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Artgerechte Arbeit

Artgerechte Arbeit

Wir sollten unsere Arbeitswelt den Bedürfnissen der Menschen anpassen — der umgekehrte Weg macht immer mehr Berufstätige psychisch krank.

„Arbeit um der Arbeit willen ist gegen die menschliche Natur.“ — John Locke, Arzt und Philosoph (1632 bis 1704)

Eine international angelegte Studie des dänischen Unternehmens Peakon zur Mitarbeiterzufriedenheit ergab: Jeder vierte Angestellte in Deutschland übt seine Arbeit unmotiviert aus. Befragt wurden etwa 500.000 Angestellte aus 235 Unternehmen in Deutschland, den USA, Großbritannien und den skandinavischen Staaten. Deutschland schneidet mit diesem Ergebnis schlechter ab als Skandinavien und die USA. Auf dem letzten Platz in Sachen Arbeitsmotivation landeten die sogenannten Millennials, also die Generation, die im Zeitraum der frühen 1980er- bis späten 1990er-Jahre geboren wurde.

Julian Tesche, Leiter der Geschäftsfeldentwicklung DACH von Peakon, führt die Situation hierzulande auf einen Mangel an eigenverantwortlicher Arbeit und Flexibilität in Bezug auf die Arbeitszeit zurück. Auch fehlende Anerkennung der geleisteten Arbeit und ein zu geringes Angebot beruflicher Weiterbildungsmöglichkeiten seien für die verbreitete Unlust verantwortlich zu machen (1).

Doch abgesehen von „chronischer Unlust“ gibt es auch andere Beschwerden, die das Arbeitsleben beeinflussen. Die Welt berichtete am 10. Mai 2021 in ihrem YouTube-Kanal zwar, die Anzahl der Krankmeldungen sei „mitten in der Corona-Pandemie“ zurückgegangen und bezieht sich dabei auf den Gesundheitsreport der Techniker Krankenkasse (TK) aus dem Jahr 2020. Doch bei genauerem Hinsehen ist diese Meldung nicht ganz korrekt. Laut Welt hätten sich im ersten Quartal 2020 deutlich weniger Menschen krankgemeldet als in den vorangegangenen 13 Jahren.

Allerdings lag das erste Quartal 2020 noch nicht „mitten in der Corona-Pandemie“, die erst mit dem Lockdown am 16. März 2020 inklusive Maskenzwang und Abstandsregeln verordnet wurde. Außerdem erwähnt die Welt nicht, dass die TK, die 2009 mit der Innungskrankenkasse IKK-Direkt fusionierte, traditionsgemäß zu einem großen Teil Selbstständige und Freiberufler versichert, Menschen also, die sich, ganz im Gegensatz zu Beamten oder sonstigen Beschäftigen im Öffentlichen Dienst, generell seltener krankschreiben lassen, weil sie sich das schlichtweg nicht leisten können.

Wörtlich steht im TK-Gesundheitsreport:

„Für die Auswertungen des Gesundheitsreports wurden insgesamt gut 73 Millionen AU-Fälle (Arbeitsunfähigkeit) mit 976 Millionen dokumentierten Fehltagen aus den Jahren 2000 bis 2019 berücksichtigt, darunter 6,16 Millionen Fälle mit Beginn im Jahr 2019.“

Allein in 2020 seien bei Erwerbspersonen mit Versicherung bei der Techniker Krankenkasse 85 Millionen erkrankungsbedingte Fehltage erfasst worden (2, 3). Sicherlich hat die Welt diese Fakten nicht bewusst lückenhaft dargestellt, sondern schlichtweg nicht so genau recherchiert, vielleicht sogar, weil selbst dort inzwischen die persistierende Unlust grassiert?

Erstarrung im System und die Parkinson‘schen Gesetze

Wie sieht es denn mit den Krankenständen im Verwaltungsapparat aus? Auf der Website des Institute of Labor Economics IZA liefert eine Veröffentlichung aus 2019 folgende Information:

„Während nur 53 Prozent der Beschäftigten im Privatsektor mindestens einen Krankheitstag innerhalb der letzten zwölf Monate meldeten, waren es im Öffentlichen Dienst immerhin 62 Prozent. Hier blieben die Beschäftigten außerdem pro Jahr durchschnittlich einen Tag mehr zu Hause“ (4).

Erst im Oktober 2021 gingen in Hamburg mehrere Hunderte Beschäftigte aus dem Öffentlichen Dienst auf die Straße und protestierten für bessere Arbeitsbedingungen und mehr Geld. Der Stern berichtete dazu am 27. Oktober 2021, dass sich unter anderen Beschäftigte der Bezirksämter, Landesbetriebe, Hochschulen, Schulen und der Sozialbehörde an der Demonstration beteiligten“ (5).

Die Suchbegriffe „Krankmeldungen Öffentlicher Dienst“ speziell für 2020 und 2021 ergaben bei mir mit der Suchmaschine ecosia keine Treffer, lediglich etliche Seiten mit Tipps und Tricks rund um die Krankmeldung für diesen Personenkreis, was die Frage aufwirft, warum im Land der Verwaltungs- und Verordnungsliebe dazu nicht auf Anhieb aktuelle Daten im Netz zu finden sind? Die Anzahl der Beschäftigten im Öffentlichen Dienst, zu denen auch Angehörige der Bundeswehr zählen, befand sich übrigens 2020 mit 4,968 Millionen auf Rekordhoch, wie das Portal Statista wissen lässt. Davon fielen rund 3,3 Millionen auf Vollzeit- und 1,7 Millionen auf Teilzeitstellen (6).

Da ist der Weg vom Verwaltungs- zum Polizei- beziehungsweise Obrigkeitsstaat nicht weit, wie wir alle mindestens seit Lockdownbeginn erleben können.

Wenn ein Staat die Regelungsgewalt in erster Linie der Exekutiven, nämlich der Regierung und Verwaltung überlässt, ist das rechtstechnische Mittel nicht das allgemein geltende Gesetz, sondern die Verordnung oder der ministerielle Erlass (7).

Im Zusammenhang mit einem durch uferlose Bürokratie gekennzeichneten Verwaltungsstaat sprach der Soziologe, Historiker und Publizist Cyril Northcote Parkinson (1909 bis 1993) davon, dass Arbeit sich wie Gummi dehnen lasse, um die Zeit totzuschlagen und zur Selbsterhaltung des Verwaltungssystems beizutragen.

In einem Artikel von Gerhard Pretting, erschienen 2005 im Magazin brand eins, steht dazu:

„Folglich steht die Zahl der Bediensteten in keiner Beziehung zu der zu erledigenden Aufgabe. Selbst wenn immer weniger zu tun ist, wächst die Zahl der Beamten — einem Naturgesetz gleich — ungehemmt weiter. Denn je mehr Personen zusammen handeln, desto mehr Zeit wird benötigt, um sich selbst zu verwalten. Und schnell ist ein Brief dann kein einfacher Brief mehr, sondern eine Tour de Force durch den Hierarchien-Dschungel“ (8).

Ein aus dem Jahr 2014 stammender Artikel der Berliner Morgenpost lässt uns wissen, dass das Personal im Öffentlichen Dienst nicht nur am häufigsten krank sei, sondern auch, dass die meisten Fehltage auf psychische Erkrankungen zurückzuführen wären (9).

Sollte uns das nachdenklich, oder womöglich sogar besorgt stimmen? Zumal bei 4,968 Millionen Beschäftigten in diesem Segment ...

Wäre ein Dexit vielleicht hilfreich, um sinnerfülltere Arbeit zu schaffen?

Auch diese Frage stellt sich unweigerlich, wenn wir die heutige Arbeitswelt und in dem Zusammenhang die gegenwärtigen Machtstrukturen betrachten. Der Unternehmer und Autor Manfred Julius Müller gehört zu jenen, die in einem Dexit, also einem Ausstieg Deutschlands aus der EU, die Chance für gesündere wirtschaftliche Strukturen weg von der Monopolisierung der Macht sehen. In seinem Buch „Der Freihandelswahn — Der Niedergang der westlichen Welt durch den Zollabbau“ beschreibt er, wie Freihandelszonen den Handlungsspielraum der Staaten immer mehr einengen und zur Machtsteigerung der Konzerne beitragen.

Das durch den Zollabbau hervorgerufene Lohn-, Steuer-, Umwelt- und Sozialdumping hätte fatale Folgen gehabt, indem es unter anderem dazu beiträgt, immer wieder Finanzkrisen und Spekulationsblasen zu fabrizieren. Im Welthandel gehe es längst nicht mehr um einen weltoffenen Warenaustausch, sondern um dessen Radikalisierung, von der die machthungrige Globalisierungslobby und somit die großen Konzerne, Banken, Milliardäre und Pensionsfonds profitierten.

Wesentlicher Bestandteil der EU sei der Binnenmarkt, also der Zollfreihandel, so Manfred Müller. Ohne wirksame Zölle sei die ausländische Konkurrenz auch für die wirtschaftlich schwächeren EU-Länder zu mächtig, um eigene Infrastrukturen aufzubauen. Wie könne sich beispielsweise ein kleiner Schuhfabrikant auf dem Markt durchsetzen, wenn Billigimporte aus dem Ausland eine faire Kalkulation von vorneherein unmöglich machten? Zudem stelle sich die Frage, ob die Mehrheit der Bundestagsabgeordneten die komplexen wirtschaftlichen Zusammenhänge überhaupt verstünden.

Internationale Arbeitsteilung ist kontraproduktiv für Mensch und Umwelt

Manfred Müller verweist darauf, dass Donald Trump zu Zeiten seiner Präsidentschaft Zollanhebungen durchsetzen wollte, was in gewissen Kreisen wohl nicht gerade zu seiner Beliebtheit beitrug. Durch Zollanhebungen wäre der einträglichen Abzocke der Globalisten mit ihren Superrenditen nämlich ein Riegel vorgeschoben worden, denn die einzelnen Nationen und ihre Arbeitnehmer/innen wären weniger erpressbar gewesen, als sie es derzeit sind. Einsparungen durch die Verlagerung von Produktionsstätten in Billiglohnländer wären für die Investoren somit deutlich unattraktiver gewesen, da die Ersparnisse durch Einfuhrzölle wieder aufgezehrt worden wären.

Schon vom Ansatz her ist die hochgelobte internationale Arbeitsteilung alles andere als effizient, sondern sogar kontraproduktiv für Mensch und Umwelt wegen des zusätzlich anfallenden Arbeitsaufwandes: lange Transportwege, komplexe Lieferketten, aufwendige Qualitätskontrollen. Dolmetscher, Juristen und viele mehr profitieren zwar von diesem System, erhöhen aber auch den Produktionsaufwand. Weitere Folgen: weniger Transparenz, Behördenwillkür, Rechts- und Patentverletzungen sowie Produktfälschungen und Währungsschwankungen.

Allein das abnorme Lohndumping macht die internationale Arbeitsteilung aus Sicht der Markenhersteller noch rentabel. Die Industriestaaten zahlen dabei aber in aller Regel mächtig drauf. Leidtragende des Zollfreihandels sind besonders die Entwicklungs- und Schwellenländer.

Sie kämen schneller voran, wenn sie ihre im Aufbau befindlichen Volkswirtschaften über angemessene Zölle schützen könnten, was aber nur gelingen kann, wenn ihnen keine übermächtige Industrie aus dem Ausland im Nacken sitzt.

Zur Erinnerung: Der Gründung der Europäischen Union mit inzwischen üppig bezahlten 32.000 EU-Beamten ging der Vertrag von Maastricht 1992 voraus, wodurch die EU Zuständigkeiten in nichtwirtschaftlichen Bereichen erhielt. In der Folge wurden nationale Währungen als Zahlungsmittel abgelöst. In der Einführung des Euros sieht Manfred Müller ein weiteres Problem, denn jedes halbwegs souveräne Land brauche als Regulator eine eigene Währung, die entsprechend seiner wirtschaftlichen Stärke auf- und abgewertet werden könne. Mit dem Euro sei dieses grundsätzliche marktwirtschaftliche Prinzip jedoch aufgegeben worden. „Wenn es nicht gelingt, diese Fehlkonstruktion beizeiten zu beenden und eine geregelte Rückabwicklung einzuleiten, wird es früher oder später zu einem unkontrollierten Crash kommen“, so Müller.

Auf Dauer lasse sich der Euro ohne Schaffung eines Einheitsstaates, mit gleichen Löhnen, Steuern und Gesetzen, nicht halten. Der Euro könne nur dauerhaft funktionieren, wenn der gesamte Euroraum zu einem „Superstaat“ mutiere. Die alten Euro-Staaten müssten sich somit auflösen und zu einer neuen Einheit verschmelzen. Die Konsequenz wäre eine Zentralregierung. Die alten Nationalstaaten hätten dann nur noch den Status heutiger Bundesländer. Um wieder auf die Beine zu kommen, brauche es eine intelligente Zollpolitik, insbesondere hohe Zölle auf alle Luxusgüter, und die Schaffung einer vertrauenswürdigen nationalen Währung.

Abkopplung vom globalen Unterbietungs- und Leistungsdruck

Wenngleich die ursprüngliche Absicht der EU-Gründung teilweise durchaus einige positive Ziele verfolgte, hätten die bürokratischen EU-Institutionen immer mehr Macht erhalten – auf Kosten der Nationalstaaten. Es hätten sich Abhängigkeiten gebildet, weswegen sich auch kaum ein Staatschef an die Herkulesaufgabe herantraue, aus der EU auszusteigen. Von der EU-Bürokratie und dem Zollzölibat befreite Nationalstaaten würden wirtschaftlich schneller genesen. Die These „Der EU und dem Euro verdanken wir unseren Wohlstand“ würde als blanker Unsinn entlarvt, findet Müller. Würde Deutschland dem britischen Beispiel folgen, zögen schon bald andere EU-Staaten nach. Die EU würde schließlich zerfallen, weil die zahlungskräftigen Geberländer dann fehlten. Eine sukzessive Rückabwicklung der EU wäre mittel- bis langfristig noch sinnvoller. Dazu müssten der Euro abgeschafft, das Schengener Abkommen aufgehoben, die Freihandelszonen aufgekündigt, Subventionen gestrichen und Tausende Brüsseler Regeln und Verordnungen außer Kraft gesetzt werden.

Würden sich Deutschland und weitere Nationen über Zölle vom globalen Unterbietungs- und Leistungsdruck abkoppeln, könnten zum Beispiel auch echte Arbeitszeitverkürzungen durchgesetzt werden.

Mehr Freizeit statt mehr Konsum ist schon aus ökologischer Sicht erstrebenswert, davon abhängig selbstredend, wie diese Freizeit genutzt wird. Das allgegenwärtige System des Freihandels machte alles andere als frei. Der gepriesene Freihandel führte schnurstracks in die Abhängigkeit, nämlich in eine Export- und Importabhängigkeit.

Das Wort Freihandel ist so gesehen eigentlich ein Fake und verklärt die Tatsachen. Ohne Freihandel, und somit ohne internationalen Konkurrenzdruck, könnte auch die anstehende Digitalisierung der Wirtschaft sorgenfreier gestaltet werden. Ohne Zollfreihandel könnte jede Gesellschaft weitgehend selbst bestimmen, wie sie mit dem Fortschritt umgehen will, was sie zu leisten bereit ist, was ihr soziale Gerechtigkeit, Menschlichkeit und Lebensqualität wirklich bedeutet.

Die meisten Mainstreammedien preisen den Zollfreihandel an, weil er angeblich den Wohlstand sichert – doch wessen Wohlstand? Die Reallöhne und Renten sind seit 1980 in Deutschland gesunken. 1962 gab es gerade einmal 142.000 Erwerbslose. Heute sind es etwa 2,7 Millionen. Manfred Müller, der auch die Seite Tabuthemen betreibt, beschäftigt sich in seinem neuen Buch „Die Wandlung Deutschlands nach der Coronakrise: Zerbricht jetzt die verlogene, konzernfreundliche Welt des Gesinnungsjournalismus? Endet nun auch die Tyrannei naiver Pseudo-Gutmenschen?“ unter anderem mit der Frage, ob die Coronakrise das Trugbild der wohlstandsfördernden Globalisierung mitsamt der abenteuerlichen Billiggeldschwemme endlich bewusst machen und zu einer Neuordnung der Weltwirtschaft führen könne. (10) Er hofft, dass „der mit Vorurteilen und Irrlehren behaftete Gesinnungsjournalismus“ bald ausgedient hat, denn ohne mediale Dauerbeschallung wäre das verhängnisvolle globale Lohn-, Steuer-, Öko-, Zins- und Zolldumping nicht denkbar gewesen.

„Wenn jemand mit Kreativität beschenkt wurde, und sie aus Faulheit oder irgendwelchen anderen Gründen nicht nutzt, dann verwandelt sich diese psychische Energie in pures Gift. Die Weigerung, höheres Bewusstsein zu entwickeln, ist eines der destruktivsten Dinge, die es gibt. Es veranlasst Leute automatisch dazu, alle, die es versuchen, zurückzuhalten.“ — Marie Louise von Franz; Altphilologin, Psychotherapeutin, Lehranalytikerin (1915 bis 1998)

„Geld oder Leben? Nur weniger Arbeit rettet Mensch und Natur“ lautete die Überschrift eines Artikels, der 1993 in der damaligen Zeitschrift Natur erschienen ist. Der Autor Hans Joachim Rieseberg schrieb, dass es mit der industriellen Massenarbeit gelungen sei, die Erde an den Rand der Unbewohnbarkeit zu bringen.

„Bei fast allen Diskussionen über die Zukunft der Industriegesellschaft geht es in der Regel gar nicht mehr um die Produkte, sondern um die Arbeitsplätze, die an deren Produktion hängen. Obwohl inzwischen klar ist, dass wir wesentliche Teile der Produktpalette, die wir heute haben, gar nicht mehr brauchen, streben wir doch aus gesellschaftlichen Gründen danach, die Arbeitsplätze zu erhalten. Und wenn niemand diese Produkte braucht oder es zu viel davon gibt, verramschen wir sie wie die Weihnachtsbutter oder schicken sie in die Dritte Welt.“

Nebenbei bemerkt: Die 1980 gegründete Zeitschrift Natur aus dem Hause der Konrad Medien GmbH, inzwischen Konradin Mediengruppe, gibt es nicht mehr. Schaut man sich das heutige Angebot der Printmedien aus dem Haus Konradin an, zeigt sich, dass auch hier vom ursprünglichen ökologischen Anspruch nicht mehr viel geblieben ist. In einer Pressemeldung vom 1. Juli 2019 zum Thema „Mobile Robotik“ ist auf deren Website zu lesen, auf welch großes Interesse „Potenziale fahrerloser Transportsysteme“ anhand von „Live-Exponaten im Showroom“ beim Publikum gestoßen seien. Beiläufig erwähnt werden zudem etliche Firmen, die womöglich die Expertenschaft zum Thema gestellt haben (11, 12).

Dieses Beispiel ist eines von unzähligen, das die seit Jahrzehnten stattfindende schleichende Verwässerung von journalistischen Beiträgen hin zu PR-Texten veranschaulicht. Es zeigt aber auch, dass sich sehr viele Menschen seit Jahrzehnten offenbar keine Gedanken über die zu erwartende und inzwischen teilweise bereits eingetroffene Entwicklung in Richtung mehr Technokratie gemacht haben. Die Schuld allein der Regierung zu geben und mit Parolen wie „Wir sind das Volk“ auf Veränderungen zu hoffen, solange die Regierung derart massiv unter dem Einfluss der Globalisten steht, ist daher zu monokausal gedacht.

Warnungen gab es schon beizeiten

Unter dem Titel „Die wollen ewiges Leben, die wollen den Tod besiegen – das ist teuflisch“ veröffentlichte der Stern in der Rubrik Wissenschaft, Ausgabe 47 im Jahre 2001, einen Artikel über den Biochemiker Erwin Chargaff. „Sie pfuschen am Menschen herum, sie manipulieren an den Genen — ein molekulares Auschwitz droht“, sagte Chargaff seinerzeit gegenüber dem Nachrichtenmagazin. Einige Aussagen von Chargaff sollte man sich gerade heute auf der Zunge zergehen lassen. Chargaff, der als Wissenschaftler auch selbst an der Gentechnik beteiligt war, sagte:

„Die Naturwissenschaftler versprechen unendlich viel, sie — auch die Ärzte! — sind gaunerische Marktschreier geworden. Es herrscht in der Wissenschaft das laute Geschrei des amerikanischen Reklamebetriebs, es regiert der kategorische Superlativ. Sie tun so, als ob alles reparabel sei.“

Das, so Chargaff, sei furchtbar, lächerlich und unendlich traurig, denn niemand werde je erklären können, was das Mysteriums des Lebens sei. Die Gentechnik habe das Denken brutalisiert. Wir hätten uns an unvorstellbare Gräuel gewöhnt. Die Spaltung des Atomkerns und des Zellkerns betrachtete Chargaff als Sündenfälle der Naturwissenschaften. All die Eingriffe in das Erbmaterial von Nahrungsmitteln oder Lebewesen seien größte Verbrechen.

„Leben, das ist das Allerseltenste in der Welt. Die meisten Menschen existieren nur.“ — Oscar Wilde, irischer Schriftsteller (1854 bis 1900)

In einem weiteren Artikel, am 15. November 2001 ebenfalls im Stern publiziert, äußerte Chargaff:

„Befruchtung und Zeugung werden sie bald abschaffen, Interneteltern werden per Internet Internetkinder ordern, und Kinder werden wie Cocktails zusammengeschüttelt, aber sie werden keine Menschen mehr sein. Die Seele kann man nicht klonen. Wir leben in einer Zeit des Missbrauchs. Des Missbrauchs der Sprache, des Missbrauchs der Naturforschung, des Missbrauchs des Lebens, der Hoffnung. Wir kommen noch in eine Zeit, wo die Leichen nicht mehr begraben oder verbrannt, sondern industriell ausgeschlachtet werden, weil sie so unheimlich viele wertvolle Substanzen enthalten. Die Menschlichkeit ist zu Ende gegangen" (13).

In der Ausgabe 21 des Nachrichtenmagazins Spiegel wurde 2002 ein Interview mit Francis Fukuyama, einem amerikanischen Schriftsteller, allerdings auch Befürworter der Biotechnik, publiziert. Fukuyama, der einräumt, in seiner Highschool-Zeit die Bücher „Schöne neue Welt“ von Aldous Huxley und „1984“ von George Orwell gelesen zu haben, sagte gegenüber dem Spiegel, das Soma unserer Gegenwart und unserer Zukunft heiße Ritalin. Eigentlich solle es extrem hyperaktive Kinder beruhigen, vor allem Jungs. Tatsächlich aber werde es mehr und mehr verwendet wie die Substanz Soma in „Schöne neue Welt“: als Mittel sozialer Kontrolle, damit Menschen leichter zu steuern und in eine Gemeinschaft zu integrieren seien. Sie sollen sich anpassen. Fukuyama stellt in dem Interview selbst die Frage:

„Wenn die Natur Männer und Frauen nicht mit den exakt gleichen Eigenschaften ausstattet, warum sollen wir das dann korrigieren? Das ist ja das Hauptproblem bei den Manipulationen am Menschen: Wenn uns irgendein Aspekt der Persönlichkeit nicht gefällt, dann bauen wir den Menschen so um, wie es der gerade herrschenden Ideologie oder dem politischen Trend entspricht“ (14).

Auf die Frage der Spiegel-Redakteure Dirk Kurbjuweit und Gerhard Spörl, ob es nicht ein großer Fortschritt sei, Schmerz aus dem menschlichen Dasein zu eliminieren, antwortete Fukuyama:

„Auch beim Thema Schmerz ist das Gute mit dem Bösen verbunden. Wie wollen Sie Mitgefühl oder Mitleid empfinden, wenn Sie nicht wissen, nicht persönlich erlebt haben, wie sich Schmerz anfühlt. Die Fähigkeit, das Leid anderer nachempfinden zu können, zählt zu den edelsten des Menschen.“

Mit Herzintelligenz und Vernunft die Krise meistern

Wie sich selbst Krisen unternehmerisch nutzen und wandeln lassen, bewies der brasilianische Unternehmer Ricardo Semler bereits vor Jahrzehnten. Er ist ein Pionier der radikalen, arbeitnehmerfreundlichen Unternehmensdemokratie. Semler ist der Ansicht, dass man bessere Arbeitsplätze schaffen könne, indem eine Kultur gefördert wird, die die Menschen dazu ermutigt, zu hinterfragen, warum sie Dinge so tun, wie sie sie tun und indem ihnen mehr Mitgestaltungsmöglichkeiten gegeben werden.

Semler ist auch ein Sprecher bei der im Dezember 2021 stattfindenden Happiness@WorkConference, in deren Rahmen unterschiedliche Webinarestattfinden (15). Eine weitere Sprecherin ist die Künstlerin Iris Hond. Sie hat sich das Thema „Die Auswirkungen von Verletzlichkeit und tiefer Verbundenheit“ auf die Fahnen geschrieben. Andere Konferenzschwerpunkte drehen sich um Fragen wie „Wie kann man ein Umfeld schaffen, in dem die Menschen das Gefühl haben, dass sie sich bei der Arbeit voll und ganz einbringen können?“ oder um das Entdecken wirkungsvoller Zutaten für Glück am Arbeitsplatz.

Prof. Dr. Marc Brackett, Hauptentwickler der sogenannten RULER-Methode, einem evidenzbasierten Ansatz für soziales und emotionales Lernen, schreibt in seinem Buch „Die Kraft der Gefühle“:

„Jedes Jahr halte ich auf der ganzen Welt Dutzende Vorträge vor pädagogischen Fachkräften, Schulkindern, Eltern, Führungskräften aus der Wirtschaft, Unternehmern, politischen Führungskräften, Wissenschaftlern, medizinischen Fachkräften und jeder anderen Art von Menschen, die man sich nur vorstellen kann. Meine Botschaft für alle ist dieselbe: Wenn wir lernen, unsere Gefühle — selbst die herausforderndsten — zu erkennen, auszudrücken und einen Zugang zu ihnen zu finden, können wir diese Emotionen nutzen, um ein positives, zufriedenstellendes Leben zu führen. Jedes Mal, wenn ich zu einer Gruppe spreche, fordere ich das Publikum zunächst auf, ein paar Minuten darüber nachzudenken, wie sie sich im Moment fühlen. Dann fordere ich sie auf, sich uns anderen mitzuteilen.

Ihre Antworten verraten viel — nicht unbedingt über ihre Emotionen, sondern über unsere Schwierigkeiten, über unser Gefühlsleben zu sprechen. Was ich feststelle, ist, dass wir nicht einmal über das Vokabular verfügen, um unsere Gefühle in nützlichen Details zu beschreiben — 75 Prozent der Menschen fällt es schwer, ein ‚Gefühlswort‘ zu finden. Wenn die Worte kommen, sagen sie uns normalerweise nicht sehr viel. Die Leute stammeln ein bisschen herum, zögern und verwenden dann die gängigsten Begriffe, auf die wir uns alle verlassen — ich fühle mich gut, in Ordnung, okay (…) Das sollte uns zu denken geben: Weiß ich überhaupt, wie ich mich fühle? Habe ich mir selbst erlaubt, diese Frage zu stellen? Habe ich jemals wirklich meinen Partner, mein Kind, meine Kollegin gefragt? Heute, da fast jede Frage sofort von digitalen Assistenten beantwortet werden kann, verlieren wir die Gewohnheit, eine Pause zu machen und nach innen oder zueinander zu schauen, um Antworten zu erhalten.“

„Lasst mich ein freier Mensch sein, frei zu reisen, frei anzuhalten, frei zu arbeiten, Handel zu treiben, wo ich möchte, frei, meine eigenen Lehrer auszuwählen, frei der Religion meiner Väter zu folgen, frei, zu denken, zu reden und zu handeln für mich selbst – und ich werde jedem Gesetz folgen oder mich der entsprechenden Strafe unterwerfen.“ — Chief Joseph, Nez-Percé-Indianer (1840 bis 1904)


Quellen und Anmerkungen:

(1) https://www.humanresourcesmanager.de/news/mitarbeiterzufriedenheit-peakon-studie-deutsche-arbeitnehmer-am-unzufriedensten.html
(2) https://www.youtube.com/watch?v=hJnRgLuAD3A
(3) https://www.tk.de/resource/blob/2081662/6382c77f2ecb10cc0ae040de07c6807f/gesundheitsreport-au-2020-data.pdf
(4) https://newsroom.iza.org/de/archive/research/higher-absence-rates-in-the-public-than-the-private-sector/
(5) https://www.stern.de/gesellschaft/regional/beschaeftigte-im-oeffentlichen-dienst-gehen-auf-die-strasse-30869676.html
(6) https://de.statista.com/statistik/daten/studie/12910/umfrage/entwicklung-des-personalbestandes-im-oeffentlichen-dienst-in-deutschland/
(7) https://www.wissen.de/lexikon/verwaltungsstaat
(8) https://www.brandeins.de/magazine/brand-eins-wirtschaftsmagazin/2005/machtwechsel/was-ist-eigentlich-parkinsons-gesetz
(9) https://www.morgenpost.de/berlin-aktuell/article126295865/Mitarbeiter-im-oeffentlichen-Dienst-sind-am-haeufigsten-krank.html
(10) http://www.tabuthemen.com/
(11) https://www.konradin.de/de/medien/
(12) https://www.konradin.de/de/ein-voller-erfolg-das-expertenforum-mobile-robotik/
(13) https://www.presseportal.de/pm/6329/300425
(14) https://www.spiegel.de/panorama/schoener-neuer-mensch-a-963051b4-0002-0001-0000-000022644293
(15) https://happiness-conference.world/


Literaturtipps:

Kristin Kimball: Das dreckige Leben — Aus den High Heels in die Gummistiefel - Wie mein Traum vom naturnahen Leben in Erfüllung ging, 2014, Unimedica.

Bodo Janssen: Stille — Weil nur in ihr Veränderung entsteht, 2021, Ariston-Verlag.

Bodo Janssen: Die stille Revolution: Führen mit Sinn und Menschlichkeit, 2016, Ariston-Verlag.

Ricardo Semler: Das SEMCO-System. Management ohne Manager, 1993, Heyne (Antiquariat).

Nedra Glover Tawwab: Grenzen machen uns frei: Ein Wegweiser sich selbst treu zu bleiben, 2021, Unimedica.

Reiner Neumann: Die Kunst des Einfachen: Weniger ist mehr, 2021, Hanser-Verlag.

Jason Hickel: Weniger ist mehr: Warum der Kapitalismus den Planeten zerstört und wir ohne Wachstum glücklicher sind, 2022, oekom.

Thomas Leif: Beraten und verkauft, 2008, Goldmann.

Thomas Merton: Keiner ist eine Insel — Betrachtungen über die Liebe, 2015, Patmos-Verlag.

Margarete Friebe: Ich bin ich — Vom egoistischen Alltags-Ich zum hohen geistigen Ich, 2019, Herausgeber Andrea Stangl.

Samuel E. Surazal: Ein Crash mit Höchstgeschwindigkeit gegen eine Wand aus Licht und Liebe: Manifest einer gottbegnadeten Seele, 2019, Edition Avra.

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