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Kolonialismus 2.0

Kolonialismus 2.0

In Gaza findet kein „Konflikt“, sondern kolonialistische Unterdrückung statt.

Israel/Palästina hat es zu Ostern mal wieder in unsere europäischen Medien geschafft: 17 Toten ist das geschuldet, denn – so weiß ein jeder Journalist: Jeder Tote belebt die Sendung. Der alltägliche Wahnsinn der Besatzung ist ohne Gewaltausbruch selten eine Meldung wert.

Seit dem letzten wochenlangen Gaza-Beschuss im Sommer 2014 gab es nicht mehr so viele Erschossene und Verletzte wie am vergangenen Freitag. Während in großen deutschsprachigen Medien von „Ausschreitungen“, „Gewalttaten auf beiden Seiten“ und „tödlichen Zusammenstößen“ die Rede ist und israelische Mainstream-Medien unisono über die „Provokation der Hamas“ und eine „groß angelegte terroristische Aktion“ berichten, spricht der palästinensische UN-Botschafter Riyad Mansour sowie kritische israelische Kommentatoren wie Gideon Levy in Haaretz und Neve Gordon in Al Jazeera von einem Massaker.

Manche großen Medien ziehen es vor, sich gar nicht zu äußern. So behandeln die New York Times und andere amerikanische Medien das Blutbad mit über 1.400 Verletzten wie ein nebensächliches Ereignis, das außer einer Randnotiz keiner Aufmerksamkeit bedarf. Und tatsächlich: Das Nicht-Beschreiben, das Herunterspielen oder komplette Ausblenden von Ereignissen kann ja in den Köpfen der Leserinnen und Leser nichts anderes erzeugen, als dass etwas gar nicht stattgefunden hat.

Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß. Und heiß soll bloß niemand gemacht werden; mensch könnte sich über die Gräueltaten der israelischen Armee aufregen und womöglich Rückschlüsse ziehen oder gar Fragen stellen, wie etwa Mogherini oder Guterres es fordern. Der israelische Verteidigungsminister Lieberman lehnt eine Untersuchung ab; schließlich habe die Armee gezielt operiert, man wisse genau, wo jeder einzelne Schuss getroffen habe.

Eine Demonstration als Auslöser

Geschätzte 30.000 Menschen aus Gaza – manche Berichte sprechen von 15.000 – machen sich am Freitagmorgen auf den Weg und marschieren in Richtung des Grenzzauns zu Israel. Grenzzaun? Nein, das ist eine befestigte Militäranlage: auf palästinensischer Seite eine etwa 200 Meter breite „Sicherheitszone“, die freilich nur Israels Sicherheit dienen soll; Palästinenser begeben sich dort in Lebensgefahr, denn von israelischer Seite kann jederzeit scharf geschossen werden. Dort, jenseits des elektronisch und mechanisch massiv konstruierten Zauns, sind Hügel aufgeschichtet, damit israelische Panzer und Scharfschützen einen guten Überblick auf die andere Seite haben.

Also nochmal: Tausende marschieren, sie wollen die Welt auf sich aufmerksam machen, wollen demonstrieren, dass es sie noch gibt, dass sie unter menschenunwürdigen Verhältnissen leben – und dass sie Flüchtlinge sind. So wie Ali Dardasawi, der 1948 aus seinem Dorf nahe Jaffa vertrieben wurde. Er trägt den Schlüssel bei sich, mit dem er vor 70 Jahren seine Haustüre absperrte, in der Hoffnung, sie bald wieder aufsperren zu können. Doch diese Tür gibt es vermutlich nicht mehr, ebenso wenig wie das Haus und das ganze Dorf; auch der Name des Dorfes ist ausgelöscht. Israelische Bulldozer haben Dorf, Name und Erinnerung unter sich begraben, haben es eingeebnet für ein neues Dorf, besser gesagt für eine neue Niederlassung (auf Hebräisch „Jischuw“) oder eine Siedlung: Neue Häuser sind hier gewachsen, Häuser für jüdische Israelis.

Doch Erinnerungen lassen sich nicht unter Bulldozern begraben, weder für Ali Dardasawi noch für die anderen, die an diesem Freitag marschieren. Sie sind Vertriebene oder Kinder und Kindeskinder von Vertriebenen, die in der Folge des Teilungsplans der UNO vom November 1947 aus ihren Dörfern fliehen mussten, weil im damals von den Briten verwalteten Palästina jüdische Freischärler (oder sollen wir sie Freiheitskämpfer nennen? Oder gar Terroristen?) Dorf um Dorf durchstreiften und es für sich und für den neu zu gründenden jüdischen Staat „befreiten“. Vom Herbst 1947 bis zum Frühjahr 1949 verloren etwa 750.000 Menschen aus über 430 palästinensischen Dörfern ihr Zuhause; Sie flohen in alle Himmelrichtungen, Tausende kamen damals nach Gaza. Heute besteht etwa zwei Drittel der dortigen Bevölkerung aus Flüchtlingen und ihren Nachfahren.

Die Alten haben ihre Sehnsucht, ihr Heimweh an die Jungen vererbt. Am Freitag marschieren sie gemeinsam, der greise Ali Dardasawi, umringt von jungen Männern, hält seinen Schlüssel in die Kamera des Al Jazeera-Teams und beklagt: „Seit 70 Jahren hört keiner auf uns, wir sind eingesperrt in Gaza, wir wollen zurückkehren zu unserem Land!“.

Demonstration der bloßen Existenz als Akt des Widerstands

Also marschieren sie alle gemeinsam los: Demonstration gegen Unterdrückung – ein Menschenrecht. Das weiß auch der 33-jährige Ahmed Abu Ratima, der 2011 den zündenden Gedanken hatte, eine ‚Revolution der palästinensischen Flüchtlinge’ zu organisieren: Alle Flüchtlinge sollten aufgerufen werden, sich friedlich an dem Ort zu versammeln, der der israelischen Grenze am nächsten liegt, und ihr Rückkehrrecht fordern, das ihnen kurz nach der Staatsgründung Israels durch die UNO-Resolution 194 zugesichert wurde, das sogar von Israel anerkannt, doch nie in die Tat umgesetzt wurde. Stattdessen wurden Palästinenser Anfang der 50er Jahre von Israel mit Waffengewalt daran gehindert, nach Hause zurückzukehren.

Ahmed Abu Ratima wollte einen Traum wahr werden lassen: Zu Tausenden sollten sie marschieren, unbewaffnet, Männer, Frauen und Kinder, schutzlos und doch kraftvoll, wie einst Gandhi mit seinen Leuten. So hatte es der Enkel von Mahatma, Arun Gandhi, einst Arafat kurz vor dessen Tod geraten: „Lasst friedliche Männer, Frauen und Kinder still marschierend in ihre Heimat zurückkehren, dann bekommen sie die Aufmerksamkeit der Medien und weltweite Sympathie. Und die Israelis werden nicht wissen, was sie dagegen tun könnten.“

Doch Israelis wissen meist genau, was zu tun ist. Als Juden tragen sie das Wissen (und den Mythos) von Jahrtausende langer Verfolgung in sich – und die Lehre aus dem Holocaust: Nie wieder! Nie wieder darf so etwas mit uns geschehen! Die jüngste Geschichte der vergangenen 70 Jahre gibt ihnen Recht: Nie wieder haben sie sich als Israelis dem Opferdasein hingegeben; ihre prinzipielle Opfergeschichte rechtfertigt im kollektiven Bewusstsein ihre Wehrhaftigkeit. Und so verlassen sich Israelis in Sicherheitsfragen immer grundsätzlich auf ihr Militär, und das Militär hat immer Lösungen – militärische, versteht sich.

Namen statt Nummern

Ahmed Abu Ratima hatte 2015 mit Freunden die Initiative We Are Not Numbers gegründet. „Wir wurden anfangs für verrückt erklärt, aber jetzt sind die Menschen so weit und die Zeit ist reif für den ‚Großen Rückkehr-Marsch’“, ist er heute überzeugt. Und so begann die Erfüllung von Ahmed Abu Ratimas Traum am vergangenen Karfreitag mit marschierenden Männern, Frauen und Kindern, die unbewaffnet (wenn auch nicht still) in Richtung ihrer alten Heimat aufbrachen, wissend, dass sie nicht weiter kommen würden als bis ein-, zweihundert Meter vor die israelische Grenzanlage. Die Demonstration war gut vorbereitet und hatte sich nicht nur in Gaza, sondern auch bei den israelischen Sicherheitsbehörden herumgesprochen. Sie sollte an dem Tag beginnen, der als Land Day den Palästinensern in bitterer Erinnerung ist: Am 30. März 1976 hatten sie gegen die massive Enteignung ihres Grundbesitzes (innerhalb Israels, nicht im Westjordanland!) zur „Judaisierung Galiläas“ protestiert. Sechs Menschen hatten dabei ihr Leben verloren. Seither gilt dieses Datum als wichtigster Gedenktag des Protests der Palästinenser gegen ihre Enteignung.

Noch einmal: Da marschieren sie also, laut oder still, jedenfalls unbewaffnet; bis auf einige Junge, Wilde, Wütende, die Autoreifen oder Steine aufgreifen; die auch den Traum haben und die sich dem Grenzzaun mehr nähern als die anderen, die schon Zelte in einiger Entfernung aufgebaut haben, um zu bleiben und ihre bloße Existenz zu demonstrieren. „Die Furchtlosen“, schreibt Rana Shubair auf der Website von We Are Not Numbers, „meist junge Männer, näherten sich der Grenze, obwohl auch sie – so wie wir – unbewaffnet waren. Sie konnten nicht widerstehen, einen Blick zu erheischen auf ihr besetztes Heimatland. Sie waren genauso verletzlich wie wir Frauen. Obwohl sie keine Bedrohung darstellten, brachten sich israelische Scharfschützen in Position, um diese Träumer zu töten.“

Darstellungen diesseits und jenseits des Zauns

Träumer oder Terroristen? Eine israelische Armeesprecherin meint, man hätte alles andere als einen friedlichen Protest gesehen, sondern einen gewaltvollen Aufstand in Reinkultur. Diese oder ähnliche Meldungen erreichten die Israelis am Freitag in ihrer Vorbereitung auf den Seder-Abend, den Beginn des achttägigen Pessach-Festes, an dem traditionell des Auszugs aus Ägypten gedacht wird. Eine Meldung, die nur wenige Israelis beunruhigte: Sie wurde dargestellt wie jedes andere „unflätige Benehmen“ dieser „grundsätzlich gewaltbereiten Palästinenser“, die bestimmt von der israelischen Armee mit Recht in ihre Schranken gewiesen würden. Die allermeisten israelischen Familien feierten am Freitagabend im Kreise der Familie die Befreiung der Israeliten aus der ägyptischen Sklaverei. Nur etwa 250 Israelis gingen tags darauf in Tel Aviv auf die Straße, um gegen das Vorgehen ihrer Armee zu protestieren.

Dass israelische Medien ihr heimisches Publikum derart „informieren“, scheint verständlich, wenn auch weit weg von der Verpflichtung der „vierten Macht“ in einem demokratischen Staat. Warum aber tun das deutschsprachige Medien auch? Warum werden scheinbar automatisch israelische Sichtweisen übernommen? Warum wird von „Gewalttaten auf beiden Seiten“ gesprochen, wenn die Faktenlage ziemlich eindeutig und belegbar ist? Warum weigert sich das ZDF, das Video zu zeigen, das den 19-jährigen mit dem Autoreifen in der Hand zeigt, wie er vom Grenzzaun wegläuft und von hinten erschossen wird? „Zu brutal“ seien diese Bilder, heißt es, die „belegen sollen, dass friedlichen Demonstranten in den Rücken geschossen wurde.“ Immerhin, eine Erwähnung im Öffentlich-Rechtlichen, wenn auch nur als Vermutung.

Objektivität durch Fakten

Zum letzten Mal: Zehntausende marschieren, einige werfen Steine oder verbrennen Autoreifen (auf ihrem eigenen Territorium!) – das Militär schießt, tötet 17 und verletzt über 770 Menschen mit scharfer Munition. Wie um Himmels willen kann man das als „Gewalt auf beiden Seiten“ interpretieren?! Und wie um alles in der Welt sollen die Palästinenser sich überhaupt bemerkbar machen?! Steine und Molotow-Cocktails werfen wie bei der ersten Intifada (palästinensisch für „Aufstand“) sollen sie nicht, sich und andere in die Luft sprengen schon gar nicht, da sind sich alle einig, sogar die allermeisten Palästinenser. „Die dritte Intifada kämpfen wir mit unserem Verstand“, ist immer wieder in Palästina zu vernehmen.

Widerstand mit Verstand und ohne Waffen, durch bloße Demonstration der eigenen Existenz, getreu dem Motto „To exist is to resist“, wie oft auf palästinensischen Graffitis zu lesen ist – das scheint das Mittel zu sein, zu dem Palästinenser sich endlich entschieden haben. Das jedoch scheinen Israelis als extrem bedrohlich wahrzunehmen – und wenn Israel sich bedroht fühlt, da steht Europa und allen voran Deutschland an Israels Seite, politisch und medial. Der neue Außenminister inszeniert sich da eindeutig und lässt keinen Zweifel an der deutschen Staatsräson. Ob er sich mal überlegt hat, wie es im Ernstfall wäre, wenn deutsche Soldaten auf israelischem Boden neben jüdischen stünden?

Wenn Deutschland wirklich etwas tun will für Israel, dann sollte es seinem Partnerland in aller Entschlossenheit ins Gewissen reden. Es sollte Israel davon überzeugen, dass es nur dann in Frieden und Sicherheit leben kann, wenn es die Besatzung beendet, den Landraub der vergangenen 70 Jahre durch Entschuldigung und Wiedergutmachung korrigiert und endlich die Palästinenser als vollwertige Menschen und Nachbarn akzeptiert. Dazu gehört, dass sie volle Menschen- und Bürgerrechte genießen; ob in einem, zwei oder vielen Staaten, das müssen die Menschen zwischen Mittelmeer und Jordan selbst und vor allem gemeinsam – als Freie und Gleiche unter Gleichen – aushandeln.

Vielleicht werden dann viele Träume wahr; vielleicht kann der alte Ali Dardasawi mit seinem Schlüssel in der Hand in Ruhe sterben, wenn er zumindest Anerkennung für sein Leid erfährt und die Gewissheit, dass seine Nachkommen als freie Menschen in einem freien Land leben können, wie einst die Israeliten es sich durch ihren Auszug aus Ägypten erkämpften (übrigens auch nicht gerade gewaltfrei: man denke an die zehn Plagen, die die Unterdrücker ereilten). Vielleicht wird der Traum von Hasan al-Kurd wahr, der im Organisationskomitee des Great March of Return in Gaza sitzt und dem israelischen Online-Magazin +972 sagt, sie wollten einfach nur in Frieden als Familien leben, zusammen mit den Israelis. „Wir sind gegen das Steinewerfen und das Anzünden von Reifen. Wir werden dafür sorgen, dass die Proteste nicht in Gewalt eskalieren – zumindest nicht von unserer Seite aus.“

Der Traum von Ahmed Abu Ratima ist bereits dabei, sich in der Realität zu manifestieren. Der Große Marsch der Rückkehr hat am vergangenen Freitag erst begonnen; weitere Protestmärsche sind angekündigt und zielen auf die großen Feierlichkeiten zum 70. Jahrestag der Staatsgründung Israels am 15. Mai 2018, der für die Palästinenser den Beginn ihrer Katastrophe, der Nakba, markiert. Wir könnten dazu beitragen, die friedlichen Proteste zu unterstützen, indem wir sie als das benennen, was sie sind: Eine große gewaltfreie Demonstration eines seit Jahrzehnten entrechteten, unterdrückten, seines Landes beraubten Volkes, das endlich von der internationalen Gemeinschaft gesehen und unterstützt zu werden verdient.


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