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Akademische Leere

Akademische Leere

Ein rigides Corona-Regime hat die Universitäten als Zentren der Wissensvermittlung und des geistigen Austauschs de facto ausgeschaltet.

Leere Hörsäle, leere, fast gespenstische, dafür manchmal fast militärisch bewachte Gebäude, Masken und Desinfektionsmittel, Kontaktverhinderungs- und Nachverfolgungsvorkehrungen en masse; leere Flure und Büros; „Home-Office“, keine Präsenzveranstaltungen mit und unter Studierenden, keine öffentlichen Vorträge, kaum präsenter Austausch unter Kollegen, keine physischen Begegnungen und Tagungen, keine Reisen …

Das ist der Zustand an meiner Universität — der TU Wien — seit fast einem Jahr. Es gibt keinen Grund zur Annahme, dass es anderswo in Europa anders sein sollte; auch in Schweden sind die Universitäten auf fast noch radikalere Weise heruntergefahren und werden es auf absehbare Zeit auch bleiben. Gleichzeitig wird, mindestens intern, lautstark propagiert (oder auch verzweifelt daran festgehalten), dass die Lehre und wohl auch die Forschung „fast wie normal“ oder, digitalisiert, noch besser weitergehen. Studienabschlüsse müssen auf jeden Fall produziert werden, und so müssen auch andere wichtige Kennzahlen, mit denen verwaltet und verteilt wird, weiterhin stimmen. Und das werden sie auch.

Vielleicht ist dieser Kein-Zustand nicht allgemein bekannt. Die Belange der Universitäten spielen in der öffentlichen Wahrnehmung, im Gegensatz zu denen der Schulen, kaum eine Rolle. Es ist, als ob niemand mehr weiß, dass es uns gibt. Vielleicht war es auch so gewollt, als hätte man von Seiten der Universitäten den begründeten Widerspruch gegen die unbegründeten Maßnahmen, die Schieflage der Daten, den bezugslosen Umgang mit Zahlen, die verzerrten Definitionen, die beliebigen und sich immer wieder selbst widerlegenden Hochrechnungen und Prognosen, die leichtfertige, verdrehte Auffassung von „Wissenschaft“ erwartet, oder auch nur die bloße Feststellung, dass Bildung unter den geschilderten Umständen schlichtweg so nicht geht. Wäre es so, dann ist die traurige Lehre, dass von den Universitäten, von uns Lehrenden und Studierenden nichts mehr zu befürchten wäre.

Stattdessen wird die Situation als Chance begriffen, um die „Digitalisierung“ voranzutreiben — so lautet das (wirtschafts)ministerielle Bekenntnis. Es wird daher viel diskutiert und experimentiert, wie genau und wie technisch diese Digitalisierung umzusetzen ist; über das Was, Warum, Wozu und Wieso und überhaupt allerdings gar nicht: die Digitalisierung ist alternativlos.

Schauen wir genauer hin, scheint Digitalisierung im Wie lediglich mit „Distance Learning“, also Fernlehre, Fernuni, gleichgesetzt zu sein.

Das Unmittelbare, die Präsenz, der Austausch, wird also durch das Mittelbare, den Bildschirm, den Laptop zuhause, ersetzt. Vorlesungen werden aufgenommen, vielleicht in Echtzeit übertragen, Diskussionen und Übungen und Prüfungen ersetzt mit „online“-Treffs in verschiedenen Formaten, oder per E-mail erledigt. Das kann, trotz erheblichem Mehraufwand auf allen Seiten, vielleicht für eine kurze Weile, in einer Notsituation (die es Anhand der offiziellen Daten nicht gibt) funktionieren, hat aber längerfristig tiefgreifende und wohl erwünschte oder in Kauf genommene Auswirkungen.

Das freie Studium, die Bildung und Persönlichkeitsentfaltung wird zum Nebenbei, zum „Life-Long-Learning“ degradiert, die konzentrierte Auseinandersetzung mit der Materie zusammen und im Austausch mit den anderen zu beliebiger Ablenkung und zum Konsumgut gleichwertig mit all den anderen Sachen, die im digitalen Alltag erledigt werden wollen. Das Abrichtungs- und Einsparungspotential ist erheblich und kann nur Begehrlichkeiten wecken: Wenn einmal alle Lehrinhalte verpackt und automatisiert zur Verfügung gestellt werden können, vielleicht sogar von den besten internationalen Universitäten der Welt, brauchen wir keine Universitäten mehr: Der Letzte macht den Beamer aus …


Redaktionelle Anmerkung: Dieser Artikel erschien zuerst unter dem Titel „Der Letzte macht den Beamer aus …“ auf dem Blog „Kein Zustand“.

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