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Anne Frank ist nicht repräsentativ

Anne Frank ist nicht repräsentativ

In Deutschland wird der Opfer des Nationalsozialismus gedacht. Doch das Gedenken ist zum Nachteil der osteuropäischen Opfer verzerrt.

Während Anne Frank, Dietrich Bonhoeffer oder die Geschwister Scholl sehr vielen Menschen ein Begriff sind, haben die Millionen polnischen Juden und verhungerten sowjetischen Kriegsgefangenen bis heute nicht mal einen Namen. Während Auschwitz, Dachau oder Sachsenhausen den meisten Deutschen bekannt ist, können nur wenige Menschen etwas mit Belzec, Sobibor oder Chelmno anfangen. Während „Die Moorsoldaten“ Teil jedes schulischen Lehrplans sind, haben wohl nur die wenigsten jemals etwas vom Treblinka-Lied gehört.

Keine Frage, der heute sehr bekannten deutschen Naziopfer wird völlig zu Recht gedacht. Ihre Ideale, ihr Mut, ihre Leistungen und das tödliche Ende ihres Widerstands- und Überlebenskampfs berühren viele Menschen bis heute tief. Nur repräsentativ für die Nazi-Opfer sind diese Schicksale überhaupt nicht.

Diese Verzerrungen sind teils nachvollziehbar, handelt es sich doch um deutsche Opfer, die an Orten in Deutschland litten und starben. Sie sind uns näher als eine anonyme Jüdin aus Galizien oder ein unbekannter Soldat aus Smolensk. Doch geht diese Schwerpunktsetzung auch auf Wissenslücken zurück. Ob in Forschung, in Lehre oder beim öffentlichen Gedenken – überall finden sich überraschend große weiße Flecken bei dem Thema. Die NS-Verbrechen in Osteuropa bleiben im Verhältnis zu ihrer Opferzahl stark unterrepräsentiert. Dabei heißt es doch häufig, Deutschland habe die Untaten der Nazis vorbildlich aufgearbeitet.

Lücken in der Forschung

Noch am kleinsten sind die weißen Flecken in der wissenschaftlichen Forschung zum Holocaust und zu weiteren Verbrechen während des Nationalsozialismus – und doch sind sie auch dort beträchtlich groß. „Die Lücken sind größer als das, was wir wissen“, sagte der inzwischen verstorbene Holocaustforscher Raul Hilberg im Jahr 2006. „Wenn man von Lücken spricht, muss man daran denken, dass die meisten Unterlagen überhaupt noch nicht durchgesehen wurden.“ Es gebe unzählige Akten in verschiedenen Sammlungen zahlreicher Stadt- und Gemeindearchive mehrerer Länder Osteuropas. Viele westliche Holocaustforscher seien der dortigen Sprachen zudem gar nicht mächtig.

Heute, zwölf Jahre später betont der Historiker Dieter Pohl im Gespräch mit dem Rubikon, dass sich seitdem einiges getan habe. „Der Holocaust ist insgesamt eines der am besten erforschten Gebiete. Es wurden enorme Mittel in die Holocaustforschung hineingesteckt“, erläutert Pohl, der im österreichischen Klagenfurt lehrt. Doch klar festzustellen sei auch weiterhin eine Abnahme des Wissens von West nach Ost, so Pohl. „Je weiter wir nach Osten gehen, desto weniger wissen wir.“

Problematisch ist dies, weil die große Mehrzahl der NS-Opfer aus osteuropäischen Ländern stammte und diese Menschen auch dort von Wehrmacht, SS oder anderen Tätern ermordet wurden. Von den rund 600.000 Juden, die 1933 in Deutschland lebten, konnte die Mehrheit rechtzeitig auswandern. Rund 150.000 wurden letztlich ermordet. Hingegen waren mehr als fünf Millionen der mindestens 5,6 Millionen jüdischer Holocaustopfer Bürger Polens, der Sowjetunion, Ungarns und anderer Länder östlich und südöstlich Deutschlands. Rund drei Millionen von ihnen wurden in Vernichtungslagern vergast.

Der Berliner Historiker Stephan Lehnstaedt hat sich intensiv mit dem Thema befasst und kürzlich ein Buch zur „Aktion Reinhardt“ veröffentlicht. Unter diesem Decknamen firmierte die Errichtung und der Betrieb dreier Vernichtungslager im Osten Polens: Belzec, Treblinka, Sobibor. Diese Lager wurden ausschließlich zum Massenmord an deportierten Juden aus den Ghettos errichtet. Umfangreiche Zwangsarbeit wie in Auschwitz gab es hier nicht. Obwohl bei der Aktion Reinhardt mehr Juden ermordet wurden als in Auschwitz, gebe es nur wenige wissenschaftliche Arbeiten zu diesen drei Vernichtungslagern. Warum eigentlich?

„Zu Auschwitz wurde sehr viel geforscht, weil es dort mehrere tausend Überlebende gab, die anschließend größtenteils nach Israel oder in die USA ausgewandert sind; die Aktion Reinhardt überlebten aber nur 150 Menschen, die inzwischen alle gestorben sind“, erläutert Stephan Lehnstaedt im Rubikon-Interview.

Zudem verbrannte die SS die Leichen der Ermordeten, zerstampfte die verbliebenen Gebeine in Knochenmühlen, zerstörte die Lager noch vor Kriegsende und pflanzte Wälder an den früheren Standorten. Nichts sollte mehr auf die Verbrechen hinweisen. Nur wenige Geflohene, wie der aus Tschechien stammende Richard Glazar konnten später Zeugnis über die Zustände in diesen Lagern ablegen.

Der Holocaust der Einsatzgruppen

Neben den Toten der Gaskammern wurden aber fast genauso viele Juden Opfer deutscher Massenerschießungen. In den besetzten Teilen der Sowjetunion richteten SS-Einsatzgruppen, aber auch deutsche Polizisten, Soldaten sowie einheimische oder volksdeutsche Kollaborateure fast alle ergriffenen Juden an Ort und Stelle per Todesschuss hin. „Auch zu diesen Morden der Einsatzgruppen wissen wir insgesamt sehr wenig“, sagt Lehnstaedt.

Bezeichnend ist, dass es ein französischer Geistlicher namens Patrick Desbois war, der in Eigeninitiative umfassende Feldforschung zu diesem „vergessenen Holocaust“ in der Ukraine betrieb. Jedes vierte Holocaustopfer liegt allein in diesem Land verscharrt: 1,5 Millionen Menschen. Zwar nutzte Desbois die Forschungsergebnisse professioneller Historiker, die die Mord-Routen der SS-Einsatzgruppen wissenschaftlich nachgezeichnet hatten. Doch war er trotzdem der Erste, der die Massengräber mit einem kleinen Team vor Ort aufspürte, markierte und Aussagen noch lebender Augenzeugen dokumentierte. Kein Experte hatte das geleistet, sondern ein Priester, privat motiviert, mehr als 60 Jahre nach den Verbrechen.

„Wir haben uns in Deutschland viel mit deutschen Tätern und teilweise auch mit deutschen Opfern beschäftigt“, kritisiert Stephan Lehnstaedt, der am kleinen privaten jüdisch-amerikanischen Touro College in Berlin lehrt. Doch neben den Tatorten der Massenmorde interessiere auch nur wenige Wissenschaftler die Frage, wer die osteuropäischen Opfer gewesen waren. Die Lebenswelten der osteuropäischen Juden vor dem Holocaust müssten viel mehr erforscht werden, doch dies sei heute nur eine „Super-Spezial-Forschung“, so Lehnstaedt.

„Mit Gedenkstätten an den Tatorten allein ist es nicht getan. Wir haben Gedenken an den Mord, aber wir haben kein Gedenken an die Existenz dieser Menschen. Zum Holocaust gehört ja nicht nur der Mord, sondern auch die Auslöschung der Spuren ihrer Existenz. Auch indem man deren kulturelles Erbe auslöscht. Wir kennen ja nicht mal die Namen von den Leuten.“

Das Standardwerk zu sowjetischen Kriegsgefangenen ist 40 Jahre alt

Und dieser Befund gilt auch für nicht-jüdische Opfer. Eine „riesige Forschungslücke“ klafft – Dieter Pohl zufolge – beim Wissen über die getöteten sowjetischen Kriegsgefangenen. Im Vergleich zum Holocaust sei die Forschung zu diesem Thema minimal. Dabei ist auch bei diesem Verbrechen die Zahl der Opfer siebenstellig: Heute gehe man davon aus, dass 2,5 bis 3 Millionen Rotarmisten in deutscher Kriegsgefangenschaft ums Leben kamen. Die allermeisten davon ließ die Wehrmacht einfach verhungern.

„Es gibt zwar vereinzelte Studien über deren Schicksal im Reich, etwa in den Lagern in Norddeutschland, aber für die besetzten Gebiete gibt es nur sehr wenig“, erklärt der Historiker. Die Forschung stehe hier immer noch fast am Anfang. Das wissenschaftliche Standardwerk zu den sowjetischen Kriegsgefangenen ist noch immer Christian Streits Buch „Keine Kameraden“ aus dem Jahr 1978.

Das liege auch daran, dass es kaum Zeugenberichte und andere unmittelbare Dokumente der Opfer gebe, erläutert Pohl. „Da ist die Quellenlage katastrophal.“ Denn auch in der Sowjetunion seien diese Verbrechen tabuisiert worden. „Lange galt die Kriegsgefangenschaft dort als Schande und wurde unter Stalin auch massiv bestraft. Unter Chruschtschow kam das Thema kurz hoch, es war aber lange mit dem Vorwurf der Feigheit belastet.“ Viel zu wenig wurde dokumentiert, als es noch möglich war. Erst seit den 1990er Jahren waren die Archive Osteuropas für Forschungen zugänglich. Aber kaum einer der damaligen Überlebenden lebt heute noch.

Weitere Opfergruppen der Nazis, über die zu wenig wissenschaftliche Erkenntnisse vorliegen, seien die Toten des Anti-Partisanen-Kampfes, die Opfer der deutschen Hungerpolitik in der Sowjetunion, die zivilen Opfer in Griechenland und generell jüdische Frauen und Kinder, so Dieter Pohl.

Lücken in der Lehre

Weitere Lücken tun sich in der universitären Lehre auf. Holocaust und Nationalsozialismus würden schwerpunktmäßig nur an den Universitäten in München, Berlin und Frankfurt am Main gelehrt. Dort gebe es spezialisierte Lehrstühle dafür, sagt Stephan Lehnstaedt. Gerade an kleineren Universitäten existiere ein Mangel an Lehrveranstaltungen zu diesen Themen. „Es ist durchaus möglich, dass jemand, der an einer kleineren Universität Lehramt studiert, innerhalb von vier Semestern keine einzige Veranstaltung dazu angeboten bekommt.“

In einer Studie ermittelte der Historiker Johannes Tuchel zudem, dass etwa zwei Drittel aller Veranstaltung zu Nationalsozialismus und Holocaust sich lediglich mit der Nachgeschichte der Verbrechen befassen, in nur einem Drittel werde die reale Zeitgeschichte thematisiert. Also zugespitzt: Wiedergutmachung, Denkmalkultur und Darstellung im Theater statt Ghetto, Deportation und Massengrab. Dies gelte für alle Fachrichtungen, nicht nur für die Geschichtswissenschaft.

Mit der Professur von Sybille Steinbacher am Fritz-Bauer-Institut der Universität Frankfurt am Main existiere in Deutschland nur ein einziger staatlicher Lehrstuhl für Holocaust-Studien. Und das auch erst seit letztem Jahr, so Lehnstaedt. „Die Holocaust-Lehre kommt ziemlich kurz.“ Auch zum Thema Nationalsozialismus generell habe es in den 1970er und -80er Jahren deutlich mehr Lehrveranstaltungen gegeben als heute, kritisiert der Berliner Historiker. „Akademisch gesehen hat das Interesse nachgelassen. Das ist gesellschafts-politisch durchaus problematisch.“

Dieter Pohl sieht das anders: Der Nationalsozialismus sei in Deutschland und Österreich absoluter Schwerpunkt in der Lehre der Zeitgeschichte. „Inzwischen fällt sogar die Geschichte zur Weimarer Republik oder zur Bundesrepublik zurück.“ Lehrveranstaltungen zum Nationalsozialismus seien sehr gut besucht und von Studenten nachgefragt. Der Historiker aus Klagenfurt hält auch die Einrichtung spezieller Lehrstühle zur Holocaustforschung für problematisch. Dies führe letztlich zu einer „Verinselung“. Die Themen drum herum – wie deutsche Besatzungspolitik oder die Geschichte der NS-Bewegung – gehörten zum Verständnis des Verbrechens zwingend dazu.

Lücken im Gedenken

Am größten jedoch sind die Lücken im allgemeinen Wissen und öffentlichen Gedenken. Die Massenerschießungen der Einsatzgruppen sind in ihrer Dimension eher unbekannt. Deutsche TV-Dokumentationen konzentrieren sich eher auf „Hitlers Helfer“, auf Adolf Hitler selbst oder auf das Leiden deutscher Soldaten in Stalingrad. Auch die östlichen Vernichtungslager sind selten Thema. Zwar habe die Bevölkerung in Deutschland ein sehr hohes Interesse an den Themen Nationalsozialismus und Holocaust – so verzeichneten die Gedenkstätten hierzulande reihenweise Besucherrekorde – doch zeigt die Verengung auch hier ihre Wirkung.

„Wir haben in der Öffentlichkeit nicht das ganze Bild im Blick. Wer sich die Konzentrationslager Dachau oder Sachsenhausen anschaut – das ist wichtig, da muss man hingehen – aber der lernt vor allem etwas über die Verfolgung von Deutschen durch Deutsche.“

Das in Medien, Schulen und Kultur sehr häufig dargestellte Schicksal der Anne Frank sei eine berührende, beeindruckende Geschichte, unterstreicht Lehnstaedt. Das Mädchen und ihre Eltern versteckten sich mit anderen deutsch-jüdischen Familien vergeblich in den Niederlanden. „Aber Anne Frank ist für den Holocaust überhaupt nicht repräsentativ. Darüber muss man sich mal klar werden.“

Ähnliches gelte für Auschwitz. Die Gedenkstätte dort besuchen jährlich mittlerweile 1,5 Millionen Menschen. In die Gedenkstätten Treblinka, Belzec und Sobibor kommen täglich nur einige Dutzend Menschen.

„Wir denken, Auschwitz symbolisiert uns den Holocaust. Aber was Auschwitz symbolisiert ist in Wirklichkeit die Zwangsarbeit. Das Gelände ist ja nur so groß, weil dort die ganzen Baracken standen, für die Juden, die Zwangsarbeit leisten mussten. Die Gaskammern die stehen irgendwo ganz hinten und die sieht man auch kaum. Wesentlich typischer für die Opfer ist ja das Massengrab irgendwo in der Ukraine oder etwa die Gedenkstätte des Vernichtungslagers Treblinka. Aber an all diesen Orten sieht man letztlich nichts.“

So scheint es auch die Politik zu halten. Nur die Gedenkstätte Auschwitz erhalte jährlich Geld aus Deutschland, erläutert Stephan Lehnstaedt. Alle anderen ausländischen Gedenkstätten bekämen höchstens projektbezogen Geld, wenn sie es beantragen.

Bis heute habe Deutschland keine finanziellen Mittel für den Erhalt oder das Gedenken in den Lagern der Aktion Reinhardt bereitgestellt, kritisiert er. Das Museum der Gedenkstätte Sobibor musste sogar wegen Geldmangels schließen. Deutschland stellte auch hier kein Geld zur Verfügung – mit der zynischen und sachlich auch falschen Begründung, es habe ja keine deutschen Opfer in Sobibor gegeben. Erst ganz aktuell hat Lehnstaedt vom Auswärtigen Amt erfahren, dass jetzt auf einen Antrag aus Polen Geld für den Neubau des Museums bewilligt werde.

„Weltmeister der Vergangenheitsbewältigung“

Deutschland habe es geschafft, im nationalen Rahmen mit der Arbeit der Gedenkstätten eine funktionierende Gedenkkultur einzurichten. Doch hierzulande sei man auch sehr selbstzufrieden, sagt Lehnstaedt. „Wir haben es geschafft, die eigene Aufarbeitungsleistung vor allem nach außen gut zu verkaufen. Wir gelten als Weltmeister der Vergangenheitsbewältigung.“ Dabei ist großen Teilen der deutschen Öffentlichkeit bis heute nicht klar, wie wählerisch sie bei ihrem Gedenken sind. Deutlich zeigt dies auch folgendes Beispiel.

Der Historiker und Journalist Lutz C. Klevemann schildert in seinem Buch „Lemberg“ ein Gespräch mit einem ukrainischen Journalisten. Zuvor stellt Klevemann die Geschichte der westukrainischen Großstadt vor. Er konzentriert sich dabei auf die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts, in der die Stadt viele Extremphasen durchstehen musste. Unter anderem geht es um das große Pogrom an den Lemberger Juden im Sommer 1941, um Ghetto und KZ in der Stadt und darum, dass die ukrainische Bevölkerung der Stadt davon bis heute nichts wissen will.

Etwas von oben herab belehrt Klevemann nun seinen ukrainischen Kollegen, dass die „Aufarbeitung des Holocaust inzwischen Teil der europäischen Identität“ sei. Wenn die Ukraine zu Europa gehören wolle, müsse sie sich auch selbstkritisch ihrer Geschichte zwischen 1941 und 1944 stellen. Ganz unrecht hat er damit nicht, doch sein Gesprächspartner weist ihn auf die Doppelmoral dieser Aussage hin, denn auch Deutschland hat seine Schuld gegenüber den sowjetischen Kriegsgefangenen nicht aufgearbeitet. (1) Das Lemberger Lager, in dem die Wehrmacht 140.000 Kriegsgefangene sterben ließ, hatte Klevemann bei seinen Recherchen in der Stadt bis dahin auch völlig übersehen. Dann schreibt er:

„Diese Leerstelle in der deutschen Vergangenheitsbewältigung wurde paradoxerweise auch dadurch vergrößert, dass sich (…) die Frage der deutschen Schuld bis heute auf den Holocaust konzentriert. Es ist die Kehrseite eines zunehmend auf das KZ Auschwitz verengten (…) Gedenkens, dass es von den Verbrechen der Wehrmacht ablenkt.“

Juden und andere Opfergruppen der Nazis sollen hier nicht gegeneinander ausgespielt werden. Wegen seiner Dimension und Systematik dominiere der Holocaust die öffentliche Wahrnehmung, erläutert Stephan Lehnstaedt. „Vernichtungslager gab es eben nur für die Juden.“ Aber all die anderen Morde waren nicht weniger schlimm, ergänzt er. Die Euthanasie-Opfer in Deutschland erhalten noch ein wenig Aufmerksamkeit, doch über Sinti und Roma oder über die Völker in den besetzten Ländern Osteuropas rede kaum jemand. Zwei Millionen Polen starben während des Krieges, in Weißrussland starb ein Viertel der gesamten Bevölkerung, in der Ukraine annähernd so viele. Fast jedes zweite Kriegsopfer war Einwohner der Sowjetunion. „Wir können auch nach Griechenland oder Jugoslawien schauen“, sagt Lehnstaedt. „Die Menschen wurden dort massenweise ermordet. Darüber reden wir überhaupt nicht. Dazu findet kein Gedenken statt.“

Gesamtes Gedenken leidet unter West-Ost-Gefälle

Doch nicht nur das Wissen, sondern auch das Gedenken nimmt von West nach Ost ab. Auch die erschossenen Lemberger Juden, die im Stadtwald Lissinitschi in 47 Massengräbern liegen, oder diejenigen, die im städtischen KZ Janowska von sadistischen SS-Leuten zu Tode gequält wurden, genauso wie die, die nach Belzec zur Vergasung deportiert wurden, sind hierzulande unbekannt. Ja, wer weiß schon, dass Juden mit über 130.000 Menschen ein Drittel der Einwohnerschaft Lembergs (heute Lwiw) bildeten, von denen am Ende nur 700 überlebten? Und das ist nur eine einzige der zahlreichen Städte.

Nochmal Klevemann:

„Setzte man für alle jüdischen Bewohner vor ihren einstigen Hauseingängen die „Stolpersteine“ des Künstlers Gunter Demnig – die Straßen der Stadt würden golden schimmern.“

Auch wenn in der Ukraine oder Russland der Opfergruppen deutlich weniger gedacht wird als in Deutschland, sollte dies keine Ausrede sein. Desto wichtiger ist es, dieses Leids, das von Deutschen ausging, angemessen zu gedenken, sagt der Osteuropahistoriker Hans-Heinrich Nolte auf Rubikon-Anfrage. Schließlich waren die Menschen Opfer deutscher Verbrechen. Im öffentlichen Gedenken spielen die Hungermorde an den sowjetischen Kriegsgefangenen nur eine geringe Rolle – auch weil es die Sowjets als passive Opfer zeigt, während wir gern die Schuld des Stalinismus betonen, erläutert der Historiker aus Hannover.

Das deutsche Gedenken an die Opfer bezieht sich schon sehr auf den eigenen Kontext, kritisiert auch Dieter Pohl. Das sehe man etwa an den Gedenkfeiern zum 9. November (Pogromnacht 1938). „Niemand würde in Deutschland darauf kommen, des 22. Julis 1942 zu gedenken. Das ist der Beginn der Deportationen aus dem Warschauer Ghetto. Das war eine der größten Vernichtungsaktionen überhaupt.“ Ein weiteres Datum wäre der 29. September 1941, an dem die Massenerschießungen von Babyn Jar begannen, so Pohl.

Tatsächlich gibt es zahlreiche solche Daten, sodass man fast jeden Tag des Jahres in Gedenkfeierlichkeiten an Massaker, Hungermorde oder Massenvergasungen durch Deutsche in Osteuropa erinnern müsste. Würde das dem tatsächlichen Gedenken helfen oder eher das Gegenteil bewirken? Wer weiß. Doch die tatsächlichen Schwerpunkte der Verbrechen und ihre Opfer überhaupt zu kennen, wäre schon ein großer Fortschritt.


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Anmerkung:

(1) Das gilt auch für Entschädigungszahlungen des deutschen Staates: Erst im Mai 2015 beschloss der Bundestag, den wenigen Überlebenden jeweils 2500 Euro ohne Anerkennung einer Rechtspflicht zu zahlen. Anders als Zwangsarbeiter und Holocaust-Überlebende hatten gefangene Rotarmisten von Deutschland zuvor nie eine Entschädigung erhalten.


Literatur:

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