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Auf dem Mond und dahinter

Auf dem Mond und dahinter

Die Mondlandung vor 50 Jahren war vor allem militaristisches Imponiergehabe und ablenkende Volksbespaßung.

Am 22. Juli 2019 meinte in der Bayern2-Morgensendung Kulturwelt die Moderatorin, dass wir uns derzeitig alle in einer „Weltraumseligkeit“ befänden. Um diese Seligkeit zu fabrizieren, produzierte der Bayerische Rundfunk ein mittägliches Tagesgespräch, an dem Hörer über Anrufe teilnehmen können — und zwar genau am 19. Juli, dem 50. Jahrestag der Mondlandung.

Für einen interessanten Verlauf des Tagesgesprächs sorgte diesmal auch der Wissenschaftshistoriker Ernst Fischer, der als Gast des Moderators Achim Bogdahn zugeschaltet war. Zur Begründung, weshalb die USA und die Sowjetunion nicht gemeinsam die bemannte Raumfahrt betrieben hätten, meinte er, in der Konkurrenz funktioniere nun einmal alles besser. Man wusste, wie der Hase lief. Und er lief.

Mit der Mondlandung, meinte Fischer, hätte die Umweltbewegung begonnen, und diese Meinung vertraten dann auch mehrere Anrufer in der einen oder anderen Form. Der „Blick auf die verletzliche, schützenswerte Erde“ hätte uns wachgerüttelt. Viele hatten allerdings längst nicht mehr geschlafen — Rachel Carson beschrieb schon 1962 einen „Stummen Frühling“. Mittlerweile ist die „Problematik“ ins allgemeine Bewusstsein vorgedrungen, ohne dass, solchen Umweltaktivisten sei Dank, irgend etwas Substantielles, beispielsweise bezüglich Verkehr, Ernährung und Energie, unternommen worden wäre. Wir schauen immer noch zu.

Allerdings passen die blumigen Absichtserklärungen, mit denen wir zuletzt im großen Stil 2015 anlässlich der Pariser „Klimakonferenz“ oder 2019 beim Berliner „Kohleausstieg“ beglückt wurden, präzise zur diesbezüglichen Hilfestellung durch die Raumfahrt. Ich bin alt genug, um noch die Ermunterung zur Dankbarkeit aus den 1960er-Jahren in den Ohren zu haben: Die Raumfahrt hätte uns die Teflonpfanne beschert — bis dahin war Kochgeschirr bekanntlich aus Wellblech und Abhilfe schafften erst die Milliarden für Raketentechnik.

Ich sagte der Dame, die meinen Anruf entgegennahm, die vorgebrachte Umweltpoesie gehörte in den Kinderfunk. Damit wollte ich nicht Kinder beleidigen, sondern auf eine gängige Infantilisierung verweisen. 1997 landete am Nationalfeiertag der USA die Sonde Pathfinder auf dem Mars. In endlosen Pressekonferenzen trugen Mitarbeiter der NASA euphorisch wie Anhänger einer Psychosekte Details vor. Die Steine, die das kleine mobile Fahrzeug Sojourner, Minirover genannt, anvisierte, bekamen so süße Namen wie Barnacle Bill, Yogi oder Scoobi Doo. Die Berührung selber wurde, Disneyland würdig, als Kiss bezeichnet.

Interessanter war, dass die Bilder von einer Steinwüste gefeiert wurden wie das Antlitz eines neuen Eldorado, Ziel existentieller Hoffnungen. Aus toter Materie sollte ein Quell der Freude und Genugtuung werden. Freude und Genugtuung galten aber vor allem der Legitimation, mit Blick auf die Verteilung der Steuermilliarden technische Mittel zu welchem Zweck auch immer anzuwenden. Dazu ist es erforderlich, dass wir nicht in anteilnehmender Bezogenheit, sondern in götzendienerischen Leidenschaften unsere Einzigartigkeit und Bedeutung ermessen und nicht merken, wie wir uns veräußern.

Die Verdrängung offenbart sich in einer Religion der Technik, in der alle moralischen Prinzipien zerrinnen „außer dem einen, daß man tun muß, was technisch möglich ist! Die technische Möglichkeit wird zur moralischen Verpflichtung, zur Quelle der Moral selbst“ (1). 40 Jahre nach der ersten Mondlandung hieß es in unserer „Qualitätspresse“, sie hätte „den Zenit der Moderne [markiert]. [...] An diesem Sommertag traf sich auf dem Mond dieser unwiderstehliche Cocktail aus Aufklärung, Entdeckergeist und Ingenieurskunst.“ Die Menschheit sehne sich seitdem „nach einem weiteren solchen Zenit kollektiver Ekstase“ (2). Mit solchen Aussagen schafft man es bis zu einem Feuilleton-Leiter.

Ausgangspunkt für Digitalisierung

So wie die Hingabe an die technische Entwicklung nicht erst im Faschismus auftritt, ist umgekehrt der Faschismus immer schon latent vorweggenommen in der Gedankenlosigkeit, jeden Sinn und alle Hoffnung maschinell zu verarbeiten. Sie hatte in den 1960er-Jahren einen Höhepunkt mit der Raumfahrt, die in den USA maßgeblich vorangetrieben wurde von Wissenschaftlern, deren Karrieren in Rüstungs-KZs der Nazis begannen, aber generell von Herrschaftsmechanismen nicht zu trennen sind. Dazu gehört auch das politische Umfeld, dessen paranoide Züge im Kalten Krieg zusätzlich von den kolossalen Erfolgen der Sowjets genährt wurden. Erlösung erhoffte man nicht nur von einem straff geführten Ableger des militärischen Sektors, der NASA, dessen Kommandowirtschaft sich deutlich von den eher dezentralen Anstrengungen sowjetischer Wissenschaftler abhob so wie der „freie Westen“ eben von „östlicher Diktatur“ (3).

Wichtiger ist ein Punkt, den mit sicherem Instinkt für Zusammenhänge Fischer und mehrere Hörer hervorgehoben haben: es ist der Siegeszug digitaler Technik, der mit der Mondlandung begonnen habe und von der wir heute alle so sehr profitierten.

Wer davon wirklich profitiert, sind die Gerätehersteller. In Deutschland wurden gerade Milliarden für die Ausrüstung von Schulen beschlossen, wozu der Computerpionier Joseph Weizenbaum, ehedem computer science am Massachussetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge/USA, schon vor Jahrzehnten meinte, dass der Nutzen von Rechnern für Schüler gering sei. Was sie bräuchten und sie voranbrächte, sei ein Schulgarten. Hier könnten sie lernen, was ihnen bei mechanischen Vergnügungen, einsamen Spielereien mit Tastaturen und rezeptiven Verhaltensweisen mit beiläufiger Systematik ausgetrieben wird: selbständiges Denken, gemeinschaftliches Handeln und anteilnehmende, schöpferische Einstellungen. Das ist ein Hinweis darauf, dass die Internet-Euphorie nicht nur eine modische Verrücktheit ist (4).

Anbieter wie Nutzer neuer Technologien verweisen auf das Praktische. Doch das Problem ist der gesellschaftliche Zusammenhang, in dem diese Nützlichkeit zu einer absoluten Notwendigkeit wird, um jenen Zusammenhang, der selber nicht als Problem erscheint, überhaupt aufrechtzuerhalten. Am Ende verblasst die Ahnung, dass es weniger eine wirkliche Handlung ist, die wir kontrollieren, als ihr bloßer Ersatz, der uns konditioniert. Wir nehmen mit ihm vorlieb, weil uns die Bedingungen, die ihn notwendig machen, entglitten sind. Wären sie es nicht, würden wir uns ernsthaft an die Lösung unserer Probleme machen.

Der digitale Wahn bietet Scheinlösungen und schafft viele Probleme, die wir ohne ihn gar nicht hätten.

Wir sind nicht allein, wenn wir unendlich „kommunizieren“. Daran sollten wir denken, wenn das globale Kapital-Netzwerk sich mit ein paar Klicks Ressourcen aneignet, Fabrikationsabläufe in den entlegensten Regionen kontrolliert oder die Kollegen der Internet-Erfinder im Pentagon wieder ein Land überfallen und verwüsten. Das wird kaum wahrgenommen, weil sich das Millionenheer an Nutzern kleiner Dienste in einer Krabbelecke an Brosamen erfreut. Sie sind der Stoff, aus dem im Interesse „revolutionärer“ Kommunikationsmittel Illusionen über die kommunizierte „Revolution“ erzeugt werden.

Der Verlust von Selbstgefühl zu Gunsten einer Außensteuerung ist in der kapitalistischen Gesellschaft immer schon vorgegeben durch Warenproduktion, Verdinglichung und Entfremdung. Eine Steigerung erfolgte durch Errungenschaften des digitalen Zeitalters. Facebook, Twitter, Instagram, Snapchat und andere weltumfassende Geschäftsmodelle, Erfassungsapparate und Datenfabriken nähren die Illusion sozialer Kontakte, kanalisieren über permanente Stimulation die Wahrnehmung und entsprechen den Mechanismen, wie sie von der PR-Wirtschaft entwickelt und von der Politik aufgegriffen wurden, insbesondere seit dem US-Präsidenten Ronald Reagan. Die Teilhabe am wirklichen Leben wird zum Leben ohne wirkliche Teilhabe. Zerstreuung durch Reizüberflutung etabliert Orientierungslosigkeit als Prinzip und rationalisiert durch den Schein einer von Technik vorgegebenen Logik den Verlust jeder selbstbewussten Orientierung (5).

Für Barbara Garson diente schon 1989 der Einsatz von Computern weniger dem Zwang zur Rationalisierung als dem Hang zur Zentralisierung von Kontrolle und Entscheidungsprozessen auf immer höherer Ebene. Aus diesem Grund übernehme der Computer die Rolle, die einst das Fließband innehatte (6). Auch verschleiert er hinter einem Schein des Rationalen, dass der gesellschaftliche Reichtum nicht in die „unteren“ Schichten durchsickert — dank eines Heeres an zwischengeschalteten Agenturen wie Banker, Anwaltskanzleien, Personalentwickler, Lobbyisten, Strategieberater und ihre umfängliche Entourage sowie unzähligen Jobs bar einer wirklich produktiven Nützlichkeit (7).

Die entsprechenden Herrschaftsmechanismen wurden in der Sendung nicht schlecht herausgestellt, als auf die Pyramiden verwiesen wurde. Ihr Bau diente als Beispiel für den Nutzen, den große Projekte mit sich brächten. Doch Pyramiden haben nicht nur die Baukunst gefördert, worauf verwiesen wurde. Sie waren, trefflichere Parallelen, vor allem Ausdruck eines Feldzugs gegen produktive Sektoren, der in den Megamaschinen Mesopotamiens und Ägyptens in großem Stil begann, sowie nekrophiler Tendenzen, die eine Gesellschaft wie Grauschimmel überlagern.

Meinen Hinweis, dass Internet et cetera nicht einmal auf Raumfahrt zurückginge, sondern auf Forschungen, die an US-Universitäten mit Milliardenaufträgen aus dem Pentagon erfolgten und speziell dessen Bedürfnis nach Vernetzung globaler Schauplätze und neuer Waffentechnologien befriedigen sollten, nahm die Dame am Telefon ungläubig zur Kenntnis. Wer ich sei, fragte sie, und was ich mache. „Historiker? Was für Geschichte?“

Man spürte, welche Bedeutung die Raumfahrt hat oder in Form dramaturgisch gut zu vermarktender Ereignisse wie der Mondlandung hatte. Abgelenkt wird von den Milliarden an Steuergeldern, die weg von Gesundheitssystem, Bildung, Wohnen, öffentlichem Verkehr, Renten, sozialer Sicherheit et cetera hin zu Managern eines entfremdeten Seins, der technischen und sonstigen „Intelligenz“, zu militärischem Sektor und großen Konzernen fließen. Der Steuerzahler wird mit technischem Firlefanz bei Laune gehalten. Wie üblich werden die Verluste sozialisiert — über staatliche Aufträge und gesellschaftliche Verhältnisse, die zerfransen — und die Gewinne privatisiert. Da können romantisierende Verklärungen nicht schaden.

Die vermutlich junge Dame verstand mich nicht. Oder doch? Sie meinte wörtlich: „Das Thema der Sendung lautet doch: ‚Wie sehen Sie die Mondlandung vor 50 Jahren?’“ Offensichtlich war ihr klar, dass mit dem Thema auch die Meinung vorgegeben war, und die hatte umflort zu sein von „Weltraumseligkeit“, der Begeisterung eines genügsam vorgestellten Publikums über die Vorführung technischer Spielereien. Das Gespräch wurde dann abrupt abgebrochen, was verständlich ist, denn es diente ja nur der Einordnung des eventuellen Beitrags in der eigentlichen Sendung: Sie gäbe „das“ jetzt mal so weiter …

Ich wurde nicht durchgestellt. Auch beim BR weiß man, weshalb „wir“ zum Mond flogen: es war ein Baustein im Gefühlsmosaik, hinter ihm zu leben.


Quellen und Anmerkungen:

(1) Erich Fromm, Überfluß und Überdruß in unserer Gesellschaft, in: ders., Über die Liebe zum Leben. Rundfunksendungen, hrg. von Hans Jürgen Schultz, München 1993, 44.
(2) Andrian Kreye, Reiseziel Zukunft. Apollo 11 war der Zenit der Moderne, SZ 18./19. Juli 2009.
(3) s. hierzu etwa As‘ad AbuKhalil, The Moon Landing & the Cold War, Consortiumsnews 29. Juli 2019 consortiumnews.com/2019/07/29/the-angry-arab-the-moon-landing-the-cold-war/
(4) s. hierzu auch Götz Eisenberg, Digital idiots. Zur Kritik des « Digitalpakts für Schulen », HINTER DER SCHLAGZEILEN 28. Nov. 2018 hinter-den-schlagzeilen.de/digital-idiots-zur-kritik-des-digitalpakts-fuer-schulen.
(5) s. Neil Gabler, How Social Media Abet the Political Right, truthdig 26. Okt. 2017, truthdig.com/ articles/social-media-abet-political-right/; Andreas Bernhard, Komplizen des Erkennungsdienstes. Das Selbst in der digitalen Kultur, Frankfurt a.M. 2017; Cathy O’Neill, Angriff der Algorithmen. Wie sie Wahlen manipulieren, Berufschancen zerstören und unsere Gesundheit gefährden, München 2017; Reinhard Jellen, Der Mann, der vor Computern warnt. Interview mit dem Soziologen Werner Seppmann — Teil 1, telepolis 24. Dezember 2017 heise.de/tp/features/Der-Mann-der-vor-Computern-warnt-3855415 (Seppmann, Kritik des Computers. Der Kapitalismus und die Digitalisierung des Sozialen, Kassel 2017); Adrienne Fichter, Zuckerbergs Monster, REPUBLIK 14. Jan. 2018 republik.ch/2018/01/13/zuckerbergs-monster; Yvonne Hofstetter, Sie wissen alles: Wie Big Data in unser Leben eindringt und warum wir um unsere Freiheit kämpfen müssen, München 2016; dies., Das Ende der Demokratie: Wie die künstliche Intelligenz die Politik übernimmt und uns entmündigt, München 2018; Ralf Wurzbacher, Gespräch mit der Neurobiologin Gertraud Teuchert-Noodt, NachDenkSeiten 21. Febr. 2019 nachdenkseiten.de/?p=49485; Shoshana Zuboff, Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus, Frankfurt a.M./ New York 2018; dies, Surveillance Capitalism — Überwachungskapitalismus, Bundeszentrale für politische Bildung 7.Juni 2019; Wolfgang Teubert, Digitalisierung: die unsichtbare Gefahr, NachDenkSeiten 25. Juli 2019 nachdenkseiten.de/?p=53682#more-53682.
(6) dt.: Barbara Garson, Schöne neue Arbeitswelt. Wie Computer das Büro von morgen zur Fabrik von gestern machen, Frankfurt a.M. 1990.
(7) s. David Graeber, Bullshit-Jobs. Vom wahren Sinn der Arbeit, Stuttgart 2018.

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