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Akademischer Wahnsinn

Akademischer Wahnsinn

Erfahrungsbericht eines „Ersties“ über den Alltag an einer deutschen Universität.

Vorab ein paar Informationen zu mir: Ich studiere im ersten Semester Politikwissenschaften mit Theater- und Medienwissenschaften an der Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen. Da ich bereits Mitte zwanzig bin, entsprechend Lebenserfahrung gesammelt habe, habe ich vermutlich einen etwas differenzierteren Blick als ein/e „Erstie“, der/die gerade mit taufrischem Abitur aus dem Gymnasium entlassen wurde. Selbstverständlich sei hierbei noch erwähnt, dass ich lediglich für das Student/innen-Leben in Erlangen sprechen kann und sich die Parameterwerte für diese kleine Student/innen-Stadt nicht induktiv auf alle Universitäten Deutschlands übertragen lassen, wobei es zweifellos große Schnittstellen geben dürfte.

Jemand musste K. unaufgeklärt gelassen haben.

Die Struktur des ominösen Gerichts aus Franz Kafkas „Der Prozess“ wirkt im Vergleich zu jener einer Universität organisiert und übersichtlich. Kafka ahnte noch nichts von der Digitalisierung und so wurde seine Romanfigur „K.“ im Vergleich zu heute noch sehr entschleunigt per Post informiert. Als Student/in, der/die sich heute in einer Universität einschreiben lässt, hat man sich ebenfalls durch einen bürokratischen Dschungel zu kämpfen, durch den aufgrund der digitalen Beschleunigung ein ganz anderer, schnellerer Wind weht.

Hat man die Immatrikulation tatsächlich überstanden, wird man mit dem Hexenwerk konfrontiert, sich seinen Stundenplan zu erstellen, sich diesen einzuprägen, sämtliche Räume sowie alle dazugehörigen Ordner in dem Online-Netzwerk zu finden und seine E-Mail-Adresse einzurichten. Speziell an der FAU ist man als Student/in auf sage und schreibe fünf (!) Plattformen angewiesen. Um auf das E-Mail-Postfach zugreifen zu können, muss man jedes Mal den Da-Vinci-Code knacken.

Tatsächlich nimmt das Organisieren des eigenen Studiums einen nicht unwesentlichen Teil der kostbaren Ressource Zeit in Anspruch. Es ist wirklich nur sehr schwer vorstellbar, dass selbiges vor etwa vierzig Jahren bestenfalls mit der Schreibmaschine bewältigt wurde. Es wäre schlicht nicht möglich! Die Ausstattung der Universitäten mit Homecomputers in den 1990er Jahren hatte mit hoher Wahrscheinlichkeit eine große Menge an Zeitressourcen freigesetzt, die jedoch ganz offensichtlich dafür genutzt wurden, die Strukturen zu erweitern und den Student/innen, den Dozent/innen und anderen Lehrbeauftragt/innen noch mehr Aufgaben in kürzerer Zeit aufzubürden (1).

Inhalte überwinden!

Es scheint, als hätte Bologna die Forderung von „Die Partei“ (2) wahr werden lassen: Inhalte zu überwinden!

Nicht, dass wir uns falsch verstehen! Es wird an allen Ecken, in der Mensa, in Kneipen, auf Partys und auf den Fluren viel über das Studium geredet. Ja, sehr viel sogar! Aber eben nur auf einer Meta-Ebene. Es geht um Klausuren, die nötigen ECTS-Punkte, Schlüsselqualifikationen, die Prokrastination und die rhetorischen Vortragsweisen des Dozenten oder der Dozentin.

Es geht um alles. Nur nicht um den Inhalt!

Man darf es uns Student/innen aber auch nicht verübeln! Die Bologna-Reform hat die Zeit gestaucht und den Stoff expandiert. Man ist gezwungen, sich per Bulimie-Lernen eine unmenschliche Menge an Stoff in den Schädel zu drücken und diesen dann in einem Schwall blauer Tinte auf der Klausur zu erbrechen. Der Stoff geht schneller vorbei als er kommt, sodass gar nicht die nötige Zeit vorhanden ist, sich mit dem größtenteils wirklich interessanten Stoff tiefer zu befassen. Von Begleitliteratur ganz zu schweigen. Selbst der architekturbegeistertste Mensch kann sich in einem 300 km/h schnellen ICE nicht an der Architektur vorbeiziehender Bauten erfreuen, wenn diese binnen einer Sekunde am Fenster vorbeirauschen.

Denken undenkbar.

Der vor lauter Auswendiglernen geschundene Kopf ist des Denkens nicht mehr fähig! Insbesondere in den Klausurphasen tritt dies zutage. Es ist die Zeit, in der Studenten/innen um acht Uhr morgens wie eine Viehherde in die Bibliothek stürmen und wie Raubtiere über die raren Sitzplätze herfallen. Das emsig, jedoch bereits auf Reserve arbeitende Hirn wird mit zuckerhaltigen Produkten am Laufen gehalten, damit es kurz vor der Ziellinie noch weitere hundert Karteikarten verinnerlichen kann.

Nach einem solchen Tag qualmt der Kopf so dermaßen, dass aus dem heimischen Rauchmelder die Batterien entfernt werden müssen, damit dieser nicht Alarm schlägt. Ist noch genügend Denkkapazität vorhanden, um die Gerätschaften in der Küche für das Zubereiten des Abendmals zu bedienen, kann man froh sein. Sich tiefergehend über den Inhalt des Auswendiggelernten Gedanken zu machen, ist reine Utopie!

Doch worum geht es dann im Studium, wenn Wissen nur temporär und flüchtig ist? Wenn zum Denken und zum Reflektieren keine Zeit mehr bleibt? Es lässt sich erahnen, wo dieser reißende Strom mündet: Im Arbeitsmarkt.

Vermarktet euch!

Einen der neoliberalen Aasgeier durfte ich bereits persönlich kennenlernen. Geschniegelt und in der typischen Haute Couture eines BWL-Absolventen gekleidet, schob er vor einer Vorlesung einen Werbeblock ein. Er startete mit einem sogenannten Go-in-with-a-bang, einem einprägsamen Start eines Vortrages. Er fragte in die Runde, ob wir uns noch an unser ‚Erstes Mal‘ erinnern könnten? Sex! Nun hatte er die Aufmerksamkeit junger Leute. Er gab dem pubertären Getuschel nicht viel Zeit, sich über die Bänke auszubreiten, sondern fuhr gleich mit der rhetorischen Frage fort, ob es „ausbaufähig“ gewesen sei, die er zugleich mit einem „oder?“ selbst beantwortete. Er leitete über zu seinem Hauptanliegen, denn schließlich würde es kein/e Dozent/in gestatten, dass ein/e Masterstudent/in Erstsemestler/innen schmuddelige Produkte andreht. Es ging um Coaching-Angebote, die die eigenen Interview-Skills (dt. „Souveränität im Bewerbungsgespräch“) verbessern sollen. Diese seien nämlich genau wie Sex und müssten durch viel Übung optimiert werden.

Dieses Geschwafel ließ mir fast meine Club-Mate wieder hochkommen, angewidert davon, wie dieser neoliberale Vogel das Vögeln an Leistungskriterien koppelte. Generell scheint es auch an der Philosophischen Fakultät am Ende nur darum zu gehen, das angeeignete Wissen später auf dem Arbeitsmarkt zu vermarkten. Über arbeitsmarkttranszendente Möglichkeiten wird überhaupt nicht gesprochen.

Angriff der Klon-Denker?

Es gibt sie! Kommiliton/innen mit einem eigenen Kopf, eigenen Gedankengängen und klugen, philosophiegetränkten Redebeiträgen. Genauso gibt es die, die dem gängigen, massentauglichen Narrativ blind folgen.

Trump ist blöd. Obama war super. Wählen gehen hilft. Alle AfD-Wähler/innen sind dumm. Mehr Europa. Prof. Dr. Böhmermann hat immer Recht. Jeder Tag ohne Selfie ist ein verlorener Tag #dailyInsta.

Am Anfang hatte ich in Erlangen wirklich das Gefühl, mich inmitten einer Schafherde zu befinden, die den Korridor zulässiger Meinungen nicht verlässt. Doch dann erlebte ich Beweise des Gegenteils: Redebeiträge der Kommiliton/innen, persönliche Gespräche und Diskussionen, Aufkleber an den Wänden, die zum Beispiel das Verbrechen an Oury Jalloh in Dessau (3) anprangern und damit direkt auf die kriminellen Staatsstrukturen der BRD hinweisen. Eine Kritik, die weit über engstirnige Narrative hinausgeht, laut denen zum Beispiel erst seit dem Einzug der AfD Nazis wieder im Bundestag seien, was mit einer kleinen Prise Geschichtsrecherche widerlegt werden kann (4). Zwar befand sich diese Halbwahrheit ebenfalls in Form einer mit Wachsmalstiften gezeichneten Mahnschrift auf dem Boden vor der Philosophischen Fakultät, doch zeigen Oury-Jalloh-Aufkleber, dass es noch Student/innen gibt, die tiefer in den Hasenbau blicken.

Nichtsdestotrotz ist eine massive Homogenisierung der Diskurse zu beobachten samt der damit einhergehenden Brandmarkung als Verschwörungstheoretiker/in oder Aluhutträger/in solcher Denker/innen, die den Rahmen „zulässiger“ Meinungen verlassen. Doch gibt es auch intellektuelle, kritische Perlen und Oasen in der Diskurswüste, deren kritische Blätter über den Tellerrand hinauswachsen.

Auf der Suche nach einem Arbeitstisch in der Bibliothek zaubert es mir ein Lächeln auf das Gesicht, wenn ich in den Displays der aufgeschlagenen Laptops der anderen Student/innen sehe, dass die Lern-Prokrastinationen manchmal durch aufgezeichnete Beiträge von Daniele Ganser verursacht werden. Und noch etwas anderes lässt sich auf der absoluten Mehrheit der Laptops positiv verzeichnen:

Edward Snowden ist an der Friedrich-Alexander-Universität angekommen!

Snowden hat kein Asyl in Franken bekommen, aber seine Worte tragen an der FAU Früchte. Die meisten Frontkameras der Laptops meiner Kommilition/innen sind abgeklebt. Wirklich die meisten! Das kann ich durch meine gründliche Beobachtung im Laufe meines ersten Semesters mit Sicherheit sagen und das macht Hoffnung!

Leider ist das Eis zwischen Hoffnung und Verzweifeln sehr dünn. Die Hoffnung bewegt sich auf dem Quadratzentimeter, welcher die Frontkamera abklebt und mündet drum herum in dem kalten Licht, welches den Kommilitonen in den dunklen Vorlesungssälen in die Gesichter strahlt.

Digital first, digital second

Christian Lindners feuchte Träume wurden an der Universität bereits verwirklicht! Auch wenn die müden, mit Augenringen verzierten Gesichter der Digital Natives größtenteils von Aufklebern verdeckt sind, ist die Universität schon zu weiten Teilen digitalisiert.

Es darf hierbei nicht geleugnet werden, dass dies durchaus mit Vorteilen verbunden ist. Es erleichtert die ohnehin schon sehr undurchdringliche Uni-Organisationsstruktur, erhöht dabei zugleich die organisatorischen Anforderungen an die Studenten/innen und Mitarbeiter/innen, da die freigewordenen Zeitkapazitäten nicht ungenutzt bleiben sollen. Hinzu kommt die Diskriminierung derjenigen, die sich dem Digitalisierung-Diktat verweigern, die nicht bereit sind, schon am frühen Morgen das E-Mail-Postfach zu checken.

Die zerstreuende Wirkung auf den Geist ist unübersehbar! Instagram, Snapchat, Memes und kurze Videos sind stete Begleiter/innen in den Vorlesungen und kastrieren die Aufmerksamkeitsspanne, machen aus diesem Ast Kleinholz, aus dem keine Sprossen mehr herauswachsen können. Wie soll man zu geistigen Höhenflügen gelangen, wenn das Rollfeld der Aufmerksamkeits-Startbahn die Länge einer Garageneinfahrt hat? Wie soll einem in Büchern der Take-off gelingen, wenn man nach der Informationsmenge einer Instagram-Story wieder abdriftet? Das geht nur im Flugmodus!

Doch selbst wenn man zu denen gehört, die ihre Mobilgeräte während der Vorlesungen im Flugmodus haben, kann man dem Wirkungsgrad der Digitaljunkies nicht entkommen. Sitzen in den Vorderreihen Handynutzer/innen, die exzessives Ketten-Memes-Gucken betreiben, kann man bei dem flackernden Licht nicht umhin, immer wieder einen Blick auf die flimmernden Screens zu werfen. Passiv-Zerstreuung.

All das ist konform mit dem Auftrag, an den Universitäten flexible, leistungsbereite angepasste, normopathische, konsumorientierte, nichts hinterfragende Marktteilnehmer zu produzieren.

Doch es gibt auch ein Gegenextrem.

Zurück ins 19. Jahrhundert!

Totgesagte leben länger. Und so haben sich die Studentenverbindungen aus dem 19. Jahrhundert bis heute gehalten und sind insbesondere in Erlangen äußerst präsent. Von kleinen Gebäuden bis hin zu prächtigen Schlössern hausen elitäre Studenten in der kleinen Frankenmetropole. Stoff- und Alkoholfahnen wehen rings um die Universität. Kurz geschorene Haare auf dem Haupt, teils Narben von den Fechtkämpfen im Gesicht, Bänder in den Farben der jeweiligen Burschen- oder Landesmannschaft über Schulter und Brust, straff sitzende Hemden in der Hose, die entweder wegen der Stiernacken oder den Bierwampen aus den Nähten zu platzen drohen. Die Wappen, nach über 200 Jahren unverändert, mit aufwendigen, detailverliebten Verzierungen, revoltieren stumm gegen den heute vorherrschenden minimalisitischen Stil zeitgenössischer Grafikdesigns. Getrunken, um nicht zu sagen „gesoffen“, wird Bier aus Tonkrügen statt Cocktails aus hippen Gläsern. Die Gesinnung reicht von einer grundgesetzaffinen, moderaten Wahrung alter Traditionen mit Berührungspunkten modernen Lebensstils über elitäres Auftreten bis hin zu rechtsnationalistischen Auffassungen.

Studentenverbindungen sind die Gegenbewegung zu dem durchdigitalisierten Strom, der durch die Universitäten fließt. Doch Stillstand ist kein angemessener Gegenangriff auf den Wahnsinn der Gegenwart. Obgleich sich diese Verbindungen, die sich im Grad des Konservatismus durchaus unterscheiden, nicht der Gegenwart verschließen, eine Homepage, einen Facebook-, teilweise sogar einen Instagram-Account haben und sich auch an wissenschaftlichem Fortschritt erfreuen, herrschen dort Werte und patriarchische Weltbilder, die in der Gegenwart einfach nichts mehr verloren und schlicht ausgedient haben!

Frauen gelten dort schlicht als Anhängsel, die nichts weiter zu tun haben, als gut auszusehen. Ein weiterer Wert ist die Trinkfestigkeit, die – falls nicht ausreichend vorhanden – als ein Zeichen von Schwäche gilt. Unzulängliches Wissen wird hinter geschwollener Sprache versteckt. Und die Schwerter, mit denen die Fechtkämpfe ausgetragen werden – wer weiß, was die kompensieren...

Die Strömungen fließen in entgegengesetzte Richtungen. Zum einen in nicht zurückwünschenswerte, längst vergangene Zeiten und zum anderen in eine entfremdete Zukunft. Die Sandbank zwischen diesen Flüssen ist sehr schmal.

Genderwahn und Diversity als Spaltpilz

Sagen Sie, liebe/r Leser/in, ist Ihnen in diesem Artikel die penetrante, jenseits der Schmerzgrenze gendergerechte Sprache ordentlich auf den Keks gegangen? Ein Zeichen von Gesundheit, wenn dem so ist!

Wir leben in Zeiten, in denen der Abgrund ökologischer, kriegerischer und sozialer Natur nur eine Armlänge entfernt ist, aber an Universitäten hat die Forderung oberste Priorität, dass die Frau den Schrägstrich und das dritte Geschlecht ein eigenes Feld auf Formularen hat. Man richtet das Scheinwerferlicht auf einen Nebenschauplatz der Gleichberechtigung und Gerechtigkeit. Man spricht über die kleinen Affen, lässt dabei aber den großen Elefanten im Raum unerwähnt.
Die Frau bekommt ihren Schrägstrich, das dritte oder sonstige Geschlecht sein eigenes Feld und der lispelnde Transsexuelle mit Segelohren und Nasenfetisch erfährt auf bürokratisch-künstliche Weise den Respekt und die Toleranz, die in einer von Grund auf humanistischen Gesellschaft eigentlich selbstverständlich sein sollten.

Was bleibt, ist die himmelschreiende Ungleichverteilung. Die Enteignung durch das Zinssystem und die Konzentrierung des Reichtums auf ganz wenige Menschen bleibt von der Gender- und Diversity-Debatte unberührt.

Und um jegliches Klassenbewusstsein im Keim zu ersticken, ruft man wie wild geworden nach mehr Diversität. Der närrische Ruf nach ihr findet in dem kollektiv vorherrschenden Narzissmus und der systematischen Selbstdarstellung via Instagram einen perfekten Nährboden. Wo jeder Unternehmer seiner Selbst ist, kann kein Klassenbewusstsein entstehen. Alles wird individuell. Gemeinsamkeiten werden ausgeblendet.

In den immer wahnwitzigeren, knalligeren, ulkiger werdenden Outfits meiner Kommilitonen/innen (wobei ich jetzt der gendergerechten Sprache als Stilmittel endlich „Adé“ sagen kann) spiegelt sich das Bedürfnis, immer individueller, jedoch nie man selbst zu sein.

Es gilt das motto: Diversität statt Universität!

Akademiker und Bauer

Ein Klassenbewusstsein wird stattdessen anderorts errichtet. Nicht etwa da, wo es von Nöten wäre – zwischen arm und reich – sondern zwischen Akademikern und „dem Pöbel“. Nahezu jeder Studiengang verfügt über ein Modul, welches sich der Einführung in das wissenschaftliche Arbeiten widmet. Der Tenor ist ziemlich kühl, scharf und radikal. Geht es nach diesem, zählen nur die Erkenntnisse, die mit wissenschaftlichen Methoden gewonnen wurden. Alles andere ist postfaktisches Geschwätz des dummen, ungebildeten Fußvolkes, welches in dem Weltbild der Akademikerinnen und Akademiker mit Niveau als unmündig gilt.

Es herrscht der radikale Rationalismus. Wer wie Arno Gruen ruft „Wider die kalte Vernunft“ oder auf den Bereich des Emotionalen verweist, darf sich gleich in die Esoterik-Ecke verdrücken. Es zählen nur Zahlen. Zahlen und Erkenntnisse, die aus einem in-sich-geschlossenen Zitations-Kartell gewonnen werden.

Elitär darf sich jeder fühlen. Wenn man schon geistig nicht abhebt, dann wenigstens im gesellschaftlichen Rang oder auf dem Gehaltszettel.

Vom Studenten zum Studentenausweisträger

Das Sturmtief Bologna ist leider über das Campusgelände hinweggefegt und hat eine Schneise der Verwüstung hinterlassen. Aus den Trümmerteilen wurden vertikale Schnelltrassen – Karriereleitern – gebaut, auf denen sich jeder Student mit seiner Draisine abstrampelt, um möglichst schnell nach oben zu kommen. Die einzige Studentenbewegung, die es noch gibt, ist der Marathon zum Bachelor, zum Master, zum Doktor. In den letzten verbliebenen Studiengängen der Geisteswissenschaften müssen die Studenten ihre Fähigkeiten irgendwie vermarkten. Was ökonomisch nicht effektiv ist, hat keinen Wert mehr.

Von dem ruhigen, gemächlichen Studentenleben der 1960er Jahre ist nicht mehr viel übriggeblieben. Es kann sich zwar jeder der Entschleunigung hingeben – ob man dann das Studium besteht, steht allerdings auf einem anderen Blatt Papier. Zum Beispiel auf dem der Prüfungsordnung, die einem entweder vorschreibt, sämtliche ECTS-Punkte innerhalb einer gewissen Anzahl von Semestern zu sammeln, oder bestimmte Prüfungen binnen zweier Klausuren zu bestehen.

Widerstand ist rar. Die meisten nehmen den Irrsinn mit einer Überdosis Sarkasmus und Alkohol hin. Schlimmer noch: Sie betrachten ihn als vollkommen normal. Normal, dass man für eine Klausur den Inhalt hunderter Seiten wissen muss. Als normal, dass man sich den Frust mit einer nicht mehr feierlichen Menge Alkohol wegsäuft. Normal, dass Universitäten mittlerweile völlig unkritisch über „Cry-Societies“ verfügen.

Doch wir dürfen dieses Feld nicht widerstandslos aufgeben! Wir müssen uns den akademischen Bereich zurückerobern und ihn wieder zu dem machen, wofür er eigentlich gedacht ist. Ein Ort, um seinen Wissensdurst zu stillen, ein Ort des intellektuellen, aber stets respektvollen Austauschs von Ideen, Idealen und Wertvorstellungen, an dem Entwürfe und Strukturen für eine bessere Gesellschaft, für eine bessere Welt gedeihen und reifen können. Universitäten müssen ein klassenloser, gesellschaftlicher Ort sein, an dem Studenten, Wissenschaftler, Künstler und selbstverständlich bürgerliche Kommilitonen im Geiste (KiG) zusammenkommen, um die Welt zu einem lebenswerten Ort zu machen.


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Nicolas Riedl, geboren 1993 in München, durchlief fast jede Schulform des deutschen Schulsystems und absolvierte neben einer kaufmännischen Ausbildung jeden Schulabschluss vom Quali bis zum Abitur. Schon in Kindheitsjahren entdeckte er seine Leidenschaft für das Schreiben, eine journalistische Laufbahn verfolgte er jedoch nicht konsequent und versuchte stattdessen vergeblich, in der Filmbrache Fuß zu fassen. Ferner wurde er 2014 im Zuge der Ukrainekrise von der Politisierungswelle erfasst und verlor zunehmend sein berufliches Interesse in der Medienbranche. Nichtsdestotrotz veröffentliche er 2016 seinen ersten Film in Spielfilmlänge auf YouTube, drehte seither zahlreiche Musikvideos und studiert seit Oktober 2017 Politikwissenschaften mit Theater- und Medienwissenschaften in Erlangen.


Quellen und Anmerkungen:

(1) Vgl. Rosa, Hartmut, „Beschleunigung und Entfremdung“, 2016. S.42 ff.
(2) https://www.titanic-magazin.de/shop/index.php?action=showdetails&from=list&pageNr=1&productId=4e69f1cdbec92&
(3) https://initiativeouryjalloh.wordpress.com/
(4) http://www.dorsten-unterm-hakenkreuz.de/2012/05/28/ns-vergangenheit-deutscher-politiker-liste-ehemaliger-nsdap-mitglieder-die-nach-mai-1945-in-den-westzonen-bzw-in-der-bundesrepublik-deutschland-politisch-tatig-waren-5/

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