoffen, doch noch gepflückt zu werden, um in einem Blumenstrauß aufzugehen. Doch es kommt keiner. Die Landschaft, durch die die Straße führt, ist kahl und ausgestorben. Nicht einmal ein Gott schaut mehr vorbei.

Es wird schon weiter gehen, sagen die einen und wollen Hoffnung verbreiten. Egal wie, wollen sie sagen. Sie nähmen alles in Kauf. Ob sie dabei unter die Räder kommen, scheint ihnen nicht so wichtig zu sein. Vielleicht meinen sie einfach die Zeit und sich darin. Irgendwie. Nicht einmal als Körper, eher als Bild, dass sie von sich gemacht haben. Da sind die Schmerzen nicht so groß. Auch wir wollen die Hände reichen und sagen „es wird schon nicht so schlimm kommen, und wenn doch, so werden wir es überleben“. Das sagt sich so leicht.

Auch wir sind nur eine Abziehfolie der Wirklichkeit. Auch wir merken es nicht und nehmen unaufhaltsam Schritt für Schritt. Vielleicht fallen wir Abgründe hinab und zehren von den Schrecken, die uns noch bevorstehen. Was auffällt ist, wie blind wir sind. Wie alle Sinne sich auflösen zu einer Linie, der wir folgen, als wären wir Haustiere am Seil eines Schlächters. Das ist unheimlich. All die Deutungsmuster, die uns zur Verfügung stehen, greifen nicht. All die Wissenschaft versinkt in ihren Mythos und erstickt. All die Gläubigen starren verwirrt und überrascht, bevor sie von der Fahne gehen.

Das Unglück ist nicht weit von mir entfernt. Ich kann es sehen, wenn ich die Augen schließe. Ich will diese Fremde nicht und kann mich doch nicht ausschließen, weil ich selbst, wir alle, dem Unglück so nahe, so menschlich nahe, sind. Doch was resultiert daraus? Der Tanz auf dem Vulkan. Das immer weiter so. Vergessen und ignorieren.

Es gibt da etwas, das dem allem entgegensteht, ja der Antipode ist. Nein, nicht das Glück mit seinen mit glitzernden Brillanten besetzten Auswegen. Es sind die Anfänge, die immer wieder neuen, aus den Tiefen des Lebendigen sich zeigenden Anfänge, die nicht Ausweg, sondern Weg sind, an den sich Menschen binden können, um selber fest zu werden. Nicht im Sinn, dass sie verharren, sondern all ihre Lebendigkeit in eine Form bringen, die in andere Formen übergehen, diffundieren, aber nicht aufgehen. Sodass eine Mannigfaltigkeit entstehen kann, die dem Leben wieder ein Entfalten möglich macht. Wohin es führen wird? Kein Ziel, kein Endsieg, kein Heilsversprechen. Leben um der Schönheit des Lebendigen willen.

Spät war es geworden und es blieb keine Zeit mehr, Wichtiges zu besprechen. Er hat sich wieder einmal in den Wespennestern des Alltags verloren. So vom Schmerz getragen, kam er zu keinem Gedanken mehr. Er ließ sich treiben. Traumverloren hing er in diesen Welten fest, kaum die Augen brachte er auf, kaum den Mund, um Widerworte anzubringen. Tief versunken reckte er sich, tief verloren knetete er die Finger. Selbst sein Atem, dem er doch so bedingungslos gehorchen musste, setzte für Augenblicke aus. Doch irgendwann erwachte er. Vielleicht war es der Schrei eines Raben, dort auf dem Feld, das von der Wirklichkeit gerodet, noch spärlich Nahrung gab. Er wusste es nicht und zu spät war es auch. Zu sehr hatte er sich aufgegeben, zu sehr den anderen geglaubt.

Als die Lüge auf seine Füße fiel, spürte er nicht einmal mehr ihr Gewicht. Die Schwerkraft hatte sich aufgelöst. Alle blieben aufrecht, keiner stürzte. Alle blieben in den Lüften gefangen.

Die Dienstleistungsgesellschaft hat uns in eine Ecke gestellt. Da stehen wir nun, verkrümmt, die Hände zu Fäusten geballt, die Schultern zusammengezogen, und beißen die Zähne zusammen. Beobachtet werden wir von den scharfen Blicken der Besserwisser. Kein Schritt ohne ihren Rat, kein Gedanke, der nicht zuerst durch das Räderwerk ihrer Wissenschaft gegangen ist, kein Argument, das nicht von höherer Stelle genehmigt ist. Irre sind wir daran geworden, verrückt an uns selbst. Wir haben Körper, Seele und Geist an die Lohnschreiber der Enge abgegeben und wir stehen immer noch in der Ecke wie bestrafte Schüler, bestraft von unserem eigenen Leben, das wir nicht leben wollen, weil wir verlernt haben, auf uns selbst zu hören.

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