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Auf den Karriere-Leitern

Auf den Karriere-Leitern

Die Jugend flieht vor sich selbst. Nur wohin?

Es sind diese Fragen, die einen wie Mücken umschwirren. Sie entspringen nicht dem eigenen Kopf. Sie kommen von dem Gegenüber bei Familienfesten, Klassentreffen und beim Rauchen während des Feierns.

„Was willst du später mal machen?“, „Wieviel bekommst du dann als Einstiegsgehalt brutto?“, „Wie gut sind dort die Aufstiegschancen?“

Wir alle klettern auf dieser Karriereleiter. Manche missmutig, viele teilnahmslos, aber ganz viele auch enthusiastisch und voller Tatendrang. Im Volksmund spricht man auch von „Karrieregeilheit“. Die Karriere steht über allem. Und bis auf wenige Ausnahmen beugen sich alle diesem Diktat. Man richtet sich danach, „was die Firmen heute verlangen“. Und was verlangen die Firmen heutzutage? Blicken wir unter den neoliberalen Weihnachtsbaum, unter dem die Geschenke in Anglizismus-Geschenkpapier verpackt liegen.

„Soft Skills“, „Flexibilität“ „Team-Building-Skill“.

Die Liste lässt sich endlos fortführen. Die Karriere wird zum Gott hochstilisiert und jeder huldigt ihm. Alle sind starr vor Angst, wie versteinert. Niemand würde etwas wagen, was dieser Karriere schaden würde. Eine Lücke im Lebenslauf? Todsünde!

Doch warum sind wir so geil auf unsere Laufbahn? Im Grunde genommen wird die heilige Halle der Karriere von zwei wesentlichen Säulen getragen:

Die erste Säule ist ein essentielles Bedürfnis: Geld. Wir brauchen Geld, um unseren eigenen Lebensunterhalt und in vielen Fällen auch den unserer Kinder zu finanzieren. Wir sind abhängig. Abhängig davon, wie Marx schon richtig erkannte, unsere Leistung am Arbeitsmarkt anzubieten. Somit ist auch die unter Liberalen weit verbreitete Ansicht, die Unternehmer seien die wohlwollenden Akteure auf dem Markt, die die Güte haben, Arbeitsplätze anzubieten, falsch! Die Unternehmen sind von der Arbeitskraft der Arbeiterklasse abhängig. Plump gesagt: Wären die Lohnabhängigen nicht unten, wären die Unternehmer nicht oben. Aber dazu später mehr.

Wir, die arbeitenden Menschen, müssen unsere Fertigkeiten, Fähigkeiten und Talente auf dem Arbeitsmarkt anbieten. Und wie der Soziologe Hartmut Rosa schon wunderbar erkannte, sind unsere Berufe und Tätigkeitsfelder nicht mehr wie früher von Geburt an determiniert. Der Schuster ist schon lange nicht mehr bei seinen Leisten. Und so müssen Rang, Stellung, Wohlstand und Wettbewerbsfähigkeit in einem unerbittlichen, gnadenlosen Wettkampf unentwegt erfochten werden. „Die Konkurrenz schläft nicht“, wie man im Business zu sagen pflegt, und so sehen wir unseren mittlerweile verpönten Schlaf als eine lästige Akkuladezeit anstatt einer schönen Ruhephase an, die wir uns redlich verdienen und die für unserer Wohlbefinden und unsere Gesundheit unentbehrlich ist. Und zu dieser schlaflosen Konkurrenz können ganz schnell auch unsere Freunde zählen.

Man beobachte sich mal selber im Assesment-Center. Man sitzt mit den anderen Bewerbern in einem Warteraum und harrt bis zum Vorstellungsgespräch aus. Man plaudert ein wenig mit den anderen, ist nett und höflich, aber im Grunde genommen, ganz tief im Inneren, ist man in unbarmherziger Rivalität. Man möchte doch selber die Stelle bekommen! Somit sind die Glückwünsche, die man demjenigen zuraunt, der gerade aufgerufen wird, lediglich eine gespielte Höflichkeit-Phrase.

Diese Karriereleiter ist häufig auch eine Rettungsleiter aus der Flut aus prekären Arbeitsverhältnissen, 1-Euro-Jobs und Hartz IV. Zusätzliche Qualifikationen, Nachweise ehrenamtlicher Tätigkeiten und Erfahrungen auf den Lebenslauf gedruckt, geben einem das Gefühl von Sicherheit. Sie sind die angesammelten Wettbewerbsvorteile, die einem helfen, minderqualifizierte Mitbewerber unter Wasser zu drücken.

Marx sprach bereits ausführlich über die Entfremdung. Diese findet in vielerlei Hinsicht statt. Von Geburt an empathische und kooperationswillige Menschen mutieren zu konkurrierenden Karriere-Zombies. Und auch die zahlreichen Qualifikationen und Fertigkeiten, welche man sich der Wettbewerbsvorteile halber aneignet, erlernt man größtenteils widerwillig an. Wenn man sich zum Beispiel sozial engagiert, was große Konzerne mittlerweile voraussetzen, wie mir eine Lehrerin bei meinem Abiball erzählte, tut man dies nicht aus freien Stücken, weil einem die Sache wirklich nahegeht, sondern nur um des Vorteils willen. Eine klassische Entfremdung. Oder wie Rosa schreibt:

„Der sozialen Wettbewerbslogik gemäß müssen die Konkurrenten mehr und mehr Energie in die Erhaltung ihrer Wettbewerbsfähigkeit investieren, bis zu dem Punkt, an dem diese Erhaltung nicht länger ein Mittel zu einem autonomen Leben gemäß selbstbestimmter Ziele ist, sondern zum einzigen übergreifenden Ziel sowohl des gesellschaftlichen als auch individuellen Lebens wird.“ (1)

Da sind wir nun. In einem Wald aus Karriereleitern, die unendlich lang gen Himmel führen. Auf sehr raffinierte Art und Weise hat man so die Arbeiterklasse von der Straße geholt, den Zusammenhalt unauffällig in den Gully gekippt und den Arbeiter mit verlockenden Anreizen (Benefits) auf die vertikal verlaufende Ego-Schiene gelockt. Hierzu seien die Worte von Prof. Rainer Mausfeld wärmstens zu empfehlen (2).

Zugleich fungiert die Karriereleiter als Disziplinierungs-Instrument. Wer gewisse unmoralische Spiele nicht mitspielt, seine ehrliche Meinung vertritt oder sich erdreistet, für seine eigenen, jedoch nicht dem Unternehmen dienlichen Bedürfnisse einzustehen, droht, runterzurutschen. Viele aus meinem Bekanntenkreis achten penibel darauf, dass keine unseriösen Partybilder von ihnen in den sozialen Netzwerken landen. Nicht etwa, weil das peinlich wäre oder weil man mit der Bestätigung der AGBs den Netzwerkbetreibern gestattet hat, die Bilder für eigene Zwecke zu verwenden. Nein, nein! Der zukünftige Arbeitgeber könnte das sehen!

Oh, Schreck!

Der sittsame, vernünftige, über alle Sünden erhabene Arbeitgeber könnte sehen, wie man tatsächlich ist. Dass man ab und zu mal mit Freunden einen über den Durst trinkt. Etwas, was dieser niemals tun würde. Er, der Arbeitgeber aus Führungsetage, mit der Unschuld einer Jungfrau Maria, dessen Weste so weiß wie das Hemd unter dem Jackett, der Heiligenschein über dessen Haupt und das Koks auf dessen Tisch ist, könnte sehen, dass man ab und zu mal im Club Alkohol trinkt. Also muss man sich nun rasch verstellen, in eine Rolle des frommen, vernünftigen, willfährigen Arbeitnehmers schlüpfen (Entfremdung) und Teile seiner wahren Identität am Boden lassen, damit der allmächtige Arbeitgeber kein Öl auf die Karriereleiter gießt, welches einen abrutschen lassen könnte.

Ich sprach eingangs von zwei Säulen, die die heilige Halle der Karriere stützen. An die zweite Säule schmiegen sich die Bürger aus der Mittel- und Oberschicht, diejenigen, deren Wohlstand und Sicherheit zum Teil oder vollständig hergestellt ist. Hier geht es nicht mehr um die Grundversorgung, sondern um Stolz, Eitelkeit, Ruhm, Wohlstand und Reichtum.

Hierbei fungiert die Karriere als das Rückgrat des Selbstwertgefühls und der Identifikation. Rang, Position, der Nettobetrag auf der Abrechnung, der Firmenwagen sagen einem, wer man ist. Beziehungsweise, diese Dinge sagen einem, wer man ist, der man eigentlich nicht ist. Kompliziert, nicht wahr? Jemand zu sein, der man nicht ist. Das ist das Endprodukt der Entfremdung.
‚Aber wenn man doch etwas macht, was man gerne macht, eine Karriere, dann ist es doch keine Entfremdung?‘, mag man sich nun denken. Nun, es handelt sich hier um eine andere Art der Entfremdung, respektive eine Verdrängung. Wer eine Karriereleiter hochhangelt, kann nicht einfach loslassen. Der Sturz wäre sehr tief. Um diese Metapher zu decodieren: Wer seine Zeit permanent mit Meetings, Coachings, Self-improvement, Workout und Projekt-Management zubringt, muss sich nicht mit sich selbst und seiner Seele beschäftigen. Die Routine und die Tagesordnung lassen einen vergessen, dass im Inneren gähnende Leere herrscht. Nietzsche fand bereits im 19. Jahrhundert, also lange vor dem Workaholic-Karriere-Wahn, sehr treffende Worte für diese armen Seelen:

„Ihr Alle, denen die wilde Arbeit lieb ist und das Schnelle, Neue, Fremde, – ihr ertragt euch schlecht, euer Fleiss[sic!] ist Flucht und Wille, sich selbst zu vergessen.“ (3)

Die Karriereleiter führt uns weg von unserem eigentlichen, echten Leben. Die Karriere ist eine Ersatzbefriedigung für das echte Leben, dessen Existenz uns Zeit unseres Daseins verschwiegen wird.

‚Aber was ist denn nun dieses echte Leben?‘ mag man sich nun fragen. ‚Was erfahren wir denn über das echte Leben, wenn wir die Rote Pille (4) schlucken?‘ Es ist sehr schwer, etwas zu umschreiben, was man noch nie gesehen hat. Es ist, als würde man versuchen, sich eine Farbe vorzustellen, die man noch nie gesehen hat. Es ist leichter, das falsche Plastik-Leben zu skizzieren, da dieses omnipräsent ist. Ein echtes, reales, authentisches Leben zu führen, würde grob heruntergebrochen bedeuten, wieder zu verlernen, was man gelernt hat. Dazu zählt: die Ellenbogen auszufahren, sich gegen andere im Wettkampf durchzusetzen, Gefühle zurückzuschrauben, um nicht als „schwach“ zu gelten. Wir sind von Geburt an empathische Wesen und dürsten danach, in Frieden und Harmonie zu leben, anstatt aggressiv gegen unsere Artgenossen zu kämpfen (5).

Aber in das Schlaraffenland dieses authentischen Lebens gelangen wir nicht ohne Weiteres. Wir müssten uns durch den Sauerkrautberg unserer eigenen Seele fressen. Stattdessen klammern wir uns so fest an die eisernen Stangen unserer Karriereleitern, bis die Fingerkuppen weiß hervortreten. Dabei müssen wir uns doch fragen, wo diese Leitern hinführen. Jede Leiter hat einen Anfang und ein Ende. Eine Feuerwehrleiter beginnt unten am Fahrzeug und endet in der brennenden Etage. Die Karriereleiter eines Einzelhandelskaufmanns endet da, wo dieser selber ein(e) Leiter wird – Filialleiter. Spaß beiseite! Wo führen die Karriereleitern hin? In den Himmel, ja. Aber wie weit? Unendlich? Und ist das überhaupt erstrebenswert? Je höher wir in den Himmel kommen, desto dünner wird die Luft, die Winde stürmischer, eisiger und der Fall immer tiefer und tiefer. Eine einsame Spitze erreichen wir nicht, aber die Einsamkeit. Irgendwann stehen wir so weit oben, verloren zwischen titangroßen Wolken, die uns die Sicht zum Boden versperren, von dem wir einst gekommen sind.

Aber nicht dran denken! Weiter auf die Sprossen gucken! Weiterklettern! Nicht aufhören! Die Arbeit gibt dem Leben doch einen Sinn, eine Work-Life-Balance. Die Arbeit generiert Steuern. Die Arbeit schafft Kaufkraft. Die Arbeit lenkt ab. Arbeit macht…

Huch! Haben Sie, lieber Leser, den Satz zu Ende gedacht? Wahrscheinlich. Aber was bedeutet diese Aussage? „Arbeit macht frei“. Ursprünglich stammt sie aus den Federn des Nationalökonomen Heinrich Beta, der diese Aussage, die später im Dritten Reich pervertiert wurde, in einem komplett anderen Kontext verwendete. Nach Beta ist diese Aussage „das allgemein menschliche Gesetz und die Grundbedingung alles Lebens und Strebens, alles Glückes und aller Seligkeit.(6)“. In gewisser Hinsicht mag dies stimmen, sprechen wir von einer Arbeit, die für denjenigen, der sie verrichtet, nicht wie nach Marx entfremdend(7) ist. Wenn eine nach Psychiater Viktor Frankl definierte Form der Selbst-Transzendenz erfolgt, bei der „der Mensch solcherart sich selbst transzendiert,“ weil er dadurch „auch sich selbst [verwirklicht]: im Dienst an einer Sache(…)“(8). Mit anderen Worten: eine Arbeit, die für einen selber keine Arbeit mehr ist, weil man sie auch unentgeltlich verrichten würde, kann zu dem oben erwähnten echten Leben führen. Eine entfremdete Arbeit befreit uns lediglich nur davon, uns mit uns selbst zu beschäftigen.

Doch warum bringe ich nun unseren Arbeitsmarkt und Arbeitslager in einen Kontext? In Arbeitslagern, ob im Dritten Reich oder im Ostblock, sind Millionen Menschen grausam ums Leben gekommen, während die Arbeit eigentlich nur nervt? Ist das nicht pietätlos? Pietätlos wäre es, würde ich die Umstände in Arbeitslagern verharmlosen und runterspielen, aber das möchte ich auf keinen Fall tun! Ich möchte auf ein Muster hindeuten, welches Schnittstellen zwischen Arbeitsmarkt und Arbeitslager aufweist.

Wie bei der ersten Säule der Karriere-Halle beschrieben, geht auf einem Arbeitsmarkt der Zwang, die Arbeitsleistung anzubieten, darauf zurück, dass man sich sein täglich Brot verdienen muss. In einem Arbeitslager bieten die Gefangenen ihre Arbeitsleitung nicht an. Eine Arbeitsverweigerung wäre nicht mit Obdachlosigkeit verbunden, sondern mit dem Verlust dessen, was uns am kostbarsten ist – unserem Leben.

Und obwohl die Gefangenen in Konzentrationslagern und anderen Arbeitslagern unter menschenunwürdigsten Bedingungen schufteten, verloren sie millionenfach auf grausamste Weise ihr Leben. Auf dem Arbeitsmarkt verlieren wir, und das ist wahrlich eine gewagte These, aber auch unser Leben. Nicht so schnell und offensichtlich wie in einem Arbeitslager, nein, auf dem Arbeitsmarkt haben wir es mehr mit einer Variante ähnlich „Stirb langsam“ zu tun. Und das in vielerlei Hinsicht.

Zu allererst verlieren wir unser echtes Leben, sind physisch aber noch lebendig. Doch auch an unserem physischen Leben nagt der tödliche Mechanismus der Arbeitswelt. ‚Aber wir haben doch mittlerweile zahlreiche Arbeitssicherheitsvorkehrungen?‘ mag man nun denken. Und natürlich müssen die Arbeiter nicht mehr die giftigen Dämpfe in den Fabriken einatmen, wie das zu Zeiten der industriellen Revolution üblich war. Aber die Rede ist von einem ganz anderen Mechanismus, der am treffendsten von dem amerikanischen Komiker Bill Hicks formuliert wurde:

“There are essentially only two drugs that Western civilization tolerates: Caffeine from Monday to Friday to energize you enough to make you a productive member of society, and alcohol from Friday to Monday to keep you too stupid to figure out the prison that you are living in.” (9)

Diese These kann ich anhand meiner Beobachtungen und eigener Erfahrung aus meiner Ausbildungszeit zum Groß- und Außenhandelskaufmann mehrfach bestätigen. Sehr viele aus meinem Bekanntenkreis haben das Rauchen während ihrer Lehre, ihrem Einstieg in das Berufsleben begonnen. Hinzu kommt die ungesunde, fettige Ernährung, auch „Nervennahrung“ genannt. Wer körperlich hart arbeitet und/oder sehr viel Stress ausgesetzt ist, ernährt sich in der heiligen Brotzeit nicht „low carb“ oder macht sich einen Obstsalat. Nein! Da muss was Deftiges her! Currywust, „Leberkas“ und Döner! Alles natürlich straight outta Massentierhaltung, mit zahlreichen Antibiotika inklusive. Und vom Alkoholismus brauchen wir gar nicht erst reden. „Working for the weekend“ oder „Work hard, party harder“ lauten die Devisen. Also unter der Woche zu Tode schuften und am Wochenende den ausgelaugten Körper noch mit Alkohol quälen. Aber das ist kein Problem, schließlich gibt es ja noch zahlreiche zuckerhaltige, wachmachende Energie-Drinks, um am Montag wieder produktiv sein zu können. Dass man laut WHO nicht mehr als 25 Gramm Zucker pro Tag zu sich nehmen sollte(10), wird dabei gekonnt ignoriert. Und wäre das nicht alles schon schlimm genug, greifen viele in der Booster-Phase ihrer Karriere, dem Studium, zu Ritalin oder anderen Vitaminpillen, die die Aufmerksamkeitspanne erhöhen, zeitgleich aber dem Körper Schaden zufügen und den Charakter vermiesen(11).

Abgesehen von den mit abschreckenden Bildern bedruckten Zigarettenschachteln wirkt der Tod einfach nicht so bedrohlich, wenn er aus Champagnerflaschen, RedBull-Dosen, der Metzgertüte oder einer Pillenpackungen kommt. Aber er kommt! Nur eben schleichend. Der Dalai Lama fand sehr treffende Worte für diese tödliche Spirale:

„Der Mensch, […] opfert seine Gesundheit, um Geld zu machen. Dann opfert er sein Geld, um seine Gesundheit wiederzuerlangen.“ (12)

Unser Körper ist wie die Hoffnung – er stirbt zuletzt. Zuvor stirbt im Laufe unserer Karriere jedoch noch etwas anderes ins uns. Unser Selbst. Das Geistreiche, das Kreative, das Neugierige, das Empathische in uns.

Diese These bedarf einer ausführlichen Erläuterung: Ich befand mich selbst für zweieinhalb Jahre in einer kaufmännischen Berufsausbildung und habe die kafkaesken Umstände der Arbeitswelt hautnah miterlebt. Den Druck, die Widersprüchlichkeiten, die Beschleunigung, die Verlogenheit, die Freundlichkeit am Telefon dem Kunden gegenüber, während man ihn zeitgleich mit den Fingern an der Tastatur über den Tisch zieht. Auch Mobbingstrukturen, Xenophobie, Chauvinismus gegenüber Azubis, sexuelle Gewalt gegenüber weiblichen Auszubildenden mit inbegriffen, sind fester Bestandteil dieser Arbeitswelt. Depressionen, Angstzustände und Burn-outs sind in diesen Irrenanstalten vorprogrammiert.

Neben der Gewalt verkümmert auch der Geist. Die Pendlerstrecken sind zum abwarten zu lang und zum Lesen eines Buches zu kurz, so kurz wie die Pausen, weswegen sich Printmedien wie BILD mit kurzen Texten und großen Bildern in der Arbeiterklasse hoher Absatzzahlen erfreuen können. Man hat nicht die Zeit, lange, ausführliche Texte aus Qualitätsmedien zu lesen, weswegen kurze, sensationsgeladene Texte aus der BILD ganz gelegen kommen. Und manchen, denen selbst das Lesen zu viel ist, greifen zu Handy-Games aus dem Playstore, welche die Aufmerksamkeitsspanne nochmal um ein Vielfaches reduzieren. Die Arbeit, insbesondere die Akkord-Arbeit, laugt Körper und Geist aus. Ein rauchender Kopf kann nicht mehr klar in die Innenseiten eines Buches blicken. Während es am Anfang des 20. Jahrhunderts noch das Klischee von dem Arbeiter an der Werkbank gab, der auf dem Schoß ein Buch liegen hatte, begibt man sich heute nach dem Feierabend vor die Smart-Glotze und lässt sich berieseln. Nach den Überstunden noch die Theorien von Marx und Engels studieren? Fehlanzeige!

Und auch in den höheren Etagen, bei den besser Verdienenden, ist es um den Geist nicht rosiger bestellt. Dort hätte man zwar die Zeit, sich mit solchen Themen zu beschäftigen, jedoch regiert hier eine weit verbreitete Oberflächlichkeit. Die Fragen drehen sich darum, wie man das viele Geld ausgibt, wann man sich wieder ein neues Smartphone zulegt, was gerade die aktuellen Fashion-Trends sind, mit welchem Tinder-Match man ein Date in Erwägung zieht und viele weitere banale Themen, die inhaltlich nicht viel tiefer gehen als eine Pfütze auf verregnetem Asphalt. Und auch hier herrscht eine Verrohrung des Charakters bei Männern, aber ganz besonders beobachtbar bei Frauen, denen in höheren Positionen weibliche Attribute wie „empathisch“, „einfühlsam“ und „rücksichtsvoll“ abhanden kommen und durch eine abscheuliche Kälte ersetzt werden – was oft nicht einmal deren eigene Schuld ist. Viele Frauen in den Führungsetagen sehen sich gezwungen, sich diese Kälte anzueignen, um sich gegen die Männerdomäne durchsetzen zu können. Paradoxerweise handeln diese Frauen häufig auf der anderen Seite sehr antiemanzipatorisch. Aus einer Diskussion, die ich vor kurzem mit Freundinnen von mir führte und welche davon handelte, dass ich mich seit meinem Konsumboykott irrsinniger Shoppingtouren verweigere, ging hervor, dass karriereorientierte Frauen bei Männern u. A. wohl oft anhand derer Klamotten und Autos ermitteln, wie es um deren Wohlstand bestellt ist – der für eine etwaige Beziehung oder Ehe entscheidend ist. Weiterhin berichteten mir Freunde von einem Schreiner, der mit einer BWL-Studentin ein erstes und letztes Date hatte. Die gut betuchte BWL-Studentin gab an, sie wolle sich nicht mehr weiter mit ihm, dem Schreiner treffen, da dieser keine Ziele im Leben verfolge.

Aus Seelenverwandtschaft wird Kontostandverwandschaft.

Das alles sind keine Einzelfälle, sondern der heutige Status Quo der meisten Menschen der Gesellschaft in den Industrieländern. Wer sich dem Ausmaß dieser Tragödie mal wirklich bewusst werden möchte, dem sei folgendes geraten: Die Arbeitswelt, wenn man gerade Urlaub hat, Student oder arbeitslos ist, von außen zu betrachten. Das bedeutet, an seinem freien Tag ebenfalls mit allen anderen Pendlern in aller Herrgottsfrüh aufstehen und die Rush-Hour mal als Unbeteiligter anzusehen. Sei es am Berliner Alexanderplatz, auf der Kölner Domplatte oder auf der Donnersbergerbrücke in München. Zu beobachten, wie rote Doppeldecker-Züge die Pendler wie das Vieh in die Städte karren. Mimik- und Schnittkünstler Charlie Chaplin erkannte diese Analogie schon vor knapp 100 Jahren und schnitt Schafherden und Pendler in den ersten beiden Einstellungen seines Filmes „Moderne Zeiten“ zusammen(13). Zu beobachten, wie in Pinguin-Farben gekleidete Business-Männer mit Coffee2Go-Bechern in der Linken, iPhone 9 in der Rechten, eine Delle in den geschniegelt aufgegelten Haaren hinterlassende Beats-Headphones auf dem Haupt durch Bahnhofshallen eilen. Zu lauschen, wie das kalte, asynchrone Klacken von Stöckelschuhen durch die U-Bahnhöfe hallt. Mit dem Kopf zu schütteln, beim Anblick von Kids auf dem Weg zur Schule, die sich im Bus per Handschlag begrüßen, aber die restliche Fahrt durch Kopfhörer und Smartphone isoliert nebeneinander sitzen und in einer Parallelwelt Pokémon an der nächsten Straßenecke suchen statt ein Gespräch mit ihren Klassenkameraden, das, wenn es mal geführt wird, von nicht mehr handelt, als davon, wer die besseren Noten hat. Sich zu entfernen, um der Klaustrophobie zu entkommen, wenn die Bahn mal wieder Verspätung hat und die Bahnsteigkante zum Staudamm für die sich aufstauende Menschenflut wird, deren Blutdruck sich erst mit dem Sekundenzeiger ihrer teuren Armbanduhr synchronisiert, bevor er, im Gedanken an eine mögliche Abmahnung wegen Zuspätkommens, weiter in die Höhe schießt. Ein Paradoxon, wie riesige Menschenmassen sich hetzen, um möglichst schnell an einen Ort zu gelangen, an den sie eigentlich gar nicht hinwollen. Ob wir öffentlich, mit unserem Kleinwagen oder dem staatlich subventionierten Firmen-SUV hinfahren, spielt keine Rolle, wenn uns das Ziel nicht gefällt.

Beispiellos poetisch hat Prinz Pi das Drama der allmorgendlich grüßenden Murmeltiere in Verse verpackt:

„Und Elektronik wechselt in aktive Modi, Antennen empfangen Daten
Die unsichtbaren Ketten legen sich auf die Sklaven
[…]
Schlösser öffnen klackend die Türen
Funken entzünden Gemische gestorbener Echsen der Urzeit
Mit Luft von Heute in Sphären aus Aluminium
Radios wandeln Wellen in massengeschmackskompatible
Kompakt portionierte Lieder zum Spielen um
Blinker schlagen im Takt eines ruhenden Pulses
Nadeln zeigen, wie weit entfernt die stets drohende Null ist
In metallenen Körben, dem nach außen projizierten Status des Fahrers entsprechend
Fahren Millionen in Körpern voller Hormone vom Ort wo sie wohnen
Ihre Atome in Richtung unerreichbarer Versprechen“
(14)

Unerreichbare Versprechen. Genau dort führen diese Karriereleitern hin. Nachdem man sich hier als Leser durch einen Tümpel aus Pessimismus kämpfen musste, möchte ich hier nun zum hoffnungsvollen, letzten Teil des Textes kommen. Zu einer Exit-Strategie. Wie wir den Sprung von der Karriereleiter auf die Feuerwehrleiter schaffen, die uns wie Katzen, die zu hoch auf den Baum geklettert sind, wieder auf den Boden bringt, uns erdet.

Beim Lesen dieses Textes mag der Eindruck erweckt worden sein, das echte Leben sei etwas Unbekanntes, Verborgenes. Dabei wurde die Frage nach dem echten Leben öffentlichkeitswirksam gestellt. Und das sogar auf dem größten Plakat der Welt (15).

„Was würdest du tun, wenn für dein Einkommen gesorgt wäre?“

Um was es hier geht, sollte jedem klar sein – um das Bedingungslose Grundeinkommen (BGE). Das BGE ist eine von diesen Feuerwehrleitern, die uns von der Karriereleiter runterholen könnte, die erste Säule der heiligen Halle der Karriere zum Einsturz bringen würde und gar nicht mal so unrealisierbar ist, wie man vielleicht meinen könnte (16, 17).

Genauso wichtig ist es, dass wir Ballast ablassen und uns von so vielen Dingen wie nur möglich, die wir vermeintlich für ein gutes Leben benötigen, trennen. Uns unabhängig machen. Je mehr Reichtümer wir anhäufen, je mehr wir haben, desto straffer binden uns die Schnüre an die Karriereleiter. Wir sind erpressbarer. Müssen Raten für den Wagen, den Fernseher und die Konsole für die Kinder, die so etwas für eine glückliche Kindheit gar nicht nötig haben, abbezahlen. Und wir werden nie damit aufhören können, solange wir Konsumgüter mit Emotionen aufladen und uns genötigt fühlen, stets das Neueste besitzen zu müssen, um unseren Rang auf der Karriereleiter nach außen projizieren zu können um anderen zu verdeutlichen, wer wir sind. Fangen wir an, mehr im SEIN anstatt im HABEN zu leben, verlieren diese Dinge ihren Reiz. Sie werden ein schlichtes Mittel zum Zweck. Niemand hat eine emotionale Bindung zu seinem Topflappen oder einem Kleiderhaken. Und genauso müssen wir unsere Smartphones, Autos (falls wir in der Stadt überhaupt eines benötigen), Laptops uvm. betrachten – als einfache Gebrauchsgegenstände.

Der sich über sich sukzessiv verbreitende Beliebtheit erfreuende Minimalismus bietet für diese Denk- und Lebensweise eine gute Basis. Jedoch muss auch diese Bewegung mit Vorsicht genossen werden, da sie häufig durch den Neoliberalismus pervertiert unter einem schlechten Stern steht und für eine steigende Flexibilisierung des Arbeitnehmers missbraucht wird.

Man könnte es auch so betrachten, indem man das gesamte Hab und Gut metaphorisch auf Handgepäck komprimiert. Jemand mit zahlreichen Luxusgütern und anderem Firlefanz schleppt mehrere Koffer mit sich herum und ist sehr unbeweglich, während ein Gepäckloser zwar alle Freiheiten besitzt, jedoch nichts, um sich zu verpflegen oder niederzulassen. Beides ist irgendwie blöd. In der Mitte zwischen beiden Extremen liegt ein Stoff-Turnbeutel. Diese Turnbeutel erfreuen sich nicht umsonst bei jungen Leuten großer Beliebtheit. Man hat seine wichtigen sieben Sachen dabei, die dünnen Schnüre an beiden Enden lassen einen jedoch vergessen, dass man etwas mit sich herumträgt. Man bewegt sich frei, unabhängig, ist flink und kann sich dennoch niederlassen.


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Nicolas Riedl, geboren 1993 in München, durchlief faste jede Schulform des deutschen Schulsystems und absolvierte neben einer kaufmännischen Ausbildung jeden Schulabschluss vom Quali bis zum Abitur. Schon in Kindheitsjahren entdeckte er seine Leidenschaft für das Schreiben, eine journalistische Laufbahn verfolgte er jedoch nicht konsequent und versuchte stattdessen vergeblich, in der Filmbrache Fuß zu fassen. Ferner wurde er 2014 im Zuge der Ukrainekrise von der Politisierungswelle erfasst und verlor zunehmend sein berufliches Interesse in der Medienbranche. Nichtsdestotrotz veröffentliche er 2016 seinen ersten Film in Spielfilmlänge auf YouTube, drehte seither zahlreiche Musikvideos und studiert seit Oktober 2017 Politikwissenschaften mit Theater- und Medienwissenschaften in Erlangen.


Quellen:

(1) Siehe Rosa, Hartmut „Beschleunigung und Entfremdung“, 2016, S.38
(2) https://www.youtube.com/watch?v=pY7BwL2cvfo
(3) Siehe Nietzsche, Friedrich „Also sprach Zarathustra“, 1883
(4) https://en.wikipedia.org/wiki/Red_pill_and_blue_pill
(5)http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/sachbuch/joachim-bauer-schmerzgrenze-diesseits-der-schmerzgrenze-1628163.html
(6)https://books.google.de/books?id=bt5BAAAAcAAJ&pg=PA57&hl=de#v=onepage&q&f=false
(7) https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Marx#Entfremdung_der_Arbeit
(8)http://www.psychology48.com/deu/d/selbst-transzendenz/selbst-transzendenz.htm
(9)https://www.goodreads.com/quotes/586570-there-are-essentially-only-two-drugs-that-western-civilization-tolerates
Deutsche Übersetzung nicht auffindbar http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/zucker-who-empfiehlt-nicht-mehr-als-sechs-teeloeffel-pro-tag-a-1021798.html
(11) http://www.zeit.de/campus/2009/02/ritalin
(12) http://weisewortwahl.de/dalai-lama-texte-gesundheit-krankheit-geld-leben-zukunft-zitate/
(13) https://www.youtube.com/watch?v=oJvlVOD6mNg
(14) Siehe Kautz, Friedrich „Strahlen von Gold/Sohn“, 2016, https://genius.com/Prinz-pi-strahlen-von-gold-sohn-lyrics
(15) https://enorm-magazin.de/das-groesste-plakat-der-welt
(16) http://www.grundeinkommen.ch
(17) https://www.youtube.com/watch?v=eoN2xEz1Y0c
(18) https://genius.com/1569439

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