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Die andere Revolution

Die andere Revolution

Papst Franziskus kehrt zum Ursprungsgedanken des Christentums zurück.

Jesus sagte im Evangelium nach Thomas (1):

„Wenn ihr euch selbst erkennt, dann wird man euch erkennen (…) Wenn ihr aber nicht zum Verständnis eurerselbst gelangt, dann werdet ihr in Armut sein, und ihr werdet die Armut selbst sein.“

Zweitausend Jahre ist es nun her, dass Jesus die Menschen zu einer, mit der Erkenntnis ihrer eigenen Natur verbundenen, grundlegenden Änderung ihrer gesamten bisherigen Lebensweise sowie zu einer tiefgreifenden Umgestaltung ihrer gesellschaftlichen Verhältnisse und Beziehungen aufrief. Ganz bewusst legte er sich dabei mit den damals herrschenden geistlichen und politischen Autoritäten an und verkündete seine große, alle Zeiten überdauernde Vision von einer völlig neuen und anderen Welt. Einer Welt des Friedens und der Gewaltlosigkeit, der Gerechtigkeit und der Liebe unter den Menschen.

Doch schon die meisten seiner Zeitgenossen empfanden die damit verbundene Forderung, ihr gewohntes, an eigensüchtigen Interessen und schnellen materiellen Erfolgen ausgerichtetes Leben aufzugeben oder zu korrigieren, als eine ungeheure Zumutung und verweigerten ihm die Unterstützung. Jesus wurde verraten, verhaftet und zum Tode verurteilt. Schließlich starb er einen grauenvollen Tod am Kreuz, nachdem er von den meisten seiner Anhänger verlassen und von den an der Hinrichtung anwesenden Volksmassen öffentlich verhöhnt und verspottet worden war.

Alles andere, was danach noch mit Jesus passiert sein soll, widerspricht den Zusammenhängen und Gesetzen der Natur sowie aller bisherigen menschlichen Erfahrung und entzieht sich damit von vornherein jeglicher Überprüfbarkeit.

Die von Jesus prophezeite Errichtung einer völlig anderen, einer neuen und besseren Welt hat nicht stattgefunden – und so ist es bis heute geblieben.

Die nicht zu übersehende Gegensätzlichkeit zwischen den Grundsätzen von Jesus und der ganz anders gearteten Praxis der sich nach seinem Tod etablierenden christlichen Kirche, dieser grundlegende Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit, prägte dann auch die gesamte kulturelle Entwicklung des christlichen Abendlandes.

Immer wieder wurde sich auf Jesus berufen. Immer wieder gab man vor, in seinem Namen zu handeln. Doch nicht die für Jesus höchsten Werte wie Frieden, Gewaltlosigkeit, Menschenliebe und Solidarität, sondern das eigensüchtige Streben nach persönlichen Reichtum und die Fähigkeit über andere Menschen zu herrschen und sich diese für die eigenen Interessen nutzbar zu machen, wurden für die Kultur des christlichen Abendlandes zu wichtigen, häufig praktizierten Werten.

Auch der Narzissmus der abendländischen Kultur mit seinem verhängnisvollen Zwang sich selbst und die eigene Lebensweise ständig erhöhen und aufwerten zu müssen, gleichzeitig aber alle anderen Lebensweisen und Kulturen dementsprechend abzuwerten, hat seinen Ausgangspunkt bereits in der Theorie und Praxis des frühen, mittelalterlichen Kirchenchristentums.

Seine zerstörerische Wirkung zeigte sich danach über Jahrhunderte in der von Kirche und Staat betriebenen – zumindest aber sanktionierten – Anwendung von Gewalt und den daraufhin geführten Eroberungsfeldzügen und Kriegen. Aber auch im überheblichen Drang nach Missionierung von Andersgläubigen sowie in der praktizierten Intoleranz und Verfolgung von Andersdenkenden war er deutlich zu erkennen.

Globale Krise und Flüchtlingsproblematik

Einiges hat sich inzwischen geändert. Doch es sind neue Herausforderungen hinzugekommen. Die globale Krise der Gegenwart entwickelt sich immer mehr – und scheinbar auch unaufhaltsam – zu einer ernsthaften Bedrohung für die gesamte Menschheit. Das muss aber nicht zwangsläufig zu mehr Resignation und zu einer im Grunde pessimistischen Weltsicht führen, sondern kann auch den Willen stärken kann, sich dem entgegenzustellen, um den sich derzeit vollziehenden, verhängnisvollen Prozess von Machtstreben, wirtschaftlicher und militärischer Dominanz, Umweltzerstörung, kriegerischen Handlungen, Terrorismus und Migration zu stoppen.

Es gibt also auch Hoffnung! Nicht wenige Menschen, unter ihnen solche, die sich als Christen verstehen, beginnen sich zunehmend von jenen kulturellen Werten und Traditionen abzuwenden, die nicht geeignet sind, Menschen aus unterschiedlichen Ländern und Kulturen in einer friedlichen und gerechten Welt zusammenzuführen.

Auf seiner ersten Reise als Papst, nicht einmal vier Monate nach seiner Wahl, besuchte Franziskus im Juli 2013 die „Flüchtlingsinsel“ Lampedusa, um dort der ertrunkenen Bootsflüchtlinge zu gedenken, die auf der Überfahrt nach Europa ihr Leben verloren haben. Aber auch um sich für die Solidarität der Einwohner von Lampedusa mit den Flüchtlingen zu bedanken und auf einer Messe zu diesen Menschen zu sprechen. Dabei wandte er sich ausdrücklich gegen eine „Globalisierung der Gleichgültigkeit“ und gegen eine Kultur, die scheinbar nur noch mit der Verteidigung des eigenen Wohls befasst ist:

„Die Wohlstandskultur, die uns dazu bringt, an uns selbst zu denken, macht uns unempfindlich gegen die Schreie der anderen; sie lässt uns in Seifenblasen leben, die schön, aber nichts sind, die eine Illusion des Nichtigen, des Flüchtigen sind, die zur Gleichgültigkeit gegenüber den anderen führen, ja zur Globalisierung der Gleichgültigkeit. In dieser Welt der Globalisierung sind wir in die Globalisierung der Gleichgültigkeit geraten. Wir haben uns an das Leiden des anderen gewöhnt, es betrifft uns nicht, es interessiert uns nicht, es geht uns nichts an!“ (2).

Mit Recht verwies Papst Franziskus auf den kulturellen Zusammenhang der Flüchtlingsproblematik: Eine Kultur, die sich gegenüber dem Leid anderer gleichgültig verhält, die nur noch an der Erhaltung des eigenen Wohlstands interessiert ist und für ihre Nichtigkeiten noch der Illusion bedarf, scheint mit ihrer zukunftsgestaltenden Kraft ganz allgemein, zumindest aber in menschlicher und moralischer Hinsicht, am Ende zu sein.

Im Gegensatz zu dieser Wohlstands- und Gleichgültigkeitskultur wächst aber auch die Erkenntnis darüber, dass das, was an Veränderung und Neuausrichtung notwendig wäre, längst noch nicht getan ist. Es existieren noch immer eine Vielzahl von Dingen und Zuständen, die einfach nicht mehr länger hingenommen werden können, leben wir doch nun schon eine geraume Zeit „unter unseren Möglichkeiten, nämlich unseren Möglichkeiten zur Änderung der Verhältnisse“ (3).

Das betrifft nicht zuletzt auch jene politischen Standpunkte und Einstellungen, die nachdrücklich eine Verteidigung „unserer abendländischen Werte“ und den Erhalt „unserer Art zu leben“ fordern, ohne dabei ausreichend auf die Interessen, Bedürfnisse und Rechte von Menschen zu achten, die einen anderen kulturellen Hintergrund und damit auch eine andere Art zu leben haben.

Genau fünf Jahre nach seinem Besuch auf Lampedusa hat sich Papst Franziskus nun erneut mit der Flüchtlingsproblematik beschäftigt. In einer Predigt im Petersdom charakterisierte er treffend den gegenwärtigen Zustand der Welt: einer Welt, „die täglich mehr um ihre Gegenwart besorgt ist, aber kaum Zukunftsperspektiven hat und unwillig ist zu teilen“ (4).

Dabei brauche es gerade heute unsere Stimme, um die Ungerechtigkeiten anzuklagen, „die unter dem – zuweilen mitschuldigen – Stillschweigen vieler“ begangen werden.

Hierbei müssten auch die vielfältigen Arten dieses Stillschweigens klarer benannt werden: „das Stillschweigen des gesunden Menschenverstandes, das Stillschweigen des ‚Es war schon immer so‘, das Stillschweigen des ‚Wir‘ im steten Gegensatz zum ‚Ihr‘“ (5).

Eine gerechte Politik hat sich deshalb – nach Überzeugung des Papstes – heute vor allem in den Dienst am Menschen zu stellen und damit auch allen von der Migration betroffenen Personen zu dienen. Sie muss es verstehen, „auf das Wohl des eigenen Landes zu schauen und zugleich das der anderen Länder zu berücksichtigen in einer untereinander immer mehr verbundenen Welt“ (6).

Rückkehr zum Ursprungsgedanken

In einem Gespräch mit Kardinal Maradiaga, einem Berater und engem Vertrauten des Papstes, sagte dieser, dass die christliche Kirche zu ihrem Ursprungsgedanken zurückkehren müsse: „Unsere Mission ist es, die Menschen zu suchen, die leiden, dort, wo sie sind, weit weg von der Kirche, verwundet und unserer Fürsorge bedürftig“ (7).

Nur eine solche Kirche könne dann auch wieder glaubwürdig den Kampf führen „gegen die Ungerechtigkeit der Armut und gegen das, was Papst Franziskus die ‚Wegwerfgesellschaft‘ nennt, gegen eine Wirtschaft also, die tötet. Denn eine Wirtschaft, die nur dem Profit dient und nicht der Menschenwürde, ist tödlich“ (8).

Die Revolution, die Franziskus anstrebe, finde – so Maradiaga – erst dann statt, „wenn ein Mensch sich selbst kennenlernt, sich objektiv zu sehen lernt und beschließt, sein Leben zu ändern“ (9). Wenn dagegen aber „ein Mensch seine eigene Identität aufbläst, denkt er, dass sich das Universum um ihn zu drehen hat. Daraus entstehen Irrtümer, Depressionen, Gier und Orientierungslosigkeit jeglicher Couleur“ (10).

Die „wahre Revolution“ wird also „von innen her“ beginnen müssen, ehe sie sich „in praktischen und konkreten Entscheidungen“ niederschlagen und auf Dauer erfolgreich durchsetzen kann (11).

An der Umsetzung dieses Gedankens ist Jesus vor Zweitausend Jahren gescheitert. Die Gründe für dieses Scheitern scheinen vielfältiger Art zu sein. Zu einem nicht unwesentlichen Teil können sie jedoch in der Charakterstruktur des abendländischen Menschen gesehen werden, dem es vielfach noch immer an der nötigen Selbsterkenntnis und der daraus resultierenden Einsicht in seine jeweilige Situation mangelt.

So antwortete schon Goethe auf die Aussage von Eckermann, dass erst ein zweiter Erlöser kommen müsse, um „das Unbehagen und den ungeheuren Druck der jetzigen Zustände uns abzunehmen“, mit Worten, über die sich ein gründliches Nachdenken besonders heute wieder zu lohnen scheint: „Käme er, man würde ihn zum zweiten Male kreuzigen“ (12)

Ohne die Bereitschaft zu innerer Umkehr und ohne eine grundlegende Veränderung in der Lebensweise der Menschen kann es – nach aller bisheriger Erfahrung – keine bessere Welt geben, wird es keinen dauerhaften Frieden, keine Gerechtigkeit und keine Sicherheit geben.
Die Veränderung beginnt mit der Erkenntnis ihrer Notwendigkeit.


Quellen und Anmerkungen:

(1) Das Thomas–Evangelium. In: Ceming, Katharina; Werlitz, Jürgen: Die verbotenen Evangelien. Apokryphe Schriften. Wiesbaden 2004, Spruch 3, S. 127.
(2) Papst Franziskus: Adam, wo ist dein Bruder? Dokument: Papstpredigt vor Flüchtlingen auf Lampedusa (Offizielle deutsche Übersetzung). Radio Vatikan. Die Stimme des Papstes und der Weltkirche. (rv 21.04.2015 sk).
(3) Lessenich, Stephan: Neben uns die Sintflut. Die Externalisierungsgesellschaft und ihr Preis. Berlin 2016, S. 196.
(4) Papst Franziskus: Heilige Messe für die Migranten. Petersdom, 6. Juli 2018.
(5) Ebd.
(6) Ebd.
(7) Kardinal Maradiaga, Oscar Rodriguez: Papst Franziskus und die Kirche vom morgen: Revolution im Zeichen des Evangeliums. Ein Gespräch mit Antonio Carriero. Gütersloh 2018, S. 80.
(8) Maradiaga, a.a.O., S. 92.
(9) Maradiaga, a.a.O., S. 89.
(10) Maradiaga, a.a.O., S. 90.
(11) Ebd.
(12) Eckermann, Johann Peter: Gespräche mit Goethe. Zweiter Band. Berlin o.J., S. 20.

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