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Ahnungslos in die Anderswelt

Ahnungslos in die Anderswelt

Zombie-Journalisten werfen den Alternativmedien eben jene Mängel vor, die bei ihnen selbst am häufigsten auftreten.

Wenn ein grundlegender Konflikt entstanden ist, ist es ratsam, nach einem Minimalkonsens zu suchen. Im Kampf um die Deutungshoheit, der zwischen den etablierten und den sogenannten alternativen Medien besteht, ist dieser Minimalkonsens einfach zu finden.

Auf Folgendes lässt sich ohne große Diskussion einigen: Sowohl bei den „Qualitätsmedien“ als auch bei den alternativen Medien gibt es Licht und Schattenseiten. Das ist im Grunde genommen eine banale Erkenntnis. Aber sie ist wichtig. Denn wer sich auch nur einen halben Millimeter von ihr entfernt, überschreitet die Grenze der minimalen Übereinkunft. Wer diese Grenze überquert, gerät unweigerlich in die Schusslinien eines zentralen Konfliktes unserer Zeit, er gerät in den Kampf zwischen etablierten und alternativen Medien.

Dieser Kampf, dieser Konflikt, hat Gründe. Gründe wohlgemerkt, die für uns als Gesellschaft, für uns als ein demokratisch verfasstes Gemeinwesen kaum weiter reichen könnten.

In diesem Konflikt geht es um Diskurssetzungsmacht, es geht um Reichweitenmacht, es geht generell um zentrale Fragen von Macht und Herrschaft. Es geht auch um den Unterschied zwischen Medienrealität und „realer Realität“. Und es geht um eine der wichtigsten Fragen für eine moderne Gesellschaft überhaupt: Wer bestimmt eigentlich darüber, wer auf dem obersten Felsen der legitimen Wirklichkeitsbestimmung sitzen darf und wer nicht?

Das ist, sehr grob formuliert, der Stoff, aus dem dieser Konflikt geschnitzt ist. Mit anderen Worten: Das ist ein ziemlich großer Konflikt. Ein derartiger Konflikt lässt sich nicht durch Schönreden lösen. Er lässt sich nicht durch eine Verdrängung der Realität lösen. Und schon gar nicht ist ihm durch eine Verdrehung der Realität beizukommen.

Dieser Konflikt — und das muss man betonen — ist so weitreichend, wie er kaum weitreichender sein könnte. Von seinem Ausgang hängt viel ab. Was passiert, wenn sich sogenannte seriöse Medien die Realität bis zum Exzess zurechtbiegen, was passiert, wenn diejenigen, die für sich selbst beanspruchen, zu „sagen, was ist“, aber in Wirklichkeit im Modus einer permanenten Realitätsleugnung „berichten“, können wir gerade live und in Farbe beobachten: Afghanistan. Was haben Medienvertreter diesen Krieg, diese sinnlose Besetzung Afghanistans schöngeredet! Schulen bauen, Brunnen bohren, deutsche Freiheit am Hindukusch verteidigen: blablabla.

Dass Politiker bei ihrem Schritt in die Öffentlichkeit versuchen, ein moralisches Fundament für einen Kriegseinsatz zu legen, der über Jahre um Himmels willen maximal als „robuster Stabilisierungseinsatz“, aber nicht als Krieg bezeichnet werden durfte, lässt sich nachvollziehen. Dass Medienvertreter mit den Weg für die Afghanistan-Lüge geebnet haben, lässt sich nicht nachvollziehen. Wobei: Nachvollziehen lässt sich auch das.

Es gilt nur zu verstehen, dass es ein reales, faktisches, gut belegbares Problem mit den angeblich so objektiven Medien gibt. „Nachvollziehen“ lässt sich, wenn der ideologische Schleier vor dem eigenen Auge durchdrungen und erkannt wird, dass die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit, wenn es um die Rolle der Presse in einer Demokratie geht, nie größer war als heute.

Medien erfüllen ihre Kernaufgabe weitestgehend nicht, nämlich: diejenigen ausreichend zu kontrollieren, die man realistischerweise als „Mächtige“ oder als „Herrschende“ bezeichnet – die aber Journalisten im Zuge einer kollektiven medialen Realitätsleugnung tunlichst nicht als solche benennen möchten.

Gründe für die Schieflagen in unserem Mediensystem gibt es viele. Aus soziologischer Sicht sind unter anderem interessant:

  • ein sozial geschlossenes journalistisches Feld,
  • eine durch den Habitus aufseiten der Journalisten bedingte grundsätzliche Sympathie gegenüber der vorherrschenden Politik und Politikern,
  • ein tief eingeschriebener Hang zur Anerkennung bestehender Macht- und Herrschaftsverhältnisse,
  • eine Wahrnehmung von Journalisten, die immer wieder ihre Unfähigkeit offenbart, die in sie eingeschrieben Macht- und Herrschaftsverhältnisse zu erkennen.

Diese Punkte dürfen nicht ignoriert werden, wenn es um die Auseinandersetzung zwischen alternativen und etablierten Medien geht. Sie sind mit die Basis für ein Mediensystem, das unaufhörlich an seiner eigenen großen Illusion scheitert. Die angeführten Erkenntnisse sollten die Basis für eine zielführende Diskussion sein — wenn denn überhaupt ein ernsthaftes Interesse daran besteht, zu verstehen.

Die Frage lautet doch: Was ist eigentlich der Grund dafür, dass alternative Medien sich formiert haben? Warum gibt es einen unerbittlich geführten Kampf um die Deutungshoheit? Was ist in diesem Konflikt eigentlich Ursache, was ist Wirkung?

Demmels Aussagen lassen erkennen, was passiert, wenn der Erkenntnissuche in einem politisch hochgradig aufgeladenen Kontext nicht die Dekonstruktion des eigenen „Denkstandortes“ vorangegangen ist. Die eigene Brille der Wahrnehmung ist eben nun mal nie frei von Verzerrungen. Der Blick durch sie ist geprägt von tief einverleibten Glaubensüberzeugungen, die aber oft nicht als solche erkannt werden. Das Objekt der Erkenntnis und die eigenen Überzeugungen verschmelzen, der Blick durch die Brille wird zur „Wahrheit“.

Betrachten wir einige der „Erkenntnisse“ des Journalisten Demmel:

  1. Autoren aus alternativen Medien „interviewen sich gerne auch mal gegenseitig“.
  2. Es gibt „wirtschaftliche Konkurrenzsituationen“.
  3. Es findet sich „vieles an Hanebüchenem“.
  4. Ken Jebsen hält Demmel nicht mehr für einen Journalisten.
  5. „Es gibt bei allen eine grundsätzlich defätistische Haltung gegenüber dem Mainstream und den Mainstreammedien sowie gegenüber dem, was ein Großteil des Landes als allgemeingültige Wahrheit ansieht.“
  6. Die alternativen Medien bieten einen „destruktiven Journalismus“.
  7. Für die alternativen Medien sind „die öffentlich-rechtlichen Medien (…) nur Lügenpresse“.
  8. „Die Alternativmedien sehen sich alleine für die Wahrheit zuständig.“
  9. „Begriffe werden verschoben“ (er meint den Begriff „Freiheit“).
  10. „Vieles ist in der Wortwahl Hetze.“
  11. „Vieles ist Hass auf Andersdenkende.“
  12. „Angst wird in unterschiedlicher Form verbreitet.“ Und weiter im Zusammenhang mit den alternativen Medien ausführend sagt er:
  13. „Ich habe zweitens beim Schreiben festgestellt, dass die Zahl derer, die nur noch Meldungen glauben, die in ihrem Mind-Set passen, deutlich zunimmt.“
  14. „Die Fähigkeit, oder besser die Bereitschaft, sich mit einer anderen Meinung auseinanderzusetzen, ist geschrumpft.“
  15. „Die meisten Menschen neigen dazu, dass sie gerne etwas Besonderes oder Anderes wären, sich also von anderen unterscheiden wollen.“
  16. „Ich kenne die Wahrheit, die du nicht kennst, ist etwas, was viele Menschen als Alleinstellungs- oder Differenzierungsmerkmal für sich in Anspruch nehmen.“
  17. „Vor verschiedenen Meinungen braucht man eigentlich keine Angst zu haben. Verschiedene Meinungen und Bewertungen muss eine demokratische Gesellschaft auch aushalten. In dem Fall der Alternativmedien reden wir aber sehr häufig über Lügen, Hass und Hetze.“

Aus dem Interview ließen sich weitere Aussagen ziehen, die den vorangestellten „qualitativ“ in nichts nachstehen. Die angeführten Beispiele reichen aber aus, um zur Kritik anzusetzen: Mit einer Mischung aus Banalitäten, Plattitüden garniert mit etwas Küchenpsychologie und einem Schuss „Alltagsweisheit“ versucht Demmel, das komplexe Phänomen vom Kampf um die Deutungshoheit zu erfassen. Fast schon tragisch daran ist, dass Demmel, der sich auf seine 40-jährige Erfahrung in der Medienbranche beruft, nicht einmal ansatzweise zu erkennen scheint, dass die präsentierten Erkenntnisse die Ursachen für den „Wahrheitskampf“ nicht erfassen.

Zu dem in dem Konflikt ohnehin bereits reichlich vorhandenen „Fog of War“ erzeugen die Ausführungen des Buchautors weitere Nebelschwaden.

Es ist mühselig und ermüdend, durch diesen Nebel zu gehen. Längst könnte der Blick nämlich frei sein. Längst könnte man sich als Autor, der meint, etwas zur Aufklärung in diesem Konflikt beizutragen, den Stand der medienkritischen Literatur, den Stand der Erkenntnis angeeignet haben.

Doch, und an dieser Stelle wird es einfach ärgerlich, Nichtwissen gepaart mit einer Ignoranz, die ihresgleichen sucht, sind kennzeichnend für das Lager derjenigen, die dem Mainstream zugeneigt sind.

Ulrich Teuschs „Lückenpresse“? Was soll das sein? Gibt es nicht! Und eine „Lügenpresse“ selbstverständlich erst recht nicht. Die Indexing-Hypothese, wonach sich Journalisten inhaltlich stark an den im Parlament vertretenen Meinungen orientieren? Ich bitte Sie: irrelevant. Oder: eine sozialstrukturell ausgeformte Zensur. Was soll das bitte sein?

Nicht zuletzt: die „Propaganda-Matrix“ von Michael Meyen, die Medienkritik der NachDenkSeiten, das Propaganda-Modell von Noam Chomsky, wonach Medien … nein, es reicht, es bedarf an dieser Stelle keiner weiterer Ausführungen und Erklärungen. Wenn sich jemand 40 Jahren mit den Medien auseinandergesetzt hat und in einem Interview zum Konflikt zwischen „Mainstream“ und „Alternativen“ nicht einmal die Grundzüge einer kritischen Medien- und Journalismusforschung einbringt, dann gilt wohl: Hopfen und Malz verloren … und so.

Frustrierend an der Grundhaltung, die Demmel in dem Interview erkennen lässt, ist, dass auf diese Weise eine konstruktive Diskussion unmöglich wird. Wer so tut, als wären das Wissen und die Argumente der „Gegenseite“ nicht existent, vermittelt den Eindruck, dass er an echter Aufklärung gar kein Interesse hat. Die Meinung steht fest: Die Guten, das sind die Mainstreammedien, und die Bösen, das sind die Alternativen.

Und dann wird eben auch klar, warum die Analyse in ihrer Eindimensionalität zu solch einseitigen „Erkenntnissen“ führt, sodass diese mehr zur Verdunkelung als zur Aufklärung beiträgt.

Die Aussagen 1, 2, 3, 6, 7, 8, 9, 13, 14, 15, 16, 17 und mit Einschränkungen auch 10, 11, 12 lassen sich genauso auf die Mainstreammedien und so manchen ihrer Vertreter übertragen.

Zu 1: Auch in den großen Medien kommt es häufig genug vor, dass sich der Mainstream gegenseitig interviewt. Aber was soll nun der Vorwurf sein? Wenn jemand etwas zu sagen hat, darf man ihn gerne interviewen. Dass in den alternativen Medien Akteure sich vielleicht häufiger gegenseitig interviewen, hängt vermutlich damit zusammen, dass das sich formierende System der alternativen Medien erst noch weiter wachsen muss.

Gäbe es einen größeren Austausch zwischen alternativem und etabliertem Mediensystem, wäre wohl auch ein breiterer Autoren- und Personenkreis auszumachen. Wobei: Die Heterogenität in den alternativen Medien, was Interviewpartner, Analysten und so weiter angeht, ist im Vergleich zur Homogenität in den großen Medien bereits beachtlich. Man denke zum Vergleich nur an die politischen Mainstream-Talkshows: Dort sind die Stühle in manchen Sendungen gleich fünfmal von Karl Lauterbach besetzt — zumindest gefühlt ...

Zu 2: Gibt es etwa zwischen den großen Verlagshäusern in Deutschland keine „wirtschaftliche Konkurrenzsituation“? Gibt es zwischen zwei Lokalzeitungen an einem Ort — wenn es die denn überhaupt noch gibt — keine wirtschaftliche Konkurrenzsituation? Was ist jetzt das Argument?

Zu 3: Wie viel an „Hanebüchenem“ findet sich denn in den großen Medien?

Der Irak verfügt über Massenvernichtungswaffen, Trump wird nie US-Präsident, einen Brexit wird es nicht geben, die Reportagen des Spiegel-Kreativreporters Claas Relotius sind der Gipfel perfekt ausgefeilter journalistischer Arbeit und so weiter und so fort.

Zu 4: Ken Jebsen ist also kein Journalist, sagt Demmel.

Frage: Was ist denn von „Journalisten“ zu halten, die beispielsweise im Lenkungsausschuss der Bilderberg-Gruppe sitzen oder gesessen haben und selbst als Player Politiker zu den Treffen der Machteliten eingeladen haben? Was ist denn generell von „Journalisten“ und ihrer Nähe zu den Eliten und Machteliten zu halten? Was ist von „Journalisten“ zu halten, die heute — vorgeblich objektiv und sachlich, zugleich herrschaftskritisch — über Politik berichten und morgen als Pressesprecher in der Politik auftauchen? Auch darüber darf geredet werden, wenn man schon Akteuren aus den alternativen Medien abspricht, Journalist zu sein. Wie eingangs des Artikels angeführt: Splitter, Balken, Bruder, Auge.

Zu 5: Defätistische Neigungen sind den Mainstreammedien nun aber auch nicht so völlig fremd.

Zu 6: Wie sieht es denn mit einem „destruktiven Journalismus“ aufseiten der großen Medien aus? „Bad news are good news“, lautet eine alte „Medienweisheit“. Und: Wenn gerade keine Apokalypse droht, dann berichten Medien eine herbei. Angst hält bekanntlich die Mediennutzer bei der Stange. Auch Demmel dürfte es nicht entgangen sein, dass seit einigen Jahren verstärkt das Konzept des „konstruktiven Journalismus“ gepredigt wird. Dessen bedürfte es nicht, wenn die Medien nicht von jeher eine destruktive Berichterstattung an den Tag legten.

Im Übrigen:

Die angeblich so „destruktive“ Berichterstattung in den alternativen Medien ist nicht destruktiv, sondern sie beschreibt mehr oder weniger akkurat reale Probleme. Viele alternative Medien weigern sich aufgrund ihrer journalistischen Professionalität, dem „Uns-geht-es-doch-gut-Lied“ zu folgen, wie es von den großen Medien immer wieder angestimmt wird.

Anders gesagt: Mancher Kritiker der alternativen Medien empfindet die Berichterstattung dort wohl deshalb als destruktiv, weil darin schonungsloser die Realität erfasst wird als in den sogenannten „Qualitätsmedien“. 9/11, Afghanistan, der Irakkrieg, die Agenda 2010, die Ukrainekrise, die Pandemie und so weiter: Kritische Stimmen, die „sagen, was ist“, sind in den alternativen Medien in einer Konzentration zu finden, an die die etablierten Medien nicht einmal ansatzweise herankommen. Stattdessen: eine glattgebügelte, beschönigende und realitätsleugnende „Berichterstattung“.

Diskutieren kann man darüber, dass in den alternativen Medien auch gerne mal über das Ziel hinausgeschossen wird, dass es natürlich auch Medien, Formate und Akteure gibt, die übersteuern.

Zu 7: Für die Mainstreammedien sind die alternativen Medien nur Fake-News-Schleudern und Verbreiter von Hass und Hetze. Und jetzt? Merken Sie was, Herr Demmel?

Zu 8: Die Mainstreammedien sehen sich allein für die Wahrheit zuständig – im Verbund mit Politikern und Experten, denen sie weltanschaulich zugeneigt sind.

Zu 9: Die Mainstreammedien verschieben Begriffe. Siehe den Begriff „Freiheit“. Der aktuell verwendete Freiheitsbegriff hat kein Problem damit, eine Politik der prophylaktischen Grundrechtsaberkennung gutzuheißen.

Und überhaupt: Mainstreammedien und „Begriffe“. Die Pervertierung von Sprache und Begriffen hat der sogenannte Qualitätsjournalismus doch geradezu salonfähig gemacht. Man denke nur an die Invasion des neoliberalen Geistes in unserer Sprache. Plötzlich werden Arbeitnehmer nicht mehr „gefeuert“, ihnen wird nicht mehr „gekündigt“, sondern sie werden „freigestellt“. Wollen wir also mal darüber reden, wie der Qualitätsjournalismus Begriffe verschiebt?

Zu 10 und 11: Dem unbestimmten Zahlwort „vieles“ liegt die Vagheit eingeschrieben. Wie viel ist „vieles“? Dass es innerhalb bestimmter alternativer Medien Hetze gibt, ist nicht zu bestreiten. Aber so pauschal in die Runde zu werfen, „vieles“ sei „in der Wortwahl“ „Hetze“ und „Hass auf Andersdenkende“, führt im Hinblick auf eine gehaltvolle Analyse nicht weiter. Umgekehrt lässt sich diese Anmerkung dann auch machen: Auch in den so großen Medien wird gegen unliebsame Gruppen gehetzt.

Bürger, die eine vom medialen Mainstream abweichende Meinung zu einem Ereignis, Sachverhalt et cetera vertreten, müssen sich als „Verschwörungstheoretiker“, „Schwurbler“, „Aluhüte“ beschimpfen lassen. Bürger, die das Pandemiegeschehen anders einordnen als die großen Medien, werden als „Covidioten“ bezeichnet. Bürger, die der Impfung misstrauen, bezeichnet Altbundespräsident Gauck als „Bekloppte“, und Medien bezeichnen diesen schweren sprachlichen Angriff auf eine heterogene Gruppe von Menschen in beschönigender Weise als „Abrechnung“.

Christian Schlüter bezeichnet in einem Kommentar in der Berliner Zeitung Menschen, die sich nicht impfen lassen wollen, als „Trittbrettfahrer“ und sagt ihnen: „Hey, ihr Impfunwilligen: Macht euren Mist alleine!“.

Oder: Man werfe nur einmal einen Blick in die Foren der großen Medien. Der Doppelstandard, wenn es um Hetze geht, ist atemberaubend. Solange Leser jene Personen und Gruppen angehen, die aus Sicht der Redaktionen die „falsche“ Meinung vertreten, wird äußerst wohlwollend über Angriffe hinweggesehen. Da ist etwa von einer „Querdenkerbagage“ die Rede, oder der ehemalige Torhüter der Fußballnationalmannschaft Jens Lehmann darf als „Depp“ bezeichnet werden.

Tja!

Zu 12: Über die Rolle der Qualitätsmedien bezüglich der Verbreitung von Angst muss man spätestens seit der Pandemie nicht mehr reden. Sie ist evident.

Zu 13: Dass Menschen oftmals jenen Meldungen und Meinungen Glauben schenken, die ihre eigene Sicht bestärken, ist ein altbekanntes Phänomen. So funktionieren Menschen. Zur Wahrheit gehört: Auch Journalisten des Mainstreams sind davon nicht ausgenommen.

Im Gegenteil. Meine Beobachtung ist: Gerade diejenigen, die in der Lage sein sollten, möglichst unvoreingenommen Informationen aufzunehmen, legen eine Engstirnigkeit gegenüber Informationen, die den eigenen Glaubensüberzeugungen, Weltbildern und „Wahrheiten“ entgegenlaufen, an den Tag, die ihresgleichen sucht — was mit ein Grund für die Existenz der alternativen Medien ist.

Zu 14: Die Fähigkeit der großen Medien, sich mit anderen Meinungen ihrer Profession angemessen gemäß auseinanderzusetzen, scheint mir mittlerweile bei nahezu null zu liegen.

Zu 15 und 16) Stimmt. Ein Stück Küchenpsychologie. So funktionieren Menschen eben — auch die Journalisten des Mainstreams. Das sei dazu gesagt, weil Demmel es nicht anspricht und so der Eindruck entsteht, diese Eigenschaft finde sich nur bei den Alternativen.

Zu 17: In diesen Aussagen kommt wieder einmal zum Vorschein, was Vertreter großer Medien gerne an „Argumentation“ ins Feld führen. Tenor: Selbstverständlich darf es andere Meinungen geben. Und selbstverständlich sollte man diese auch „aushalten“. Aber bei Hass und Hetze hört es auf.

Erstens: Ja, bei Hass und Hetze hört „es“ auf. Nur haben diejenigen, die gerade vorgeben, sich so sehr „gegen“ Hate Speech einzusetzen, kein Monopol auf die Definition von Hetze und sollten aufhören, mit zweierlei Maß zu messen, was den Umgang mit unliebsamen Meinungen angeht. Wie wäre es, wenn Mainstreammedien diskursvergiftende, hetzerische Begriffe wie „Schwurbler“ nicht mehr verwendet und stattdessen mit Argumenten eine sachliche Debatte ermöglicht würde?

Zweitens: Genau! Vor verschiedenen Meinungen braucht man keine Angst zu haben, verschiedene Meinungen muss eine Demokratie aushalten können.

Deshalb: Wie wäre es, wenn Demmel diese Feststellung einmal in Richtung der etablierten Medien sagen würde? Denn offensichtlich hat man dort Angst vor anderen Meinungen, will diese nicht aushalten. Oder wann saß, beispielsweise, beim Presseclub mal ein Journalist aus den alternativen Medien, der eine fundamental andere Ansicht vertreten hat?

Und wieder: Tja!

Diese Auseinandersetzung mit den 17 Punkten aus dem Interview ist gewiss nicht erschöpfend. Sie ist nur holzschnittartig gehalten. Aber auch so wird bereits deutlich, was weiter vorne in diesem Text angemerkt wurde: Es ist mühselig, so eine „Analyse“, die von Voreingenommenheit nur so strotzt, auseinanderzunehmen. Punkt für Punkt gilt es, sich durchzuarbeiten. Es gilt Aussagen zu widerlegen oder differenziert zu betrachten, die längst schon x-mal widerlegt und/oder differenziert betrachtet wurden.

Der Titel des Buches „Anderswelt“ klingt interessant, vielversprechend. Die Interviewaussagen sind das Gegenteil.

Denken wir doch mal an die großartige Arbeit des Journalisten und Soziologen Siegfried Kracauer. Kennzeichnend für seine Arbeit war der ethnografische Blick. Der ethnografische Ansatz ist, das Fremde im Vertrauten zu entdecken. Wie kann ich durch einen entsprechend geschulten und klugen Blick die Mitglieder meiner eigenen Gesellschaft oder Gruppe nicht mehr nur durch die Brille des mir Vertrauten betrachten? Wie kann ich erkennen, dass in dem so Vertrauten auch zugleich eine eigene „Andersartigkeit“ liegt? Und wenn ich diese erkenne: Welche Rückschlüsse kann ich daraus ziehen? Und zwar nicht nur im Hinblick auf die Gesellschaft, auf die Gruppe, sondern auch im Hinblick auf meine eigenen Wahrnehmungen und Glaubensüberzeugungen?

Anders gesagt: Demmel wünscht man, dass er zuerst mit dem Blick des Ethnografen auf seine eigene Gruppe, auf die Angehörigen der Mainstreammedien, geblickt und ihre Verhaltensweisen, ihre Wahrnehmungs- und Denkschemata dekonstruiert hätte. Mit diesen Erkenntnissen hätte Demmel ein entsprechend kritisches Buch unter dem Titel „Anderswelt“ veröffentlichen sollen. Mit den so gewonnenen Erfahrungen wäre der größere Schritt in die „Anderswelt“ der alternativen Medien machbar gewesen. Dann wäre der Blick, der von echtem Erkenntniswillen und Erkenntnisfähigkeit geprägt ist, hoffentlich vorhanden gewesen.

Die Aufgabe wäre gewesen, diese „Anderswelt“ mit dem Blick des wahrlich kritischen Beobachters zu beleuchten, zu verstehen. Die Bedeutung dieser Medien für unsere Gesellschaft, ihre inneren Konflikte und Probleme ließen sich dann ganz anders erfassen, nämlich: Konstruktiv, das heißt im Sinne des großen Konflikts zwischen etablierten und alternativen Medien, könnte dann eine echte Aufklärung erfolgen.

Stattdessen: den zweiten Schritt vor dem ersten gemacht und dann gestolpert. Das Ergebnis dieses Projekts lässt sich nun „eindrucksvoll“ in dem Interview bestaunen.


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Quellen und Anmerkungen:

(1) https://krass-und-konkret.de/medien-kultur/in-die-risse-der-demokratischen-oeffentlichkeit-giessen-die-alternativmedien-ihr-gift/
(2) https://www.kunstmann.de/buch/hans_demmel-anderswelt-9783956144585/t-1/

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