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An der Epochenschwelle

An der Epochenschwelle

Der WikiLeaks-Gründer Julian Assange muss als eine wesentliche Figur der Zeitgeschichte betrachtet werden.

In Julian Assange sehe ich einerseits den Mitgestalter, aber auch den Leidtragenden dieser epochalen Wende, die ich als ebenso wichtig erachte wie den Beginn der Neuzeit vor 400 bis 500 Jahren. Dabei erweitere ich das Profil des WikiLeaks-Gründers: Julian Assange ist für mich eine Person der Zeitgeschichte und des Zeitenumbruchs; er hat nicht nur Licht in den Dschungel der Herrschaftsverhältnisse und Informationsgesellschaft gebracht, er hat auch Begriffe wie Wahrheit, Freiheit und Demokratie neu justiert.

„Das Schwierigste für Personen, die eingesperrt sind, ist die Monotonie. Ich versuche jeden Tag so verschieden wie möglich zu gestalten, so unterschiedlich es geht — und es ist nie verschieden genug für mich.“

So äußert sich Julian Assange in einem seiner Interviews. Leben heißt Verschiedenheit. Der Mensch allein und ohne sinnlichen Weltbezug, ohne Kommunikation mit anderen; das ist Isolationsfolter und damit eine schlechte Form der Unendlichkeit, ein ewiges Gleiches, das in der christlichen Heilsgeschichte und auch bei Dante mit Recht als Hölle ausgewiesen wurde. Was sollte die Hölle auch anderes sein!

In diesem Zustand trifft der Sonderbeauftragte der UNO für Folter, Nils Melzer, Julian Assange im Hochsicherheitstrakt eines Londoner Gefängnisses.

Am Ende des Treffens, berichtet Melzer, habe Julian Assange seine Hand etwas fester gedrückt als normal, mit dieser verzweifelten Bitte: „Please, save my life.”- Wo sind wir hier: in einem schlechten Film — oder mitten in einer martialisch anmutenden Realität?

Um ein Wort von Bert Brecht abzuwandeln: Was sind das für Zeiten, in denen ein Aufklärer im alten Kantischen Sinne um sein Leben fürchten muss — und die Welt schaut zu oder toleriert in dumpfer Gleichgültigkeit die innere und äußere Zerstörung einer Person. Nicht lange vorher wurde von den allgegenwärtigen Medien und den dahinterstehenden Kräften ein anderes Bild von Julian Assange gesendet, das einen gealterten Menschen zeigt, den man wohlweislich so zugerichtet hatte, dass er als Unsympath — wie man so schön sagt „rüberkommt“ — einer, den man einem vermeintlich schmuddeligen Schmarotzermilieu zuordnen soll, einer, dem durchaus auch zuzutrauen ist, dass man über ihn sagt, er schmiert die Wände voll, fährt Rollerskates in der Ecuadorianischen Botschaft, oder dass er sich gewaltbereit an Frauen heranmacht.

Die Welt ist schnell bei der Hand mit Bildern, deren wohl wichtigste Funktion es ist, Effekte herzustellen, die einen Menschen erniedrigen — was vielfach heißt, ihn zum „Fall“ zu machen. Fall: Ein anrüchiges Wort, das man bei Assange vermeiden sollte. Zu Julian Assange fällt mir indes eine zweite, vielleicht noch wichtigere Fassung des Kantischen Imperativs ein: „Instrumentalisiere nie einen Menschen für deine eigenen Zwecke, sondern seh‘ in ihm einen Zweck an sich selbst.“ Genau diesen Respekt vor der Würde des Menschen hat man — und dieses „man“ ist sehr diffus zusammengesetzt aus dem Machtwillen der Wenigen und der Ignoranz der Vielen — Julian Assange verweigert.

Julian Assange, der Erfinder und Gestalter von WikiLeaks, befindet sich zurzeit auch zwei Jahre nach dem Treffen mit Nils Melzer immer noch in der britischen Justizvollzugsanstalt Belmarsh, ausgesetzt einer Isolationsfolter, ausgesetzt der täglichen Drohung, an die USA ausgeliefert zu werden, weil — ja bitte, warum? — sagen wir es doch einfach: Weil er den Mächtigen ein Dorn im Auge ist, weil er gewagt hat, einzutreten für etwas, das uns alle angeht und über Assange selbst und seine persönlichen Motive hinausgeht.

Julian Assange sind wir alle, wenn denn Wahrheit und Moral überhaupt noch eine Bedeutung haben sollen und als Ausweis unseres Gerechtigkeitsempfindens gelten können. Da wird ein Aufklärer, der mithilfe von Whistleblowern über Kriegsverbrechen berichten konnte, kaltgestellt — und mit ihm in diesen düsteren Zeiten ein dringend notwendiges Korrektiv zur Macht. Einer Macht, die nicht nur von klassischen Machthabern getragen wird, sondern sich mit Hilfe flankierender Medien aus raffinierten Strategien speist.

Das etwas andere Profil

Eine erste Einschätzung, die ich hier an den Anfang setzen möchte:

Julian Assange hat in einer Zeit, die in all ihren Turbulenzen für einen dramatischen Übergang in eine neue Epoche steht, die Grundlagen für Demokratie, Freiheit und — vor allem — Wahrheit neu justiert. Das ist sein Verdienst.

Diese Einschätzung verzichtet auf ein Porträt, das in üblicher Weise in der Auftrennung von Künstler und Mensch gipfelt, um gerade an Letzterem den Story-telling-Effekt zu entfalten. Eine Auftrennung, die oftmals schon zur Lobhudelei oder Vernichtung einer Person genutzt wird. Bei Assange war man schon früh darauf aus, ihn mithilfe eines üblen selektiven Moralismus der Entlarvung in die Rolle eines Egomanen zu drängen.

Ich möchte hingegen hier eher phänomenologisch historisch pragmatisch vorgehen, um ein Bild von Assange und seiner Bedeutung zu vermitteln. Das führt gleich zu einer Besonderheit: Julian Assange war für sechs, sieben Jahre wie wohl kein Zweiter auf der Welt ein — nein, der Phänotyp der Stunde. Inzwischen weht ihm ein Windstoß aus bösen Absichten und Ressentiments entgegen: „Times they are changing“, und das bedeutet — lieber Bob Dylan — heute fast durchweg nichts Gutes.

Die Fronten sind verhärtet, weil der Zeitgeist sich andererseits auf andere Diskurse und Schwerpunkte eingeschworen hat und diese klammheimliche Löschung und Ausblendung bewusst lanciert wird. Die Ökonomie der Aufmerksamkeit hat hier ganze Arbeit geleistet. Der Willkürfaktor von oben, an Assange exekutiert, hat sich mithilfe willfähriger, ja leider oftmals gleichgeschalteter Medien erhöht, aber wird auch mitgetragen von einer atomisierten, oftmals frustrierten Mehrheit, die sich über den digitalen Dauershitstorm von sich selbst entfremdet hat.

Dies sorgt dafür, dass alles irgendwie relativiert wird, austauschbar, was Inhalte betrifft — bis auf den nackten Machtwillen und die immer wieder bemühten Skandale. Kurz: Es sollte an der Zeit sein, die Bedeutung dieses Mannes für die Zeitgeschichte hervorzuheben.

Meine erste These dazu:

Assange und seine WikiLeaks-Gründung stehen am Anfang einer neuen Epoche, die eine Revolution und einen Zivilisationsbruch darstellt. Es geht ums Ganze: Assange schöpft aus verschiedenen Quellen — wie die australische Sängerin Heather uns schon nahebringen konnte: aus der Weisheit der australischen Ureinwohner und deren Bewusstsein der Geschichte und der Essenz des Lebens, dazu aus einer unbestritten epochal technischen, medialen und politischen Entwicklung und nicht zuletzt aus seiner Biografie, die uns bald klarmacht, dass er schon seit Jugendjahren auf der Höhe seiner Zeit agierte. Und vieles voraussah.

Geht die Neuzeit zu Ende? — Ein Vergleich

Als Philosoph erlaube ich mir an dieser Stelle ein wenig gedanklich herumzuwildern in der Geschichte der Fakten und Ideen, Mentalitäten und Machtdispositive. Man fragt sich dann: Wie war und ist in der Geschichte das Verhältnis von Kontinuität und Bruch? Was ist oder auch war jeweils das Neue, und wie stellt es sich dar. wie vor allem wird es in Kenntnis von McLuhans Diktum „Das Medium ist die Botschaft“ heute vermittelt?

Ich treffe da 500 Jahre zurück auf den Philosophen Blaise Pascal, der sich, wie viele Denker damals, um Einsicht bemühte, die beginnende neue Zeit auszuleuchten.

Dabei fällt auf: Pascal fasst das Schicksal der beginnenden Neuzeit überraschend modern, wie das folgende Zitat beweist:

„Die Tragödie des Menschen beginnt damit, dass er es nicht mehr aushält, allein und still in seinem Zimmer zu sein.“

Assoziationen seien an dieser Stelle schon erlaubt. Sie führen uns geradewegs in die Seelenlandschaft der späten Moderne — also in das Innere unserer Zeit. Hin zu den von Norbert Elias eindrucksvoll beschriebenen Individualisierungsschüben, die heute so prekär verlaufen und in globalem Ausmaß von totalitären Systemen hintertrieben werden. Selbst in harmlos erscheinenden Blockbustern wie „Kevin allein zu Haus“ nachweisbar.

Blaise Pascal war nicht nur Philosoph, Mathematiker und Astronom, er war auch ein Kind seiner Zeit, für die Gott und die christliche Heilsgeschichte noch ein existentiell gewichtiges Thema war, getragen von einem aristotelischen und ptolemäischen Weltbild. Das löste sich auf, was damals eine tiefe Beunruhigung verursachte. In diesem Sinne ist Pascals zweites Zitat einzuordnen. Er spricht hier als Astronom, aber auch als ein in Zweifel getauchter Christ, der mit einem Bein noch im Mittelalter steckt.

„Das ewige Schweigen der unendlichen Räume macht mich schaudern.“

Versuchen wir einmal beide Zitate auf heute zu beziehen und in unseren speziellen Erfahrungsraum einzugliedern. Es lohnt sich.

Wohin führt uns da das erste Zitat?

Dem Einzimmerbewohner begegnen wir ja durchaus heute — allerdings wird dieser medial umsorgt. Aber zu welchem Preis? Er ist trotz wahnhafter Zuführung von Kommunikation und Information ein „Homo clausus“ geblieben, ein für sich abgeschlossener Mensch, allerdings mit riesigen digitalen Antennen. Er schrumpft dabei immer mehr zu einer Datensammlung, die in Form eines ständigen Inputs und Outputs seine Identität fesselt, auch hintertreibt. Stillsitzen wie ein Mönch — das kann er wohl nicht mehr. Eher erscheint er als ein Exponent der Like- und Dislike-Kultur, die unsere Gegenwart zu einem fiebrigen Provisorium eindampft, mobil im Sessel sitzend, erregt — online. Ein Sesselmensch in „Sesselhaft“, heimgesucht von „rasendem Stillstand“, wie Paul Virilio ihn beschreibt.

Wie steht es in diesem Horizont um das zweite Zitat? Löst das ewige Schweigen der unendlichen Räume in uns noch Schauder aus?

Nein, es beunruhigt uns nicht mehr allzu sehr — wie die große Akzeptanz für Blockbuster anzeigt — und es beunruhigt uns auch nicht sehr, dass Gott in den ewigen Weiten dieser Unendlichkeit verschwunden ist, also zu einem Deus Absconditus — einem abwesenden Gott — geworden ist. Damals beunruhigte die Menschen dieser ferne Gott „zersprengt in Stratosphären“, so Gottfried Benn, allerdings schon aufs Heftigste. Was aber beunruhigt uns, wenn denn der Vergleich einen Sinn machen soll?

Auch wir haben ein Problem mit dem Unendlichen.

Es betrifft eine Dysbalance: das Ungleichgewicht zwischen der Unendlichkeit der Welt-Zeit gegenüber unserer eigenen individuellen Endlichkeit. Dieses Bewusstsein, zugleich eine eherne Faktizität, bestimmt unser modernes Schicksal — und raubt uns bis heute viel von der dringend benötigten Gelassenheit. Dazu scheint uns mit der Abwesenheit Gottes metaphysisch gesprochen auch die darin verschwundene Wahrheit abhandengekommen zu sein. Hieß es doch damals noch: Gott ist nach eigenen Worten „der Weg, die Wahrheit und das Leben.“

Wir leben in Zeiten einer Flut von Informationen und eben auch Bildern, hinter der die Heilsgeschichte und das alte göttliche Maß der Wahrheit verschwindet. Was ist Wahrheit? Welche Rolle spielt sie noch? Ist dies nicht die entscheidende Frage unserer Zeit?

Sie betrifft dabei weniger erkenntnistheoretische als vielmehr existentielle Aspekte — bis ins Mark unseres Bewusstseins.

Julian Assange und die Frage nach Wahrheit und Freiheit

An dieser Stelle treffen wir auf Julian Assange, mit dem wir fragen: Wie können wir die wichtigen Informationen erkennen in diesem riesigen Feld voller Fakten, Informationen und Datentransfers? Was können wir erkennen, wenn wir uns das Exerzierfeld der späten Moderne aus der Ferne anschauen? Und um die Fragen mithilfe von Assange zu vervollständigen: Können wir irgendwie die Informationen erkennen, die geeignet wären, einen Wandel, und zwar einen positiven, in der Welt auszulösen? Was läuft da offensichtlich schief?

Eine einfache, fast banale Antwort darauf liefert Julian Assange in einem Interview. Darin beschreibt er das Misslingen dieses Projekts der Wahrheit an einem Beispiel: Einem Wikipedia-Autor wird ein wichtiges Dokument zugespielt, in dem in unbezweifelbarer Klarheit über ein Kriegsverbrechen berichtet wird. Aber er und auch andere, reichen es nicht weiter an die Öffentlichkeit. Sie zögern, wie sie darüber berichten sollen. Sie gehen der Wahrheit aus dem Weg. Dazu Assange:

Zitat

„Warum kümmerte sich niemand um dieses außergewöhnliche Dokument? Hierfür habe ich zwei Erklärungen: Die erste, wohlwollende Erklärung ist die, dass diese Personen nicht wissen, wie man eine intellektuelle Debatte führt. Sie sind durch die Mainstream-Medien gezähmt worden. Sie reagieren nur noch auf das, was die New York Times auf ihrer Titelseite schreibt. Ich denke, der Hauptgrund ist jedoch, dass viele nur schreiben, um ihre Konformität mit den Werten ihres Herausgebers anzupreisen.“

So ist es wohl — und es droht, wie die beiden letzten Jahre bewiesen haben, immer schlimmer zu werden. Julian Assange wollte diesem Trend zur Auszehrung der Wahrheit, ihrer Diffusion und Auslöschung schon sehr früh begegnen. Dazu bedurfte es eines Konzeptes, das sich auch entwickeln musste — aus seiner Biografie, seiner Zeit, seiner Epoche, die im Rufe steht, einen Zivilisationsbruch herbeigeführt zu haben, der alles ins Schwanken bringt.

Der Zeitgeist und der Geist der Zeit und die eigene Biografie

Das führt mich zu einer weiteren These: In Julian Assange kreuzen sich in einmaliger Weise Biografie und Zeitgeschichte, „Zeitgeist“ und der „Geist der Zeit“. Gerade Letzteres bedarf der Erläuterung. Zeitgeist ist jenes schwankende Subjekt, in dem die Moden kommen und gehen und auch die Schleichwege der Täuschung sich Bahn brechen. Der Geist der Zeit aber stellt die reflektierte Form der Einsicht in die Zeitläufe — frei nach Hegels Diktum: Die Philosophie ist die Zeit in Gedanken erfasst. Und die Gedanken sind geistige reflektierte Bewegungen in der Zeit.

Dazu ein Sprung in die Biografie und die nun jüngere Zeitgeschichte. Ich möchte diesen Sprung mit einem melancholischen Zitat des Schriftstellers Ralf Rothmann beginnen:

„Wenn die Träume aufhören, fängt das Trauma an.“

Dazu Julian Assange selbst:

„Ich war ein sehr neugieriges Kind, das immer nach dem “Warum” fragte und Wissensgrenzen überwinden wollte, was dazu führte, dass ich im Alter von 15 Jahren Verschlüsselungssysteme knacken konnte, die beispielsweise die Weitergabe von Software verhindern oder mit denen Informationen auf Regierungscomputern versteckt werden sollten.“

Will man es klarer formuliert haben? Da spricht der jugendliche Hacker, der fast spielerisch auf Entschlüsselung und Verschlüsselung gewichtiger Fakten und Informationen aus ist, fasziniert von einer neu entfesselten Kommunikation, die originäre Formen von Communities über Grenzen hinaus schafft, aber eben auch „überschaubare Gemeinden“, wie Assange das einmal nannte. So etwas macht Spaß und erschüttert die Macht. So etwas brachte Assange unter anderem zur Weltsicht der Aborigines, aber auch nach San Francisco.

Das Fundament für WikiLeaks wurde offensichtlich in der Kindheit gelegt, dort wo normalerweise alle Träume beginnen: Es folgen die Achtziger, wo das ständig seinen Wohnsitz wechselnde Kind Julian zu Silicon Valley in Kontakt trat. Dort lebte ein gewisser Steve Jobs mit dem ersten Apple-PC seine Hippie-Visionen aus, mithilfe von Startuplern, Nerds und kapitalistischen Geldgebern. Es lag da was in der Luft — und Menschen wie Assange spürten das. Aber diese Allianz aus Traum und harten Dollars konnte indes nicht lange halten. 1994 kam dann das Internet hinzu.

Assange ist 25 Jahre alt, als das Internet seinen Siegeszug beginnt, zum Teil, von heute aus wehmütig betrachtet, aufgrund einer wunderbaren Gleichzeitigkeit von Schillerschem Spieltrieb — Homo ludens — und der kapitalträchtigen Entdeckung einer neuen Welt. Man konnte ja fast fragen: Übernimmt die Jugend nun das Ruder? Oder die Piraten? Derweil drehte sich die Welt allerdings weiter — damals um die Frage: Ist die Geschichte zu Ende oder beginnt sie aufs Neue? Man muss diese technologisch kommunikative und politische Dimension im Auge behalten, um das Folgende zu verstehen. Dazu dieses Zitat, in dem Assange seine Philosophie in der Cypherpunk-Bewegung verankert sah:

„Das war eine Ansammlung von Leuten aus Kalifornien, Europa und Australien, die sahen, dass sie die Beziehung zwischen Staat und Individuum durch den Einsatz von Verschlüsselungstechniken verändern konnten. Viele von ihnen konnten gut mit höherer Mathematik, Verschlüsselungstechnik und Physik umgehen, interessierten sich für Politik und hatten das Gefühl, dass die Beziehung zwischen Individuum und Staat verändert werden und der Staat von den Individuen auf Machtmissbrauch hin überwacht werden sollte.“

Man mag von heute aus betrachtet ungläubig staunen über soviel an politisch-philosophischem Konzept — vielleicht auch Naivität —, das die neuen Möglichkeiten des Netzes mit der Vision einer neuen Welt verband, die sich indes auf alte Verkehrsformen und Werte wie Wahrheit, Freiheit und Gemeinsinn stützte.

Wie die Piratenbewegung und die Bewegungen in den arabischen Staaten später zeigten, konnte das nicht lange währen. Aber — und das unterschied Julian Assange von all den Bewegten aus dieser Zeit, hießen sie nun Bill Gates oder Mark Zuckerberg oder Mister Irgendwer von Amazon und Mister Irgendwo von Google, die heute die Welt über Datenabgriff und Cloud-Zentrierung regieren — Assange blieb konkret am Ball seiner Kindheitsträume, und das Ergebnis war WikiLeaks: eine Konfrontation mit den Mächtigen.

Ist es Zufall, dass sich in meiner Spurensuche Steve Jobs und Julian Assange noch einmal „at the edge of time“ kreuzten? 2006 inszenierte Jobs eine seiner legendären Apple-Präsentationen in San Francisco, schon mit den ersten Merkmalen seiner Krebserkrankung gezeichnet, aber deshalb umso mehr die Rolle des Messias ausfüllend, sein Gerät wie einen heiligen Gral in den Händen haltend vor einer devot eingestimmten Gemeinde, während Julian Assange im gleichen Jahr WikiLeaks gründete,basierend auf einer Vision: War das nicht eine Illusion oder Anmaßung?

Was seither geschah, haben wir ja gesehen: Das Imperium schlug zurück — und die Mehrheit blieb stumm, oder ließ sich von der Antiquiertheit ihrer Gefühle zur Ignoranz verleiten.

Julian Assange entwickelte derweil ein Konzept, das für sieben, acht Jahre den Geist der Zeit beherrschte und ihn zum Helden der Stunde macht — verbunden mit einer Anmutung: „Philosophy goes life“oder: Die Wahrheit entfaltet sich. Sie muss im Zeitalter der Daten, Informationen neu justiert werden.

Die neue Philosophie

Ganz entscheidend dabei: Die von ihm ins Zentrum gesetzte Freiheit bezieht sich nicht nur auf die später so dominante Entschlüsselung, sondern auch auf Techniken der Verschlüsselung — aus der Perspektive der WikiLeaks-Aktivisten sind dies sinnvolle Aktionen zum Selbstschutz der Aktivisten.

Noch einmal greife ich seinen Terminus einer Kryptografie auf. Er selbst definiert sich als ein Verschlüsselungsingenieur. Nur so — weiß er schon früh — können wir im Dschungel der Informationen und der institutionalisierten globalen Mächte überleben, mehr oder minder eingefasst auf der Ebene von eher überschaubaren, interaktiv verbundenen Gemeinschaften. Was später als „Community“ und „Social Network“ marktkonform trivialisiert wurde, begreift Assange als Kern einer neuen Weltaneignung. Er etabliert dazu hintergründig auch einen Begriff von Wahrheit, der eher an Existenzphilosophen denken lässt als an klassische Wahrheitstheorien.

Eine gelenkte Ökonomie der Aufmerksamkeit und ein widerliches Framing sorgten indes dafür, dass er selbst als Person leidvoll erfahren musste, wie Wahrheit und Freiheit einem Perspektivismus des Willkürlichen weichen müssen. Nils Melzer erinnert daran:

„Stellen Sie sich einen dunklen Raum vor. Plötzlich richtet einer das Licht auf den Elefanten im Raum, auf Kriegsverbrecher, auf Korruption. Assange ist der Mann mit dem Scheinwerfer. Die Regierungen sind einen Moment lang schockiert. Dann drehen sie mit den Vergewaltigungsvorwürfen den Lichtkegel um. Ein Klassiker in der Manipulation der öffentlichen Meinung.

Der Elefant steht wieder im Dunkeln, hinter dem Spotlight. Stattdessen steht jetzt Assange im Fokus, und wir sprechen darüber, ob er in der Botschaft Rollbrett fährt, ob er seine Katze richtig füttert. Wir wissen plötzlich alle, dass er ein Vergewaltiger ist, ein Hacker, Spion und Narzisst. Und die von ihm enthüllten Missstände und Kriegsverbrechen verblassen im Dunkeln. So ist es auch mir ergangen. Trotz meiner Berufserfahrung, die mich zur Vorsicht mahnen sollte.“

Das Umfeld für Wahrheit ist hier schon durch Perspektivismus vergiftet, wird Instrument der Lüge. Gegen diesen versumpften Relativismus aus der Like-Dislike -Kultur wählt Assange einen völlig anderen Ansatz. Er findet ihn — und das mag überraschen — in einer Wissenschaft, der Physik, und vielleicht unbewusst eher aus dem Wurzelgeflecht einer Philosophie des Lebens, in der Wahrheit nicht einfach positivistisch eingeengt wird, sondern erst in einem gelingenden Leben sich selbst generiert.

Dazu ein kurzer Vergleich mit dem Philosophen und Metaphernforscher Hans Blumenberg und seiner These zur Legitimität der Neuzeit.

Blumenberg sucht für den Anfang der Neuzeit nach einem Paradigma, aus dem die Neuzeit sich sinnvoll legitimieren kann. Das durfte indes nicht mehr die Religion sein, wohl aber die Physik, die Forscher wie Kopernikus, Newton, Galilei zur Basis für ein gelungenes Leben wählen. Die frühen Aufklärer finden es im Beharrungsvermögen, einer vis inertiae, die durch Gesetze und Beobachtungen in der Physik freigesetzt wird. Aus der Einsicht einer beharrenden Dauer wuchs in ihnen eine Art Weltvertrauen und eine Selbstbehauptung, die sich verband mit einer staunenden Neugierde und mit dem Konzept für ein gelungenes Leben, das allerdings später in der politischen Indienstnahme der Wissenschaften wieder aufgegeben wurde.

Erstaunlich, dass Assange mindestens ebenso verwegen den Gedanken schürt, dass auf der Grundlage der Physik eine Konzeption entwickelt werden kann, aus der individuelle Freiheit, Kommunikation und Wahrheit gewonnen werden können und sie ein gesellschaftliches, ja globales Milieu bilden, in dem WikiLeaks gedeihen kann.

Dazu Assange:

„Es gibt heroische Handlungen und gewisse Gedankengänge, die ich schätze. Ich würde aber eher sagen, dass es manche Menschen gibt, mit denen ich gedanklich übereinstimme, so zum Beispiel mit Heisenberg und Bohr. Die Mathematik von Heisenberg und Bohr ist eine Art von Philosophie. Sie entwickelten eine Theorie zur Quantenmechanik, in der aber Methoden enthalten sind, welche klar die Beziehung von Ursache und Wirkung beleuchten.

Wenn man sich mit Mathematik beschäftigt, muss man seinen Geist Schritt für Schritt voranbringen. Manchmal braucht man dafür die gesamte geistige Energie. Der ganze Geist muss in einer bestimmten Verfassung sein, und auf einmal merkt man, dass die gedankliche Anordnung genau die gleiche ist wie die des Verfassers, als dieser die Theorie niederschrieb. Dann entsteht ein Gefühl von geistiger Ähnlichkeit und Harmonie. Durch Quantenmechanik und deren modernen Weiterentwicklungen kam ich zu einem tiefgreifenden Verständnis davon, wie eine Sache die nächste verursacht.

Ich wollte diesen Gedankengang umdrehen und auf einen anderen Bereich anwenden: Wir nehmen einen erstrebenswerten Endzustand und überlegen uns, welche Veränderungen nötig wären, um von unserem Ausgangsort dorthin zu gelangen. Damit möchte ich erklären, wie Informationen in der Welt bestimmte Aktionen verursachen. Falls der erstrebenswerte Endzustand eine gerechtere Welt ist, dann lautet die Frage: Welche Aktionen verursachen eine Welt, die gerechter ist? Und welche Art von Informationen verursachen wiederum diese Aktionen?“

Man mag diese Verdichtung zwischen physikalischer Gesetzmäßigkeit und daraus abgeleiteter Moral naiv finden — eine Ideologie bietet sie nicht. Wo in unserem Leben finden wir Weltertrauen schaffende Beharrung und die Sicht auf ein „Eu Zän“, ein gelungenes Leben? Erinnert sei in diesem Zusammenhang an einen Wahrheitsbegriff, wie ihn Martin Heidegger im altgriechischen Begriff „Aletheia“ vorfand. Demnach ist Wahrheit kein in sich vereister Begriff, sondern beinhaltet einen Vorgang der Verbergung und Entbergung — ein Sein in der Zeit, das im Gegensatz steht zur starren Wahrheitstheorie, die sich allein auf Aussage und Sachverhalt focussiert.

Vor diesem philosophisch-historischen Hintergrund muss auch das übliche Profil von Julian Assange erweitert werden. Assange war und ist hier nicht nur investigativer Journalist, Politaktivist, ehemaliger Computerhacker, Programmierer und Gründer sowie Sprecher der Enthüllungsplattform WikiLeaks. Er ist auch ein Verschlüsselungsingenieur, der in der Codierung in einer mediengesteuerten Gesellschaft einen Baustein der Freiheit findet. Freiheit ist nur noch da möglich, wo überschaubare Gemeinschaften entstehen, die die Erfahrung von Wahrheit und Freiheit mit Widerstand verknüpfen mit der Fähigkeit zu „Amor fati“ und Poesie, die aus der zärtlichen Gleichgültigkeit der Welt ebenso erwächst wie aus den mimetischen Rhythmen der Aborigines und einem menschenfreundlichen Gebrauch des Digitalen.

Zum Schluss noch eine Episode, die die gegenwärtige Situation markiert. Wieder greife ich hier auf das Buch von Nils Melzer zurück. Der wird bei seinem Besuch im Auswärtigen Amt in Berlin mit Fragen konfrontiert, die einemin ihrer dumpfen Ignoranz die Haare zu Berge stehen lassen. Später wird er dazu wie folgt interviewt:

„Herr Melzer, warum befasst sich der UNO-Sonderberichterstatter für Folter mit Julian Assange?“

„Das hat mich das Auswärtige Amt in Berlin kürzlich auch gefragt: Ist das wirklich Ihr Kernmandat? Ist Assange ein Folteropfer?“

„Was haben Sie geantwortet?“

„Der Fall berührt mein Mandat in dreifacher Hinsicht. Erstens: Der Mann hat Beweise für systematische Folter veröffentlicht. Statt der Folterer wird nun aber er verfolgt. Zweitens wird er selber so misshandelt, dass er heute selbst Symptome von psychologischer Folter aufzeigt. Und drittens soll er ausgeliefert werden an einen Staat, der Menschen wie ihn unter Haftbedingungen hält, die von Amnesty International als Folter bezeichnet werden.

Zusammengefasst: Julian Assange hat Folter aufgedeckt, er wurde selbst gefoltert und könnte in den USA zu Tode gefoltert werden. Und so etwas soll nicht in meinen Zuständigkeitsbereich fallen? Zudem ist der Fall von emblematischer Bedeutung, er ist für jeden Bürger in einem demokratischen Staat von Bedeutung.“

So viel zum Fall Julian Assange — ein Fall, der keiner ist. Es betrifft das Schicksal eines Menschen, der in einer heruntergekommenen Meinungslultur aktiv an der Entwicklung an der Schwelle zu einer neuen Epoche mitwirken wollte und immer noch will. Der herrschende Zeitgeist richtet sich indes gegen den Geist der Zeit. Daran droht Julian, der für letzteren steht, zu zerbrechen. Auch weil die Ignoranz der Vielen den wenihen Mächtigen hilft. Man ist verblüfft, wie sehr folgendes Zitat des Aufklärers David Hume auch auf heute zutrifft:

„Nichts erscheint denjenigen, die sich mit den menschlichen Angelegenheiten befassen, überraschender als die Leichtigkeit, mit der die vielen von den wenigen beherrscht werden.“

Überraschen kann uns das heute noch weniger als zu Zeiten David Humes. Sind Demokratie, Freiheit und Wahrheit Auslaufmodelle? Dazu noch ein kurzes Gedicht von Paul Celan, das Assange und sein Wirken in düsteren Zeiten dokumentiert und einen dringlichn Appell an uns richtet: „Please, save his life.“

„Ein Dröhnen;/ es ist die Wahrheit selbst/ unter die Menschen getreten/ mitten ins Metapherngestöber“

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