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Artgerechte Kindheit

Artgerechte Kindheit

Unser Nachwuchs wird auf dem Altar der Ökonomie geopfert.

Als ich die Bitte angenommen hatte, eine Rezension über „Kindheit 6.7“ von Michael Hüter zu schreiben, war ich schon beim Querlesen dieses umfassenden Manifestes von dem spürbaren Plädoyer für Kinder und Familien sehr berührt. Jetzt – durchgelesen – fühle ich mich zu einer „üblichen“, eher intellektuellen Rezension nicht in der Lage. Zu viel gewichtiger Inhalt, wie Familie und Kindheit entwicklungspsychologisch, bindungstheoretisch, neurobiologisch, sozial- und gesellschaftskritisch durchleuchtet werden, als dass ich mit einer überschaubaren inhaltlichen Rezension diesem außergewöhnlichen Werk gerecht werden könnte.

Der Autor – Historiker und Kindheitsforscher – hat auf überzeugende Weise die historische Dimension der gesellschaftlichen Verhältnisse von Kindheit, Familie, Entwicklung und Bildung umfassend recherchiert und zur kritischen Reflexion gebracht. Dabei erschreckt eine Erkenntnis wegen ihrer Aktualität auf besondere Weise, dass dem Untergang der Hochkulturen stets der Zerfall des Familienwesens mit wachsender Kinderlosigkeit vorausgegangen ist. Und eine „Rettung“ aus einem solchen Schicksal ist nur möglich, wenn das Wohlwollen für Familie und Kindheit in den Mittelpunkt der Gesellschaft mit allen notwendigen politischen und ökonomischen Maßnahmen gestellt wird.

So endet das Buch auch mit der folgerichtigen Konsequenz des Manifestes:

„Am Anfang alles Lebendigen, allem Wandlungsfähigen, aller Vielfalt, allem Humanen und auch jeder großen Innovation und Leistung war und ist die selbstbestimmte, wertgeschätzte und in der Mitte der Gesellschaft stehende Familie. Am Anfang ist eine echte und glückliche Kindheit.“

Und ich setze hinzu, dass „der Anfang“ Gesundheit oder Krankheit, Friedfertigkeit oder Feindseligkeit, Liebe oder Hass, Demokratiefähigkeit oder Diffamierung und Verfolgung Andersdenkender umfasst.

„Kindheit 6.7“ ist ein Meisterwerk, das eben nicht „nur“ eine Fülle recherchierter Realitäten übermittelt, sondern auch mit nachvollziehbaren Deutungen bereichert. Ich bin emotional aufgewühlt:

Mich erfasst Empörung über die bittere und tragische Entwicklung, dass Kinder nicht mehr „artgerecht“ aufwachsen können, dass die haltgebende Funktion der Familie auf dem „Altar der Ökonomie und Ideologie“ geopfert wird und dass die gegenwärtige Bildungspraxis Kinder mehr in ihrer Entwicklung behindert und krank macht als ihnen hilft, freie, gesunde, aktive und kreative Persönlichkeiten zu werden.

Mich schmerzt das Leid von Kindern, ihre seelischen Verletzungen und Kränkungen, ihre erlittenen körperlichen und emotionalen Misshandlungen und die ihnen aufgezwungenen Entfremdungen. Ich könnte das vorliegende Buch „Kindheit 6.7“ mit tausendfachen praktischen Beweisen aus meiner psychotherapeutischen Praxis belegen. Dazu auch die Verzweiflung und die Schuldgefühle unzähliger Eltern und Alleinerziehender, die gegen ihre Herzensbildung ihre Kinder aus beruflichen oder finanziellen Zwängen zur Krippen-Frühbetreuung geben mussten.

Ich empöre mich über die ignorante Ungeheuerlichkeit der Politik, dass die wissenschaftlich gesicherten Erkenntnisse aus Entwicklungspsychologie, Bindungsforschung, Säuglings- und Kleinkindforschung sowie Hirnforschung – die Michael Hüter umfassend zusammengetragen hat – in politischen Entscheidungen regelrecht verleugnet werden und eine Mehrheit der Eltern, Erzieher, Lehrer, Ärzte, Psychologen, Theologen – die es wissen müssten – nicht gegen diese unheilvolle Praxis der Zerstörung von Familie und Kindheit als Quelle von Konflikten, Krankheiten, Radikalität und Gewalt wirkungsvoll protestieren.

Im verständlichen „Kampf gegen Rechts“ und „für Demokratie“ gibt es ein großes, aber leider irreführendes und falsches Engagement, weil alle Proklamationen und Verfolgungen das tieferliegende Problem – die Kindheitsfolgen – durch Sündenbockjagd und Feindbilder nur verschleiern und die Folgen verschlimmern. Das alles bleibt ein hilfloses Kurierenwollen von Symptomen, denn die Quelle der Gefahr für Extremismus liegt in der Kindheit. Nur wenn Kinder „artgerecht“ und familiär sozialisiert aufwachsen könnten, wäre Demokratie gesichert.

Die Kindheit entscheidet über die Fähigkeit, eine „innerseelische Demokratie“ zu entwickeln, das heißt belastende seelische Erfahrungen – also Ängste, emotionale und körperliche Misshandlungen, seelische Kränkungen und Verletzungen und Liebesmangel – auszublenden oder schmerzlich Erlittenes zu erinnern, emotional zu verarbeiten und damit regulieren zu lernen, um es nicht mehr sozial projektiv zu übertragen, zu denunzieren und bei „Andersdenkenden“ zu bekämpfen. Dazu liefert „Kindheit 6.7“ überzeugende Erfahrungen und Argumente.

Es ist heute zweifelsfrei gesichert, dass die Quelle vieler Erkrankungen, sozialer Konflikte, einem unglücklichen Leben, von süchtigem Verhalten, von Gewalt, Kriminalität und Extremismus defizitäre, verletzende bis traumatisierende Kindheitserfahrungen sind. Ich schreie verzweifelt auf, wenn gegen die wachsenden Gesellschaftskonflikte, die Radikalisierungen „aufgestanden“ werden soll, wenn appelliert wird, gegen Rechts „Gesicht“ oder „Haltung“ zu zeigen, ohne die gesellschaftsbedingten Ursachen zu berücksichtigen.

Ich bat den Autor, mir verständlich zu machen, was 6.7 bezogen auf die Kindheit bedeutet. Und die Antwort war so einfach und letztlich doch erschütternd:

„Seit zehntausend Jahren und bis jedenfalls zur industriellen Revolution beließ man das Menschenkind in allen Kulturen bis zum sogenannten zweiten Zahnen, also 6./7. Lebensjahr, im familiären Verbund. Das war ein (fast) nie infrage gestelltes Naturgesetz.“

Das erschütternde daran ist für mich, dass dieses „Naturgesetz“ überzeugend wissenschaftlich gesichert ist – worüber das Buch hinreichend Belege liefert, aber von ökonomischer und politischer Macht geleugnet wird. Stattdessen werden mit ideologisierter Phrasenhaftigkeit familiäre (Eltern)-Betreuung für antiquiert, früheste Fremdbetreuung für fortschrittlich und frühkindliche Bildung – nicht Bindung! – für notwendig erklärt.

Wie pervertiert ist unsere Hochkultur inzwischen, wenn die wünschenswerte Entwicklung zu demokratischen, friedvollen und sozial gerechten Verhältnissen durch die vorherrschende kinder- und familienfeindliche Politik mit Sicherheit verletzt wird. Wie kann eine Position vertreten werden, dass eine Krippe dem Kind mehr bieten könne als die Eltern.

Sicher, es gibt auch wirklich schlechte Eltern, aber eine optimale Frühbetreuung basiert auf Bindung und nicht auf frühkindlicher Bildung und nur Eltern haben die persönlichen Bindungsfähigkeiten. Wie kann ein Streit und Kampf geführt werden, um nur dem elterlichen Konflikt zwischen Familie und Beruf gerecht werden zu wollen, ohne auf die Bedürfnisse des Kindes zu achten. In welche soziale Bedrängnis werden Eltern moralisch, ideologisch und ökonomisch gebracht, um gegen ihre Überzeugung ihre Kinder zu früh in eine Krippe zu geben.

Welche Kindheit, welche Entfremdung müssen Eliten der Macht erlitten haben, um so irrational handeln zu können.

Ich würde diese Pathologie nicht aushalten, wenn ich nicht durch psychotherapeutische Arbeit Einzelnen aus dieser Falle praktisch helfen könnte und wenn ich nicht eine Deutung zur Verfügung hätte, mit der ich mich intellektuell „über Wasser“ halten kann: Narzisstische Kränkungen und Verletzungen der Kinder sind heute durch eine zu frühe Fremdbetreuung und eine Zwangs-Bildung weit verbreitet. Die damit in aller Regel verbundene schmerzliche Erfahrung, nicht wirklich geliebt zu sein, wird meistens verdrängt, wirkt dann aber wie ein Stachel im Fleisch, den eigenen (Liebens-) Wert beweisen zu wollen.

Mit allen Anstrengungen kann man dann in einer Leistungsgesellschaft, die den materiellen Profit zum zentralen und erstrebenswerten Ersatz – Geld statt Liebe – gemacht hat, sehr erfolgreich sein und Führungspositionen in der Gesellschaft erringen. Damit wird dann das „falsche Leben“ der Kindheit gekrönt.

Es ist nicht zu erwarten, dass die „Sieger“ ihre durch Macht und Geld entschädigte Fehlentwicklung freiwillig oder schmerzfrei erkennen und aufgeben könnten, aber alles daran setzen werden, dass garantiert bleibt, dass die nächsten Generationen keine bessere Kindheit erfahren können. Damit bleibt die eigene Illusion eines erfolgreichen Lebens geschützt und eine echte Konkurrenz durch Menschen mit dem Wunsch und der Fähigkeit für natürlichere, weniger entfremdete Lebensformen wird verhindert.

Ich verdanke Michael Hüter so umfassende und gründlich recherchierte Informationen über die naturgesetzlichen Bedingungen für die Werte von Familie, Kindheit und Bildung mit Erkenntnissen der historischen Entwicklung und gesellschaftspolitischen Beeinflussung, dass ich intellektuelle Orientierung und emotionalen Halt – bei aller Empörung und Verzweiflung über die aktuellen Verhältnisse – als sehr hilfreich erfahre. „Kindheit 6.7“ ist allen zu empfehlen, die gesellschaftliche Fehlentwicklungen besser verstehen wollen und vor allem nach echten, natürlichen und konstruktiven Möglichkeiten suchen, unsere gefährdete Hochkultur zu retten.


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